Wundersamer als Frauenliebe

In letzter Zeit gehen die Wellen wieder mal ziemlich hoch, weil ein katholischer Bischof aus der Schweiz sich kritisch bis diskriminierend zu homosexuellen Praktiken geäußert hat. Dabei griff er auf folgendes Zitat aus dem Buch Levitikus/3.Mose zurück, einer der Lieblingssprüche all jener, die vor einem „christlichen“ Hintergrund Schwule, Lesben und Bisexuelle anprangern. In Lev 20,13 steht: Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan was ein Greuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen.
Interessant ist der Kontext des Verses. Es geht um verbotene sexuelle Beziehungen allgemein. Neben homosexuellen Praktiken werden in dem Kapitel verboten: Verkehr mit Schwiegereltern, Schwiegerkindern, Zweitfrauen des Vaters, gleichzeitige Heirat einer Frau und deren Tochter (z.B. die Frau als Hauptfrau und die Tochter als Nebenfrau), Sex unter Halbgeschwistern, mit Tanten und Onkeln, Tieren und last not least: Wenn eine Frau ihre Periode hat. Auf die meisten dieser Vergehen steht jeweils die Todesstrafe.
Das Wort „Greuel“, mit dem Levitikus homosexuelle Praktiken unter Männern beschreibt, taucht noch an ein paar anderen Stellen im AT auf. Zum Beispiel im Zusammenhang mit reinen und unreinen Tieren und ihrem Genuss. Ferner ist ein Greuel „eine Frau die Männerkleidung trägt“. (Weshalb in etlichen Freikirchen Frauen dazu angehalten werden, ausschließlich Rock oder Kleid zu tragen.)
Die weitaus häufigste Verwendung des Wortes Greuel geschieht im Zusammenhang mit dem Götzendienst. Wahrscheinlich, ziemlich wahrscheinlich, liegt hier auch einer der Gründe dafür, was dem frommen Israeliten alles als Greuel gelten soll. Man will sich von den Götzendienern der fremden Völker abgrenzen. Bei denen z.B. der homosexuelle Verkehr gebräuchlich war. Es geht also um so etwas wie die Identität des Volkes Israel als dem auserwählten Volk. Frage: Wie plausibel ist es dann, das Verbot von Homosexualität aus einer Stelle wie dieser abzuleiten? Ich meine: Überhaupt nicht.
Es sei denn, jemand wollte sämtliche Gesetze und Verbote aus dem 3. Buch Mose auf sein Leben anwenden. Dabei wünsche ich viel Spaß.

Im Neuen Testament begegnet eine Kritik an homosexuellen Praktiken vor allem im Römerbrief. Der Kontext ist auch hier: Die Verstocktheit der Heiden, die den wahren Gott und seine Schöpfungsordnungen nicht erkennen. Als ein Beispiel für diese Verblendung nennt Paulus die Tatsache, dass die Heiden homosexuelle Praktiken pflegen.

Darum hat Gott sie den Begierden ihrer Herzen dahingegeben in die Unreinheit, dass ihre Leiber durch sie selbst geschändet werden. … Denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht gegen den widernatürlichen, desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen. (Römer 1,24ff)

Der Kontext auch hier: Der wahre Glaube gegen den Falschen Glauben, das Volk Gottes gegen die Völker der Heiden. Auch hier die Frage: Ist es plausibel, so eine Stelle heranzuziehen, um daraus 2000 Jahre später ein Verbot homosexueller Praktiken für Menschen abzuleiten, die in einem völlig anderen Kontext leben, als die Menschen des vorderen Orients oder in Griechenland damals vor 2000 Jahren? Ich meine nicht.

Die übrigen Stellen gegen homosexuelle Praktiken kann man im Grunde an den Fingern einer Hand abzählen. Dabei geht es entweder – wie schon beschrieben – um das Bestreben, das eigene Volk rein zu halten gegenüber den Heidenvölkern. Oder es geht um den Terminus „Knabenschändung“, was aber wohl eher mit Kindesmissbrauch gleichzusetzen wäre als mit Homosexualität.

Mit anderen Worten: Ja, es gibt Verse in der Bibel, die sich gegen homosexuelle Praktiken wenden. Es ist ungefähr eine Handvoll. Dabei sind nie gleichberechtigte Partnerschaften im Blick. Die Schablone vor der Homosexualität betrachtet wird, ist viel mehr die Abgrenzung von den Praktiken anderer Völker und vom Götzendienst.

Gibt es in der Bibel Stellen, die Homosexualität als solche positiv würdigen? Leider nein. Es steht leider nirgendwo: „Liebe wen du willst und sei dabei verantwortungsbewusst!“, auch wenn das schön wäre.

Es gibt aber – ausgerechnet im Alten Testament – zwei Geschichten, die immer wieder gerne weg erklärt werden. Von wegen: Sie hatten sich halt einfach gern und mehr nicht. Nämlich die Geschichten von David und Jonathan und die von Ruth und Naemi.

