Trotzdem!

Diese Kar- und Ostertage habe ich wirklich sehr intensiv erlebt. Bewegende Gottesdienste. Dabei immer der Grundklang dessen, was die Welt momentan bewegt: Terror, Krieg, so vieles das der Osterbotschaft zu spotten scheint.

Die Welt ist in Karfreitagsmodus. Die Verräter, Pilatusse, die groben Soldaten, die den Schwächeren schänden und verhöhnen sind allgegenwärtig. Viele werden an Kreuze genagelt. Im wörtlichen Sinn oder im übertragenen Sinne.

Auf der anderen Seite endet die Geschichte eben nicht am Karfreitag. Was viele als Mythos abtun, haben die Jünger damals und viele nach ihnen bis zum heutigen Tag als existentiell und das Leben verändernd erlebt: Er ist auferstanden und lebt mitten unter uns. Sehr viele tun den christlichen Glauben als realitätsfremd ab. Ich persönlich wüsste aber nichts, was der Welt mehr Hoffnung und mehr Mut zum Aufstand gegen die Macht des Faktischen verleiht, als der Glaube an den Gekreuzigten, der auferstanden ist und lebt. Es geht dabei nicht um Dogmatik. Es geht um die Frage: Glaube ich dass der Tod, die Zerstörung, die menschliche Willkür das letzte Wort haben? Oder glaube ich, dass das Leben am Ende siegt, dass die Liebe stärker ist als der Hass, dass am Ende Licht und Liebe sind und nicht endloser Schmerz, Finsternis oder einfach nur Nichts.

Eine Wandinschrift: „Gott ist tot. Nietzsche.“

Zusatz: „Nietzsche ist tot. Gott.“

Noch ein Zusatz: „Tote reden nicht. Django.“

Jesus redet sehr deutlich. In seinen Worten in der Bibel und in vielen vielen Menschen, die nach seinem Vorbild glauben, hoffen und lieben. Also ist er eben nicht tot. Menschen erleben die verändernde Kraft seiner Botschaft bis heute. Der auferstandene Jesus soll zu seinen Jüngern gesagt haben: Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Und sollte das ein Irrtum sein, dann irre ich mich lieber zugunsten eins erfüllten und innerlich reichen Lebens, als vor einer Realität zu verstummen, in der der Tod das letzte Wort hat.

„Je suis…“- ja was jetzt eigentlich?

In Brüssel sind 26 Menschen durch terroristische Anschläge ums Leben gekommen. Am 13. November waren es weit über 100 in Paris. Reaktion in den sozialen Medien: Einfärben der Profilbilder auf Twitter, Facebook und Co in den jeweiligen Landesfarben. Bei Paris habe ich auch noch mitgemacht. Aber inzwischen könnte man fast wöchentlich seinen Avatar wechseln. „Je suis Paris“, „Je suis Charlie“, „Je suis Beirut, Ankara, Brüssel, Madrid, London, …“

Die Twittertimeline reagiert inzwischen genervt:

Shit

Andere äußern Betroffenheit. Kerzenbilder. Betet für Brüssel. Paris. Die Welt.

Kerzen

Die Bilder drücken Solidarität aus, spiegeln Trauer, Wut, Ratlosigkeit. Momentan macht mich das Geschehene zornig. Es macht mich zornig, dass einige Wenige zerstören wollen, was „wir“, die „westliche Gesellschaft“, in Jahrhunderten unter vielen Opfern aufgebaut haben. Eine freie Gesellschaft, in der weitgehend Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und wirtschaftlicher Wohlstand herrschen. Was gibt irgendjemandem das Recht, in Brüssel oder sonstwo die Zivilbevölkerung zu massakrieren?

Ganz schnell frage ich aber weiter: Was gibt irgendjemandem das Recht, das anderswo zu tun? Wessen Waffen sind es, die zu Millionen Menschen in die Flucht treiben? Wo kommen diese Waffen her? Hat das was mit dem Terror in Brüssel zu tun? Ja oder nein? Ich weiß es nicht! Was ist die Ursache dafür, dass Menschen sich derart bereitwillig radikalisieren lassen? Das ist keine rhetorische Frage, ich weiß es wirklich nicht. Will ich es verstehen? Nein, ehrlich gesagt nicht. Wer unschuldige Zivilisten meuchelt, der verdient kein Verständnis. (Sagen das die „anderen“ auch über „uns“? Wieder: Ich weiß es nicht!)

