„….wie einen seine Mutter tröstet“?!

Gott spricht: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66,13)

Das ist die Jahreslosung für 2016.

Meine erste Reaktion darauf? „Bitte nicht.“

Heute jährt sich zum dritten  Mal der Todestag meiner Mutter. Am 2. Januar 2013 stand ich an ihrem Sterbebett bei den „Barmherzigen Brüdern“ in München. Sie war nicht mehr bei Bewusstsein. Ich sagte zu ihr: „Geh. Du hast es so gemacht, wie du es konntest.“

Mutterliebe…das einzig positive Gefühl, das ich für meine Mutter noch empfinden konnte, aber nur wenn ich selber extrem gut drauf war, war so eine Art Barmherzigkeit.

Meine Mutter litt, jedenfalls vermute ich das sehr stark, obwohl das natürlich nie diagnostiziert wurde, an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Wobei die Frage ist, wer eigentlich mehr darunter „litt“. Sie oder ich. Neulich entdeckte ich eine Seite, die von einer ebenfalls betroffenen Tochter verantwortet wird, eine Art Selbsthilfe-Plattform für Angehörige, besonders Kinder von narzisstischen Müttern. Ich las. Ich setzte in Gedanken hinter jeden Satz ein grünes Häkchen. Alles, was dort steht, hätte ich auch selber schreiben können. Mit dem Unterschied, dass ich, im Gegensatz zur Betreiberin der Seite, als Einzelkind aufgewachsen bin und so in den Genuss kam, die Rollen des „goldenen Kindes“ und des „Sündenbocks“ abwechselnd zugeschoben zu bekommen. Bei einer narzisstisch gestörten Mutter aufzuwachsen prägt für das ganze Leben. Ich habe halbwegs gelernt, damit umzugehen. Aber letztlich ist es genauso wie bei Überlebenden von sexuellem Missbrauch: Es bleibt etwas. Was bleibt? Es bleibt ein Sprung in der Seele, der je nach „Lichteinfall“ sichtbarer oder weniger sichtbar, aber immer vorhanden ist. Selber eine Therapie machen? Hat geholfen. Es hat geholfen, viele Mechanismen zu durchschauen und nicht mehr immer nur automatisch zu reagieren.

Es ändert allerdings nicht daran, dass ich mit innerer Alarmbereitschaft reagiere, sobald ich auch nur einen Hauch von Manipulation oder emotionaler Erpressung erahne. Es ändert auch nichts daran, dass ich mich permanent selber frage, ob ich nun in Verhaltensschemata verfalle, mit denen ich andere manipuliere.

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“- erzeugt in mir erst mal Abwehr. Meine Mutter hat mich nicht getröstet, wenn dann war es umgekehrt. Wohl ein Grund, weshalb ich im Gegensatz zu vielen nie Probleme mit dem Bild von Gott als Vater hatte.

Und da stand ich dann heute vor drei Jahren am Sterbebett meiner Mutter. Was ich empfunden habe? Einerseits trotz allem Trauer, vor allem um alles was nicht war. Aber, seien wir ehrlich: Auch unendliche Erleichterung darüber, dass ich diese meine Mutter eben nicht in ihrer (damals einsetzenden) Demenz pflegen muss, dass ich ihr nicht geben muss, was sie mir nie geben konnte, dass ich aus der Rolle der „aufopfernden Tochter“ heraus komme und den Rest meines Lebens Zeit habe, mich vollends von dem allen zu lösen.

Wie sie wohl so geworden ist? Geredet hat sie darüber nie. Ich vermute stark, dass die auch ziemlich gelitten hat und eben manches davon an mich weiter gegeben hat. Das macht es aber nicht besser.

Nun hat sie ihre Ruhe. Und ich habe, zumindest was sie als reale Person betrifft, meine Ruhe vor ihr. Ich glaube und hoffe, dass es „auf der anderen Seite“ so eine Art Waschanlage für Seele gibt und dass wenn wir uns wiedersehen, ich die Frau treffe, die Gott eigentlich gemeint hatte, als er sie ins Leben rief.

 

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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10 Antworten zu „….wie einen seine Mutter tröstet“?!

  1. Andreas schreibt:

    oh Mann Christiane, was für ein wunderbarer Text!
    Andreas

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  2. Sólveig schreibt:

    Danke für diesen mutigen und wunderbaren Text. Ich kann sehr vieles davon nachfühlen.

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  3. dierkschaefer schreibt:

    ehrlich und gut.

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  4. lotosritter schreibt:

    Ich denke, Narzissten leiden nur an narzisstischer Kränkung, ansonsten sind sie schmerzfrei für den Schmerz, den sie in ihrer narzisstischen Verblendung ihrer Mitwelt zufügen. In meinem Blog habe ich über die narzisstische Mutter meiner Frau reflektiert (Die perfekte Rabenmutter).

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    • DieTheologin schreibt:

      Ich denke, Verblendung ist genau das richtige Wort. Man konnte mit meiner Mutter einfach über ihr Verhalten nicht reden. ICh habe alles versucht: Erklärt, wie es mir geht, sie angebrüllt, sie konfrontiert, es auf die sanfte Tour versucht – es war, als ob alles irgendwo abprallt, die einzige Reaktion waren Tiraden ihrerseits oder heulige Selbstmitleidsanfälle. Ich habe den Kontakt dann auf ein Minimum reduziert und nur noch über Themen mit ihr gesprochen, die weit weg vom Persönlichen waren.

