„Wie hältst Du´s mit der Naturwissenschaft?“

Nachdem ich neulich eine neue Kategorie eröffnet habe („Kleine theologische Fragestunde“) kam heute die erste echte Frage. Vielen Dank!

Jakob Thomas will wissen:

Ich mache mal den Anfang mit der umgekehrten Gretchenfrage:
Wie hältst Du es mit der Naturwissenschaft?
Kann Theologie gut gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren? Galten vor 2000 Jahren andere Naturgesetze als heute? Was ist von Wundern wie
Jungfrauengeburt, Verwandlung von Wasser in Wein, Heilung eines von Geburt an Blinden, Auferweckung des bereits in Verwesung befindlichen Lazarus zu halten?
Muss sich die Kirche hier nicht mal entscheiden, ob sie so etwas für möglich halten will oder nicht?

Wie schön, zufällig meine Lieblingsfrage. Zunächst einmal die Gegenfrage: Wer ist denn eigentlich die Kirche, die sich entscheiden muss? Die gibt es nämlich so gar nicht. Kirche besteht aus hunderttausenden Menschen, von denen jeder und jede im Grunde so seine oder ihre ganz eigenen Glaubensansichten hat. Die Kirche als eine Einheit, die mit einer Stimme den einen Glauben bekennt gibt es schon lange nicht mehr und gab es auch nie! Nicht einmal in den ersten Jahrhunderten. Sonst hätte man sich bei dem Versuch, sich auf gemeinsame Glaubensbekenntnisse zu einigen, damals nicht den Schädel eingeschlagen.

Selbiges gilt heute im Grunde für den Umgang mit Naturwissenschaften. Ja, es gibt Christen die die ganze Bibel wörtlich nehmen. Und es gibt andere. Ich weiß nicht von wem das Zitat stammt: „Wer die Bibel ernst nimmt, kann sie nicht wörtlich nehmen.“ Wer auch immer das gesagt hat, er hatte recht. (Könnte Martin Buber gewesen sein, bin aber nicht sicher.)

Nehmen wir mal das beliebteste aller Beispiele. Die Erschaffung der Welt an sechs Tagen versus das Modell vom Urknall mit einer Milliarden Jahre alten Erde und einer viele Millionen Jahre dauernden Evolution / natürlichen Auslese.

Auf den ersten Seiten der Bibel liest man, wie Gott zu Anfang an sechs Tagen Himmel, Erde, Kontinenten, Wasser, Tiere, Pflanzen und den Menschen erschuf. Dass es im Grunde zwei Schöpfungsgeschichten sind, die in den ersten Kapiteln der Bibel ineinander verwoben sind, lasse ich mal weg. Konzentrieren wir uns auf den Bericht von der Erschaffung der Welt in sechs Tagen.

Wahr oder falsch? Die Kreationisten meinen: Wörtlich zu nehmen und wahr! Genau so war es.

Die wissenschaftliche Theologie ist sich inzwischen einig, dass dieser Schöpfungsbericht in Wirklichkeit gar keine naturwissenschaftliche Beschreibung sein soll, wie die Welt entstanden ist. Sondern ein Stück Theologie, mit dem sich die nach Babylon verschleppten Israeliten vom Glauben ihrer Umwelt abgrenzten. Der erste Schöpfungsbericht ist eine Art theologische Streitschrift. Die Babylonier verehrten mehrere Götter – ganz wichtig die Astralgottheiten, also Sterne, die als Götter verehrt wurden. Der Schöpfungsbericht der Bibel sagt: „Gott machte Lampen und befestigte sie am Himmelszelt, je eine große Lampe für den Tag und die Nacht und viele kleine Lampen, die Sterne.“

Was ist damit gemeint? Dass Gott Sonne und Mond wie Glühbirnen an den Himmel schraubte? Nein. Gemeint ist: Ätsch, ihr Babylonier, eure Sternengötter gibt’s nicht, in Wirklichkeit sind das nur Lampen am Himmel, es gibt nur einen Gott, nämlich unsren.

