Verreckt die Kirche an ihrer Sprache?

IMG_1696
„Sorry, liebe Theologen, aber ich halte es nicht aus, wenn ihr sprecht. Es ist so oft so furchtbar. Verschrobene, gefühlsduselnde Wortbilder reiht ihr aneinander und wundert euch, warum das niemand hören will….“
So beginnt ein Artikel des Kommunikationsexperten Erik Flügge, der zurzeit auf kirchlichen Plattformen im Internet und auf Facebook lebhaft diskutiert wird.
Erik Flügge diagnostiziert uns Theologen, Pfarrerinnen und Pfarrern, eine Art zu reden, die völlig an der Lebenswirklichkeit moderner Menschen vorbei geht – selbst Alltagsbilder, die direkt der Bibel entnommen sind, sind heute oft nicht mehr verständlich.
„Das Himmelreich gleicht einer kleinen Menge Sauerteig, die eine Hausfrau nahm und unter das Mehl mengte….“ – Wer außer einem Bäcker versteht heute noch das Gleichnis vom Sauerteig? Wir kaufen unser Brot fertig, im Supermarkt oder beim Bäcker nebenan. Wer unbedingt selber Brot backen will, nimmt eine Backmischung und füllt sie in den Backautomat, Wasser dazu, Strom an und am nächsten Tag ist das Brot fertig. Erik Flügge schließt: „Jesus hat sich doch auch Mühe gegeben irgendwie verständlich zu sein. Er hat den Leuten etwas mit Bildern und Begriffen erklärt, mit denen sie etwas anfangen konnten.“

Nun ist das mit der Sprache bekanntlich so eine Sache. Sprache ändert sich mitunter rasant. Als in den achtziger Jahren das Wort „geil“ für „toll, super“ aufkam, musste ich mir als Dreizehnjährige noch Standpauken darüber anhören, wie unanständig der Gebrauch dieser Vokabel doch sei – Eltern und Großeltern kannten das Wort zwar, aber aus einem völlig anderen Zusammenhang. Heute verwenden es Erwachsene meiner Generation völlig selbstverständlich – „geil“ heißt soviel wie „toll, super“. Sonst gar nichts. Die Jugend gebraucht zur Beschreibung desselben Sachverhaltes eher das Wort „krass“.

Martin Luther forderte einst, man solle das Wort Gottes in dem Deutsch verkündigen, „das die Marktfrauen sprechen und verstehen“. Daran muss ich oft denken, wenn im Gottesdienst Lesungen aus den Paulusbriefen in der Fassung der Lutherbibel von 1984 vorgetragen werden. Oft habe ich den Eindruck, dass nicht einmal der Lektor begreift, was er da liest. An der Gemeinde rauschen die Worte völlig unverstanden vorbei. Selbst ich muss mich, trotz vierzehn Semestern Theologiestudium, oft stark konzentrieren.

Erik Flügge fragt: „Warum redet ihr Theologen denn auf der Kanzel nicht so, wie ihr das beim Bier in eurer Stammkneipe tut? Normalerweise kann man doch ganz vernünftig mit euch reden. Aber kaum steht ihr auf der Kanzel, schon vollzieht sich eine Verwandlung.“

Soll, darf, kann man denn auf der Kanzel so reden, wie am Stammtisch? Muss man denn wirklich Alltagssprache gebrauchen, um überhaupt noch verstanden zu werden, wenn es um Glaubensfragen geht? Und ist der Gottesdienst nicht auch eine „heilige Handlung“ gehört es sich denn, in der Gegenwart Gottes – verbal – die Füße auf den Tisch zu legen? Schließlich benehmen wir uns ja in der Kirche auch nicht wie in der Kneipe. Hoffentlich.

Meine persönliche Meinung: Pfarrer und Pfarrerinnen und wer sonst das Wort Gottes zu verkünden hat sollte unterscheiden zwischen der Liturgie und der Predigt. Die Liturgie wiederholt sich ja fast jeden Sonntag – die Predigt hoffentlich nicht.
In der Liturgie ist es schön, einen Wiedererkennungswert zu haben – Worte wie das Glaubensbekenntnis, die Psalmen, das Kyrie Eleison oder das Confiteor entsprechen zwar nicht heutigem Sprachgebrauch. Aber durch die Wiederholung haben sie ja Zeit, sich zu setzen und ins Bewusstsein einer Gemeinde allmählich einzusickern. Dass nicht jeder jeden Sonntag in den Gottesdienst geht, macht dabei gar nichts. Solange genug Menschen da sind, die diese alten Worte mittragen und mitbeten können.
Mit der Predigt ist es aber etwas anderes. Eine Predigt sollte und muss verstanden werden. Man mag sich an ihr reiben, man mag anderer Ansicht sein als die Predigerin – aber sie sollte so gehalten sein, dass man sie beim Zuhören versteht. Wohl gemerkt, beim Zuhören. Nicht erst beim Nachlesen zuhause.
Nun können Sie sich ja mal fragen: Wann habe ich zum letzten mal die Kirche verlassen mit dem Gefühl, ich habe verstanden, was der oder die da vorne mir zu sagen hatte?

