Ein Bild und seine Geschichte

Israel 2009 255
Sieht irgendwie komisch aus…
Es war Anno 2009. In Israel, besser gesagt am Jordan, bei der Stelle, wo angeblich Jesus getauft wurde. Da stand dieser Taufstein mit Jordanwasser. Und ich konnte nicht widerstehen. Ich musste den Kopf rein tunken. Hygienisch war das sicher nicht. Aber es war Jordanwasser. Etwas weiter oben an der Quelle, wo das Wasser sauber ist, habe ich mir zwei Flaschen abgefüllt. Damit wurden dann die beiden ersten Kinder getauft, die es nach dem Urlaub zu taufen gab.

Priesterin

Lang ist´s her. Exerzitien in einem katholischen Haus, ich soweit ich mich entsinne die einzige Evangelische in der Gruppe. Abends „Aussetzung des Allerheiligsten“. Das spielt in unserer Theologie keine Rolle, im Gegenteil, Jesus ist ja nach lutherischer Lehre beim Abendmahl nur während des Vollzugs in, mit und unter Brot und Wein gegenwärtig, keineswegs außerhalb der Feier in einer geweihten Hostie.
(Warum eigentlich? „Nu, wat liecht, liecht!“, meinte mein hochkirchlicher Mentor während meines Spezialvikariats. „Und wenner mal drin is, wieso soller dann wieder raus?!“)
Jedenfalls hockte ich auf meinem Bänkchen vor dem Allerheiligsten und merkte auf einmal eine Präsenz und Energie, die mich schier umhaute. Musste mich mit den Händen am Fußboden abstützen, so intensiv war das.
Und zugleich eine innere Stimme, keine Audition, aber eine sehr deutliche innere Stimme: „Du bist die Priesterin in deiner Familie!“
Es war eine Art Berufung.
Priestertum.
Was sind Priester?
Sie bringen Menschen vor Gott und Gott zu den Menschen.
Auch wenn das für evangelisch Ohren sehr ungewöhnlich, fast ketzerisch klingt.
Durch Priester geschieht Wandlung.
Der Archetyp des Priesters bei C.G.Jung ist mit dem des Magiers verwandt, bzw. ist eine Ausformung davon.
Brot zu Leib, Wein zu Blut, Wasser zu Segen.
Binden und Lösen.
Stellvertretung.
Das alles.
Unabhängig von Institution oder Konfession.
Und das bleibt mir mein Leben lang.

„Bücher zu verkaufen! Büüüücher!!“

Vergangenen Samstag hatte ich zum ersten mal eine öffentliche Lesung aus meinem Buch Sonntagsarbeit. Die war, mit ca. 20 Gästen, fürs erste Mal gut besucht. Aber leider kaufte kaum jemand das Buch, weil die meisten es schon hatten. Ich „sitze“ jetzt auf zahlreichen Exemplaren, die ich gern unters Volk bringen würde.
Das Buch kostet 12,99 €
Die Logistik 2,01€ (Versandkosten, Signatur)
Macht unterm Strich 15 €.
Bei Interesse bitte Kontaktaufnahme über das Kontaktformular auf der Angebotsseite (siehe „Menü“). Ich schicke dann meine Bankverbindung.

Träume….

Unglaublich intensive und deutliche Träume zurzeit. Fast jede Nacht.

Ich sollte predigen, in irgendeinem wirklich lebendigen und alternativen Gottesdienst, mit einem Team. Mit im Team war aber auch Herr P. (Initiale geändert.) Herr P. ist im echten Leben Dirigent (den kennt keiner, der das liest. Und es ist auch nicht „unserer“!) Herr P. ist (wiederum im echten Leben) ein sehr akkurater Mensch. Ein gewisser Bratschist, mit dem ich, ebenfalls im echten Leben, befreundet bin, meinte einmal etwas despektierlich: „Herr P. kann keine leichte Musik dirigieren, weil er nicht loslassen kann.“
Jener Herr P. tauchte also, Taktstock in der Hand, im Traum in meinem Gottesdienstteam auf. Er war nicht nur Teil des Teams, sondern verantwortlich für die Liturgie – und er konnte es einfach nicht. Trotzdem bestand er auf der Leitung des Gottesdienstes. Las jedes Wort ab. Keinerlei Verbindung nach oben.
Wenigstens den Segen wollte ich sprechen.
Aber er ließ mich nicht. Sondern las stattdessen radebrechend und ohne Blickkontakt den Segen von einem Zettel ab.