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    • Wolfram schreibt:

      Und gegen diese Pathologie ist kein Kraut gewachsen… 😦

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  5. Ellen Tedaldi schreibt:

    Auf die Gefahr hin, dass ich mich unbeliebt mache…..

    Meine Mutter war für mich auch nie eine „Mutter“. Psychisch krank, alkoholabhängig, gewalttätig.

    Und DOCH freue ich mich über diese Jahreslosung. Für mich ist es sehr tröstlich und Mut machend, wenn ich schon zu Beginn eines neuen Jahres die Zusage Gottes hören darf, dass er mich in
    allem trösten und stärken will, dass er Halt und Kraft geben wird, dass ich allezeit bei ihm
    geborgen sein darf -ganz egal was in den kommenden 366 Tagen alles geschehen wird!

    „Freut euch mit Jerusalem, und jauchzt über sie, alle, die ihr sie liebt! Frohlockt von Herzen
    mit ihr, alle, die ihr um sie trauert! Damit ihr trinkt und satt werdet an der Brust ihres Trosts,
    damit ihr schlürft und euch erquickt an ihrer prall gefüllten Mutterbrust. Denn so spricht Gott:
    Siehe, wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr und den Reichtum der Nationen wie einen
    flutenden Fluss, und ihr werdet trinken; auf der Hüfte werdet ihr getragen, und auf den Knien
    werdet ihr geschaukelt. Wie einen seine Mutter tröstet, will ich euch trösten, und ihr sollt getröstet
    werden in Jerusalem. Und ihr werdet es sehen, und euer Herz wird frohlocken, und
    eure Knochen werden erstarken wie junges Grün.“ [Jesaja 66,10-14a]

    Viele mütterliche Ausdrücke finden sich in diesen Sätzen, einerseits bezogen auf das endzeitliche
    Jerusalem, andererseits bezogen auf Gott selber (besonders mit der Jahreslosung).
    Ich finde es sehr bedeutsam, dass in der Bibel Gott auch mit mütterlichen Begriffen beschrieben
    wird, dass Gott also auch mütterliche, weibliche Züge hat. Er ist nicht nur der Vater, der
    Herr, der König, der Herrscher etc. ‒ Zwar wird Gott in der heiligen Schrift grossmehrheitlich
    mit solchen stark männlich geprägten Wörtern benannt; darum ist das auch das vorherrschende
    Bild von Gott, das wir in unserem Inneren tragen. Und in aller Regel sprechen wir
    Gott mit „Vater“ oder „Herr“ an.
    Dennoch dürfen wir Gott nicht auf die Männlichkeit (und schon gar nicht auf eine bestimmte
    machomässige Vorstellung von Männlichkeit) beschränken und reduzieren. Gott ist genauso
    eine Mutter, wie er ein Vater ist. Das kommt aber weniger in den Substantiven, mit denen er
    beschrieben wird, zum Ausdruck als vielmehr in den Verben, den Tätigkeitswörtern: trösten,
    lieben, umsorgen, sich kümmern, behüten, sich erbarmen, bergen, unter die Fittiche nehmen
    etc. Sehr viele weibliche und mütterliche Züge dürfen wir erfahren in Gottes Wesen und in
    seinem Umgang mit seinen Kindern.

    Natürlich kann dies bis zu einem gewissen Grad eine menschliche Mutter tun, und wir dürfen
    dankbar sein für alle Mütter, die dieser Berufung nachleben. Doch letztlich wird jede menschliche
    Mutter überfordert sein, wenn sie den immensen Liebeshunger in unserer Seele vollständig
    stillen sollte. Nur Gott ist dazu in der Lage.
    Trost, der tatsächlich hält, Arme, in denen wir wahrhaftig geborgen sein können, Liebe, die wirklich bedingungslos ist und beständig bleibt, finden wir letztlich nur bei unserer Mutter im Himmel, bei
    Gott.
    Darum wird Gott in der Bibel nicht müde, uns Menschen nicht nur viele wunderbare Verheissungen
    zuzusprechen, sondern uns auch immer wieder aufzurufen, uns tatsächlich ihm zuzuwenden,
    zu ihm zu kommen, seine Gaben bei ihm abzuholen, uns von ihm lieben zu lassen.
    ‒ Dieser Ruf Gottes ist auch hinter unserer Jahreslosung zu hören. Wenn Gott uns verspricht:
    „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, dann sehnt er sich doch danach, dass wir uns
    von ihm tatsächlich trösten lassen.
    Darum schlage ich folgenden guten Vorsatz für das neue Jahr 2016 vor: Lassen wir uns von
    Gottes Verheissung ansprechen; wenden wir uns ihm immer wieder neu zu und suchen wir
    bei Gott, unserer himmlischen Mutter, Trost, Kraft, Schutz, Liebe und Geborgenheit ‒ so dass
    auch wir, mit David, dem Autor von Psalm 131, sagen können: „Ich habe meine Seele beruhigt
    und still gemacht. Wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir“ [Psalm 31,2]

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  6. Sonja schreibt:

    Liebe Christiane
    Besser hätten Sie meine Gedanken und Gefühle nicht aufs Papier bringen können, ich inzwischen selber in Rente übe mich immer noch im Abgrenzen gegenüber meiner narzisstisch gestörten Mutter (94) und weiss genau wovon Sie sprechen. Danke für Ihre offenen Worte und liebe Grüße Sonja

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    • DieTheologin schreibt:

      Alles Gute und viel Kraft…ich denke, es ist eine Lebensaufgabe, erstens zu erkennen was war, zweitens damit leben zu lernen, drittes die eigene Mutter trotzdem nicht zu verachten und viertens irgendwann vergeben zu können…

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