Spiel weiter!

Geigenunterricht. Ich zu Beginn der Stunde zu meinem Lehrer: „Momentan übe ich nur sehr wenig. Selbst wenn ich Zeit habe, ich habe den Kopf so voll mit anderen Sachen. Und das Orchesterzeug ist momentan so ätzend. Wenn ich schon übe, dann lieber was, was einigermaßen Spaß macht.“

„Was hast du denn geübt?“

„Corelli. Aber auch nicht so arg viel.“

„Dann fang mal an.“

Corelli Sonate Nr. 12 „La Follia“ traktiere ich nun seit etlichen Wochen und es ist eins der wenigen Stücke, die ich nicht nach einiger Zeit nicht mehr hören kann. Variationen über ein Thema. Viele nette, kurze und übersichtliche „Sätze“, die man auch mal einzeln spielen kann.

Ich fange also an. Spiele das Hauptthema. Werfe meinem Lehrer einen fragenden Blick zu. Normal unterbricht der mich immer, wenn was nicht so gut war. Und ich persönlich fand, dass das jetzt nicht so doll war…Er unterbricht nicht. Er sagt: „Spiel weiter!“

Nanu.

Also dann probieren wir mal Variation Nr. 1. Fragender Blick in Richtung Lehrer. Er unterbricht immer noch nicht, sondern nickt mir aufmunternd zu. Ich spiele weiter. Nach der 2. Variation gucke ich nicht mehr zu ihm. Ich spiele. Und spiele. Und spiele. Das ganze Stück, sechs Seiten, ohne Unterbrechung, außer dass ich zwei Variationen überspringe, die etwas eklige Doppelgriffe haben und die ich mir noch ein wenig aufhebe. Das erste mal, dass ich etwas das länger als eine oder zwei Seiten ist ohne Unterbrechung von vorn bis hinten durchspiele.

Und auf einmal so was wie Flow. Ich höre zwar, dass das nicht alles perfekt ist, aber seltsamerweise macht es mir heute zum ersten mal nichts aus. Vielleicht war das eine der wichtigsten Lektionen der letzten Wochen. Auch mal etwas zu Ende spielen können, ohne dass es perfekt ist. Obwohl jemand zuhört…

Doch ja, wir haben uns dann noch ein paar Stellen vorgenommen. An Übergängen gearbeitet. Und dann doch noch ein paar von den momentan ätzenden etwas anspruchsvollen Orchesterpassagen geübt.

Es war wenig spektakulär – und trotzdem heute so eine Art mentaler Durchbruch. Etwas zu Ende spielen, ohne dass es schon perfekt ist. Dran glauben, dass ich es spielen kann. Und dann einfach spielen.

Was das nun für andere Lebensbereiche bedeutet, muss ich noch durch buchstabieren. Ich bin jedenfalls sehr dankbar für diese Erfahrung heute.

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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4 Antworten zu Spiel weiter!

  1. Thomas Jakob schreibt:

    „If you soul is pure, your music will be pure. If your soul is not pure, you have to practice like hell.“ El Mariachi. Kann ich für mich so bestätigen.

    Gefällt 1 Person

    • DieTheologin schreibt:

      nnnnjeiiiiiin. Es gibt beim Geigen schon Zeug, das auch einfach „Technik“ ist, z.B. dass man nicht bei jedem Lagenwechsel sonstwo landet oder Rechte-Linke-Hand-Koordination. Technik ist die Basis, die lockeres Musik machen ermöglicht. Bestimmte Stücke kann man einfach nicht „pure“ spielen, wenn man nicht vorm Spielen an sich Grundlagen übt…

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      • Thomas Jakob schreibt:

        Im Original ging es um einen Klavierspieler. Technische Grundlagen, die dem Stück angemessen sind, werden immer vorausgesetzt. Die Berliner Variante: „Könn’se Klavierspiel’n?“ „Weeß nich, muss ma‘ probier’n.“ klappt nie. 😉

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  2. nureinlebenlog schreibt:

    Das hat mir jetzt irgendwie weitergeholfen. Auch wenn ich weiss, das ich die Akkorde nicht auswendig kann, einfach so gut es geht weiterspielen. Ich versuche mich am Keyboardspiel.

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