Materie

Ich mag keine Materie.
Materie, das sind: Bügelwäsche. Staub. Dreckiges oder auch sauberes Geschirr. Rechnungen. Steuererklärungen. Schlicht und ergreifend DINGE!
Aber wir brauchen doch Dinge.
Ja.
Das ist ja das Problem.
Warum eigentlich?
Aber du bist doch selber Materie!
Ja! LEIDER!!
Die Gnostiker meinten, dass wir Seele sind, die im Körper gefangen ist.
Sozusagen zwangsweise inkarniert.
Und dass Materie eigentlich böse ist.
Wer schon mal zwei Stunden mit einem Papierstau im Kopiergerät gekämpft hat, wird das bestätigen.
Ob Materie böse ist, weiß ich nicht.
Ich würde eher sagen: Sie nervt einfach.
Sie bremst den freien Fluss der Energie und der Gedanken.
Sie schreit permanent: „Beachte mich! Mach was mit mir!“
Die Wohnung schreit: „Räum mich auf!“
Die Wäsche schreit: „Häng mich auf! Bügel mich! Flicke mich!“
Der Körper schreit: „Fütter mich! Geh aufs Klo! Trag Kompressionsstrümpfe!“
Permanent ist man dabei, Energie, Zeit und Nerven in DINGE zu investieren:
Dinge von A nach B zu räumen.
Und wieder zurück.
Staub zu saugen, der in drei Tagen wieder da ist.
Und die Küche zu putzen.
Und meine hat nicht mal eine Spülmaschine!

Die einzige Form von Materie, die ich wirklich mag sind: Bücher, Schreibzeug, Musikinstrumente.
Und Sachertorte.
Ach ja – und die Natur, weil die einen in Ruhe lässt und nicht schreit: „Räum mich auf!“

Ganz ehrlich: Ich freu mich auf die Zeit NACH dem allen (falls es dann noch „Zeit“ gibt.)
Und wehe, WEHE, man muss in der Ewigkeit dann immer noch auf´s Klo!

Reich gesegnetes Wochenende

Dieses Wochenende, eigentlich seit Freitagabend, hatte es echt in sich und ich fühle mich reich gesegnet. Los ging es am Freitagabend mit dem Chor-Sommerfest. Super war es. Ham wir jelacht!
Aber dann begann das eigentlich Wunderbare. „Unsere“ katholische Gemeinde in Coburg, St. Augustin, bietet an diesem Wochenende einen Bibelmarathon an. Rund um die Uhr wird aus der Bibel gelesen, das Neue Testament komplett, das Alte Testament in Auszügen, jeweils in Blöcken von 15 Minuten. Dafür konnte man sich eintragen und dann eben die Passage lesen, bei der einem der vorige Leser die Staffel übergibt.
Als ich Freitagnacht gegen 23.30 Uhr (nach dem Chorfest) das erste mal rein schaute, war man gerade bei den letzten Kapiteln des Buches Genesis/1. Mose. Ich hörte mir die Geschichte von der Versöhnung Josefs mit seinen Brüdern an. Machte die kleine Andacht zum Abschluss des Buches Genesis mit und lauschte dem Buch Exodus/2.Mose bis zum Zug durch das Schilfmeer, bevor ich mich doch etwas ermattet auf den Heimweg machte.
Samstag Vormittag ging ich einkaufen – und schaute wieder rein. Nun las man Jesaja. Ich hörte etwa eine Stunde lang zu, bis zum Beginn des Deuterojesaja, um meinen Taufspruch zu hören. Und ging heim.
Bis zu meiner eigenen Lesung. Die begann heute früh um drei Uhr. In der Meinung, Bibel schadet nie, machte ich mich gegen halb ein Uhr schon auf den Weg. Lauschte eine Stunde lang dem Lukasevangelium. Und merkte dann: Nee, ich muss bevor ich selber lese, einfach noch mal aufs heimische Sofa, einen Tee trinken.
Müde war ich erst mal überhaupt nicht.
Aber die Papphocker! Liebe Leute, die Papphocker!
Papphocker
Wer schon mal auf einem Kirchentag war, kennt die Dinger. Diese ungemein praktischen zusammenfaltbaren Sitzmöbel aus harter Umzugskartonpappe. Die sind sehr stabil. Und genauso bequem wie sie aussehen. Wenn man da länger als eine Stunde drauf sitzt, wünscht man sich irgendwann katholisch zu sein. Dann kann man sich die Kreuzschmerzen auf´s Fegefeuer anrechnen lassen. Also, noch mal heim und eine Stunde abwechselnd Sofa und Recken und Strecken.
Gegen viertel vor drei Uhr habe ich mich dann wieder auf den Weg gemacht.
Schon allein das war ein Erlebnis. Coburg nachts um drei. Wunderschön, irgendwie gespenstisch, etwas ganz Eigenes.
Dann zwischen drei und vier Uhr habe, abwechselnd mit einer katholischen Mitarbeiterin, „meine“ Zeiten gelesen. Und wie der Zufall oder die Vorsehung es wollten, begann ich bei den Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium und endete mit dem Osterbericht nach Johannes. Ich war wirklich ergriffen und dankbar, denn diese Texte bedeuten mir sehr viel. Da steckt eigentlich alles drinnen, was man wissen muss. Und in mir auf einmal Gewissheit: Ich glaube. Ich glaube nicht, weil ich (noch) Pfarrerin bin und Jahre lang im schwarzen Talar irgendwelche klugen Dinge verkündigt habe. Sondern ich glaube, weil ER mich ergriffen hat und mich berufen hat. Mit einer Berufung, die viel weiter ist, als irgendein kirchliches Amtsverständnis. Innere Freiheit: Ich kann diese Berufung im kirchlichen Dienst leben. Oder woanders. Es ist letztlich nicht entscheidend.
Gegen viertel nach vier machte ich mich müde aber glücklich auf den Heimweg. Besuchte dann um halb elf die Messe. Die Bibelleser waren gerade beim 2. Thessalonicherbrief, als ich vorhin ein letztes Mal den Kopf zur Tür hereinsteckte.
Für mich ist dieser Bibelmarathon auch ein Sinnbild für Kirche an sich. Das Wort Gottes wirkt aus sich selbst, es braucht aber Menschen, die es unter das Volk bringen. Keiner muss immer im Dienst sein, es reicht, sich die Stafette weiterzugeben. Nachts um drei hörten nur wenige zu, macht aber nichts, das Evangelium bewegt trotzdem, und wenn es auch nur in diesem Fall nur drei oder vier Leute waren, die es hörten.
Ich wünschte, die Bibel wäre drei mal so dick und wir würden noch eine Woche lesen.
Aber vielleicht ist es auch gut, dass es jetzt zu Ende ist. Weil man ja auch nicht ewig auf dem Berg Tabor bleiben kann.
Ein paar Impressionen….
Bibelmarathon4
Bibelmarathon1
Bibelmarathon2
Bibelmarathon3

