Herztext 2: Herz auf der Zunge – Meine Extraversion

Sehr interessant, mal die andere Seite zu lesen….

Herzmusik

Jede, die sich im Internet herumtreibt, stößt früher oder später auf ein Meme, einen Artikel oder einen Comic zum Thema Introversion. Introversion bedeutet so viel wie „nach innen gerichtet“, dass also ein introvertierter Mensch seine Gedanken, Gefühle usw. weniger nach außen kommuniziert, sondern lieber ruhig in sich trägt. Dementsprechend fühlen sie sich bei sozialen Zusammenkünften weniger wohl; was aber nicht bedeutet, dass sie unfähig zur Kommunikation sind. Sie stehen lediglich nicht gerne im Mittelpunkt und haben kein allzu großes Mitteilungsbedürfnis, was völlig okay ist. Viele Leute können sich mit diesen Charakteristika identifizieren; allerdings neigen introvertierte Menschen dazu, Extraversion – das Gegenteil von Introversion, also das Nach-außen-gekehrt-Sein – zu verherrlichen und so zu tun, als sei die Gesellschaft auf extravertierte Menschen ausgelegt.
Die Gesellschaft ist nicht auf Menschen ausgelegt, die sich mitteilen wollen bis müssen und offen über ihre Gefühle und Gedanken reden. Nicht auf Menschen, die wild gestikulierend ihre liebsten…

Ursprünglichen Post anzeigen 479 weitere Wörter

Mein Pfingsten

Sonntag: Beim Katholiken meines Vertrauens in der Messe. Sehr gute Predigt, aber am dichtesten waren wohl die Bitten um den Heiligen Geist. Mit einem gesungenen „Veni sancte Spiritus“ nach jeder einzelnen Fürbitte.
Wenn man die alten Gebete zu Pfingsten liest, die Litanei zum Heiligen Geist, fällt einem vor allem eines auf: Dass die ersten Christen den Heiligen Geist offenbar nicht als festen Besitz verstanden haben. Sondern als die Kraft Gottes, das Feuer Gottes, den Atem Gottes der wirkt und weht wann und wo er will. Und dass wir ihn brauchen, wirklich dringend brauchen und deshalb immer neu um ihn bitten müssen. Der Heilige Geist ist kein Gegenstand, den man in den Schrank stellt und bei Bedarf hervor holt. Er wirkt offenbar immer nur im Hier und Jetzt.
Ich glaube, ich habe lange nicht so intensiv um den Heiligen Geist gebetet wie in diesem Jahr. Für mich, weil ich ihn brauche. Unbedingt. Damit ich meinen Weg und meinen Ort in dieser Welt und in dieser Kirche finde. Aber auch für diese Welt und die Menschen in ihr, nicht nur die Christen sondern vor allem für all jene, die überhaupt nichts mit Gott zu tun haben wollen. Oder schlimmer noch, die meinen ihm damit zu dienen, dass sie andere im Namen ihres Glaubens abschlachten.
Vielleicht brauchen wir alle miteinander, aber besonders die christlichen Kirchen, gar nicht das hundertste schlaue Programm zur Rettung des Christentums oder der Menschheit. Sondern schlicht und ergreifend die Leitung des Heiligen Geistes? Um den man bitten kann? Interessant ist, dass der Ausspruch Jesu „bittet und es wird euch gegeben“ meistens irgendwie materiell gedeutet wird. Im Text des Evangeliums, zumindest nach Lukas, geht es aber um die Bitte um den Heiligen Geist. Und nicht um den Parkplatz in der Innenstadt. „…wie viel mehr wird eure Vater euch den Heiligen Geist geben, wenn ihr ihn darum bittet.“

Gott und meiner Berufung treu bleiben….

