„Warum sagst du nichts?!“ – Eine Introvertierte packt aus….

Grundschule. In der letzten Reihe sitzt ein kleines sommersprossiges Mädchen und lauscht absolut interessiert dem Unterrichtsgeschehen. Die Lehrerin hat irgendwas erklärt. Die Schüler sollen irgendeine Frage beantworten. Viele melden sich. Manche nicht. Melden sich nur die, die es wissen, während die Unwissenden brav ihre Pfötchen unten halten? Weit gefehlt. Das Kind in der letzten Reihe weiß meistens die Antwort. Meldet sich aber trotzdem nicht. „Die ist eben schüchtern!“, heißt es dann. Nein, im Grunde ist die nicht schüchtern. Sie denkt viel mehr: „Ich weiß die Antwort. Und es reicht völlig, dass ich sie weiß. Es wird nicht dadurch richtiger, dass ich es sage.“ Jedenfalls hätte ich es so formuliert, wenn ich damals schon soweit gedacht hätte. In den schriftlichen Arbeiten war ich dann immer eine der Besten.

„Warum meldest du dich nie, obwohl du es weißt?“, fragt die Lehrerin. Ich zucke die Achseln.

Meine Nachmittage verbrachte ich manchmal, ja sogar recht oft wie viele andere Kinder auch: Draußen spielen, Räuber und Gendarm und solche Sachen. Das war schon okay. Wenn ich mich als Räuberin gut genug verstecke, dann habe ich ja jede Menge Zeit, einfach in Ruhe über dies und das nachzudenken. Und die anderen bewunderten auch noch diese Fähigkeit von mir, von einer Sekunde auf die andere praktisch vom Erdboden zu verschwinden. Das war cool. Spiele mit Rennen und Körperkontakt und sowas fand ich eher doof. Aber absolut klasse war „Das schwarze Auge“, eins der ersten Fantasy-Rollenspiele, die es gab. Die spielten wir immer zu viert oder zu fünft und in diese Fantasiewelten abzutauchen und mit anderen spannende Abenteuer zu erleben, ohne dabei den Vierertisch neben dem Sandkasten in unserer Wohnanlage zu verlassen, war toll.

Mindestens ebenso gern saß ich aber einfach in meinem Zimmer und las. Ganze Nachmittage und halbe Nächte, mit der Taschenlampe unter der Bettdecke. Und ich habe unter den Anleitung meines ebenfalls eher ruhigen Vaters die Natur studiert: Pflanzen bestimmen, Sternbilder kennenlernen, lernen, mich in der Natur zu orientieren und dergleichen mehr. Stunden konnte ich als Kind schon damit verbringen, einfach ruhig dazusitzen und etwas anzuschauen. Zum Beispiel die Bergmolche, die ich mit meinem Vater zusammen gefangen hatte und die dann in einem Aquarium im Arbeitszimmer meines Vaters lebten und leider auch krepierten.

Mit 12 fing ich an Tagebuch zu schreiben und tue es bis heute.

Mit anderen Worten: Ich war und bin das, was man „introvertiert“ nennt. Eigentlich kein großes Ding. Introvertierte Menschen beziehen ihre Lebensenergie hauptsächlich aus inneren Vorgängen: Gedanken, Gefühle, sofern wir religiös sind Gebet und Meditation, oder Musik und Kunst. Wir sind kreativ, wir entwickeln unsere Ideen am liebsten im Stillen Kämmerlein und treten damit erst an die Öffentlichkeit, wenn wir selber damit zufrieden sind.

Bei Meetings und Kongressen, in Klassenzimmern und Seminaren fallen wir durch Unauffälligkeit auf. Wir sitzen da und hören zu und machen uns unsere Gedanken, stürzen uns aber nicht unbedingt sofort in die Diskussion.

Wir brauchen Zeit für uns. Denn wir regenerieren unsere Kräfte, indem wir die Dinge, die wir mit anderen erlebt haben, verarbeiten und neue Ideen entwickeln. Dazu brauchen wir unsere Ruhe. Hätte ich die Wahl, meinen Urlaub entweder allein auf der abgeschiedenen Insel Amrum zu verbringen, oder als Cluburlaub mit High Life auf Mallorca, wäre die Entscheidung einfach. Ich halte es besser 14 Tage alleine aus, als mit oberflächlichen Kontakten.

Gute und enge Freundschaften hingegen schätze ich sehr. Doch die müssen sich entwickeln.