Rezension zu „Sonntagsarbeit“ im Württemberger Pfarrerblatt

Christiane Müller, Sonntagsarbeit. Eine evangelische Pfarrerin packt aus, Windsor-Verlag, Hamburg 2015, ISBN 978-1-6278-4371-3, 12,99 Euro
Wer einen interessanten Beruf hat, kann viel und spannend erzählen. Hauptschullehrerin, Assistenzarzt, Gefängnisarzt, Polizeimeister, sie alle haben in den letzten Jahren amüsante und nachdenkliche Anekdoten aus ihrem Berufsalltag zwischen Buchdeckel gebracht. Mit großem Erfolg beim Publikum. Diesen großen Erfolg möchte man auch dem vorliegenden Band einer Kollegin wünschen, die mit viel Augenzwinkern, Herz und Verstand aus dem Nähkästchen der Pfarrerin plaudert. Kirchengemeinderat und Mesner, Bürgermeister und Bestatter, Seelsorgegespräch und Schulunterricht, bunt und abwechslungsreich ist der Strauß der Begegnungen und Anlässe, den uns die Autorin hier immer mit einem Augenzwinkern und feinem Humor präsentiert. Aber das Buch bietet auch spirituell Anregendes, wenn die Theologin höchst interessant und anschaulich von ihrem Aufenthalt in einem evangelischen Kloster erzählt. Wie immer rettet auch hier ein Lächeln oder auch mal herzhaftes Lachen so manche brenzlige Situation. Der größte Teil des Buches ist solchen netten Geschichten aus dem Pfarrerinnenalltag gewidmet. Aber, machen wir uns nichts vor, nicht alles löst sich in „Friede und Freude“ auf. Das Leben führt auch in schattige Täler, und es ist Christiane Müller hoch anzurechnen, dass sie uns Leserinnen und Leser auch die nicht so erfreulichen, ja anstrengenden Seiten ihres Berufs ehrlich und offen schildert. Auch bei „Kirchens“ menschelt es, manchmal hat man ja sogar den Eindruck, ein bisschen mehr als anderswo. Wo das Göttliche wohnt, ist der Pferdefuß nicht weit, könnte man meinen, und so ist die Kollegin im Moment denn auch nicht aktiv als Pfarrerin tätig, sondern befindet sich in einer literarisch höchst produktiven Kreativitätspause. Allen Leserinnen und Lesern sei dazu der anregende Blog Christiane Müllers (über http://www.pfarrerin-mueller.de erreichbar) ans Herz und in die Favoritenliste des Browsers gelegt. Das interessierte Publikum kann nur wünschen, dass die dort angerissenen Projekte Wirklichkeit werden und man demnächst mehr von dieser Autorin lesen kann, gerne auch wieder als Buch. Der Rezensent kann jedenfalls allen, Kolleginnen und Kollegen, die bei jeder Seite ausrufen werden: „Genau, genauso ist es!“, Gemeindegliedern, die sich bestimmt verschmitzt wieder erkennen, und Menschen außerhalb der Kirche, die gerne einmal erfahren wollen, wie es „drinnen“ eingentlich „wirklich“ so zugeht, dieses schöne, gut geschriebene, unterhaltsame und zum Nachdenken anregende Buch uneingeschränkt empfehlen.  