Gestern erhielt ich eine Mail, die mich ziemlich irritiert hat. Ein Mensch, von dem ich dachte, dass er mich gut kennt und den ich auch sehr schätze, schrieb mir sinngemäß, er mache sich Sorgen, dass ich auf den Zug einer „Theologie light“ aufspringe. Und er wünsche mir, „dass ich mir selbst und Gott treu bleibe“.
Aha.
Ich muss sagen, das hat echt gesessen. Es gibt nicht viele Menschen, die sich überhaupt solche Gedanken machen und ich vermute, dass seine Sorge um mich echt ist. Aber es war schon sehr…direkt?
Wer mich kennt, der weiß, dass ich in mir eine sehr große Spannweite an Emotionen trage, die nicht immer nach außen sichtbar sind. Das bringt es mit sich, dass manche Menschen erstaunt sind, dass ich an einem Tag einen sehr tiefsinnigen Artikel schreiben (oder eine sehr tiefsinnige Predigt halten) kann, und am nächsten Tag hemmungslos herumblödele, ob nun bei der Tatort-Besprechung auf Twitter, oder live und in echt mit Freunden und Bekannten.
Konkret ging es um mein Buch, „Sonntagsarbeit“. Im Grunde kommen darin genau diese beiden Seiten zum Vorschein. Es hat sehr alberne Passagen, aber auch ziemlich ernste. Bin ich mir denn untreu, nur weil ich nicht immer ernst und tief herumgründele?
Oder werde ich Gott untreu, weil ich mich entschieden habe, zumindest vorerst aus einem Beruf auszusteigen, der mir nur sehr bedingt entspricht? Ist seiner Berufung nur treu, wer sich über Jahrzehnte verbiegt und irgendwann in der Psychiatrie landet?
Ist sich selbst nur treu, wer sich nicht verändert?
Ich habe ihm geantwortet, dass ich, nach meinem Dafürhalten, Gott und mir selbst im Moment treuer bin als in den letzten zwölf Jahren, weil ich gerade die Spannung aushalten muss, meinen Platz neu zu suchen und für meine Berufung einen neuen Raum zu finden, ohne zu wissen, wohin mich dieser Weg führt.
Es ist eine existentielle Ungewissheit. Auch wenn ich mich selber dafür entschieden habe. Auch wenn ich weiterhin verbeamtet und damit, wenn alle Stricke reißen, materiell abgesichert bin und es vielleicht irgendwann in den Pfarrerberuf zurück geht.
Momentan fühle ich mich ein wenig wie Elia in der Wüste. Er sitzt unter seinem Wachholderbaum, er weiß nicht wohin es geht, aber ein Engel kommt vorbei und bringt ihm Brot und Wasser. Das geht so lange, bis der Engel sagt: „Steh auf, du hast einen weiten Weg vor dir!“ Aber auch danach kehrt Elia erst einmal nicht ins Leben oder zu konkreten Aufgaben zurück, sondern er geht noch tiefer in die Wüste und macht dort eine Gotteserfahrung. Dann erst geht es zurück, nach draußen, zu den Leuten, zu einer neuen Aufgabe.
Ist das jetzt tiefsinnig genug?
Darf ich jetzt wieder albern sein?
Sehr schön. Dann sehen wir uns heute Abend beim Tatort.

PS: Ein ehemaliges Gemeindeglied hat mir zum Abschied eine ganz schöne selbst gemalte Ikone von einem Engel geschenkt, der einen Fingerzeig in die richtige Richtung gibt. Daran musste ich eben bei dem Engel in der Wüste denken.

1 1/2 Jahre bei Twitter

Genau so erlebe ich Twitter auch, nur dass ich schon seit 2009 dabei bin. Es ist eine Welt für sich. Ergänzen möchte ich: Ich habe über Twitter Leute kennen gelernt, die ich ohne Twitter nie gesehen hätte, und auf einmal kommen sie zu Besuch. Oder man weiß zumindest: Die würden sich freuen, wenn man echt mal vorbei kommt. Und eben habe ich noch dieses Kleinod gefunden: https://twitter.com/pfarr_in_urlaub/status/602821188914675712

Der Astfehler

Das ist meine Geige. Besser gesagt: Es ist meine gute Geige, ich habe für Anlässe wie Open Air Konzerte noch ein zweite, weniger gute (die aber auch gut ist). Mit diesem Instrument hat es eine Bewandtnis. Die meisten denken ja, je älter eine Violine ist, desto besser, aber das stimmt nicht immer. Es gibt auch vorzügliche moderne Geigenbauer und einer davon ist Martin Schleske.
Der hat vor ein paar Jahren ein Buch geschrieben. Titel: „Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens“. Das Buch ist eine Art Gleichnissammlung. Jeder Schritt in dem ein Geigenbauer sein Instrument gestaltet, vom Auffinden des richtigen Baumes bis zu den letzten Klangeinstellung, dient als eine Art Sinnbild für die Wechselfälle des Lebens und vor allem dafür, wie Gott, der große Meister, seine Menschen gestaltet und formt. Einer der Leitsätze von Schleske lautet dabei: „Das Holz hat Mitspracherecht!“ Ein guter Geigenbauer kann nicht gegen die gewachsene Faser des Holzes arbeiten. Er muss seine Besonderheiten berücksichtigen. Er muss darauf achten, nicht zu viel Spannung hinein zu legen. Er darf es formen und fordern, aber wenn er das Holz überstrapaziert, dann kann nichts aus diesem Instrument werden. Genauso macht Gott es mit den Menschen. Ich finde das ein wunderbares Bild.
In einem Kapitel geht Martin Schleske auf die ganz Großen seiner Zunft ein und beschreibt, wie der italienische Geigenbauer Amati Geigen aus so genanntem Reaktionsholz gebaut hat. Reaktionsholz ist das Holz, das ein Baum bildet, wenn er unter besonderen Stress gerät. Schwere Schneelast, ungünstige Hanglage, etc. – normalerweise lässt ein Geigenbauer von so etwas die Finger, denn normalerweise klingt das einfach nicht gut.
Ich las dieses Kapitel und es berührte mich sehr. Normalerweise lässt ein Geigenbauer die Finger davon – aber Gott lässt seine Finger eben nicht von unserem „Reaktionsholz“. Was ist das? Es sind unsere Fehler, Neurosen, Schwächen, all die Muster, die wir uns zulegen als Reaktion auf ungute „Wachstumsbedingungen“.
Amati jedenfalls hat es gewagt. Eins seiner Instrumente hat mittendrin geradezu trotzig einen Holzfehler – und es klingt trotzdem gut.
Ich fragte Martin Schleske dann mal: „Haben Sie jemals so etwas gebaut?“
„Nein, das würde mir von meiner normalen Klientel (das sind lauter hochkarätige Geiger) ja keiner abnehmen. Das ist reizvoll, aber nichts für den Konzertsaal.“
Ich sagte: „Also mich würde das sehr reizen, aber leisten könnte ich mir das vermutlich nicht.“
Ich merkte, dass es ihn auch total reizt, mal so etwas zu bauen – ganz bewusst. Nicht das beste Holz vom geradesten Baum. Sondern mal etwas andres.
Wir kamen überein: Er baut dieses Instrument. Dann überlege ich, ob ich es wirklich will. Und zahle gegebenenfalls in Raten.
Einige Wochen nach diesem „Deal“ wurde meine Mutter sehr schwer krank und es war absehbar, dass sie das nicht überlebt. Ich machte mich auf nach München zu meiner Mutter, die auf der Intensivstation lag. Und als ich im Zug sitze, bekomme ich eine Mail aufs Handy, von Martin Schleske. Inhalt: „Deine Geige ist fast fertig, ich muss nur noch die Klangeinstellungen machen! Sie ist sehr schön geworden. Mit einem quer liegenden Ast in der Decke….“
Meine Mutter starb am Tag darauf. Und ich bekam meine Geige. Mit Astfehler.
Bei Schleske hat jedes Instrument seinen biblischen Widmungsspruch. Meine: „Sieh nicht auf seinen Wuchs…Der Mensch sieht was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.“ Aus der David-Berufung.
Bezahlt habe ich sie von einem Teil meines Erbes. Ohne Raten. Sie erinnert mich jetzt jedes mal wenn ich sie in die Hand nehme daran, was wirklich wichtig ist.
Die Astfehler nicht zu verachten und trotzdem so gut zu spielen, wie irgend möglich.