P. ist der Teil in mir, der meint, das Leben kontrollieren zu können. Der sich, statt dem Fluss des Lebens und dem offenen Himmel zu vertrauen, sein Zeug bis ins Detail vorplanen muss. Es wird darum gehen, Herrn P. in liebevoller Konsequenz den Taktstock abzunehmen und ihm seinen Ort dort zuzuweisen, wo er wirklich gebraucht wird, nämlich bei der Abfassung der Steuererklärung und ähnlichem. Aber nicht am Dirigentenpult meines Lebens.

Dann träumte ich weiter. Ein Bild für das Vertrauen ins Leben.
Ich sah meinen Geigenlehrer, der locker und fröhlich fiedelnd vor mir her lief und folgte ihm.
Auch der steht natürlich nicht für meinen realen Geigenlehrer, der mir jede Woche 60 Minuten (guten) Unterricht gibt. Sondern für einen anderen Teil in mir. Den inneren Lehrer. Der dem Fluss der Musik (der Lebensmusik) vertraut und spielerisch voran schreitet. Dem will ich folgen.

Mein Credo

Diesen Text verfasse ich für das Credo-Projekt des spirituellen Zentrums St. Martin.

Woran ich glaube – Worauf ich stehe
Ich glaube, dass mein Leben einen Wert hat. Dass ich nicht zufällig auf dieser Welt bin. Ich glaube, dass ich ein Kind Gottes bin und dass ich darüber hinaus auch gar nichts sein muss.
Ich glaube, dass ich bedingungslos geliebt bin.
Ich glaube an Jesus, meinen Bruder, Freund, Herrn und Meister. Den einzigen, bei dem „Freund“ nicht im Widerspruch steht zu „Herr und Meister“.
Er ist mein innerer Lehrer, der tiefste Grund meiner Seele.
Ganz tief drinnen sind wir EINS.
Er ist das Licht der Welt – ich bin das Licht der Welt.
Aber nicht mein Ego. Sondern ER in mir.
Er ist ich. Und ich bin Er.
Wer es fassen kann…

Ich glaube, dass ich mit anderen unterwegs bin und dass wir uns erkennen werden, wenn wir uns begegnen. Die, die der Geist Gottes treibt. Die Kinder Gottes. Sie erkennen einander. Auch wenn sie Gott auf unterschiedliche Weisen lieben und verehren.

Ich glaube, dass Er durch uns die Wirklichkeit gestaltet.
Ich glaube, dass ein Gebet die Welt verändern kann, weil alles mit allem verbunden ist.
Ich glaube, dass der Tod eine Illusion ist. Und dass wir erwachen werden zu einem Licht, das wir hier höchstens ansatzweise erkennen können.

Ich glaube, dass am Ende alles gut sein wird.
In jeder Hinsicht.
Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

Am Ende werden wir lachen. Und Gott lacht in uns.

Verbundenheit

Momentan gehe ich durch ziemlich blöde Zeiten. Ein anderes Wort fällt mir dazu nicht ein. Ich kann auch nicht schreiben, worum es geht.
Was doof ist: Dass ich vor Ort niemanden habe, mit dem ich wirklich drüber reden kann.
Was toll ist: Es gibt verteilt über Deutschland und weit darüber hinaus Menschen, die mitfühlen und mit beten. Das ist wunderbar.
Ich glaube, dass diese Art der Verbundenheit in Zeiten zunehmender Individualisierung, Globalisierung und Mobilität auch eine immer größere Rolle spielen wird.
Theologin Ende.