Christian Löw, Stuttgart

Tauftag. Trotz und alledem.

Am 11. Juli 1993 wurde ich in der Lutherkirche zu München Giesing getauft. Ich war 20 Jahre alt. Ich wollte Theologie studieren. Ich meinte es ernst.
Seit dem ist viel passiert, aber getauft bin und bleibe ich trotzdem. Getauft heißt: Hineingenommen in das Leben, Sterben und die Auferstehung von Jesus Christus und unauflöslich mit Ihm verbunden. Was will man mehr…
Luther soll in Zeiten der Anfechtung auf seinen Schreibtisch geschrieben haben: „Baptizatus sum!“ – „Ich bin getauft!“
Meine Verbindung zu Gott kann nichts und niemand mir nehmen. Und so erlebe ich es zurzeit auch, obwohl mir sehr, sehr vieles fraglich geworden ist und obwohl ich beim besten Willen nicht weiß, ob ich denn beruflich in der real existierenden Kirche denn wirklich noch eine Zukunft habe.
Ich liebe Gott. Ich liebe Jesus. Ich liebe die Kirche als „Gemeinschaft der Heiligen“. Oder der „Heiligen und Sünder“. Was ich nicht liebe ist die konkrete Gestalt, die Kirche als Institution annimmt, immer wieder angenommen hat und immer annehmen wird, sobald die Zahl der Gläubigen ansteigt und sich die Gesetzmäßigkeiten herausbilden, die man nun einmal braucht, um eine Institution einer gewissen Größe am Laufen zu halten.
Das liegt nicht an der Botschaft Jesu.
Es liegt auch nicht an den einzelnen Christen, die versuchen, jeweils an ihrem Ort das ihnen Mögliche zu tun.
Es liegt nicht an einzelnen Pfarrerinnen und Pfarrern und nicht einmal an Personen in der Kirchenleitung. Ihnen allen nehme ich gerne ab, dass sie sich redliche Mühe geben. Und dass ja auch gute Dinge geschehen im Rahmen dieser Institution Kirche.
Und doch glaube ich, dass sie dem Wesen des Christentums im Grunde fremd ist.
Ich weiß nicht, ob man sie noch irgendwie „sanieren“ kann (reformieren klingt mir hier fast zu harmlos). Oder ob sie vielleicht trotz allem das Gefäß ist, in dem sich die Botschaft Jesu hier und heute mitteilt.
Ich weiß das alles nicht.
Und trotzdem bin ich getauft, gehöre zu Jesus und zu allen, die mit ihm auf dem Weg sind. Die altprotestantische Orthodoxie nennt das die Ecclesia invisibilis, die unsichtbare Kirche, die sich nicht an Gemeinde- und Konfessionsgrenzen hält, sondern überall dort ist, wo Menschen sich am Evangelium ausrichten. Manchmal überschneidet die sich mit der Institution. Ein Glück.

