Dinge, über die sich mein 16jähriges Selbst wundern würde

Manchmal halte ich, mitten im Alltag, erstaunt inne. Und mir kommt der Gedanke: Wenn ich mein 16jähriges 80er-Jahre-Selbst in die Gegenwart 2016 beamen könnte, worüber würde es sich wohl am meisten wundern?

Zunächst einmal darüber, dass in U- und Straßenbahnen kaum noch jemand ein Buch liest, sondern alle in kleine rechteckige Kästchen starren. Wie ich mein 16jähriges Selbst kenne, würde es aber schnell solange quengeln, bis es auch ein Smartphone hat.

Zum zweiten darüber, dass es Menschen gibt, die beim Gassigehen mit ihrem Hund die Hundescheiße in eigens mitgebrachten Säckchen nachhause tragen. Und dass das sogar Vorschrift ist.

Zum dritten darüber, dass irgendwie kein Gleichaltriger mehr Mofa fährt. Und dass die gleichaltrigen Gymnasiasten heute so erstaunlich zielstrebig und ehrgeizig sind. Sie machen sogar meistens ihre Hausaufgaben.

Außerdem scheint es eine neue Währung zu geben, aber die Preise sind dieselben geblieben. Ein Euro ist eine Mark, oder?

Wenn mein 16jähriges Selbst dann nach und nach kapiert, warum die meisten Leute in diese kleinen Kästchen genannt Smartphones schauen, also das ganze Zeug mit Social Media, wäre es wohl erstaunt bis entsetzt, dass heute jeder freiwillig alles von sich preisgibt. Wenn mein 16jähriges Selbst unsichtbar sein wollte, brauchte es nur in einem unbeobachteten Moment von zuhause weggehen und abends irgendwann wieder kommen. Die Frage „Wo warst du?!“ stellt heute keiner mehr, weil jeder jederzeit weiß, wo der andere sich gerade aufhält.

Mit Erstaunen würde mein 16jähriges Selbst zur Kenntnis nehmen, dass es Eltern gibt, die ihre Kinder zur Schule fahren. Mit dem Auto. Wie höchst absonderlich. Auf diese Idee wäre in den 80ern kein Mensch gekommen. Und mein 16jähriges Selbst hätte das auch gar nicht gewollt. Auf dem 40minütigen Schulweg mit der Tram und dem Bus wurden nämlich Hausaufgaben abgeschrieben, letzte Vokabeln gelernt vor der anstehenden Schulaufgabe und Kontakte gepflegt.

Mein 16jähriges Selbst würde feststellen, dass manches heute irgendwie sehr seltsam ist. Und wäre entsetzt, dass Mobbing heute nicht mehr nur im unmittelbaren Umfeld der Schule möglich ist, sondern bis hinein in die Privatsphäre. Siehe kleine Kästchen, in die alle rein schauen.

Mein 16jähriges Selbst wäre zwar fasziniert. Würde sich dann aber ganz schnell wieder zurück beamen in die 80er. Mein 43jähriges Selbst versteht das gut. Lebt aber ganz gern 2016.

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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2 Antworten zu Dinge, über die sich mein 16jähriges Selbst wundern würde

  1. Ach, ich wurde durchaus manchmal in die Schule gefahren. Die Grundschule war eigentlich so weit weg, dass ein Bus hätte fahren müssen, aber für uns paar Hanseln hat sich das nicht gelohnt. Es wurden immer Kinder abgeholt und man hat sich bemüht, sich mit den jeweiligen Kindern gut zu stellen, damit sie einen auswählen, um mitzufahren.
    Später sind wir umgezogen und es gab einen Schulbus, aber es gab trotzdem Kinder, die gebracht oder geholt wurden. Ich habe den Schulbus später auch dringend gebraucht, um Hausaufgaben abzuschreiben, Vokabeln noch mal anzuschauen oder schnell zu lernen. An meinem alten Wohnort wäre das aber nicht gegangen, da hätte ich laufen oder mit dem Rad fahren müssen.

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  2. Thomas Jakob schreibt:

    Interessantes Gedankenexperiment. Ende der 1970er, als ich 16 war, war sozusagen das Vor-PC-Zeitalter, das Vor-Internet-Zeitalter, das Vor-Smartphone-Zeitalter. Mich würden die Möglichkeiten faszinieren, die unglaubliche weltweite Verfügbarkeit von Information. Gleichzeitig würde ich mich wundern, wie wenig dabei herauskommt, außer schnellerer Verbreitung von Blödsinn und Belanglosigkeiten.

    Ich würde mich wundern, wie konservativ und individualistisch so viele Gleichaltrige wären. Ich würde mich extrem wundern, dass es Udo Lindenberg noch gibt, und dass er besser ist als damals. Ein Schwarzer als US-Präsident, eine Frau als Bundeskanzlerin, der Euro, die EU, das alles fände ich sensationell. Das Ausmaß an Nationalismus und Rechtsradikalismus in Deutschland würde mich erschrecken.

    Ich wäre enttäuscht, dass es bei der Raumfahrt kaum weitergegangen ist, das wir es insbesondere noch nicht einmal bis zum Mars geschafft haben. Gleichzeitig wäre ich erleichtert, dass die ganze Erde doch noch nicht den Bach herunter gegangen ist, sei es durch einen Atomkrieg, sei es durch Umweltzerstörung.

    Ich würde wahrnehmen, wie sehr unsere Gesellschaft gealtert ist, wie viel mehr Grauköpfe ich überall sehe. Ob ich bleiben oder mich zurückbeamen würde, kann ich echt nicht sagen. Wahrscheinlich würde ich mich zurückbeamen und beruhigt und optimistisch in ein paar gute Jahrzehnte gehen.

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