Von der Freude, die zweite Geige zu spielen

Soeben komme ich aus der Generalprobe für unser Konzert morgen. Drei Stunden. Gefühlt fünf. Mit zehn Minuten Pause. Gefühlt zwei. Warum ich das mache: Weil es toll ist. Es macht Spaß. Ich spiele zweite Geige.
Ja. Die Redensarten. Die erste Geige spielen…die zweite ist nicht so wichtig…
Warum spiele ich nicht erste Geige?
Weil …
1) ich das permanente Gequietsche auf der E-Saite nicht ertrage. Heute saßen wir etwas enger und schmaler gestaffelt als sonst. Ich direkt an der Schnittstelle zu den 1. Geigen (und nicht wie gewohnt neben dem zweiten Bratschenpult). Und ich habe bei jedem Stück drei Kreuze gemacht, dass ich daheim nicht das üben muss, was mein Nebenmann mir permanent ins rechte Ohr fiedelte. Nicht in erster Linie wegen der Schwierigkeit. Sondern weil eine Stunde Üben in hohen Violinlagen Folter ist. Für den Geiger genauso wie für alle, die zuhören müssen. Das klingt nur mit einem ordentlichen Unterbau gut. Also mit uns.
2) ich die tiefen Lagen liebe. Nichts klingt besser als die kernigen Töne der tiefen Violinlagen. Wer meint, dass Geigen per se quietschen, sollte sich mal ein paar Töne auf den beiden unteren Saiten vorspielen lassen.
3) Spiele ich gern zweite Geige, weil es die Mittelstimme ist. Das Hörerlebnis ist viel schöner, man fühlt sich eingebettet in ein Geflecht von hohen und tiefen Stimmen. Es ist irgendwie ein ozeanisches Gefühl. Bodenständig. Nicht über den Dingen schwebend.
4) Weil es zwischen den Bratschen und den Affen einfach noch einen Puffer braucht. (Einziger mir bekannter Musikerwitz über die zweiten Violinen: „Was trennt die Bratscher von den Affen? – Die zweiten Geigen.“)

So. Das waren die guten Seiten.
Die schlechten wollen wir nicht verschweigen.
Wenn der Dirigent Johann Strauß liebt und oft aufführt, spielt man als 2.Geigerin Seiten lang Nachschläge. Das, was bei Walzern immer hm-pa-pa macht. Das Hm ist meist irgendein Bassinstrument. Das Pa Pa sind wir. Im Verein mit den Bratschen. Zurzeit spielen wir viel Strauß. Nach ungefähr drei Stunden Hm pa pa ist man reif für die Klapse. Oder den Chiropraktiker. Hm pa pa geht tierisch ins rechte Handgelenk oder in den Ellebogen. Je nach Technik. Noch schlimmer ist man als 2.Geigerin nur bei Märschen dran. Hm-pa hm-pa hm-pa pa… Oder Polka: Hm pa hm pa hm pa…. – Das Stunden lang ist leicht ermüdend.
Zweite Geigen sind meist schüchtern…nein. Halt, stimmt nicht. Wir wollen nur nicht auffallen. Wir sind das nicht gewöhnt. Wenn der Dirigent sagt: „Ich will mal bitte nur die zweiten Geigen hören!“, hört er sie nicht. Weil sich keiner traut. Wir sind halt bescheiden.
Taubheit. Bei der klassischen Orchesteraufstellung sitzen die zweiten Violinen direkt vor den Holzbläsern. D.h., es blasen einem ständig Oboe, Klarinette, Flöte und Piccoloflöte ins Genick. Man glaubt gar nicht, wie laut so eine Klarinette einen halben Meter hinter dem linken Ohr ist. Noch ärmer sind nur die Bratschen dran. Bei denen sind es die Blechbläser, die das Gehör ruinieren.

Aber im Großen und Ganzen hat man als Mittelstimmen-Spielerin eine Menge Spaß.
Bei drei Seiten Hm-pa-pa hat man anders als die 1. Geigen, die mit verzweifelten Blicken in den Noten kleben, auch mal die Muße, ein kleines Witzchen mit der Pultnachbarin zu reißen oder zu überlegen, was es zum Abendessen gibt. Und man hat definitiv weniger zu üben.

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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8 Antworten zu Von der Freude, die zweite Geige zu spielen

  1. Roland Kupski schreibt:

    Bin mit einer Bratscherin verheiratet. Stimmt alles genau so!

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  2. Frau Koriander schreibt:

    Für meine Hundeohren wär‘ das nichts…;-)

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  3. Zoé schreibt:

    Danke für die musikalische Aufklärung 😉 Ich habe mich schon immer gefragt, ob Musiker einen Gehörschutz tragen, vor allem nachdem ich neulich gesehen habe, dass Geiger (oder die mit der Bratsche?), sich einen Lappen unter Kinn klemmen.

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    • DieTheologin schreibt:

      Sage wir es so: Profis, die tagtäglich mehrere Stunden im Orchestergraben verbringen, sollten einen Gehörschutz tragen (ist glaub ich auch gewerkschaftlich vorgeschrieben). Bei einer Probe pro Woche und 2-3 Konzerten im Jahr ist das nicht soooo zwingend. Bei uns trägt glaub ich keiner einen. Das mit dem Lappen hat mit Gehör nix zu tun. Kann man machen (als Geiger oder Bratscher), muss man aber nicht. Ich so gut wie nie. Verhindert bei heißem Wetter und Schweiß einfach, dass man auf dem Kinnhalter in und her rutscht und sein Instrument einschweißt…

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  4. DieTheologin schreibt:

    Na GEhörschutz sieht man ja auch nicht! das sind speziell angepasste Ohrstöpsel mit irgendeiner Membran drinn, die bestimmte Sachen rausfiltert, aber anderes durchlässt, weil man natürlich noch hören muss, was man spielt und so. Aber ich besitze keine.

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  5. Thomas Jakob schreibt:

    Kann ich als langjähriger zweiter Trompeter fast alles nachvollziehen, besonders die psychologische Wirkung von Nachschlagorgien. Allerdings hätte mir ohne gelegentliche Ausflüge in die erste etwas gefehlt. Nach einem Ortswechsel bin ich mittlerweile auf obere erste abonniert (und vermisse jetzt manchmal die zweite).

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  6. Na dann lade mich gerne mal zur Probe ein – einer solch gewitzten 2. Geige würde ich gerne mal mit meiner Klarinette etwas vordüdeln… 😉

    Danke für diesen wunderbaren und amüsanten Bericht!

    Liebe Grüße,
    Julia

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