Unterstützung…

Der Tag heute brachte viele interessante Wendungen. Zum einen werde ich bei Pastor2Go einsteigen, das ist eine Art Agentur für freie Theologen. Natürlich arbeite ich auch selbständig, aber eine Agentur im Rücken zu haben ist auch nicht schlecht.

Und zum anderen bot mir eben ein alter, lieber Freund der im spirituellen und Erwachsenenbildungssektor aktiv ist an, Fortbildungen und Kurse bei ihm für umme (gratis) zu besuchen. Das ist dermaßen großzügig, dass ich mich vor Dankbarkeit kaum einkriege. Es passt auch dazu, dass ich schon immer gesagt habe: Ich möchte zu sozial verträglichen Tarifen arbeiten und eventuell auch mal jemanden gratis beraten – manchmal ist „Karma“ doch auch ganz nett. Jetzt bekomme ich sozusagen als Vorschuss, was ich wenn ich selber im Sattel bin auch geben will.

Und morgen: Den zweiten Abend meines Seminars zum „göttlichen Kind“ vorbereiten, wenn ich noch dazu komme Standesämter anschreiben und weiter Ideen spinnen.

Spiel weiter!

Geigenunterricht. Ich zu Beginn der Stunde zu meinem Lehrer: „Momentan übe ich nur sehr wenig. Selbst wenn ich Zeit habe, ich habe den Kopf so voll mit anderen Sachen. Und das Orchesterzeug ist momentan so ätzend. Wenn ich schon übe, dann lieber was, was einigermaßen Spaß macht.“

„Was hast du denn geübt?“

„Corelli. Aber auch nicht so arg viel.“

„Dann fang mal an.“

Corelli Sonate Nr. 12 „La Follia“ traktiere ich nun seit etlichen Wochen und es ist eins der wenigen Stücke, die ich nicht nach einiger Zeit nicht mehr hören kann. Variationen über ein Thema. Viele nette, kurze und übersichtliche „Sätze“, die man auch mal einzeln spielen kann.

Ich fange also an. Spiele das Hauptthema. Werfe meinem Lehrer einen fragenden Blick zu. Normal unterbricht der mich immer, wenn was nicht so gut war. Und ich persönlich fand, dass das jetzt nicht so doll war…Er unterbricht nicht. Er sagt: „Spiel weiter!“

Nanu.

Also dann probieren wir mal Variation Nr. 1. Fragender Blick in Richtung Lehrer. Er unterbricht immer noch nicht, sondern nickt mir aufmunternd zu. Ich spiele weiter. Nach der 2. Variation gucke ich nicht mehr zu ihm. Ich spiele. Und spiele. Und spiele. Das ganze Stück, sechs Seiten, ohne Unterbrechung, außer dass ich zwei Variationen überspringe, die etwas eklige Doppelgriffe haben und die ich mir noch ein wenig aufhebe. Das erste mal, dass ich etwas das länger als eine oder zwei Seiten ist ohne Unterbrechung von vorn bis hinten durchspiele.

Und auf einmal so was wie Flow. Ich höre zwar, dass das nicht alles perfekt ist, aber seltsamerweise macht es mir heute zum ersten mal nichts aus. Vielleicht war das eine der wichtigsten Lektionen der letzten Wochen. Auch mal etwas zu Ende spielen können, ohne dass es perfekt ist. Obwohl jemand zuhört…

Doch ja, wir haben uns dann noch ein paar Stellen vorgenommen. An Übergängen gearbeitet. Und dann doch noch ein paar von den momentan ätzenden etwas anspruchsvollen Orchesterpassagen geübt.

Es war wenig spektakulär – und trotzdem heute so eine Art mentaler Durchbruch. Etwas zu Ende spielen, ohne dass es schon perfekt ist. Dran glauben, dass ich es spielen kann. Und dann einfach spielen.

Was das nun für andere Lebensbereiche bedeutet, muss ich noch durch buchstabieren. Ich bin jedenfalls sehr dankbar für diese Erfahrung heute.

Uns ist ein Kind geboren… 1. Abend

Sehnsucht, Verheißung, „Archetyp“

Das göttliche Kind gehört zu den so genannten Archetypen nach Jung.

Ein Archetyp ist eine Art Seelenbild, das unabhängig vom Kulturkreis Menschen gemeinsam ist. Besser gesagt: Es gibt archetypische Menschheitserfahrungen, die sich dann in archetypischen Bildern niederschlagen.

Arché = Ur-, Anfang

Typos = etwas Typisches, Ausprägung, Figur, Form

Also eine Art Urform menschlichen Erlebens, die sich in inneren Bildern, Träumen, religiösen Vorstellungen niederschlägt.

Archetypische Erfahrungen sind z.B.: Geburt, Tod, Vater, Mutter, Familie, Kindheit, Jugend, Alter und andere.

Archetypische Bilder sind z.B. der alte Weise (Gott Vater, …), die große Mutter (Muttergottheiten, Maria als Mutter…), der Held, der Magier, verschiedene Ungeheuer (archetypische Bilder für existentielle Bedrohungen), der Schatten (Manifestation von nicht gelebten inneren Anteilen, die aber immer da sind), Animus und Anima (der jeweils gegengeschlechtliche Anteil der eigenen Seele), sowie das Selbst.

Auch bestimmte Symbole können Archetypen sein: Der Kreis (das Unendliche), das Kreuz (vier Himmelsrichtungen oder Verbindung von Himmel und Erde), Dreieck, usw.