Alles soweit eigentlich kein Problem. Problematisch allerdings wird es dadurch, dass wir in einer Welt leben, in der die Werte introvertierter Menschen von vielen nicht geschätzt werden. Manche scheinen im Kopf zu haben: „Extravertiert = gut. Introvertiert = schlecht.“ Man muss doch auf die Leute zugehen. Man darf doch nicht so viel Zeit allein verbringen. Das ist doch egoistisch.

Wenn ich einfach nur still dasitze, obwohl noch eine andere Person im Raum ist, fühlt diese sich verunsichert, obwohl oder weil ich nichts sage.

„Stimmt was nicht?“

„Nein alles okay.“

„Warum sagst du nichts?“

Ja, warum? Vielleicht weil es im Moment einfach nichts zu sagen gibt?

Mein Mentor im Vikariat, selbst ein extrem kontaktfreudiger und extravertierter Mensch war zutiefst verstört, als ich ihm unumwunden erklärte: „Ich bin introvertiert. Das ist halt so.“ Er meinte, ich solle mich doch nicht so negativ sehen. „Wieso negativ?“, fragte ich. „Das ist weder positiv, noch negativ, es IST einfach so!“ – „Ja aber man kann doch lernen, aus sich herauszugehen!“

Mit anderen Worten: Extravertierte sind normal und gesund. Introvertierte müssen „lernen aus sich herauszugehen“.

Wäre ich damals schlagfertig gewesen, hätte ich einfach gesagt: „Man kann auch lernen, einfach mal die Klappe zu halten.“

Mein persönliches Highlight war das Gemeindefest in meiner Vikariatsgemeinde. Mentor steuert auf mich zu. Und fragt, scheinbar beiläufig: „Wie geht es dir hier?“ – Ich: „Gut, danke, ich hab mir grad eine Radler geholt. Ist ganz nett hier.“ – Mentor leicht irritiert: „Aber hier sind doch so viele Leute. Geht es dir wirklich gut?“ – Ich erwiderte mit ganz ernster Miene: „Ehrlich gesagt unterdrücke ich grade mühsam den zwanghaften Impuls, auf den nächsten Baum zu klettern.“ Er hat die Ironie nicht bemerkt.

Neulich hatte ich mal gebloggt: „Wo sind die anderen?“ Eine Gruppe, die in Kirchengemeinden ebenfalls so gut wie nicht vorkommt, sind eben gerade die eher Introvertierten. Vor allem von Pfarrern wird eigentlich immer das Gegenteil erwartet. Ich frage mich, warum eigentlich. Könnte es sein, dass ein großer Teil derer, die mit der Sache nichts anfangen können, eben schlicht und einfach auch introvertiert ist? Ich vermute, ja. Gut, dass es so etwas wie Brief- und Internetseelsorge gibt. Das ist nämlich genau, was Introvertierte neben guten und echten Kontakten (nicht oberflächlichen) brauchen. Ich wette, dass ein hoher Prozentsatz derer, die sich auf Twitter und Facebook tummeln, ebenfalls introvertiert ist. Diese Medien ermöglichen es nämlich, den Grad an Nähe und Distanz, den man haben möchte, selbst zu bestimmen.

Abschließend eine kurze Definition, was ich unter Introversion verstehe.

Introvertierte Menschen sind solche, die ihre Kraft und Inspiration in erster Linie aus der Stille, dem Nachdenken, der Meditation oder dem Kontakt zu einigen wenigen wirklich guten und engen Freunden und Vertrauten ziehen und im Zweifelsfall das Alleinsein dem oberflächlichen Kontakt zu anderen vorziehen.

Das heißt nicht, dass sie grundsätzlich nicht auf andere zugehen oder mit anderen reden. Sie tun es nur nicht um jeden Preis. Wenn es nichts zu sagen gibt, sagen sie auch nichts.

Die Übergänge sind wie immer fließend. Manche Introvertierte, ich eingeschlossen, können auch mal in Gesellschaft total über die Stränge schlagen. Aber danach brauchen sie Regeneration.

Ich bin der Ansicht, dass „wir“ unterschätzt werden. Klar, in einer Welt der Lauten und Gesprächigen wird Schweigen oft mit Dummheit oder fehlender sozialer Kompetenz gleichgesetzt. Introvertierte zweifeln leider sehr oft an sich selbst, anstatt zu ihren Gaben zu stehen. Ich glaube, das wichtigste ist einfach, zu seinem So-Sein zu stehen, egal was andere denken. Und Wege zu finden, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, was dank moderner Kommunikationsformen auch für uns leichter wird, als es noch vor kurzem war.