Im babylonischen Schöpfungsbericht erschafft der Obergott Marduk die Menschen als ein Heer von Arbeitssklaven. Der Schöpfungsbericht der Bibel kontert: „Nein! Wir haben von Gott eine Würde! Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn….“ Heißt das, dass Gott aussieht wie wir? Nein, sondern die Aussage ist: Der Mensch hat von Gott eine Würde mitbekommen. Er ist insofern Ebenbild Gottes, als dass auch er Dinge erschaffen und gestalten kann. Der Mensch ist nicht der Arbeitssklave Gottes, sondern ein Geschöpf, das von Gott eine Aufgabe hat, nämlich die Erde zu bebauen und zu bewahren.

Der „Gegner“ des biblischen Schöpfungberichtes ist weder der Urknall, noch Darwin. Das war damals noch gar nicht auf dem Schirm. Es war vielmehr die Auseinandersetzung mit der Religion der Babylonier, der gelehrte Priester des Volkes Israel veranlasste, ihre eigene Fassung des ganzen niederzuschreiben.

Die Bibel bildet keine historischen oder naturwissenschaftlichen Ereignisse ab. Sondern sie fasst die Glaubenserfahrungen der damaligen Menschen zusammen.

Beispiel aus dem Neuen Testament. Jesus wandelt auf dem See Genezareth. Wahr oder falsch? Nein, ich glaube nicht, dass Jesus mit 75 Kilogramm und Badesandalen über den See gelaufen ist. Das Wandeln auf Wasser war damals viel mehr ein gängiges Motiv, das die Besonderheit eines Menschen herausstreichen sollte und nicht nur Jesus wandelte angeblich auf dem Wasser sondern ein ganzes Heer von Heroen und Halbgöttern. Genauso ist es mit der Jungfrauengeburt. Der römische Kaiser Augustus wurde angeblich auch von einer Jungfrau geboren. Dass das da steht heißt nichts anderes, als dass die Gläubigen, die Evangelisten und die, die diese Geschichten überliefert haben, eben ganz deutlich machen wollen: Dieser Jesus, er ist etwas ganz besonderes.

Und das wiederum kann ich voll unterschreiben. Ja, das stimmt. Außerdem kann man diese Geschichten ja nicht nur wörtlich deuten. Zum Beispiel das Wandeln auf dem aufgewühlten Wasser. Für mich ist das in Bild dafür, dass Gott mich trägt, auch wenn unter mir der Boden schwankt. Dass ich nicht untergehe. Es sind Vertrauensgeschichten – und die entfalten eine wunderbare Kraft in ihren Bildern, egal ob ich nun daran als eine historische Tatsache glaube, oder nicht.

Auferweckung eines halb verwesten Leichnams? Das ist drastisch. Aber was für ein Bild! Heißt doch: Es gibt IMMER einen Grund zur Hoffnung. Das Leben ist stärker. Da wo alle Hoffnung verloren erscheint, kann sich immer noch ALLES wenden.

Das Dilemma der Kirche ist, dass die wenigsten Prediger ihren Schäfchen solche Deutungsmöglichkeiten anbieten. Die universitäre Theologie ist längst darüber hinaus, diese Geschichten wörtlich zu nehmen. Nur leider wird dabei oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Was historisch nicht wahr ist, ist irrelevant – nein EBEN NICHT. Es ist genauso wahr. Es ist nur anders wahr als wörtlich wahr.

Noch mal das Zitat von oben: „Wer die Bibel wörtlich nimmt, der nimmt sie nicht ernst.“

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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4 Antworten zu „Wie hältst Du´s mit der Naturwissenschaft?“

  1. Myriade schreibt:

    Sehr Interessant ! Nur im Fall von Lazarus finde ich, dass die Argumentation etwas schwächelt.
    Aber insgesamt ist diese Sichtweise doch wesentlich sinnvoller als das „Menschenspuren neben Dinosaurierspuren gefunden „der Kreationisten.
    Gut, eine solide Agnostikerin wie mich überzeugt die Argumentation nicht von der Existenz Gottes, aber doch von der Vernunft derjenigen, die die Bibel in dieser Weise auslegen.

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  2. pfarrerinmueller schreibt:

    Na dann finde eine eigne Deutung 🙂

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  3. Thomas Jakob schreibt:

    Zuerst zur Gegenfrage: Kirche ist für mich die Gemeinschaft der Gläubigen.

