Pegida, Bagida und der schale Nachgeschmack

Am Montagvormittag machte sich die freilaufende Theologin, wie sich das für eine echte Gutmenschin gehört, auf den weiten Weg von Coburg nach München, um Bagidas braunen Horden furchtlos die kühle Stirn zu bieten. Bagida ist bekanntlich der bayerische Ableger von Pegida. Von dem sich vor kurzem Mügida abgespalten hat. Denen Bagida zu rechts war.
Schon im Vorfeld vernahm ich Unkenrufe des Tenors: „Mensch, pass bloß auf! Da kommen heute die ganzen Pegidianer aus Dresden, die wegen der Terrordrohung nicht marschieren dürfen!“ – Huh, Angst! Ich mag in manchen Dingen ein Schisser sein, aber nicht bei bürgerlichen Großaufläufen wie diesen. Angst bekomme ich, wenn mir nachts im Nebel fünf Gestalten mit Glatze und Bomberjacken begegnen, die Baseballschläger schwingen. Aber nicht wenn ich mit ein paar tausend „bunten“ Demonstranten irgendwo herumstehe.
Außerdem verband sich das Bunte diesmal so angenehm mit einem Freundschaftsbesuch in der geliebten Heimatstadt.
Gegen 17.30 Uhr am Montagabend fand ich mich also mit meinem Freund Andi Ebert auf dem bereits bunt überfüllten Platz vor dem Sendlinger Tor ein.
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Die Wellküren sangen G´stanzeln auf Herrn Söder. Michael Mittermeier hielt eine flammende Rede. Ein Mitbürger syrischer Herkunft ebenfalls. Die Transparente waren so bunt wie die auf dem Platz versammelte Menge. Und ja, ich stehe dazu. Wenn „besorgte Bürger“ im Schulterschluss mit Neonazis Fahnen schwenken und Parolen brüllen, dann finde ich mich alsbald mit einem bunten Kostüm auf der Gegenseite ein. Mach ich. Weil ich momentan keine bessere Idee habe.

Am Ende der Kundgebung auf dem Sendlinger Tor Platz stand der Aufruf, friedlich zu bleiben.
Auf der anderen Seite des Platzes vor der Matthäuskirche hatten sich nun die Anhänger von Bagida versammelt, deren „Spaziergang“ um 19 Uhr beginnen sollte. Andi und ich beschlossen, dass wir nun nach getaner Arbeit mal Bagida gucken gehen. Also Ortswechsel. Durch die U-Bahn Unterführung vorbei an Massen von Polizei. Auf der anderen Seite wieder hoch. Ein rotweißes Gatter. Dahinter mehr Polizei. Noch ein rotweißes Gatter. Dahinter wie in einem Raubtierkäfig: Bagida.
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Raubtierkäfig passt. Schon immer habe ich bei Bagida an den schwarzen Panther Baghira aus dem Dschungelbuch denken müssen. Die Absperrung suggerierte ein weiteres mal: „Huuuh, gefährlich!“ Bei genauerer Betrachtung entpuppte sich Bagida an diesem Abend als ein verschwindend kleines Häuflein, das schwarzrotgoldene Fahnen schwenkte und ab und zu „Wir sind das Volk!“ rief. Doch die Stimmen verebbten bald in der kalten Januarnacht.

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Ein als Hahn kostümierter Mann, der einen Kinderwagen schob und ein Schild mit der Aufschrift „Je suis Pegida!“ vor sich her trug, löste sich von der Menge und trat zu den staunenden bunten Menschen jenseits des Gatters. Also zu uns. Um zu diskutieren. Die Diskussion verlief wie folgt.
Das Huhn: „Sie demonstrieren hier gegen Ihre eigene Zukunft. Wollen Sie, dass ganz Afrika zu uns kommt?“
NoBagida-Mensch: „So ein Blödsinn! Wir brauchen Zuwanderung, einfach damit hier alles weiter laufen kann! Lies doch die Demografieberichte, du Pfosten!“
Das Huhn: „Ihr schaufelt dem deutschen Volk das Grab!“
NoBagida-Mensch: „Hau ab, du dummes Huhn!“
Applaus. Und vielstimmiges Hühnergegackere.
Immerhin – das war der einzige, der sich echt getraut hat zu diskutieren.
„Wir sind das Volk!“, ging es wieder los.
„Seid ihr nicht!“, riefen wir.
Andi bot den Polizisten gebrannte Mandeln an.

Vor der Matthäuskirche stand einsam und verlassen Kollege Norbert Roth an einem Teestand. Wollte wohl die verfeindeten Gruppen ins Gespräch bringen. Das interessierte leider keinen Menschen. Wir redeten drei Takte.
Dann gingen Andi und ich vietnamesisch essen und ventilierten den Abend.

Fazit: Es war ganz lustig. Aber wir sehen beide, dass uns das eigentlich nicht weiterbringt. Pegida, Nopegida, Parolen auf beiden Seiten. Klar, wenn wir irgendwo demonstrieren, dann natürlich bei Nopegida. Aber die „Diskussionen“ sind zurzeit schlicht und ergreifend nicht zielführend. Sie sind auf beiden Seiten undifferenziert. Und irgendwie ist das alles ziemlich unbefriedigend.
Was kann Normalmensch tun?
Andi erzählte, dass sie jetzt in ihrer geistlichen Weggemeinschaft ganz schlicht Kontakt zu einer der zahlreichen Münchner Hinterhofmoscheen aufnehmen werden. Um ganz konkret vor Ort mit Mitbürgern muslimischen Glaubens nicht nur ins Gespräch zu kommen, sondern niederschwellig Gemeinschaft zu pflegen. Das ist vermutlich sinnvoller als die bunteste bunte Demo. (Zu der man ja auch gehen kann, wenn einem denn danach ist.)
Mein Fazit des Abends war: „So viel Aufwand für die paar Hanseln, die sich da hinstellen und behaupten, sie seien das Volk…“ – Eigentlich lächerlich. Und trotzdem werde ich am 2. Februar vermutlich wieder hingehen.
Und eigentlich lässt sich diesem Kommentar einer jungen Münchnerin auch gar nichts hinzufügen….
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Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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2 Antworten zu Pegida, Bagida und der schale Nachgeschmack

  1. preachitbaby schreibt:

    Der Nobby am Teestand. Hach ❤

    Gefällt 1 Person

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