Ich traue mich wetten: Wo das der Fall war, da hat sich der Pfarrer oder die Pfarrerin an einige wenige Grundregeln verständlicher Sprache gehalten. Hauptsachen in Hauptsätze. Keine Nebensätze zweiter und dritter Ordnung. Kurz: Er oder sie wird so geredet haben, wie Sie das beim Reden mit Ihren Nachbarn oder Freunden auch tun. Die Kunst der Zunft besteht nicht darin, komplizierte Dinge kompliziert zu erklären, sondern Theologie und Glaubenserfahrung in allgemein verständlicher Weise weiterzugeben. Und das dann auch gern in der Sprache, die im Dorf, in der Nachbarschaft, am Stammtisch oder im Sportverein eben gesprochen wird.

Ein letzter Gedanke: Ich erwähnte vorhin die Schwierigkeit einer Lesung im Luthertext von 1984. Dieser ist zwar den meisten evangelischen Christen vertraut. Ob er immer die beste Lösung ist, wage ich aber zu bezweifeln. Im Konfirmandenunterricht habe ich einen Jahrgang lang die umstrittene Übersetzung der Volxbibel von Martin Dreyer verwendet. Eine Bibelübersetzung in Jugendsprache, die laufend überarbeitet und in jeder Auflage weiter entwickelt wird. Am Palmsonntag, dem Konfirmationssonntag meiner damaligen Gemeinde, geht es um den Einzug Jesu in Jerusalem – auf einem Esel. In der damals aktuellen Ausgabe der Volxbibel zieht Jesus nicht auf einem Esel in Jerusalem ein. Sondern auf einem klapperigem Fahrrad. Die eher traditionell geprägten Gemeindeglieder jaulten an dieser Stelle sicher innerlich auf. Aber die Jugendlichen freuten sich über dieses ihnen geläufige Bild. Man sah richtig, wie ein Schmunzeln durch ihre Reihen ging. Dass der historische Jesus auf einem Esel geritten ist, wussten sie natürlich. Aber ist es nicht reizvoll, sich zu überlegen: Wie würde die Geschichte denn heute erzählt werden? Und das dann auch zu tun – die Geschichte neu erzählen?

Das war übrigens die einzige Konfirmandengruppe meiner bisher zehnjährigen Amtszeit, die jemals die Bibel freiwillig zuhause gelesen hat. In der Volxbibel-Übersetzung. Ich glaube, Gott fand das ziemlich geil.

Artikel für das Rothenburger Sonntagsblatt.

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Verreckt die Kirche an ihrer Sprache?

  1. Jürgen Dorn schreibt:

    Meinen 2 Töchtern (12 u. 10) schenkte ich zu Weihnachten je eine Volxbibel und genieße nun das Staunen und Grinsen.
    Auch ich wünsche mir eine aktuellere, verständlichere Sprache in der Kirche. Nicht nur von den Kanzeln, auch z. B. im (sehr weiten) Bereich der Mission. Im Mittelalter wurde christliche Mission – teilweise – mit Feuer und Schwert betrieben, heute haut man Menschen – teilweise – Vokabeln um die Ohren, mit denen sie nichts anfangen können.
    Vor ca. 2 Jahren habe ich das 2. Obergeschoß der Coburger Stadtbücherei für mich entdeckt: Philosophie, Religion, Soziologie, Psychologie. Nachdem mich meine bessere Hälfte „in die Wüste“ schickte, hatte ich genügend Zeit zum Lesen. Eigentlich wollte ich herausfinden, warum ich in der Wüste gelandet war. Nach ca. 25 Büchern aus diesen Bereichen entdecke ich nun aber auch viele biblische Aussagen völlig neu, inhaltsvoll und hilfreich.
    Nur schade, dass es so viele „Wörterbücher“ dazu brauchte.
    Zur Zeit lese ich übrigens auch Küstenmachers „GOTT 9.0“ 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Jürgen Dorn schreibt:

    Ja, ist ein gutes Beispiel für Bücher, die einen vorwärts bringen können. Weil inhaltlich „über den Tellerrand“ geschaut wurde und weil Küstenmachers in einer präzisen aber eben auch leicht verständlichen Sprache schreiben. Bücher, bei denen ich jedes fünfte Wort nachschlagen muss, lege ich nach wenigen Seiten weg. Ebenso Texte, bei denen ich jeden Satz 3 x lesen muss, um erahnen zu können was der Autor mir vielleicht sagen will.
    Ok, ich bin Nicht-Akademiker, aber noch sind wir in der Mehrheit 🙂
    Hier noch 2 gute Beispiele, also Bücher, die ich sehr hilfreich fand, wenn auch mit anderen Zielen und aus anderen Perspektiven geschrieben:
    Karsten Krampitz: „Leben mit und ohne Gott – Beiträge zur inneren Sicherheit“
    Julia Cameron: „Wer sagt, dass Gott nicht gerne lacht“

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s