Grenzgängerin

Ziemlich schnell wurde mir im Theologiestudium klar, dass ich mit meinem „Müs-Tick“ und meiner persönlichen Prägung in fast jeder Hinsicht eine Außenseiterin war. Daran hat sich auch später im Kontext meines Dienstes als Pfarrerin wenig geändert.

Ich merkte sehr schnell, dass mir, sobald ich auch nur ganz vorsichtig beginne von meinen Erfahrungen und Ansichten zu erzählen, von allen Seiten Skepsis entgegenschlägt.

Den eher evangelikal geprägten Mitchristen bin ich suspekt, weil ich zwar augenscheinlich Jesus liebe (immerhin das merken sie meistens), aber meine „Bekehrung“ zu ihm unabhängig vom klassischen Schema (Sünderin findet zu Jesus, bereut und wird gerettet) erfolgte. Und weil ich offenbar gut damit leben kann, dass nicht alle Menschen Christen sind.

Konservativen evangelisch-lutherischen Theologen stößt auf, dass ich offenbar meine Erfahrungen mit Gott über das in der Bibel offenbarte Wort Gottes stelle.

Für beide Gruppen wirkt mein Umgang mit der Bibel beliebig und sie stecken mich in die Schublade der gottlosen liberalen Theologie.

Wirklich „lieberalen“ Kommilitoninnen und Kommilitonen war ich aber immer zu „fromm“.

Überhaupt bin ich gar keine klassische evangelische Theologin bzw. später Pfarrerin. Mir fehlt von Haus aus der entsprechende Stallgeruch. Bin ich etwa eigentlich eher katholisch? Eine Studienfreundin frotzelte einmal, ich sei in Wirklichkeit eine Kryptokatholikin. In der Tat mag ich an der römisch-katholischen Kirche das Katholische, als das Weltumspannende. Aber nicht das Römische, also die Hierarchie, den Männerklerus und allen damit verbundenen Thematiken.

Ich ahnte bereits damals und bin auch heute noch davon überzeugt, dass der Geist Gottes weht wo er will und dass es Wahrheit auch in anderen Religionen und Weltanschauungen gibt. Das machte mich bei manchen Kommilitonen erst recht verdächtig und nach einigen unfruchtbaren Diskussionen vermied ich das Thema. (Inzwischen hat sich hier zum Glück viel geändert.)

Richtig heimisch fühlte und fühle ich mich eigentlich nur bei Christinnen und Christen, die auch nicht ganz in irgendein Schema passen, die ihre eigenen Wege gehen, vielleicht sogar eine ähnliche Geschichte erzählen. Außerdem brauche ich ökumenische Kontakte. Sonst wird es mir schnell zu eng. Und um ehrlich zu sein: Auch zu langweilig.

Dann sprach ER einmal wieder zu mir. (Anmerkung: Auch eine Mystikerin ist nicht im Dauertelefonat mit Gott. Überhaupt ist Gott keine Plaudertasche, wenn er mit mir redet, dann unhörbar im Herzen und in wenigen prägnanten Sätzen.) Es mag etwa im dritten oder vierten Semester gewesen sein, im Sommer. Das Wetter war schön und ich beschloss, die Texte für mein Proseminar „Dialektische Theologie“ im Freien zu lesen.

Ich breitete eine Picknickdecke im nahen Park aus und ließ mich mit einem Schmöker von Karl Barth darauf nieder. Ich begann zu lesen, aber bald schweiften meine Gedanken ab.

Und Peng, wie aus dem Nichts, traf mich auf einmal die Erkenntnis: Die allermeisten Menschen erleben mit Gott nicht, was du mit ihm erlebst. Die sehen kein Licht, die hören kein Tosen, denen gehen Bibelverse nicht direkt ins Herz. Die leben ihren Glauben „ganz anders“.

Das klingt so banal, wenn ich es schreibe. Aber, wie gesagt: Ich war erst wenige Jahre zuvor durch eine mystische Erfahrung zum Glauben gekommen. Mir war einfach gar nicht klar, dass das auch anders geht. Seltsam, nicht wahr?

Etwas ratlos saß ich auf dem Rasen, die Vögel zwitscherten, über mir wölbte sich der blaue Sommerhimmel und eine leichte Brise wehte. In mir wurde es still.

Und ich vernahm in meinem Inneren ganz deutlich die Worte: „Du sollst meine Grenzgängerin sein.“

Ich wurde ruhig. SEINE Grenzgängerin. Ich muss mich in keine Schublade zwängen lassen. Ich muss mich nicht für ein bestimmtes theologisches „Lager“ entscheiden. Ich muss meine Identität an keiner kirchlichen Konfession festmachen. Im Gegenteil. Gott hat mir den unbequemen Platz zwischen den Stühlen zugewiesen. Als Grenzgängerin zwischen Konfessionen, aber auch als Vermittlerin zwischen Menschen verschiedenster Prägung.

Ich ahnte, dass das sehr unbequem werden könnte, aber in diesem Moment damals im Park hatte ich meinen Frieden damit gemacht.

Auch wenn ich später noch oft mit dieser manchmal sehr einsamen Position hadern sollte.

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