Tauftag. Trotz und alledem.

Am 11. Juli 1993 wurde ich in der Lutherkirche zu München Giesing getauft. Ich war 20 Jahre alt. Ich wollte Theologie studieren. Ich meinte es ernst.
Seit dem ist viel passiert, aber getauft bin und bleibe ich trotzdem. Getauft heißt: Hineingenommen in das Leben, Sterben und die Auferstehung von Jesus Christus und unauflöslich mit Ihm verbunden. Was will man mehr…
Luther soll in Zeiten der Anfechtung auf seinen Schreibtisch geschrieben haben: „Baptizatus sum!“ – „Ich bin getauft!“
Meine Verbindung zu Gott kann nichts und niemand mir nehmen. Und so erlebe ich es zurzeit auch, obwohl mir sehr, sehr vieles fraglich geworden ist und obwohl ich beim besten Willen nicht weiß, ob ich denn beruflich in der real existierenden Kirche denn wirklich noch eine Zukunft habe.
Ich liebe Gott. Ich liebe Jesus. Ich liebe die Kirche als „Gemeinschaft der Heiligen“. Oder der „Heiligen und Sünder“. Was ich nicht liebe ist die konkrete Gestalt, die Kirche als Institution annimmt, immer wieder angenommen hat und immer annehmen wird, sobald die Zahl der Gläubigen ansteigt und sich die Gesetzmäßigkeiten herausbilden, die man nun einmal braucht, um eine Institution einer gewissen Größe am Laufen zu halten.
Das liegt nicht an der Botschaft Jesu.
Es liegt auch nicht an den einzelnen Christen, die versuchen, jeweils an ihrem Ort das ihnen Mögliche zu tun.
Es liegt nicht an einzelnen Pfarrerinnen und Pfarrern und nicht einmal an Personen in der Kirchenleitung. Ihnen allen nehme ich gerne ab, dass sie sich redliche Mühe geben. Und dass ja auch gute Dinge geschehen im Rahmen dieser Institution Kirche.
Und doch glaube ich, dass sie dem Wesen des Christentums im Grunde fremd ist.
Ich weiß nicht, ob man sie noch irgendwie „sanieren“ kann (reformieren klingt mir hier fast zu harmlos). Oder ob sie vielleicht trotz allem das Gefäß ist, in dem sich die Botschaft Jesu hier und heute mitteilt.
Ich weiß das alles nicht.
Und trotzdem bin ich getauft, gehöre zu Jesus und zu allen, die mit ihm auf dem Weg sind. Die altprotestantische Orthodoxie nennt das die Ecclesia invisibilis, die unsichtbare Kirche, die sich nicht an Gemeinde- und Konfessionsgrenzen hält, sondern überall dort ist, wo Menschen sich am Evangelium ausrichten. Manchmal überschneidet die sich mit der Institution. Ein Glück.

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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4 Antworten zu Tauftag. Trotz und alledem.

  1. kulervo schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch. Oder besser: herzlichen Gnadenwunsch 😏

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  2. Der Emil schreibt:

    Ah. Ich wurde als Kind getauft, nicht konfirmiert, trat 1989 oder 1990 aus der Kirche aus. 1995 am Zweiten Weihnachtstag wurde ich Konfirmiert. So bekennend allerdings wie Du, so könnte, kann und will ich nicht leben (zumal mit die Kirche den Weg in den Orden schoneinmal versperrte).

    Mit der Institution habe ich wirklich Probleme. Und ich lese hier (zu meinem Leidwesen?), daß auch Pfarrer diese Probleme haben (können). Was tun?

    Der Ecclesia invisibilis viel mehr Raum und Begegnung geben, über die Institutionsgrenzen hinweg. Das muß doch, wie im Kleinen, auch im Großen möglich sein?

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  3. DieTheologin schreibt:

    Interessant. Vor drei Tagen habe ich das geschrieben. Und heute wird es aktuell, brandaktuell. Bald mehr dazu.

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