Wundersamer als Frauenliebe

In letzter Zeit gehen die Wellen wieder mal ziemlich hoch, weil ein katholischer Bischof aus der Schweiz sich kritisch bis diskriminierend zu homosexuellen Praktiken geäußert hat. Dabei griff er auf folgendes Zitat aus dem Buch Levitikus/3.Mose zurück, einer der Lieblingssprüche all jener, die vor einem „christlichen“ Hintergrund Schwule, Lesben und Bisexuelle anprangern. In Lev 20,13 steht: Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan was ein Greuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen.
Interessant ist der Kontext des Verses. Es geht um verbotene sexuelle Beziehungen allgemein. Neben homosexuellen Praktiken werden in dem Kapitel verboten: Verkehr mit Schwiegereltern, Schwiegerkindern, Zweitfrauen des Vaters, gleichzeitige Heirat einer Frau und deren Tochter (z.B. die Frau als Hauptfrau und die Tochter als Nebenfrau), Sex unter Halbgeschwistern, mit Tanten und Onkeln, Tieren und last not least: Wenn eine Frau ihre Periode hat. Auf die meisten dieser Vergehen steht jeweils die Todesstrafe.
Das Wort „Greuel“, mit dem Levitikus homosexuelle Praktiken unter Männern beschreibt, taucht noch an ein paar anderen Stellen im AT auf. Zum Beispiel im Zusammenhang mit reinen und unreinen Tieren und ihrem Genuss. Ferner ist ein Greuel „eine Frau die Männerkleidung trägt“. (Weshalb in etlichen Freikirchen Frauen dazu angehalten werden, ausschließlich Rock oder Kleid zu tragen.)
Die weitaus häufigste Verwendung des Wortes Greuel geschieht im Zusammenhang mit dem Götzendienst. Wahrscheinlich, ziemlich wahrscheinlich, liegt hier auch einer der Gründe dafür, was dem frommen Israeliten alles als Greuel gelten soll. Man will sich von den Götzendienern der fremden Völker abgrenzen. Bei denen z.B. der homosexuelle Verkehr gebräuchlich war. Es geht also um so etwas wie die Identität des Volkes Israel als dem auserwählten Volk. Frage: Wie plausibel ist es dann, das Verbot von Homosexualität aus einer Stelle wie dieser abzuleiten? Ich meine: Überhaupt nicht.
Es sei denn, jemand wollte sämtliche Gesetze und Verbote aus dem 3. Buch Mose auf sein Leben anwenden. Dabei wünsche ich viel Spaß.

Im Neuen Testament begegnet eine Kritik an homosexuellen Praktiken vor allem im Römerbrief. Der Kontext ist auch hier: Die Verstocktheit der Heiden, die den wahren Gott und seine Schöpfungsordnungen nicht erkennen. Als ein Beispiel für diese Verblendung nennt Paulus die Tatsache, dass die Heiden homosexuelle Praktiken pflegen.

Darum hat Gott sie den Begierden ihrer Herzen dahingegeben in die Unreinheit, dass ihre Leiber durch sie selbst geschändet werden. … Denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht gegen den widernatürlichen, desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen. (Römer 1,24ff)

Der Kontext auch hier: Der wahre Glaube gegen den Falschen Glauben, das Volk Gottes gegen die Völker der Heiden. Auch hier die Frage: Ist es plausibel, so eine Stelle heranzuziehen, um daraus 2000 Jahre später ein Verbot homosexueller Praktiken für Menschen abzuleiten, die in einem völlig anderen Kontext leben, als die Menschen des vorderen Orients oder in Griechenland damals vor 2000 Jahren? Ich meine nicht.