    Ich bin auch der Meinung, dass sich auch unter den zentralen Glaubensbegriffen möglicherweise jeder etwas anderes vorstellt. Ein völlig individualisierter Glaube geht aber auch nicht und deshalb gibt es Glaubensbekenntnisse, die einen bestimmter Grundkonsens definieren.

    Wenn man einmal das apostolische Glaubensbekenntnis nimmt, dann sind dort einige Behauptungen enthalten, die bei direktem Verständnis für einen naturwissenschaftlich geprägten Menschen nicht akzeptabel sein können. Allmacht Gottes (wäre mindestens näher zu definieren), Jungfrauengeburt, ‚am dritten Tage auferstanden von den Toten‘, ‚aufgefahren in den Himmel‘ mit allen Folge-Unmöglichkeiten sowie ‚Auferstehung der Toten‘.

    Wenn man über solche Dinge diskutiert, werden einem auch von akademisch gebildeten Theologen (evangelisch und katholisch) die tollsten Argumente entgegengehalten. Z. B. a) dass die Allmacht Gottes ihm erlaube, Naturgesetze außer Kraft zu setzen (m. E. ein völliges Fehlverständnis sowohl der Allmacht Gottes als auch von Naturgesetzen), b) dass früher Wunder im Sinne von Durchbrechnung von Naturgesetzen stattgefunden hätten, heute aber nicht mehr (Manfred Lütz) oder c) ganz schlicht und biblisch „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich“ (Paulus 1. Kor 15,14).

    Es gibt von daher für mich keinen Konsens in der akademischen Theologie in solchen Fragen. In der Praxis weicht man diesen Fragen aus, weil man diejenigen Gläubigen nicht verprellen will, denen die Naturwissenschaften egal sind (solange nur ihr Auto funktioniert) und die den Wunderglauben brauchen.

    Kreationismus ist dagegen in Deutschland ein vergleichsweise harmloses Thema. Die beiden großen Kirchen haben sich klar dagegen positioniert.

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    • pfarrerinmueller schreibt:

      Ja, das sind wirklich heikle und schwierige Fragen, auf die du wahrscheinlich sehr unterschiedliche Antworten kriegst. Das mit den Glaubensbekenntnissen stimmt schon, sonwie du sagst: Da ging es um Konsensbildungen. Interessanterweise entstanden sie erst, nachdem die Frühe Kirche zum einen eine gewisse Grösse erreicht hatte, und zum anderen die Zeiten der frühen Christenverfolungen vorbei waren. Vorher hatte man wohl andere Sorgen. Ich sehe die Glaubensbekenntnisse hauptsãchlich als den Versuch, Glauebenserfahrungen irgendwie in verbindliche Formeln zu gießen, um nach außen hin geschlossen auftreten zu können. Und auch sie sind kein Versuch, naturwissenschaftlich stichfeste Aussagen über Gott zu machen. Damals gab es – genau wie 700 Jahre vorher beim 1. Schöpfungsbericht- keine Naturwissenschaften im heutigen Sinn. Im Grunde sind diese Bekenntnisse ihrer Textgattunng nach den Hymnen verwandt, also Lobpreis- oder Anbetungslieder. Aber damit gnauso wissenschaftlich, wie ein Liebeslied in dem die körperlichen Vorzüge eines geliebtem Menschen besungen werden. Auf deutsch: Nichts davon hãlt irgendwie der Naturwissenschaft stand. Der Kern des Christentums ist die Auferstehung Jesu. Ist sie nun real oder nicht? Wissenschaftlich ist sie nicht beweisbar. Aber irgendetwas veranlasste die Schar der Jünger nach dem Desaster vom Karfreitag hinaus in die Welt zu ziehen und mit großer Überzeugung Jesus als den Auferstandenen zu verkünden! Und das ist schon erwiesen, somst hãtte sich die Nachricht ja nicht berbreitet. Naja, und der Rest ist Glaube. Und wiederum spirituelle Erfahrung, das was Menschen erleben, wenn sie heute versuchen, diesem Jesus nachzufolgen. Das ist einfach nciht objektivierbar. Und solange sich alle darüber klar sind, finde ich das auch nicht schlimm.

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