Eins aber glaube ich schon zu wissen, und zwar, dass es nicht besser wird, wenn „wir“, die westliche Gesellschaft, kollektiv den Kopf verlieren und panisch und irrational reagieren. Es hilft auch nicht, nun auf denen herumzuhacken, die aus genau solchen Verhältnissen und viel schlimmeren zu uns fliehen. Flüchtlinge sind keine Terroristen, sie sind Opfer. Es macht keinen Sinn, den Rattenfängern von AfD, Pegida und Co hinterher zu laufen. Die haben keine Lösungen. Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, was politisch Sinn macht. Ich weiß Zuwenig über die tieferen Zusammenhänge, und ich vermute, dass es den allermeisten Menschen genauso geht. Auch denen die groß tönen und angeblich Antworten parat haben.

Um ehrlich zu sein: Das Einzige, was für mich Sinn macht, ist der Blick auf denjenigen, dessen Tod und Auferstehung wir in den nächsten Tagen begehen. Nein, seine Lehre ist kein politisches Programm. Aber sie ordnet die Seele, die Gedanken, die Emotionen. Sie verhindert Schnellschüsse und Schnellschlüsse. Und die Welt wäre wesentlich menschlicher, wenn jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten versuchen würde, sie umzusetzen.

 

Katharsische Karwoche

Die Karwoche hat begonnen. Für mich immer ganz besondere Tage. Meistens beutelt es mich etwas. Dinge, an die ich lange nicht gedacht habe tauchen auf. Die Höhen sind sehr hoch und die Tiefen sehr tief. Ich erlebe die Karwoche fast jedes Jahr als Tage intensiver innerer Prozesse, Klärung, Reinigung. Ich empfinde das als Geschenk und lebe diese Woche sehr intensiv.

Und natürlich muss es sein: Einmal in dieser Woche lausche ich der Matthäus- oder Johannespassion. Noch toller ist es natürlich, sie selber mitzusingen, aber leider führen wir sie dieses Jahr nicht auf. Also ist heute der Tag. Euch allen eine gesegnete Karwoche.

Matthäuspassion

 

Du hast meine Fesseln gesprengt

Fesselngesprengt

Gestern war ich in meiner katholischen Wahlgemeinde St. Augustin zur Neueinweihung der Kirche nach fast zwei Jahren Schließung wegen Generalsanierung. Das ganze vergangene Jahr war ich fast jeden Sonntag zum Gottesdienst in St. Augustin – immer im Pfarrsaal. Die Kirche selbst kannte ich flüchtig, war wohl ein oder zwei mal drin, damals, als ich noch Pfarrerin war und zu irgendwelchen ökumenischen Veranstaltungen eingeladen war. Den Altarraum dominierte ein riesiges, sehr real anmutendes Kruzifix. Das ist nun anders. Das Kruzifix ist nicht mehr da. Dafür ein ganz schlichtes Vortragekreuz und ein goldener Wandfries mit der Inschrift: Du hast meine Fesseln gesprengt

Und nein, ich habe den Punkt nicht vergessen, im Originalzitat ist da kein Punkt. Wohl um auszudrücken: Ende offen! Du hast meine Fesseln gesprengt ist, habe ich mir sagen lassen, ein Augustinus-Zitat.

Du hast meine Fesseln gesprengt

Auferstehung. Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Nicht das Kreuz oder das Grab haben das letzte Wort. Der gekreuzigte Gott wird zum befreiten Gott. Auch befreit von menschlichen Festschreibungen, die doch immer wieder nur mit kläglichen Worten versuchen, den freien, unbegrenzten und grenzenlosen Gott in irgendwelche Konzepte zu pressen.

Du hast meine Fesseln gesprengt

Der Auferstandene, ent-grenzte Christus macht den, der ihm vertraut, ebenfalls frei. Frei von Bildern und Selbstbildern, frei von Festschreibungen durch andere, frei von falschen Sicherheiten, frei von all den Selbst-Begrenzungen, die daran hindern, nach vorne zu schauen, weiter zu gehen, das eigene Leben zu leben, auch wenn es immer ein unvollkommenes und vorläufiges ist.

Vom schweren Kreuz zur Freiheit des offenen Himmels.

Laetare – Freut euch!

Morgen ist der 4. Fastensonntag – Halbzeit der Fastenzeit, das so genannte „kleine Ostern“ und neben dem 3. Adventssonntag (dem Sonntag Gaudete) der einzige Sonntag, an dem Pink die offizielle liturgische Farbe ist. Pink ist eine Mischung aus Violett und Weiß. Violett die Farbe der Buße, Weiß die Christusfarbe – das österliche Weiß scheint sozusagen schon durch das Violett der Leidenszeit hindurch. Nur dass die meisten Gemeinden leider keine Paramente und Messgewänder in Pink besitzen, weil das halt nur zwei mal im Jahr zum Einsatz käme.