Die übrigen Stellen gegen homosexuelle Praktiken kann man im Grunde an den Fingern einer Hand abzählen. Dabei geht es entweder – wie schon beschrieben – um das Bestreben, das eigene Volk rein zu halten gegenüber den Heidenvölkern. Oder es geht um den Terminus „Knabenschändung“, was aber wohl eher mit Kindesmissbrauch gleichzusetzen wäre als mit Homosexualität.

Mit anderen Worten: Ja, es gibt Verse in der Bibel, die sich gegen homosexuelle Praktiken wenden. Es ist ungefähr eine Handvoll. Dabei sind nie gleichberechtigte Partnerschaften im Blick. Die Schablone vor der Homosexualität betrachtet wird, ist viel mehr die Abgrenzung von den Praktiken anderer Völker und vom Götzendienst.

Gibt es in der Bibel Stellen, die Homosexualität als solche positiv würdigen? Leider nein. Es steht leider nirgendwo: „Liebe wen du willst und sei dabei verantwortungsbewusst!“, auch wenn das schön wäre.

Es gibt aber – ausgerechnet im Alten Testament – zwei Geschichten, die immer wieder gerne weg erklärt werden. Von wegen: Sie hatten sich halt einfach gern und mehr nicht. Nämlich die Geschichten von David und Jonathan und die von Ruth und Naemi.

Ruth und Naemi
Bei jeder evangelischen Trauung bekommt das Paar ja einen Trauspruch mit auf den Weg, der die beiden auf ihrem Lebensweg begleiten soll. Ich habe dazu immer eine kleine Auswahl beliebter Verse aus dem Alten und Neuen Testament dabei gehabt und das Paar wählen lassen.
Und ziemlich oft kam es dann von der Braut (meistens von der Braut, angehende Bräutigame sind im Traugespräch meist ziemlich schweigsam): „Schau mal Schatz, das hier ist doch wunderschön:
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird dich und mich scheiden.
Und dann mache ich mir immer den Spaß zu fragen, ob die beiden denn wissen, woraus das ist. Meistens wissen sie es nicht. Es ist eine Passage aus dem kleinen, nur vier Seiten langen und sehr schönen Buch Ruth im vorderen Teil des Alten Testamentes.
Ruth ist eine junge Frau aus dem Land Moab, verheiratet mit dem Sohn einer israelitischen Frau namens Naemi (anders Naomi), die sich mit ihrer Familie vor einer Hungersnot nach Moab geflüchtet hatte. (Wirtschaftsflüchtlinge, da haben wir es wieder.) Der Ehemann stirbt. Die beiden anderen Söhne Naemis sterben ebenfalls. Sie will, gebeugt und vom Schicksal gezeichnet, den Heimweg nach Israel antreten. Sie fordert Ruth auf, sich doch unter ihrem Volk einen zweiten Mann zu suchen, sie selbst sei ja zu alt, um noch einmal Kinder zu bekommen, sodass Ruth einen ihrer Söhne heiraten könne. Ruth aber will nicht. Sie hat ihre Schwiegermutter so sehr ins Herz geschlossen, dass sie sogar bereit ist, ihre Heimat für sie zu verlassen und mit ihr in eine ungewisse Zukunft aufzubrechen.
Nein, es steht nicht in der Bibel, dass die beiden lesbisch waren.
Ja, es steht statt dessen darin, dass Ruth dann später einen jungen Mann aus Israel heiratet, einen Verwandten von Naemi. Aber die innigsten Worte sagt sie eben NICHT zu ihrem zukünftigen Ehemann. Sondern zu einer anderen Frau.
Auf deutsch: Die beiden haben sich geliebt. Wie weit diese Liebe ging? Wissen wir nicht, aber ist es denn wirklich wichtig? Warum muss man Liebe denn immer auf den Geschlechtsakt reduzieren.

