Leben im eigentlich irgendwie Absurden

Gestern hat man mir die Geräte gezeigt. Klingt nach Inquisition. War aber Fitnessstudio. Seit etwas über einem Jahr hechle ich mich in regelmäßigen oder unregelmäßigen Abständen durch diverse Übungen und zahle dafür ein Heidengeld. Gestern bekam ich einen neuen Trainingsplan. Mein Studio geht mit der Zeit. Es gibt da jetzt eine Trainingsstraße mit E-Geräten. Erst dachte ich, die verpassen einem bei unkorrektem Trainingsablauf einen kleinen korrektiven Stromschlag, das machen sie aber dann doch nicht. Nein, sie messen beim ersten mal die Kraft des Delinquenten und stellen dazu passend die optimale Trainingsbelastung ein. Jedes mal bevor man auf einem dieser hochmodernen Geräte Platz nimmt, muss man sich mittels Transponder-Armband einloggen. Das Gerät fährt in die errechnete Ausgangsposition. Man macht seine 20 Bewegungen. Loggt sich aus und geht zum nächsten Gerät, wo man sich wieder einloggt. Den Trainingsplan kriegt man dann direkt von den Geräten als Mail geschickt. Für das Training ist ein ganz bestimmtes Tempo vorgesehen, das einem mittels Monitor angezeigt wird. Ein Trainingsintervall beträgt exakt 60 Sekunden. Bei allen Geräten dieser Art so genormt, sodass die Trainierenden immer alle gleichzeitig zum nächsten Gerät wechseln und kein Stau entsteht. Unpassenderweise assoziiere ich damit die Melkstraße beim Milchbauern.

Draußen scheint die Sonne. Ich hocke auf der Beinpresse und beuge im vorgegebenen Tempo die Knie, bevor es an die Rudermaschine weitergeht.

Ich muss was für meine Fitness tun. Ganz klar. Ich könnte z.B. in einem relativ flotten Tempo den Vesteberg hoch laufen. Aber ich sitze schwitzend auf der Beinpresse.

Am Vesteberg gibt wunderbare bunte Bäume. Ich sitze auf der Beinpresse, strecke und beuge die Knie im vorgegebenen Rhythmus und schlürfe dazu einen synthetischen Mineraldrink. Waldmeistergeschmack. Leuchtend grün. Mit den Vitaminen B, A, S und F.

Den Vesteberg könnte ich so schnell oder langsam hoch gehen, wie es mir gut tut. Ich mache 20 Wiederholungen auf der Beinpresse in 60 Sekunden mit vorgegebener Leistungskurve.

Ich weiß nicht, ob ich das wirklich will. Mein Vertrag läuft aber noch fast ein Jahr. Also mach ich erst mal weiter.

Die Sonne scheint. Und morgen wird es schneien. Ich höre den Vesteberg rufen und folge nun seinem Ruf.

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Leben im eigentlich irgendwie Absurden

  1. Ich bin mehr der Natursportler. Ich liebe es draußen zu laufen. Auch bei Wind, Regen und Schnee.

    Es ist einfach nur herrlich – frische Luft, Natur pur.

    Trotzdem Daumen hoch für diese Motivation, die du an den Tag legst. Hut ab!

    Liebe Grüße,
    Julia

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s