22 Tage….

…ist er nun auf der Welt, unser kleiner Korbinian. Nach 12 Tagen Krankenhaus seit 10 Tagen zuhause. Die Tage haben einen anderen Rhythmus bekommen. Alles geht etwas (oder auch sehr viel) langsamer. Ich frage mich wirklich, wie Mütter mit so kleinen Kindern es hinkriegen, nebenher zu arbeiten – ich könnte es jedenfalls nicht (aber er ist ja auch erst drei Wochen alt und ich noch mitten im Mutterschutz, vielleicht wäre es in 4 Wochen anders).

Irgendwie verschwimmt die Zeit: Baby wickeln, füttern und umziehen folgt einem ganz eigenen Rhythmus. Wäre es draußen nicht abwechselnd hell und dunkel, wüsste ich inzwischen wohl selber nicht mehr, ob gerade Tag oder Nacht ist.

Der Schlaf erfolgt momentan scheibchenweise. Wenn ich müde bin und das Kind schläft, schlafe ich auch (und manchmal legt der Papa sich dazu). Das Konzept ist ein bisschen anders als die bewährten 8 Stunden am Stück, aber irgendwie geht es.

Was mich selber wundert ist, wie wenig mich das Geschrei meines Kindes nervt. Früher nervte es mich sehr, wenn in Cafe, Bahn oder anderswo fremde Kinder herumplärrten. Bei meinem eigenen weckt es bisher nur den Fürsorgeinstinkt, wenn er anfängt zu schreien. Das ist irgendwie beruhigend. Jemand meinte mal: Zum Glück gibt’s da von der Natur entsprechende Hormone und Instinkte, sonst würde man vermutlich das eigene Kind in der Wüste aussetzen…

Was mich sehr freut: Wie viele Menschen an der Geburt unseres Kleinen Anteil nehmen. Glückwünsche, Geschenke, allgemeines Wohlwollen umgeben uns. Das tut irgendwie gut. Gestern schenkte mir eine Buchhändlerin völlig unvermutet drei Bücher für den Kleinen. Eins aus Stoff mit eine Rassel dran, das man ihm schon mit 3 Monaten in die Hand drücken kann. Eins mit Fingerspielen. Und eins zum Vorlesen am 2 Jahren, was ich ihm vermutlich aber schon vorher vorlesen werde, auch wenn er es noch nicht ganz verstehen sollte (Hauptsache Ritual).

Nach allem Schweren überwiegt bei mir nun wirklich die Dankbarkeit, dass es dieses Kind gibt.

Das Wichtigste in Kürze, und was mich zurzeit NERVT!!!!

Länger habe ich jetzt nichts geschrieben, was unter anderem daran lag, dass ich die erste Märzhälfte zum Großteil im Krankenhaus verbracht habe.

Das Wichtigste zuerst: Mein Kind ist da, es ist gesund, isst gut, schläft tags und schreit nachts und übt mit seinen jetzt zweieinhalb Wochen schon mal das Lächeln – alles in allem ein kleines Wunder, ich bin darüber froh und dankbar, und wenn ich krankheitsbedingt manchmal noch nicht die Kraft habe, mich so um den Kleinen zu kümmern, wie ich das gern möchte, bin ich froh, dass der Papa da ist und in den Kleinen ganz vernarrt ist. Nun haben wir also einen neuen Erdenbürger. Er heißt Korbinian und ich hoffe und bete, dass er groß und stark wird und seinen Platz in dieser Welt erobert. Und wenn es in meinem Leben das einzige wäre, was ich je geleistet habe, ihm einen guten Start zu ermöglichen, es wäre genug.

Im Zuge des Kaiserschnitts wurde ich dann auch operiert, da der Eierstockkrebs halt eine gewisse OP erfordert, wenn man ihn denn auf Dauer überleben will. Dabei ging ich meiner Gebärmutter und meines zweiten Eierstockes verlustig, außerdem fehlt mir nun das so genannte große Bauchnetz sowie insgesamt 24 Lymphknoten entlang der Bauchaorta. Die gute Nachricht: Tumorreste wurden nicht entdeckt. Die schlechte Nachricht: Dafür waren zwei der entfernten Lymphknoten auffällig. Nun muss ich leider doch nicht nur noch zwei Zyklen Chemotherapie weitermachen, sondern auch noch eine Antikörpertherapie im Anschluss, und das ärgert mich gewaltig, weil sich dadurch alles hinzieht wie ein Kaugummi und man einfach nicht abschließen kann.

Was mich ferner ziemlich ärgerte, waren gewisse Kommunikationsmuster im Klinikum.

Drei Tage nach der OP erscheint eine Ärztin und gratuliert, dass man keine weiteren Krebszellen gefunden habe. Ich bin total happy und atme tief durch.

Und dann erscheint am letzten Tag der Chefarzt und klärt darüber auf, dass da eben doch noch diese zwei Lymphknoten waren und dass ich mich über ein weiteres Jahr mit Therapien freuen darf (letztere Formulierung ist jetzt von mir).

Die OP-Wunden verheilten und verheilen zum Glück ziemlich gut, auch wenn es im Bauch noch gewaltig zieht. Seit Montag sind wir wieder zuhause. Ich, mein Partner und der kleine Korbinian, den ich mir leider noch nicht sorglos auf den Bauch legen und stundenlang herumtragen kann.

Ach ja und dann ärgern mich noch gewisse Reaktionen von Leuten, die einfach keine Ahnung haben und sensationsgeilen Menschen, die am Telefon hundertmal nachfragen, ob mein Sohn denn wirklich gesund ist und vermutlich lieber hören würden, dass er mit Gelbsucht abgemagert in irgendeinem Brutkasten liegt, weil das bestätigen würden, was sie eh schon immer wussten und weil das außerdem so schön melodramatisch ist und sich so gut hinter vorgehaltener Hand weitererzählen lässt: „Habt ihr schon gehört?? Die aaaarme Christiane, und das aaaaarme Kind, …..“

Zum Glück muss ich sie diesbezüglich enttäuschen, meinem Kind geht es vermutlich zurzeit gesundheitlich besser als mir. Klar wäre es toll, wenn seine Mama fit und gesund wäre. Aber er lebt, er ist „gut beieinander“, er wird geliebt und seine schwere Geburt wird er hoffentlich irgendwann verarbeiten. Was wäre die Alternative gewesen? Entweder Abtreibung. Oder Verzicht auf meine Therapie, und da bei Eierstockkrebs wirklich jeder Tag zählt, wäre das ein Spiel mit dem Feuer gewesen. Also, nicht optimal, aber der bestmögliche Weg.

Wie es nun weitergeht: Zuerst noch ein paar Wochen Erholung und Zusammenfinden in der neuen Familie. Und dann halt weiter. Chemotherapie, Antikörpertherapie. Und dann hoffentlich wirklich Schluss mit diesem ganzen Krebsmist.