Gott 9.0

Vor etwa vier Jahren las ich erstmals „Gott 9.0“ von Tilmann Haberer und Marion und Werner Küstenmacher. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass das eins der besten theologisch/ spirituellen Bücher ist, die in den letzten 10 Jahren erschienen sind. Grundthese ist, dass sich das menschliche Verständnis von Gott/ dem Göttlichen mit den Jahren, Jahrhunderten und Jahrtausenden weiter entwickelt. Gewissermaßen eine Art spirituelle Evolution. Das gilt nicht nur für das Gottesverständnis, sondern auch allgemein für die seelisch/geistige/geistliche Entwicklung.

Nun gibt es leider zwei Riesenprobleme. Erstens: Die Entwicklung schreitet leider nicht gleichmäßig voran. Zweitens: Es sind jederzeit Rückfälle auf längst überwunden geglaubte Stadien möglich. Und genau da hakt es glaube ich momentan im Gesamtgefüge dieser Welt.

Ganz grob kann man die einzelnen Stufen wie folgt beschreiben:

Stufe 1 (Beige): Hier geht es ums nackte Überleben. Menschen auf Stufe Beige haben keine anderen Kapazitäten, sie sind vollauf damit beschäftigt, das Überleben zu sichern, und zwar das jeweils eigene.

Stufe 2 (Purpur): Hier geht es um die Zusammengehörigkeit im Clan, in der Familie. Man ist aufeinander angewiesen. Aber die Gemeinschaft ist wie ein geschlossener Kreis, es kommt keiner rein und es kommt keiner raus, wenn dann nur, indem er mit der Gemeinschaft bricht. Man glaubt an das Magische, Geister, Engel, Dämonen, Zauberwelten.

Stufe 3 (Rot): Hier geht es um die Eroberung neuer Lebensräume, neuer Ressourcen. Rot expandiert. Auf dieser Stufe sind etwa die Landnahmeerzählungen im Alten Testament anzusiedeln. Gott ist der Streiter für das eigene Volk, die Bundeslade wird dem Heer vorangetragen, Krieger schwenken Fahnen mit religiösen Zeichen, etc.: Krieg im Namen Gottes, man darf im Grunde mit den Gegner machen was man will – Stichwort: ISIS, Kreuzritter, 11. September. Dabei ist man überzeugt im Recht zu sein, weil man ja für den richtigen Gott kämpft.

Stufe 4 (Blau): Hier legt man sich – auch in Abgrenzung zu Rot – Grenzen und Gesetze auf: Gott der Gebote, Gott als König, Gesellschaften mit klaren Regeln und Normen, die dem Chaos von Rot ein Ende bereiten. Nachteil: Hang zu Gesetzlichkeit und Einengung, feste dogmatische Systeme.

Stufe 5 (Orange): Bricht die „Gesetze Gottes“ auf. Keine Regeln von oben mehr! Die Vernunft entscheidet, was richtig und falsch ist. Orange ist die Stufe, auf der die Naturwissenschaften die Oberhand über die Religion gewinnen.

Stufe 6 (Grün): Hier besinnt man sich zurück, dass es doch mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit erträumt. Grün knüpft gewissermaßen wieder bei Purpur an. Grün ist friedlich, will Gemeinschaft, am liebsten mit allen Religionen, Toleranz, Menschenrechte, Taizébewegung, usw.

Stufe 7 (Gelb): Gelb braucht eigentlich keine festen religiösen Systeme mehr. Gelb ist die erste Stufe, die in der Lage ist, den zurückliegenden Weg zu betrachten, die guten Seiten von allen Stufen zu erkennen und sie zu integrieren. Gelbe Menschen fühlen sich nicht mehr von großen Organisationen oder Glaubenssystemen angezogen, sondern suchen und finden ihren eigenen Weg, eventuell mit ein paar guten Begleitern.

Stufe 8 (Türkis): Wie Grün, Purpur und Blau eine Stufe, die wieder die Gemeinschaft betont. Aber es geht nicht mehr um die Stammesgemeinschaft (Purpur), auch nicht um die Gemeinschaft der „Rechtgläubigen“ (Blau), nicht mal mehr ausschließlich um die Gemeinschaft aller Völker und Religionen (Grün) sondern um die Gemeinschaft mit dem ganzen Universum, der ganzen Schöpfung, weil alles mit allem verbunden ist und wir deshalb immer für das Ganze mitverantwortlich sind.

Stufe 9 (Koralle): Eine hypothetische Stufe, die noch keiner je gesehen hat.

In dem Buch wird das alles viel ausführlicher Beschrieben.

Allerdings kriege ich zurzeit einen ziemlichen Blues. Neulich erst habe ich mich mit einer Bekannten drüber unterhalten. Was nützen alle orangegrüngelbtürkisen Überlegungen, wenn ein sehr großer Teil der Weltbevölkerung im Grunde nie über Rot oder Blau hinaus gekommen ist? Das Riesenproblem ist außerdem, dass wir – dank Orange – inzwischen über Technologien verfügen, die im Grunde nur geistig und moralisch sehr hoch entwickelte Menschen nutzen können, ohne Schaden anzurichten. Ein schönes Beispiel ist das Internet. Für Gelb und Türkis eine wunderbare Möglichkeit weltweiter Vernetzung. Für Rot ein Medium zur Verbreitung von Hasspropaganda und Gewaltvideos.

„Wir“ normalen „Westler“ (USA, Europa) haben eine Art Blau-Orange Leitkultur. Es gibt Gemeinschaften auf Grün und ein paar Einzelkämpfer auf Gelb oder Türkis. In weiten Teilen von Afrika und im Nahen Osten herrscht aber noch Rot vor (das Blau durchsetzen will – Stichwort Gottesstaat.) Das macht die Verständigung extrem schwer. Und die Neigung, nun selbst auf Rot zurückzufallen („Wie du mir, so ich dir!“) sehr groß.

Hier geht es gar nicht um einen Glaubenskrieg, sondern darum, wie „wir“ darauf reagieren, dass man uns nötigt, mit primitiven Mitteln (Waffengewalt statt Diplomatie) und mit Aggression auf Aggression zu reagieren. Und ob wir wollen oder nicht, wir werden da mit rein gezogen und egal wie wir uns verhalten, es ist immer falsch.

Vermutlich ist das einzige wirklich nachhaltige Mittel Bildung. Bildung, Bildung und noch mal Bildung. Das wird Rot nicht auf Gelb hieven, aber vielleicht wenigstens auf Blau, und damit wäre schon sehr viel gewonnen.