Tagesevangelium morgen ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Die Heimkehr des verlorenen Sohnes zum Vater kommentiert dieser bekanntlich mit den Worten: „Dieser mein Sohn war tot und lebt wieder, er war verloren und ist wiedergefunden!“ Auferstehung im Kleinen, in den zwischenmenschlichen Beziehungen.

Mir gefällt das Rembrandt-Bild von der Heimkehr des verlorenen Sohnes sehr gut.

Rembrandt-The_return_of_the_prodigal_son

Interpretationen zu diesem Bild gibt es sehr viele. Zwei Sachen beeindrucken mich besonders: Zum einen die Hände des Vaters. Der Vater steht ja für Gott. Wenn man genau hinschaut, erkennt man, dass die Hände unterschiedlich sind. Die rechte Hand ist schlank und grazil, die linke Hand im Vergleich dazu viel kräftiger. Eine Frauenhand und eine Männerhand. Will sagen: Gott ist wie ein Vater UND wie eine Mutter.

Zum anderen steht rechts im Bild der ältere Sohn und betrachtet die Szene nachdenklich und vielleicht etwas mürrisch. Er ist derjenige, der brav daheim geblieben war, der nicht wie sein Bruder sein Erbteil mit Prasserei und Huren verbraten hat. Sondern immer schön anständig geblieben ist. Und was ist der Lohn? Der Vater empfängt den aufsässigen kleinen Bruder wie einen Prinzen, schenkt ihm neue Kleider, einen goldenen Ring und lässt sogar ein Kalb für ihn schlachten, damit alle feiern können. Und er, der Ältere, der Verantwortungsbewusste, hat nie etwas dergleichen vom Vater bekommen! Wie ungerecht. Und ja, nach menschlichen Maßstäben ist das natürlich ungerecht.

Wenn man aber genau hinhört, dann merkt man irgendwie: Der Ältere, der Brave, hat sich genauso vom Vater entfernt.  Er hat zwar seine Arbeit erledigt, aber nicht aus Liebe sondern aus Pflichtgefühl, nur mit halbem Herzen. Er war zwar körperlich anwesend, hatte aber innerlich gekündigt. Der kleine Bruder ist weggelaufen. Der ältere Bruder ist geblieben, aber innerlich entfremdet. Es ist also eigentlich nicht die Geschichte vom verlorenen Sohn, sondern die Geschichte von den zwei verlorenen und wiedergefundenen Söhnen, oder noch besser: Die Geschichte vom barmherzigen Vater.

Am Ende wird die Rückkehr des jüngeren Sohnes mit einem rauschenden Fest gefeiert – und der Vater bittet den Älteren, doch dazu zu kommen und sich mit zu freuen. Die Antwort des Älteren ist nicht überliefert.

Oft wurde versucht, die Geschichte auf zwei verschiedene Typen von Christen zu übertragen. Der Sohn der wegläuft wären demnach Menschen, die dem Glauben bewusst den Rücken kehren, der Sohn der da bleibt wären diejenigen, die „brav“ in der Kirche ausharren – fragt sich nur, ob mit Liebe oder nur halbherzig. Und ob die Kirche immer identisch mit dem liebenden Vater/Mutter-Gott ist, ist noch mal eine ganz andere Frage.

Ich glaube eher, dass wir beides sein können. Der aufmüpfige jüngere Sohn und der angepasste ältere. Und manchmal sind wir auch einfach mit Freude dabei. Letztendlich geht es darum, dass Vater/Mutter-Gott niemanden von sich stößt, auch nicht nach noch so absonderlichen Abwegen.

In diesem Sinne: Laetare – Freut euch!

Einen schönen Sonntag.

PS: Kleiner Nachklapp. Ein paar lose Gedanken:

Unser (alt-katholischer) Pfarrer erzählte mir heute nach dem Gottesdienst, dass früher diese Geschichte in der katholischen Kirche benutzt wurde, um Kinder auf ihre erste Beichte vorzubereiten und sie dabei auch gleich die „5 B“ zu lehren, die zur Beichte gehören: Besinnen, bereuen, bekennen, büßen und sich bessern. Heute meint er, sieht er das komplett anders, denn auch der jüngere Sohn ist nicht aus Liebe und Reue zum Vater zurückgekehrt, sondern schlicht und einfach weil er Hunger hatte. Und der Vater will die „Beichte“ auch gar nicht hören („Vater, ich habe gesündigt….“). Er nimmt ihn einfach so wieder an.

Und Freré Roger erzählte einmal, wie er das Gleichnis vor Jugendlichen aus wenig privilegierten Familien erzählt hat. Betroffenes Schweigen bei den Jungs. Dann sagt einer: „Bei uns habe nicht ich, der Sohn, die Familie verlassen. Sondern unser Vater….“