Mein erstes und vermutlich letztes Tattoo

Heute drang ich in Regionen vor, die selten Pfarrerinnen und Pfarrer vor mir betreten haben. Die mir völlig neue und fremde Welt eines Tattoo-Studios. An der Tür warben zwei neonfarbene Plakate für die „Aktionen des Monats“ – jeden Monat ein Angebot besonders günstig. Momentan: Nipple-Piercing für 50 Euro. Fast wäre ich schwach geworden. (Nein, dafür mit Sicherheit nicht!!!)
Ich bin aber nun schon ganz lange, mehrere Jahre, mit dem Gedanken schwanger gegangen, mir eine Tätowierung oder auf gut Neudeutsch ein Tattoo machen zu lassen. Einfach weil ich finde, dass ein einzelnes, gut gestochenes Tattoo an der richtigen Stelle sehr gut aussehen kann. Und weil es für mich auch eine spirituelle Komponente hat. Was ist mir so wichtig, dass ich es mir buchstäblich unter die Haut gehen lasse?
So viele haben sich den Namen ihres Liebsten stechen lassen. Und dann scheitert die Beziehung. Und sie sitzen da mit schmerzendem Herzen und einem Namen auf ihrer Haut, der nicht mehr zu ihnen gehört.
Für mich war ganz klar: Wenn ich mir irgendwas tätowieren lasse, dann muss es einen Bezug zu der wichtigsten Beziehung meines Lebens haben, und das war und ist Jesus.
Zufällig oder auch nicht zufällig bin ich vor etlichen Jahren erstmals über das Symbol des Hugenottenkreuzes gestolpert, neben der in unseren Breitengraden bekannteren Lutherrose das zweite unverkennbare Symbol der Reformation, genauer gesagt der französischen Protestanten.
Und obwohl ich eigentlich gar keine Beziehung zu Frankreich und auch nicht zur reformierten Kirche habe, hat mich dieses Symbol sofort angesprochen, sehr viel mehr als die meiner eigenen Konfession ja eher entsprechende Lutherrose.
Warum das wohl so ist? Vielleicht, weil die Lutherrose ein sehr verinnerlichtes Symbol ist, es geht um den Glauben im Herzen, der dann zu meiner Seligkeit führt. Das ist auch schön und gut und wichtig, aber „verinnerlicht“ bin ich ja genug. Bei der Lutherrose geht es eher um das Seelenheil des Einzelnen. Beim Hugenottenkreuz, so wie ich es verstehe, um den Weg nach draußen.
Der Mittelpunkt ist Christus.
Von ihm gehen die vier Strahlen des Evangeliums aus, die in acht Spitzen münden, die symbolisch für die Seligpreisungen stehen und damit einen ganz zentralen Text aufgreifen, mit einer tiefen Wirkungsgeschichte in die Welt hinein.
Die vier Lilien zwischen den Kreuzesbalken verweisen einerseits auf die christliche Gemeinschaft, stellvertretend die zwölf Jünger, andererseits ist die Lilie auch ein Symbol der inneren Reinheit und Wahrhaftigkeit. Als königliche Blume verweist sie zugleich auf das Königtum Gottes.
Unten an dem Kreuz ist die Taube zu sehen, und zwar eine Taube im „Sturzflug“ – der Heilige Geist, der von Gott her in die Welt hereinbricht, der in der Taufe auf Jesus kam und durch den jeder einzelne Christ mit Gott verbunden ist und bleibt.
Dazu kamen noch ein paar ganz eigene Assoziationen. Zum Beispiel erinnert mich das Kreuz an die Windrose, den Kompass – der mir im Leben Orientierung gibt, der mir aber nicht den Weg vorschreibt.
Und, was ich irgendwie nirgends gefunden habe: Die Abstände zwischen den vier Lilien und den Kreuzbalken sind annähernd herzförmig.

Jedenfalls, als ich vor sechs Wochen dann einen Termin im Tattoostudio ausmachte war mir völlig klar: Das soll es sein. Das ist eine gute Zusammenfassung all dessen, woran ich glaube und was mir wichtig ist.

Heute war es dann soweit. Der Tätowierer staunte nicht schlecht. „Pfarrerin? Ich mach das jetzt seit 22 Jahren, einen Pfarrer hab ich noch nie tätowiert!“ Und während er stach haben wir dann zusammen geschwiegen und geredet und es hatte fast etwas Meditatives. Und beim Abschied meinte er: „Das ist schon komisch, dass ich ausgerechnet Sie ausgerechnet heute tätowiert habe….weil nämlich….“ Was dann kam fällt unter die Schweigepflicht, aber er meinte, vielleicht tritt er jetzt wieder in die Kirche ein.

Ach ja, die Schmerzen…Ob ihr es glaubt oder nicht, es tut nicht weh. Zumindest nicht diese klaren einfachen Linien am Oberarm, hätte ich etwas „Flächiges“ gewollt, hätte ich vermutlich mehr die Zähne zusammenbeißen müssen, aber so war es eigentlich nicht schlimmer, als wenn man sich relativ fest mit den Fingernägeln in die Haut zwickt.

Ich finde, das Ergebnis ist sehr schön geworden. Klar gestochen. Schnörkellos. Und genau so wie ich wollte.

