Pegida, such dir ne Couch

In Clausnitz bedrohte ein pöbelnder Mob Asylbewerber in einem Bus. Bei Pegida in Dresden wurde am 22.2. dafür Beifall geklatscht und das Ereignis mit „Clausnitz! Clausnitz!“ – Rufen gefeiert, sowie in einer geifernden Rede von Tatjana Festerling bejubelt.

Ich finde es ekelhaft und traurig und stehe ratlos daneben. Denn obschon mit viel Empathie begabt, kann ich mich da nicht wirklich hinein versetzen. Ich verstehe solche Menschen nicht. Vielleicht muss man auch nicht alles verstehen. Vielleicht wäre man selber psychisch auffällig oder krank wenn man wirklich alles verstehen könnte.

Ganz ehrlich: Ich glaube, dass nicht nur „wir Anständigen“ ein Problem mit diesen Leuten haben, sondern vor allem die mit sich selbst. Was ist da falsch gelaufen, wenn Leute, die in einem immer noch gut funktionierenden Sozialstaat leben, derart gegen die geifern und auf denen herumtrampeln, denen es noch schlechter geht als ihnen selbst (wenn es ihnen denn schlecht geht, was ich nicht weiß)? Logischen Argumenten sind diese Leute nicht zugänglich. Ginge es mit Logik, wären sie ja nicht so. Nein, ich glaube viel mehr, wir haben es hier Leuten zu tun, die ein ganz massives Problem mit ihrem eigenen Selbstbewusstsein haben. Die nicht wissen, wer sie sind, und daher auf allem herumhacken, was den letzten Rest einer eigenen Identität untergräbt. Identitätslose Menschen, die sich nicht mit dem identifizieren können, was sie selber sind und leisten. Weil sie Angst haben, nichts und niemand zu sein und nichts leisten zu können. Je mehr „wir“ uns darüber ereifern oder darüber lachen, dass Leute, die die deutsche Rechtschreibung nur rudimentär beherrschen, auf ihren „Stolz als Deutsche“ pochen, desto mehr werden sie sich bestätigt fühlen, dass die ganze böse Welt und vor allem wir bösen Gutmenschen uns gegen sie verschworen haben.

Diese Leute ziehen den ganzen kläglichen Rest ihres Selbstbewusstseins und ihrer eigenen Identität daraus, andere zu Buh-Männern zu machen. Asylbewerber, Gutmenschen, Politiker. Das sind irgendwie traurige Gestalten, was die Sache natürlich nicht entschuldigt. Und doch die Frage: Wie wird man so?

Ja, mit denen müsste man reden. Aber nicht über Politik und nicht über Asylbewerber, sondern über ihre eigenen sozialen Ängste und darüber, was da eigentlich in ihrer Biografie schief gelaufen ist. Woher diese Ich-Schwäche kommt. Je länger ich das Geplärre von Pegida und Co höre, desto mehr drängt sich mir der Eindruck auf, dass wir es hier mit Leuten zu tun haben, die sich verhalten, wie in die Ecke gedrängte verängstigte Tiere. Das ist keine reine Aggression, das ist Angstgeplärre. Hilfe, wir gehen unter! Wir haben so Angst! – Es handelt sich aber nicht um konkret und berechtigte Ängste, sondern um ein neurotisches Mischmasch diffuser Befürchtungen, und das hat seine Wurzeln selten bis nie in der konkreten „Bedrohung“ sondern ganz woanders.

Am liebsten würde ich jeden einzelnen Pegida-Anhänger fragen: Hast du mal erlebt, dass jemand stolz auf dich war? Wie war das Verhältnis zu deinen Eltern früher? Durftest du als Kind du selbst sein und sagen was du denkst und fühlst? Wurdest du geliebt?

Nein, es entschuldigt gar nichts, denn ab einem gewissen Alter sind wir für unserer weitere Entwicklung verantwortlich. Ich meine nur, dass wir mit Diskussionen über Asylpolitik das eigentliche Problem nicht lösen, auch wenn sie natürlich geführt werden müssen.

Und euch, liebe Pegida-Anhänger lege ich nahe: Sucht euch eine Vertrauensperson, mit der ihr ohne Geplärre und ohne das Gefühl euch rechtfertigen zu müssen, reden könnt. Zum Beispiel einen guten Therapeuten.

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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5 Antworten zu Pegida, such dir ne Couch

  1. Nicole schreibt:

    In meiner Predigt letzten Sonntag ging es um den Satz „Fürchte dich nicht“…

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  2. Chris schreibt:

    Eine der besten Analysen zur der Thematik die ich seit langem gelesen habe. Den Punkt voll getroffen.

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  3. gann uma schreibt:

    Nach meiner persönlichen Erfahrung mit ignoranten, selbstgerechten Spießern haben die keine tieferen verborgenen Beweggründe – es sind einfach nur ignorante selbstgerechte Spießer. Sie machen alles, weil es schon immer so gemacht wurde. Sie bilden sich Rechte ein, weil sie sich für den Mittelpunkt der Welt und den Maßstab aller Dinge halten. Sie haben Angst diese Rechte zu verlieren bzw. zu erkennen, dass sie solche Rechte gar nicht haben. Sie halten sich für außerordentlich anständig, solange es nicht unbequem wird. Selbstverständlich respektieren sie nur ihresgleichen
    Daraus wird Intoleranz, Gehässigkeit und ekelhafter Unanstand. Zuviel Ehre, da nach tieferen Beweggründen zu suchen. Leider. Deshalb sind Vernunft, Diskussion, Ernstnehmen verschwendet.

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  4. Deprifrei-Blog schreibt:

    Ich habe mir darüber auch lange nachgedacht, woher Pegida, Rechtsextremismus und AfD kommen. Irgendwann bin ich zum Schluss gekommen, dass ein guter Teil der Ursachen in einer kranken Psyche liegen und dafür gewiss auch eine Depression oder eine depressive Verstimmung verantwortlich sind.
    Ich habe noch nie einen zufriedenen oder glücklichen Menschen erlebt, der gegen Flüchtlinge, Ausländer oder Asylanten hetzt. Meist waren es depressive Naturen. Das muss ich leider zugeben. Und im Osten gibt es diese depressive Verstimmung allerorten und dies habe ich in meinem Blog http://deprifrei.twoday.net/stories/1022550750/ beschrieben.
    Ich kann mich in diese Menschen einfühlen, da ich diese Gefühle vom Abgehängtsein kenne. Ich lehne Fremdenfeindlichkeit ab, aber sie hat ihre Ursachen.

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