Wo sind die „anderen“?

Ich gebe es zu. Ich oute mich. Ich sage jetzt mal öffentlich, was ich im kleineren Kreis oder zu Einzelnen auch schon mehrfach gesagt habe – ohne eine echte Lösung zu wissen: Wäre ich nicht – noch – Gemeindepfarrerin, sondern würde zufällig als evangelische Christin in „meiner“ Gemeinde wohnen, gäbe es keine einzige kirchengemeindliche Veranstaltung, die mich hinter dem Ofen hervorlockt.

Puh.

Jetzt ist es raus.

Mal ernsthaft: Ich bin 41, ledig, Akademikerin. Welche Veranstaltung meiner – oder im Prinzip irgendeiner beliebigen – volkskirchlichen evangelischen Gemeinde sollte ich denn besuchen? Die Mutter-und-Kind-Gruppe? Krabbelgottesdienst? Seniorenkreis? Frauenkreis (lauter Frauen jenseits der 55)? Gemeindefrühstück (kaum einer unter 70)? Gottesdienst? Ja, den vielleicht, manchmal.

Ansonsten würde sich mein ehrenamtliches kirchliches Engagement darauf beschränken, dass ich, so vor Ort vorhanden, in einem guten Kirchenchor mitsinge, was ich ja realiter auch tue, im Coburger Bachchor. Aber auch da singe ich nicht mit, weil es ein KIRCHENchor ist, sondern weil es einfach ein verd….. guter Chor ist, weil der Chorleiter was drauf hat und mich das Programm anspricht. Gäbe es vor Ort einen „weltlichen“ Chor mit ähnlicher Qualität, wäre ich da genauso dabei.

Ich wäre also, wenn ich nicht Pfarrerin wäre, eines der ca. 2000 Gemeindeglieder, die man im allgemeinen als „kirchenfern“ bezeichnet.

Hammer, oder? Und das sage ich als Pfarrerin!

Woran liegt es? Bisher kenne ich – zumindest im kleinstädtischen, fränkischen Milieu – keine Kirchengemeinde, die neben den traditionellen Feldern Kinder, Familien und Senioren, eventuell noch Jugend, irgendwelche neuen soziologischen Gruppen erschlossen hätte. Auch von den genannten Gruppen werden natürlich nicht alle erreicht. Aber immerhin.

Und ich persönlich glaube, „mehr“ oder „anderes“ ist in den meisten Fällen auch gar nicht gewünscht, bzw. gar nicht im Blick.

Natürlich sagt es keiner laut. Aber wenn man in der Kirche ehrenamtlich tätige Menschen zur Seite nimmt und mal ganz vertraulich fragt: „Was hätten Sie denn lieber? Einen Pfarrer, eine Pfarrerin mit Familie, oder wäre auch jemand okay der Single ist?“ kommt in 90 Prozent aller Fälle die Antwort: „Ein Pfarrer mit Familie wäre besser, weil der könnte dann gleich viel besser die Familienarbeit ankurbeln, und die Kinder von ihm wären ja auch im Kindergottesdienst, und die Frau könnte….“

Es geht also in erster Linie darum, dass „der Neue“, Pfarrer, Pfarrerin Familien mit Kindern für die Gemeinde gewinnen und die „Alten“ versorgen soll (Geburtstagsbesuche, Seniorenkreis, etc.)

Vielleicht ist das in Großstädten inzwischen anders. Fakt ist aber: In den Gemeinden, die ich bisher kennengelernt habe, weil ich eine Weile als Pfarrerin dort wirkte, ist z.B. meine eigene soziologische Gruppe völlig unsichtbar.

„Ja dann machen Sie doch mal was….“ – Theoretisch möglich. Praktisch scheitert es meiner Erfahrung nach an Anknüpfungspunkten. Gemeindearbeit kommt doch erst dann ins Rollen, wenn es ein paar Leute gibt die sagen: „Jawoll, wir wollen da was….“ – bei einer normalen Kirchengemeinde kommen aber bestimmte Menschengruppen gar nicht auf die Idee, irgend etwas von der Gemeinde zu wollen. Und alle Versuche, etwas zu initiieren, sind furchtbar mühsam und scheitern letztlich an der seit Jahrzehnten und Jahrhunderten eingefahrenen Dynamik.

Aber, so überlege ich weiter, vielleicht ist „Kirchengemeinde“ gar nicht das, was solche Leute wie ich brauchen. Vielleicht brauchen „wir“ (Menschen, die aus irgendeinem Grund aus dem normalen Kirchengemeinde-Schema herausfallen) ja eher so etwas wie „freie Radikale“, an denen „wir“ andocken können. Also nicht eine Kirchengemeinde mit Gemeindepfarrer und traditionellem Programm. Sondern so etwas wie „niedergelassene“ Pfarrer, Pfarrerinnen, die einfach da sind, vor Ort wohnen, aber nicht in eine Gemeinde eingebunden sind und auf kirchliche, spirituelle, religiöse Fragen ansprechbar. Die ab und zu Vorträge anbieten. Oder Seminare. Oder Einzelgespräche. Glaubenskurse. Meditationsgruppen. Gesprächsreihen. Oder gute und stimmige Kasualien (Taufen, Trauungen, Bestattungen, Konfirmationen, sonstige Rituale, wie z.B. Rituale zur Trennung oder Scheidung, Haussegnung, etc. pp.) – auf deutsch freie Theologen mit kirchlichem Auftrag, auch zur Verkündigung und Sakramentsverwaltung.

De facto geschieht das längst. Ich fürchte nur, dass die Landeskirchen diese Chance verpennen und diesen Markt Leuten überlassen, die völlig frei und ohne jegliche kirchliche Anbindung lancieren.

Übrigens betrifft das Problem der Unsichtbarkeit in kirchlichen Einrichtungen und Gemeinden nicht nur bestimmte Lebensformen (Singles, Alleinerziehende, Homosexuelle, etc.). Sondern auch bestimmte Charaktertypen. Wer sich ein wenig mit den Riemannschen „Grundformen der Angst“ auseinandergesetzt hat, der merkt doch sofort, dass in der klassischen Kirchengemeinde sich Menschen mit so genannter „depressiver“ Grundangst (Angst vor Trennung, brauchen und geben menschliche Wärme) und „zwanghafter“ Grundangst (Angst vor Veränderung, Liebe zur Tradition) tummeln.

Wohingegen die „schizoiden“ Typen (Angst geschluckt zu werden, Freiheitsliebe) fast gänzlich fehlen und der „hysterische“ Grundtyp (liebt Veränderung und Neues, hat Angst, festgelegt zu werden) zumindest sehr selten anzutreffen ist.

Sprich: Kirchengemeinde in gewohnter Form ist etwas für Familien mit Kindern, eventuell heterosexuelle Paare (gerade noch), Senioren und wenn es gut geht, rennen auch die Konfirmanden nicht gleich davon. Außerdem: Für „depressive“ und „zwanghafte“ Persönlichkeitstypen, die menschliche Nähe und Traditionen lieben.

Und für alle anderen offenbar nicht.

Das ist eine steile These. Ich bin gespannt auf Eure Reaktionen.