„Tschüs, Oma!“

Regelmäßig vor Beerdigungen diskutiere ich mit Angehörigen der Verstorbenen, ob Kinder (Enkel, Urenkel, Nichten, Neffen, Patenkinder) von Verstorbenen mit zur Trauerfeier gehen dürfen/sollen, oder nicht. Regelmäßig gibt es Bedenken. Die Kinder seien noch zu klein. Man wolle den Kindern die Tränen ersparen. Besonders heftig wird es dann, wenn Kinder dabei sein wollen, es aber von ihren Eltern aus nicht dürfen. Ich versuche mein Möglichstes, Eltern zu überzeugen, dass Kinder sehr wohl einschätzen können, was sie verkraften und was nicht.

In meiner Pfarrerzeit habe ich das Thema Tod und Sterben auch mit meinen Konfirmanden behandelt. Unvergessen ist mir die Konfirmandin, die mit 13 Jahren noch auf ihre Eltern sauer war, weil sie als Achtjährige nicht zur Beerdigung der Oma mit durfte.

Zum Glück gibt es auch Eltern, die ihren Kindern den Abschied von einem geliebten Menschen nicht „ersparen“ wollen. Und immer wieder bin ich beeindruckt, wie selbst kleine Kinder auf ihre ganz eigene Art mit der Situation umgehen.

Heute hielt ich die Trauerfeier für eine ältere Dame, die Oma und Uroma von insgesamt 11 Enkeln und Urenkeln war. Nach der Ansprache standen alle etwas nachdenklich um das offene Urnengrab. Die Vögel sangen, auf dem Grab war ein wundervoll bunter Blütenkranz, der dem heiteren Temperament der Verstorbenen entsprach. Die erwachsenen Kinder und Enkel streuten Blütenblätter auf und in das Grab. Daneben stand ein Eimer mit Erde, und ab und zu nahm jemand mit der Schaufel etwas Erde und warf sie ins Grab.

Auf einmal stiefelt der etwa zweijährige kleinste Urenkel auf das Urnengrab zu. Er schnappt sich die Schaufel, die etwa so lang ist wie er selbst. Die Mutter eilt herbei und hilft ihrem Sohn, der mit freudiger Würde etliche Schaufeln Erde ins Grab der Uroma wirft. Und dann beugt sich der Kleine auf einmal über das Loch und ruft fröhlich hinein: „Tschüs Oma! Tschühüüüs! Tschüs Oma!“

Die Sonne schien. Einige lächelten. Die Tochter meint: „Genau so hätte sie es gewollt, die Oma!“

Kinder sind nicht zu klein für Beerdigungen lieber Menschen. Sie haben ihre ganz eigene Art des Umgangs mit Trauer und Tod. Es sind eher die Erwachsenen, die diesem unverkrampften Umgang im Weg stehen. Vielleicht aus Angst vor den eigenen Emotionen.

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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6 Antworten zu „Tschüs, Oma!“

  1. Rabin schreibt:

    Das geht nun wirklich unter die Haut.

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  2. Wolfram schreibt:

    Ganz genauso.

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  3. Katrin schreibt:

    Vielen Dank, das sehe ich genau so. Meine Kinder durften leider nicht von ihrer Oma Abschied nehmen, weil meine Schwägerin Angst hatte, in ihrer Trauer gestört zu werden. Meiner Tochter hängt das immer noch nach.

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  4. Hallo,
    ich denke auch, dass Kinder, unabhngig von ihrem Alter, Mglichkeit haben sollten, bei der Beerdigung dabei zu sein. Ich bin froh, dass ich als Kind mit fünf Jahren bei der Beerdigung meiner Zwillingsschwester dabei war, weil das zum Abschiednehmen dazugehört. Ich hätte mir allerdings trotzdem gewünscht, dabei besser begleitet zu werden: Der Gottesdienst war fremd für mich, das Grab kam mir so unglaublich tief vor, ich fühlte mich allein.

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  5. Pingback: Vernetzt im Oktober 2016 | Mama hat jetzt keine Zeit…

  6. Cornelia schreibt:

    Was für eine schöne Erinnerung, schön für die Uroma, schön für die Trauergäste, schön für den Kleinen (der sich wahrscheinlich später nicht mehr daran erinnert).
    Anfang des Jahres ist meine Oma verstorben. Sie hatte 5 Enkel und 3 Urenkel. Nach langem Nachdenken habe ich meinen 7jährigen Sohn mit zur Beerdigung genommen. Die anderen Kinder durften leider nicht mitkommen. Es hat alles gut geklappt, auch wenn wir wirklich alle sehr traurig waren und keiner lächeln konnte. Mein Sohn hat mir Taschentücher gereicht und hat sich ganz rührend um mich gekümmert. Wir sind dann auch zusammen an´s Grab gegangen und er hat Blütenblätter hineingestreut, das war sehr schön.
    Ich kann allen nur dazu raten, die Kinder teilhaben zu lassen!

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