Ansichten eines fast normalen Gemeindegliedes

Mit etwas Abstand sieht man manches anders. Was diese Binsenweisheit in Bezug auf meine Kirchenmitgliedschaft bedeutet, will ich kurz erläutern.

Noch vor wenigen Jahren habe ich mich, damals noch Gemeindepfarrerin, geärgert, dass so wenige bereit sind, in der Gemeinde mitzuarbeiten oder sich überhaupt dafür interessieren. Wo ich doch so spannende Projekte im Angebot gehabt hätte.

Vorgestern Abend mein Freund zu mir: „Morgen wird´s wieder schön, da könnten wir wandern gehen!“ – Jawoll, taten wir. Fuhren am Sonntagmorgen zum Wandern in die Fränkische Schweiz. Unterwegs vorbei an etlichen Kirchen. Alle mit einladend offen stehenden Türen. Aber wir gingen nicht rein. Warum? Weil es ein wunderbarer Spätsommertag war und wir halt wandern wollten. Sonst nichts.

Gegen Abend fuhren wir zurück. Dabei zufällig vorbei an dem Gotteshaus meiner Gemeinde. Auch da standen die Türen offen. Na, was ist denn da wohl heute los? Ich erinnerte mich dunkel, im Gemeindebrief irgendwas gelesen zu haben, da habe ich gedacht: „Och ja, klingt ganz gut, könnte man mal hinschauen…“ Aber was das genau war, fiel mir nicht ein, außerdem waren wir verschwitzt von 15 km Tour und ich wollte eigentlich nur unter die Dusche.

Mit anderen Worten: Meine Prioritäten haben sich komplett verschoben. Ich lebe meinen Glauben heute ganz anders, als vor 2-3 Jahren. Ich fühle mich deshalb trotzdem nicht kirchenfern, ich lese den Gemeindebrief und streiche mir Sachen an. Aber diese Planungen des geistlichen oder kirchlichen Lebens können sich auch spontan verschieben, zum Beispiel bei schönem Wetter.

Ich schätze, ich bin jetzt das, was man ein normales Gemeindeglied nennt. Manchmal kann ich mir vorstellen, wie „auf der anderen Seite“, da wo ich früher stand, die ehemaligen Kolleginnen und Kollegen hadern und sich fragen, was sie falsch machen. Das habe ich früher auch gemacht.

Heute rufe ich euch zu: Ihr macht gar nichts falsch. Nur dass das Zentrum eurer Bemühungen halt nicht automatisch im Fokus der Aufmerksamkeit eurer Gemeindeglieder liegt und selbst wenn ihr euch fünf Beine ausreißt: Wenn das Wetter schön ist, gehen die Leute Wandern und nicht in die Kirche. Also entspannt euch mal!

Schade, dass mir das vor drei Jahren keiner so deutlich gesagt hat.

Über DieTheologin

Christiane Müller, Jg. 1973. Ich war 12 Jahre lang Pfarrerin in der ELKB. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als freie Theologin, Autorin und Beraterin und bin zur alt-katholischen Kirche konvertiert.
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5 Antworten zu Ansichten eines fast normalen Gemeindegliedes

  1. Roland Kupski schreibt:

    Das ist in der Tat eine Binsenweisheit. Aber leider werden ja Binsenweisheiten allzugerne naserümpfend verweigert und lieber irgendein komplizierter soziologischer (natürlich nur halbverstandener) Kram herbeizitiert. WIR überschätzen die Bedeutung der „Beteiligungskirche“ total, weil wir unsere eigene Deformation professionelle („wir müssen doch mal…“) als Norm setzen. Fand ich als Anfänger lächerlich, jetzt finde ich es inzwischen bedrohlich. Und ich habe ewig gebraucht, um zu kapieren, dass das für viele ein Problem ist. Seltsam. Ich komme aus einer mittelverbindlichen Kirchlichkeit („wenn sie uns brauchen, Herr Pfarrer, sind wir da“), und bin damit bisher immer sehr gut gefahren, was auch hieß: manche Sau einfach durch Dorf laufen lassen, genüßlich aus dem Amtszimmerfenster zusehend und meine Energie lieber auf eine schöne Predigt oder einen klugen Unterricht legend. Diese Hektik-Gemeinden (die ich jetzt, im urbanen Kontext) zum ersten Mal erlebe, sind mir fremd.

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  2. Nicole schreibt:

    Was du hier schreibst, Christiane, ist mir eigentlich schon lange klar. Und da ich auf der anderen Seite stehe, d.h. Im Pfarramt, bin ich in der schizophrenen Situation, dass ich zwar Sachen anbiete, aber auch irgendwie vollstes Verständnis dafür habe, wenn die Leute eben lieber wandern gehen. Aber mittlerweile reisse ich mir auch kein Bein mehr aus für besondere Aktivitäten, dann muss ich auch nicht frustriert sein, wenn niemand kommt.

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  3. Sólveig schreibt:

    Vielleicht braucht’s auch ein paar entspannte Outdoor-Gottesdienste mit anschließender Grillparty… oder so… war jetzt so mein erster Gedanke.

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  4. Lucie schreibt:

    Für mich gibt es eigentlich nichts Schöneres als am Sonntagmorgen als in der Kirche zu sitzen, die Sonne durch die Fenster scheinen zu sehen und zu spüren, wie sich die Kraft der Rituale mit der des herrlichen Morgens vereint und mich verwandelt. Dafür muss sich kein Pfarrer irgendwas Besonderes einfallen lassen. Den Inhalt der Predigt habe ich nach der Kirche meistens schon wieder vergessen, außer es hat mich mal besonders angesprochen, aber das eine oder andere Lied summe ich noch vor mich hin, wenn ich mich aufs Fahrrad schwinge.

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  5. German Pastor NYC schreibt:

    Alles ganz klar und bekannt. Deinen letzten Satz „Entspannt euch“ hättest du getrost bleiben lassen können. Das klingt wirklich herablassend.

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