David und Jonathan
Das andere Freundespaar waren David und Jonathan. David, der Hirtenjunge, der den Riesen Goliath mit einem Stein aus seiner Schleuder tötet und König von Israel wird. Jonathan, der Sohn von König Saul, der dem David von Anfang an aus Neid nach dem Leben trachtet.
Im Religionsunterricht der 6. Klasse kommt die Geschichte vor. Als Beispiel, wie „beste Freunde“ füreinander einstehen sollen. Wirklich nur beste Freunde? Ein wenig O-Ton aus dem 1. und 2. Buch Samuel:
Als David aufgehört hatte, mit Saul zu reden, verband sich das Herz Jonathans mit dem Herzen Davids, und Jonathan gewann ihn lieb wie sein eigenes Herz. … Und Jonathan schloss mit David einen Bund, denn er hatte ihn lieb wie sein eigenes Herz.

Sie…küssten einander und weinten miteinander, David aber am allermeisten.

Saul aber redete mit seinem Sohn Jonathan…davon, dass er David töten wollte. Aber Jonathan, der Sohn Sauls, hatte David sehr lieb und sagte es ihm weiter…

Wie die ganze Sache ausgeht, kann jeder selber nachlesen. Jonathan stirbt wie sein Vater Saul auf dem Schlachtfeld (wie es sich wohl damals für Könige und Prinzen gehörte). Und David stimmt ein Klagelied auf seinen Freund an. Es endet mit den Worten:
Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir wundersamer gewesen, als Frauenliebe ist.

War David schwul?
Die Bibel berichtet, dass er zahlreiche Frauen und Nebenfrauen sein Eigen nannte. Was aber noch kein Argument ist. Schließlich musste die Thronfolge gesichert werden und auch in der Bibel wird mit Hochzeiten Politik gemacht.
Vermutlich war David bisexuell. Immerhin berichtet das 2. Buch Samuel von seiner Affäre mit der Frau eines seiner Hauptmänner.
Richtig innig wird aber nur seine Freundschaft zu Jonathan beschrieben.

Fazit
Die Bibel ist ein äußerst vielschichtiges Buch in dem eine Menge von ethischen und moralischen Vorstellungen aus unterschiedlichen Zeiten nebeneinander existieren. Eine einheitliche Sexualethik der Bibel gibt es nicht. Die immer wieder zitierten Stellen gegen homosexuelle Praktiken stehen in einem ganz bestimmten Kontext, der mit dem Leben heutiger „queerer“ Menschen herzlich wenig zu tun hat und darum auch nicht darauf angewendet werden kann. Jesus äußert sich zu dem Thema übrigens überhaupt nicht – er sagte generell sehr wenig über Sexualität, aber sehr viele Dinge, die mit Armut, Reichtum und Gerechtigkeit zu tun haben. Es wäre schön, wenn selbst ernannte bibeltreue Christen diese etwas öfter zitieren würden, statt andauernd auf einer Handvoll Bibelverse herumzureiten, die homosexuelle Praktiken thematisieren.

Ach ja und dann war da noch der Lieblingsjünger, der beim Abendessen an seiner Brust lag. Ob Jesus schwul war, wage ich zu bezweifeln, aber homophob war er sicher nicht.

Fieber, Matschbirne und Erinnerung an einen seltsamen Segen

Die Woche in Hamburg war wirklich toll – nur leider habe ich mir, vermutlich durch die häufigen Wechsel von überhitzter S-Bahn und diversen Klimaanlagen, eine richtig dicke Sommergrippe eingefangen.
Und außerdem ist mein Autoschlüssel nicht auffindbar. Verloren? Verschusselt? Der Heilige Antonius schweigt sich leider aus.