Mein linker Arm „before“
VormTattoo
Mein linker Arm „after“
MitTattoo

„Er tat was er konnte“

Heute ist der 4. Juli. Und heute vor drei Jahren starb mein Vater im hohen Alter von 89 Jahren. Unser Verhältnis war nicht immer das beste. Und trotzdem, er war eben mein Vater. Mit den Jahren habe ich gelernt, das Gute zu würdigen, das er mir mitgegeben hat.
Da ist zum einen der Humor. Meine Mutter hatte keinen, mein Vater schon. Und auf der Ebene verstanden wir uns von Anfang an blendend. Zum anderen die Liebe zur Natur. Oft waren wir zusammen draußen und er zeigte mir die unterschiedlichen Pflanzen, oder im Rahmen seiner eigenen Kenntnisse, die Sternbilder und Planeten.
Mein Vater war ein Philosoph. Mit der Kirche konnte er zwar gar nichts anfangen. Aber angesichts astronomischer Entfernungen und physikalischer Gesetze geriet er ins Staunen und Schwärmen und ich mit ihm. Ich glaube inzwischen, dass er so ohne es im Entferntesten zu wollen die Grundlage für meinen eigenen Glauben gelegt hat. Denn das Staunen führt eben zum Glauben. Man wird sich seiner eigenen Winzigkeit im Universum bewusst. Ich war davon oft überwältigt. Und was ist Glaube letztlich anderes als das Anerkennen, dass man selbst ein winziges Staubkörnchen angesichts der Ewigkeit ist?
Mein Vater war mathematisch hochbegabt. Das allerdings hat er mir leider nicht vererbt und so endeten seine Versuche mir Nachhilfe in Mathe zu geben für beide Seiten regelmäßig frustrierend.
Mein Vater war ein sehr stiller und zurückhaltender Mensch – und auch da fällt der Apfel nicht weit vom Stamm. Er konnte z.B. nie verstehen, warum Menschen andere „Freunde“ nennen, mit denen sie über das, was ihnen wirklich wichtig ist, überhaupt nicht reden können. „Dieses oberflächliche Blabla, was soll das überhaupt?“ Und er warnte mich vor dem Pfarrerberuf, weil er, selber Pfarrerssohn, recht scharfsichtig erkannte: „Da muss man ja immer den Strahlemann machen, glaubst du wirklich dass das was für dich ist?“
Das große Drama meines Vaters war glaube ich, dass er sich lange Jahre seines Lebens selbst nicht so nehmen konnte, wie er nun mal war. Das Männlichkeitsideal war (und ist) ein anderes. Er war kein Draufgänger und kein Held und auch kein „Boss“, sondern ein Mensch der gern seine Ruhe hatte – eben introvertiert. Na so was.
Bis vor wenigen Jahren habe ich es immer beleidigend gefunden, wenn jemand sagte: „Du bist genau wie dein Vater!“ – heute sage ich: „Klar. Und das ist auch gut so.“
Abgesehen davon, dass ich natürlich NICHT genauso bin. Aber ja, ich habe viel von ihm. Und das ist gut so.
Manches war auch sehr schwierig mit ihm – aber wo gibt es das nicht?
Die letzten 20 Jahre seines Lebens lebte er auf. Und zwar dadurch, dass er endlich die Lebensform gefunden hatte, die ihm gut tat. Eine Wohnung in einem Haus ganz weit vom Schuss, irgendwo am Waldrand. Das Paradoxe: Hier, wo er endlich seine Rückzugsmöglichkeit hatte, konnte er sich auf einmal auf gesellschaftliche und soziale Events einlassen. Er hatte ein gutes Verhältnis zu seinen Nachbarn, war einer der Mitbegründer einer philosophisch-theologischen Gesprächsrunde am Ort, er las die großen Philosophen und versöhnte sich offenbar irgendwie mit seinem Leben.
Mit ungefähr 30 Jahren fand ich dann auch endlich einen neuen Zugang zu ihm. Unser Kontakt war nicht eng, aber in den letzten Jahren zunehmend von Wohlwollen und Vergebung geprägt. Schade, dass er sich nicht schon viel früher so entfalten konnte, er hätte der Welt sehr viel zugeben gehabt.
Sehr zu meiner Überraschung kam bei seiner Beerdigung einer seiner Nachbarn auf uns zu. Der war/ ist Schildermacher und überreichte uns ein Messingschild, das mein Vater gern auf seinem Grabstein haben wollte.
Eingraviert darin war der Satz: „Er tat, was er konnte.“
Ein Lebensmotto, ein Vermächtnis.
„Er tat, was er konnte.“
Lakonisch, etwas entschuldigend.
Und irgendwie gut.
Du hast getan, was du konntest.
Danke dafür.