Wir gehen auf Weihnachten zu, wo Christen die Geburt Jesu feiern. Um Geburt und Kindheit Jesu ranken sich sehr viele Geschichten und neben der Kreuzigung sind die Bilder um die Geburtserzählung herum die häufigsten bildlichen Darstellungen Jesu überhaupt.

Nach christlicher Überlieferung ist Jesus erfüllen sich mit der Geburt Jesu alte Prophezeiungen von einem göttlichen Erlöser, einem Messias, einem weisen König. Und eigentlich sind diese Prophezeiungen so überhöht, dass kein Mensch sie jemals erfüllen könnte.

So lesen wir z.B. bei Jesaja im 9. Kapitel über „Die Verheißung der Geburt des göttlichen Kindes“ (Überschrift in der Einheitsübersetzung)….Text lesen….

Ein schöner Text. Aber, ganz ehrlich, das arme Kind! Was für Erwartungen, was für Hoffnungen die da auf ein kleines Menschlein projiziert werden! Gerechtigkeit, Friede, das Kind als wunderbarer Ratgeber, ja sogar als starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.

Das arme Kind… und doch: Menschheitssehnsüchte! Schon damals bei Jesaja. Einer muss doch mal kommen und es richten…es kann doch nicht immer so weitergehen.

Und wer soll es richten? Der Messias. Dessen göttliche Geburt hier verheißen wird.

Bei Jesaja finden sich noch viele andere Verheißungen über eine göttliche Erlösergestalt. In Bezug auf die wunderbare Geburt des Erlösers ist noch Jesaja 7,10-14 zu erwähnen (die Jungfrauengeburt). (Lesen)

Besonders das Lukasevangelium betont, viele hundert Jahre nach Jesaja, die wunderbare Geburt Jesu. Maria, die als Jungfrau das göttliche Kind in sich trägt. Lesen: Lukasevangelium 1,26-38.

Lukas spielt hier auf die beiden genannten Verheißungen bei Jesaja an, die Geburt des göttlichen Kindes und die Geburt durch eine Jungfrau.

Warum eine Jungfrau? Um zu betonen, dass Jesus wirklich Gottes Kind ist, der verheißene Retter. Ist das biologisch möglich, fragt der aufgeklärte Mensch. Darum geht es aber gar nicht. Jeder weiß, wie Kinder gezeugt werden. Die Jungfrauengeburt ist ein Bild dafür, dass alles wirklich Große, das geschieht, nicht passiert weil Menschen es wollen oder können, sondern weil der Geist Gottes es anregt und bewegt.

Für mich ist es ehrlich gesagt völlig egal, ob Jesus wirklich von einer Jungfrau geboren wurde. Denn es geht um etwas anderes, es geht darum, wie das Göttliche sich seinen Weg in die Welt sucht.

Von Anfang ist klar:

Dieses Kind ist Gottes Kind und dieses Kind wird es schwer haben.

Es wird es schwer haben, weil die Menschen es von Anfang an mit ihren Erwartungen überladen.

Und zugleich ist dieses Kind aber das göttliche Kind, durch das Gottes Licht in die Welt kommt. Auch andere Religionen kennen den Archetyp des göttlichen Kindes und seiner wunderbaren Geburt. Diesen Text dazu fand ich sehr erhellend.

Laut C.G.Jung ist das „göttliche Kind“ ein Archetypos, Ausdruck einer Ur-Sehnsucht im Menschen. Einerseits Sehnsucht nach Erlösung.

Andererseits das tiefe Wissen, dass alles wirklich Große ganz klein anfängt und dass es nicht in unserer Macht steht, es irgendwie selbst zu schaffen.

Laut C.G. Jung sind Gestalten wie Jesus oder Buddha Archetypen für das Selbst des Menschen. Christlich ausgedrückt: Sie zeigen uns, was Gott gemeint hat, als er den Menschen erschuf. Ebenfalls christlich ausgedrückt: Christus lebt in jedem Einzelnen von uns. Er kommt durch uns zur Welt und drückt sich durch uns aus.

Und Weihnachten, die Geburt des göttlichen Kindes, bedeutet dann, dass wir uns dessen bewusst werden, dass Gott in uns lebt.

Ein altes Bild christlicher Mystiker: Wir können nicht machen, dass Gott auf die Welt kommt – aber wir können die Krippe vorbereiten. In alten Weihnachtsliedern ist oft davon die Rede, dass der Singende in seinem Herzen die Krippe für den neu geborenen Jesus einrichten möchte. Ich finde das ein wunderbares Bild.

Was unsere Sehnsüchte betrifft: Kann dieses göttliche Kind denn all das vollbringen, was Menschen von ihm erwarten? Friede, Gerechtigkeit, Liebe, Leben, Licht in der Welt durchsetzen?

Ich glaube: „Durchsetzen“ ist das falsche Wort. Immerhin kann das göttliche Kind aber die Sehnsucht nach einer besseren Welt in uns wach halten. Uns auf die kleinen Anfänge achten lassen. Es verbindet uns mit Gott und unserem wahren Selbst.

Das ist keine sofortige Lösung aller Probleme dieser Welt, aber es ist ein guter Anfang.

Beim nächsten Mal geht es um das Thema der Gefährdung des göttlichen Kindes.

 

© Christiane Müller, Coburg, 2015