Entsprechend war gestern und heute auch meine Laune. Bis ich dann beschlossen habe, das vorläufige außer-Gefecht-gesetzt-sein einfach als eine Phase der stillen Einkehr anzunehmen und zu nutzen. Das Fieber geht nicht schneller weg, wenn ich mich darüber aufrege und hektisch meinen Schlüssel suche.
Also habe ich den Tag heute über weite Teile im Bett und dösend verbracht – und war dabei in Gedanken und mit dem Herzen irgendwie noch in Hamburg.
Insgesamt vier mal war ich nun dort. Zum Kirchentag 1995 (irgendwann in einem anderen Leben), 2012 für ein Wochenende und letztes Jahr für anderthalb Tage auf der Rückreise von Amrum.
Das war eigentlich mein erster ganz bewusster Besuch dort. Ich habe auf der Rückfahrt von meinem Amrum-Urlaub in HH Halt gemacht, um meinen Facebook-Freund Daniel zu besuchen. Manche meinen ja, dass Facebook oder Twitter keine echten Freunde hervorbringen, aber das ist ein Beispiel dafür, dass es eben doch geht.
„Was machen wir denn heute Abend?“, fragte er.
„Gehen wir doch auf die Reeperbahn!“, meinte ich.
„Reeperbahn? Du spinnst, das ist total öde. Aber gut, wenn du meinst, wir sind wahrscheinlich eh in einer halben Stunde damit fertig.“
Aus der halben Stunden wurden dann ungefähr fünf Stunden. Und wir endeten in der Travestieshow im Pulverfass.
Der Weg in die Show war steinig.
„Was kostet es denn?“
„Ach guck mal, nur 17 Euro pro Nase, das geht ja.“
„Mist, ich hab meinen Geldbeutel in deinem Auto vergessen, kannst du mir was leihen? Ich dachte ja, wir sind in einer halben Stunde wieder weg.“
„Hm ich weiß nicht ob ich noch Bares…“
Auf diese Weise zogen wir dann die Blicke zweier Transvestiten auf uns, die da irgendwo im Eingangsbereich herumstanden und sich offenbar köstlich über dieses seltsame Paar amüsierten. Schließlich hatten wir dann doch ein paar Kröten zusammengekratzt (ich hatte zufällig noch ein paar Euro lose in der Tasche) und dem abendlichen Vergnügen stand nichts mehr im Wege.
Wir nahmen dann an einem der Tischchen im plüschig roten Zuschauerraum Platz, und schon stand jemand neben uns und wollte wissen, was wir trinken wollen.
„Ein Mineralwasser bitte.“
„Eine Cola.“
Der Herr im Frack runzelte die Stirn und tippte auf einen Satz ganz oben auf der Getränkekarte: Jede erste Bestellung mindestens 20 Euro.
Ach du scheiße.
Also musste dann doch Daniels Kreditkarte dran glauben.
Und wir hatte je so fünf Flaschen Cola und Wasser vor uns stehen.
Die Show begann.
Und dann passierte etwas, nach Außen völlig unscheinbar und vermutlich unauffällig: Der Transvestit, der mir schon im Eingangsbereich aufgefallen war, musste ziemlich eng an mir vorbei und im Vorbeigehen strich er mir, kurz aber eindeutig und gezielt, mit der Hand über die Schulter. Ich schaute etwas verwirrt hoch und für eine Zehntelsekunde trafen sich unsere Blicke und ich sah darin echtes Wohlwollen. Akzeptanz. Verstehen über sämtliche Unterschiede hinweg.
Vielleicht auch ein bisschen „Sorry!“ -tja, so läuft da bei uns eben, billiger Eintritt teure Getränke, nicht bös gemeint, merkt es euch einfach fürs nächste Mal!
Eine halbe Sekunde, dann war es auch schon vorbei.

Die Show selbst war dann witzig und gut gemacht. Aber was mich auf einer tieferen Ebene erreicht hat, war eben diese kurze Berührung ganz am Rande.

Vermutlich erinnert er (oder sie) sich gar nicht mehr daran.
Aber ich spüre diese Berührung immer noch, wenn ich daran denke und irgendwie habe ich dabei die Assoziation: Das war ein Segen. Ein unkirchlicher. Aber trotzdem.

Er ist eben auch auf der Reeperbahn, nachts um halb eins.

