Mein erstes und vermutlich letztes Tattoo

Heute drang ich in Regionen vor, die selten Pfarrerinnen und Pfarrer vor mir betreten haben. Die mir völlig neue und fremde Welt eines Tattoo-Studios. An der Tür warben zwei neonfarbene Plakate für die „Aktionen des Monats“ – jeden Monat ein Angebot besonders günstig. Momentan: Nipple-Piercing für 50 Euro. Fast wäre ich schwach geworden. (Nein, dafür mit Sicherheit nicht!!!)
Ich bin aber nun schon ganz lange, mehrere Jahre, mit dem Gedanken schwanger gegangen, mir eine Tätowierung oder auf gut Neudeutsch ein Tattoo machen zu lassen. Einfach weil ich finde, dass ein einzelnes, gut gestochenes Tattoo an der richtigen Stelle sehr gut aussehen kann. Und weil es für mich auch eine spirituelle Komponente hat. Was ist mir so wichtig, dass ich es mir buchstäblich unter die Haut gehen lasse?
So viele haben sich den Namen ihres Liebsten stechen lassen. Und dann scheitert die Beziehung. Und sie sitzen da mit schmerzendem Herzen und einem Namen auf ihrer Haut, der nicht mehr zu ihnen gehört.
Für mich war ganz klar: Wenn ich mir irgendwas tätowieren lasse, dann muss es einen Bezug zu der wichtigsten Beziehung meines Lebens haben, und das war und ist Jesus.
Zufällig oder auch nicht zufällig bin ich vor etlichen Jahren erstmals über das Symbol des Hugenottenkreuzes gestolpert, neben der in unseren Breitengraden bekannteren Lutherrose das zweite unverkennbare Symbol der Reformation, genauer gesagt der französischen Protestanten.
Und obwohl ich eigentlich gar keine Beziehung zu Frankreich und auch nicht zur reformierten Kirche habe, hat mich dieses Symbol sofort angesprochen, sehr viel mehr als die meiner eigenen Konfession ja eher entsprechende Lutherrose.
Warum das wohl so ist? Vielleicht, weil die Lutherrose ein sehr verinnerlichtes Symbol ist, es geht um den Glauben im Herzen, der dann zu meiner Seligkeit führt. Das ist auch schön und gut und wichtig, aber „verinnerlicht“ bin ich ja genug. Bei der Lutherrose geht es eher um das Seelenheil des Einzelnen. Beim Hugenottenkreuz, so wie ich es verstehe, um den Weg nach draußen.
Der Mittelpunkt ist Christus.
Von ihm gehen die vier Strahlen des Evangeliums aus, die in acht Spitzen münden, die symbolisch für die Seligpreisungen stehen und damit einen ganz zentralen Text aufgreifen, mit einer tiefen Wirkungsgeschichte in die Welt hinein.
Die vier Lilien zwischen den Kreuzesbalken verweisen einerseits auf die christliche Gemeinschaft, stellvertretend die zwölf Jünger, andererseits ist die Lilie auch ein Symbol der inneren Reinheit und Wahrhaftigkeit. Als königliche Blume verweist sie zugleich auf das Königtum Gottes.
Unten an dem Kreuz ist die Taube zu sehen, und zwar eine Taube im „Sturzflug“ – der Heilige Geist, der von Gott her in die Welt hereinbricht, der in der Taufe auf Jesus kam und durch den jeder einzelne Christ mit Gott verbunden ist und bleibt.
Dazu kamen noch ein paar ganz eigene Assoziationen. Zum Beispiel erinnert mich das Kreuz an die Windrose, den Kompass – der mir im Leben Orientierung gibt, der mir aber nicht den Weg vorschreibt.
Und, was ich irgendwie nirgends gefunden habe: Die Abstände zwischen den vier Lilien und den Kreuzbalken sind annähernd herzförmig.

Jedenfalls, als ich vor sechs Wochen dann einen Termin im Tattoostudio ausmachte war mir völlig klar: Das soll es sein. Das ist eine gute Zusammenfassung all dessen, woran ich glaube und was mir wichtig ist.

Heute war es dann soweit. Der Tätowierer staunte nicht schlecht. „Pfarrerin? Ich mach das jetzt seit 22 Jahren, einen Pfarrer hab ich noch nie tätowiert!“ Und während er stach haben wir dann zusammen geschwiegen und geredet und es hatte fast etwas Meditatives. Und beim Abschied meinte er: „Das ist schon komisch, dass ich ausgerechnet Sie ausgerechnet heute tätowiert habe….weil nämlich….“ Was dann kam fällt unter die Schweigepflicht, aber er meinte, vielleicht tritt er jetzt wieder in die Kirche ein.

Ach ja, die Schmerzen…Ob ihr es glaubt oder nicht, es tut nicht weh. Zumindest nicht diese klaren einfachen Linien am Oberarm, hätte ich etwas „Flächiges“ gewollt, hätte ich vermutlich mehr die Zähne zusammenbeißen müssen, aber so war es eigentlich nicht schlimmer, als wenn man sich relativ fest mit den Fingernägeln in die Haut zwickt.

Ich finde, das Ergebnis ist sehr schön geworden. Klar gestochen. Schnörkellos. Und genau so wie ich wollte.

Mein linker Arm „before“
VormTattoo
Mein linker Arm „after“
MitTattoo

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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7 Antworten zu Mein erstes und vermutlich letztes Tattoo

  1. willimeck schreibt:

    Ich hätte es ein wenig kleiner gewählt… 😉

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  2. Thomas Jakob schreibt:

    Sieht gut aus! Könnte der Einstieg sein, eine deutsche Nadia Bolz-Weber zu werden. Das Symbol geht für mich so ein wenig in Richtung Malteserkreuz. Jetzt darfst Du nur nicht mit Bodybuilding anfangen, damit sich die geraden Linien nicht verziehen. Ich bin gespannt, was Du sonst im Laufe der Zeit für Reaktionen darauf bekommst.

    Gefällt 1 Person

  3. Der Emil schreibt:

    Malterserkreuz war auch meine erste Assoziation. Das Hugenottenkreuz hätte ich aber auch erkennen sollen, stamme ich doch aus einer Gegend, da viele Exulanten (Hussiten in Johanngeorgenstadt und Hugenotten in vielen Orten Sachsens) ihre Spuren hinterließen …

    Ob ich es je schaffe, mein Zeichen zu tragen?

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  4. Pingback: Kommentar zu Mein erstes und vermutlich letztes Tattoo von Thomas Jakob : Bodybuilding

  5. Zoé schreibt:

    Mal was anderes als Fisch am Auto 😉

    Gefällt 1 Person

  6. Pingback: Sommerloch? | fruchtigherb

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