Ruth und Naemi
Bei jeder evangelischen Trauung bekommt das Paar ja einen Trauspruch mit auf den Weg, der die beiden auf ihrem Lebensweg begleiten soll. Ich habe dazu immer eine kleine Auswahl beliebter Verse aus dem Alten und Neuen Testament dabei gehabt und das Paar wählen lassen.
Und ziemlich oft kam es dann von der Braut (meistens von der Braut, angehende Bräutigame sind im Traugespräch meist ziemlich schweigsam): „Schau mal Schatz, das hier ist doch wunderschön:
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird dich und mich scheiden.
Und dann mache ich mir immer den Spaß zu fragen, ob die beiden denn wissen, woraus das ist. Meistens wissen sie es nicht. Es ist eine Passage aus dem kleinen, nur vier Seiten langen und sehr schönen Buch Ruth im vorderen Teil des Alten Testamentes.
Ruth ist eine junge Frau aus dem Land Moab, verheiratet mit dem Sohn einer israelitischen Frau namens Naemi (anders Naomi), die sich mit ihrer Familie vor einer Hungersnot nach Moab geflüchtet hatte. (Wirtschaftsflüchtlinge, da haben wir es wieder.) Der Ehemann stirbt. Die beiden anderen Söhne Naemis sterben ebenfalls. Sie will, gebeugt und vom Schicksal gezeichnet, den Heimweg nach Israel antreten. Sie fordert Ruth auf, sich doch unter ihrem Volk einen zweiten Mann zu suchen, sie selbst sei ja zu alt, um noch einmal Kinder zu bekommen, sodass Ruth einen ihrer Söhne heiraten könne. Ruth aber will nicht. Sie hat ihre Schwiegermutter so sehr ins Herz geschlossen, dass sie sogar bereit ist, ihre Heimat für sie zu verlassen und mit ihr in eine ungewisse Zukunft aufzubrechen.
Nein, es steht nicht in der Bibel, dass die beiden lesbisch waren.
Ja, es steht statt dessen darin, dass Ruth dann später einen jungen Mann aus Israel heiratet, einen Verwandten von Naemi. Aber die innigsten Worte sagt sie eben NICHT zu ihrem zukünftigen Ehemann. Sondern zu einer anderen Frau.
Auf deutsch: Die beiden haben sich geliebt. Wie weit diese Liebe ging? Wissen wir nicht, aber ist es denn wirklich wichtig? Warum muss man Liebe denn immer auf den Geschlechtsakt reduzieren.

David und Jonathan
Das andere Freundespaar waren David und Jonathan. David, der Hirtenjunge, der den Riesen Goliath mit einem Stein aus seiner Schleuder tötet und König von Israel wird. Jonathan, der Sohn von König Saul, der dem David von Anfang an aus Neid nach dem Leben trachtet.
Im Religionsunterricht der 6. Klasse kommt die Geschichte vor. Als Beispiel, wie „beste Freunde“ füreinander einstehen sollen. Wirklich nur beste Freunde? Ein wenig O-Ton aus dem 1. und 2. Buch Samuel:
Als David aufgehört hatte, mit Saul zu reden, verband sich das Herz Jonathans mit dem Herzen Davids, und Jonathan gewann ihn lieb wie sein eigenes Herz. … Und Jonathan schloss mit David einen Bund, denn er hatte ihn lieb wie sein eigenes Herz.

Sie…küssten einander und weinten miteinander, David aber am allermeisten.

Saul aber redete mit seinem Sohn Jonathan…davon, dass er David töten wollte. Aber Jonathan, der Sohn Sauls, hatte David sehr lieb und sagte es ihm weiter…

Wie die ganze Sache ausgeht, kann jeder selber nachlesen. Jonathan stirbt wie sein Vater Saul auf dem Schlachtfeld (wie es sich wohl damals für Könige und Prinzen gehörte). Und David stimmt ein Klagelied auf seinen Freund an. Es endet mit den Worten:
Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir wundersamer gewesen, als Frauenliebe ist.

War David schwul?
Die Bibel berichtet, dass er zahlreiche Frauen und Nebenfrauen sein Eigen nannte. Was aber noch kein Argument ist. Schließlich musste die Thronfolge gesichert werden und auch in der Bibel wird mit Hochzeiten Politik gemacht.
Vermutlich war David bisexuell. Immerhin berichtet das 2. Buch Samuel von seiner Affäre mit der Frau eines seiner Hauptmänner.
Richtig innig wird aber nur seine Freundschaft zu Jonathan beschrieben.

Fazit
Die Bibel ist ein äußerst vielschichtiges Buch in dem eine Menge von ethischen und moralischen Vorstellungen aus unterschiedlichen Zeiten nebeneinander existieren. Eine einheitliche Sexualethik der Bibel gibt es nicht. Die immer wieder zitierten Stellen gegen homosexuelle Praktiken stehen in einem ganz bestimmten Kontext, der mit dem Leben heutiger „queerer“ Menschen herzlich wenig zu tun hat und darum auch nicht darauf angewendet werden kann. Jesus äußert sich zu dem Thema übrigens überhaupt nicht – er sagte generell sehr wenig über Sexualität, aber sehr viele Dinge, die mit Armut, Reichtum und Gerechtigkeit zu tun haben. Es wäre schön, wenn selbst ernannte bibeltreue Christen diese etwas öfter zitieren würden, statt andauernd auf einer Handvoll Bibelverse herumzureiten, die homosexuelle Praktiken thematisieren.

Ach ja und dann war da noch der Lieblingsjünger, der beim Abendessen an seiner Brust lag. Ob Jesus schwul war, wage ich zu bezweifeln, aber homophob war er sicher nicht.

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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3 Antworten zu Wundersamer als Frauenliebe

  1. preachitbaby schreibt:

    In einem Rutsch und ohne viel Trara (fast) alle relevanten Stellen abgehandelt. Ich wünschte, ich könnte die Dinge auch so locker und frei Schnauze runterschreiben. Aber vielleicht braucht es dazu auch paar Jährchen Berufserfahrung. Danke & liebe Grüße

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  2. Thomas Jakob schreibt:

    Eine gute Zusammenstellung, die sich Vertreter beider Extrempositionen in der überhitzten Homosexualitäts-Diskussion regelmäßig zu Gemüte führen sollten. Wenn man das alles einmal übereinanderlegt, landet man meinem Eindruck nach ungefähr bei der Position der katholischen Kirche.

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