Jahresrückblick (O Gott, noch einer)

Liebe Leser und Leserinnen, Freunde, Freundinnen, Bekannte und Bekanntinnen,

um diese Jahreszeit gibt’s meist einen ausführlichen Weihnachtsrundbrief mit individuell gestalteten Grüßen dazu. Heuer gibt’s das ganze stattdessen als Link – und einige wenige bekommen eine persönliche Karte, eigentlich nur die, die ich nicht sowieso um die Weihnachtszeit sehe. Bitte um Verständnis und danke schon mal dafür.

Dieses Jahr ging es bei mir richtig rund. Zu Beginn des Jahres war ich noch eine beurlaubte evangelische Pfarrerin der bayerischen Landeskirche. Jetzt am Ende des Jahres bin ich eine Alt-Katholikin ohne geistliches Amt, mit vielen offenen Fragen, einer ungewissen Zukunft aber auch mit einem tiefen und bis jetzt sehr tragenden Gottvertrauen (wofür ich sehr dankbar bin, denn „machen“ kann man das nicht).

Es war ein Jahr mit vielen Wegen, vor allem die erste Hälfte. Und vor allem der Weg durch den Hofgarten hoch zur Veste und hinunter in die Altstadt wurde von mir unzählige Male bei unterschiedlicher Witterung begangen. Mein persönlicher „Kreuzgang“ in diesem Jahr. Ein und derselbe Weg und auf dem Weg viele innere Bewegungen, Klärungen und Begegnungen. Meist mit Tagebuch in der Handtasche. Danke, lieber Hofgarten. Danke, liebe alte Eiche, an der ich immer stehen bleibe…

Ach und in der ersten Jahreshälfte habe ich natürlich auch mein Buch geschrieben. „Sonntagsarbeit. Eine evangelische Pfarrerin packt aus“. Das hätte ich fast vergessen, obwohl es nach außen hin vermutlich das ist, was einem am „wichtigsten“ erscheinen könnte – für mich wars das eigentlich gar nicht so sehr, denn der Inhalt des Buches war ja eh schon in mir, ich habe es nur noch aufgeschrieben.

Das Jahr teilt sich klar in eine erste und eine zweite Hälfte: Erste Hälfte – alles offen, Muße, ich fühlte mich oft wie eine Raupe im Kokon, irgendwas tut sich, aber ich weiß nicht was. Wie lange das noch gegangen wäre? Keine Ahnung.

Und dann der tiefe Einschnitt Mitte des Jahres, im Juli war es – all die Dinge, die dazu führten, dass ich dann gekündigt habe. Auf einmal ein existentielles „Loch“ – aber seltsamerweise keine Angst. (Bis jetzt zumindest.)

Im August war ich eine Woche auf eigene Faust im Hamburg und habe mich neu in diese Stadt verliebt. Aber auch gemerkt: Nein, ich will in Coburg bleiben.

Fügungen. Auf einmal einen Praxisraum haben, z.B. – Ideen, wie es weitergehen könnte, wenn auch in kleinen Schritten, so doch auch mit großen Visionen. Alles in allem geht es darum, das was mir existentiell wichtig ist, meinen Glauben und meine theologische Identität in ein Leben ohne Amt hinüber zu retten und zu hoffen, dass ich damit Menschen erreiche, die noch nie eine Kirche betreten haben (oder seit ihrer Konfirmation nicht mehr). Und auch zu hoffen, dass ich davon leben kann. Zum ersten Mal im Leben bete ich um materiellen Erfolg – als Pfarrerin auf der Kanzel redet es sich leicht davon, dass Gott mit denen ist, die in aller Unsicherheit neue Wege wagen. Kunststück, mit einem A13-Gehalt.

Sehr dankbar war und bin ich auf diesem Weg für einige neue und auch alte Wegbegleiter. Da ich aber nicht weiß, ob die wollen, dass andere ihre Namen lesen, halte ich mich mit Namensnennungen zurück.

Was war noch wichtig? Natürlich die Musik. Dieses ganze Jahr mit seinem Auf und Ab hatte doch eine musikalische Konstante: Singen im Bachchor, Mitspielen bei den Musikfreunden in Neustadt und natürlich Geigenunterricht bei einem Lehrer mit auch nach fünf Jahren noch schier grenzenloser Geduld. (Wie er das macht, ist mir ein Rätsel.)

Der wohl seltsamste Moment des Jahres, der irgendwie alles in sich trägt, war mein Kirchenaustritt aus der evangelischen Kirche auf dem Standesamt. „Ich möchte aus der evangelischen Kirche austreten.“ – „Ah ja, soso, mal die Personalien…was machen Sie denn beruflich?“ – „Ich bin Pfarrerin.“-„Äh….was?!“ Aber, um ehrlich zu sein, als ich das Standesamt verließ, fühlte ich mich irgendwie total erleichtert.

Es war ein Jahr der inneren Suchbewegungen. Meine Konversion zur Alt-Katholischen Kirche war ein Schritt auf dem Weg. Ob ich dort auf Dauer bleibe? Ich weiß es nicht, es ist das, was für mich im Moment stimmig ist.

Fazit zum Jahresende: VIEL in Bewegung, viel offen, Entscheidungen sind gefallen, neue Wege liegen vor mir, ich erlebe materielle Unsicherheit. Wohl zum ersten Mal im Leben. Aber, auch das muss ich langsam buchstabieren lernen: Mein momentaner Zustand entspricht dem, was tausende Menschen ohne „feste Bestallung“ und ohne Beamtenstatus in diesem Land erleben. Es gibt keine Sicherheit. Außer, man ist bereit dafür sehr viel zu opfern und das bin ich eben nicht mehr.

Ich bin sehr gespannt, was für verrückte Fügungen das Leben 2016 für mich bereithält – bei aller Skepsis im Freundeskreis merke ich: Coburg ist momentan mein Ort und wird es wohl auch noch eine ganze Weile bleiben.

Allen, die hier immer mitlesen und ab und zu konstruktive Gedanken äußern, danke ich sehr dafür. Allen, die immer wieder erstaunt feststellen, wie „offen“ ich hier doch schreibe kann ich sagen: Seid froh, dass ihr nicht meine handschriftlichen Tagebücher kennt….

Ich wünsche euch allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein hoffentlich glückliches Neues Jahr. Bleibt behütet! Ich lege hier nun eine Schreibpause ein bis irgendwann im Januar. Kommt gut rüber!

Eure Christiane Müller

 

 

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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