Auf der Schwelle

Türschwellen
Eine Freundin schickte mir via Facebook dieses wirklich kluge Bild. Für mich die Quintessenz: Das Türschwellendasein lässt sich nicht mit Gewalt beenden. Aber irgendwann werden die entscheidenden Schritte gemacht. Der Theologe nennt das kairos.

Neuer Blog

Von nun an habe ich einen Zweitblog. Auf dem stehen brave, biedere, allgemein gültige Überlegungen (natürlich immer mit Tiefgang). https://dietheologin.wordpress.com
Da geht um allgemeine theologische Themen, und sonst gar nichts.
Ich empfehle diesen Zweitblog vor allem jenen Leserinnen und Lesern, die mit diesem Blog hier offenbar nichts anfangen können, aber trotzdem jeden Tag hier rein klicken – warum auch immer. Ich muss da manchmal an einen katholischen Kollegen denken, der ähnliche „Fans“ hatte/hat. Die abonnierten seinen Newsletter aus nur einem einzigen Grund, nämlich um sich darüber aufzuregen.
Eigentlich wollte ich diesen Blog jetzt privat schalten. Ich mache es nun doch nicht. Weil schon mehrere Leute es bedauert haben, die hier gerne mitlesen und denen das hier offenbar etwas gibt.
Und außerdem ist heute Pfingsten. Damals haben die Jünger die Fenster und Türen aufgerissen und sich nicht (mehr) versteckt.

Sonntagsarbeit – Eine evangelische Pfarrerin packt aus

„Sonntagsarbeit“ jetzt auch als E-Book

Seit heute kann man beim Windsor-Verlag mein Buch auch als E-Book bestellen! Ich hoffe, dass davon nun auch die regen Gebrauch machen, die es vorher bedauert haben, dass es das Buch nur als gedruckte Ausgabe gibt. Momentan gibt es das E-Book noch nur beim Verlag direkt. In 1-2 Wochen dann auch über die gängigen Bestellportale im Internet.
http://shop.windsor-verlag.com/shop/sonntagsarbeit-christiane-mueller-2/

Rezensionen zu „Sonntagsarbeit“

Ungefähr drei Wochen nach Erscheinen meines Buches nimmt die „Vermarktung“ und öffentliche Wahrnehmung Fahrt auf. In diesem Eintrag werde ich nach und nach Rezensionen verlinken. Die beiden ersten stammen von den Kollegen Heiko Kuschel (Gochsheim bei Schweinfurt) und Peter Fahr (Duvenstedt in Schleswig-Holstein).

http://www.kuschelkirche.de/sonntagsarbeit
http://www.amazon.de/review/R2TK9YPPA8KS4G/ref=cm_cr_dp_title?ie=UTF8&ASIN=162784371X&channel=detail-glance&nodeID=299956&store=books

Besonders freut mich, dass die Buchhandlung meines Vertrauens, Buchhandlung Riemann in Coburg, das Buch bestellt hat. Zurzeit steht es in prominenter Nachbarschaft neben den Werken von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Welch Ehre.
Buchmitbedford