Freiheit bis zum Horizont

Glücklich und innerlich erfüllt komme ich von einer Urlaubswoche in Hamburg zurück. Mit dem Wissen: So, wie ich momentan lebe, will ich nicht bis an mein Lebensende leben. Diese eine Woche in einer pulsierenden Metropole hat es mir wieder deutlich vor Augen geführt. Ja, man gewöhnt sich an alles. Ja, ich habe hier soziale Kontakte und was man halt so braucht. Aber ich bin für das Leben in einer Kleinstadt oder gar auf dem Dorf einfach nicht gemacht.

Obwohl ich allein unterwegs war (und manchmal vielleicht gerade deshalb) habe ich diese Woche in vollen Zügen genossen. Das ausgedehnte Sight Seeing Programm war dabei nur das eine, das andere einfach: In der der Menge untertauchen, eine von vielen sein, nicht überall erkannt werden, unter Menschen sein können und doch eigene Wege finden.
HamburgMichelAltar
Am Wochenende war außerdem Christopher Street Day in Hamburg – was ich nicht wusste, die Regenbogenfahnen fielen mir erst auf, als ich am ersten Tag in Hamburg am Jungfernstieg aus der U-Bahn kam. Aber dann habe ich den natürlich „mitgenommen“: Übers Straßenfest schlendern, bzw. mich im Gedränge schieben lassen, ein Plausch mit dem Hamburger AIDS-Seelsorger am Rand, Parade gucken. Und das alles so erfreulich normal finden können.
HamburgCSD
Ich finde, dass man den Geist und das Lebensgefühl einer Stadt daran erkennt, wie selbstverständlich „sexuelle Minderheiten“ in ihr leben können und wie normal es sich anfühlt, sich in den „einschlägigen Vierteln“ zu bewegen (in München das Glockenbachviertel, in Hamburg St. Georg). Ich möchte eigentlich nicht auf Dauer in einer Stadt leben, in der es das nicht oder nur versteckt gibt. Und so war mein auserkorenes Stammlokal in dieser Woche ganz bewusst das Café Gnosa – Hamburgs berühmtestes schwullesbisches Café, mit einer sagenhaften Auswahl an Kuchen. Und die Rebhuhnkeule war auch lecker. Vor allem aber, weil es mir gefällt, wo die Regenbogenfahne weht. Ich habe da immer irgendwie den Eindruck, dass auch ich mich da nicht verbiegen muss. Der Regenbogen ist halt nicht nur ein Symbol für eine sexuelle Orientierung, sondern für Vielfalt.

Fünf Tage in Hamburg – und ich habe Abstand gewonnen von sehr vielem. Es gibt nicht nur Coburg und Kirche. Die Welt ist größer.
An Hamburg gefällt mir, dass es eine pulsierende Großstadt ist, liberal, weltoffen, mit einem Hafen und viel Wasser. Mir gefällt das quirlige Nebeneinander und Miteinander von so vielen Kulturen, von hanseatisch kühl bis afrikanisch bunt. Und dass sich da Menschen sehr unterschiedlicher Kulturen auf engstem Raum tummeln, ohne sich die Schädel einzuschlagen. Auch das Ineinander von Hochkultur und Kiez. Das kenne ich aus München so nicht. Beispiel: Das Schauspielhaus, eine der größten Bühnen Deutschlands, steht praktisch quer gegenüber vom Bahnhof. Und die schicken Premierengäste laufen ein paar Meter weiter vorbei an türkischen und arabischen Cafés – und in wenn sie in die andere Richtung laufen, stehen sie auch schon mitten in St. Georg. Die unterschiedlichen „Szenen“ sind wesentlich weniger scharf voneinander abgetrennt, als z.B. in München.

Mit andere Worten: Es ist eine wunderbare Stadt. Und ich kann mir sehr gut vorstellen hier zu leben. Da ich in Coburg sicher nicht alt werde – warum nicht? Bisher habe ich immer in Richtung Heimat gedacht. Zurück nach München. Aber warum nicht die entgegen gesetzte Richtung? So richtig hält mich in Bayern ja eigentlich nichts mehr.