„Ein paar Minuten täglich…“

Im Frühjahr 2005 begann ich meinen Probedienst als Pfarrerin zur Anstellung in einer großen Kirchengemeinde im Coburger Land. Auf der 1. Stelle arbeitete ein Kollege, der sich nach seinem Probedienst direkt darauf beworben hatte und sich über meine Verstärkung freute.

Auch hier konnte ich mich, wie im Vikariat, eigentlich nicht beschweren. Die Gemeinde war im Großen und Ganzen „okay“, und wenn man bedenkt, dass man sich die erste Pfarrstelle ja nicht aussuchen kann, sondern einfach hin geschickt wird, dann ist das schon fast die halbe Miete.

Trotzdem sollte es mir sehr ähnlich ergehen wie schon im Vikariat. Ich kam nicht wirklich an. Woran lag es? Bestimmt zu einem großen Teil an der unterschiedlichen Mentalität. Eine Münchnerin in Oberfranken, noch dazu auf dem Dorf, ist dort eben erstmal etwas orientierungslos und verloren. Ich kannte die Spielregeln nicht und „Dorf“ verzeiht generell weniger als „Stadt“.

Es war aber auch noch etwas anderes, für mich zunächst schwer Greifbares, das mir Probleme bereitete und dazu führte, dass ich mich beengt fühle. Zum einen war ich wieder einsam. Alle Freundinnen und Freunde hunderte Kilometer entfernt, keine Familie vor Ort, dabei aber von der Kirchengemeinde her der Anspruch, doch gefälligst möglichst schnell ein Teil ihres Ortes zu werden.

Zum anderen fühlte ich mich schlicht und einfach fremdbestimmt. „Die Gemeinde erwartet“ ist da wohl der Kernsatz. Hier, auf meiner ersten richtigen Pfarrstelle, wurde mir eines klar: Gemeinden und ihre Mitglieder wollen in allererster Linie bestätigt werden. Sie wollen hören, dass es so, wie sie es kennen schon in Ordnung ist. Sie wollen den Segen für das, was sie sowieso schon lange wussten und die Dinge, die sie sowieso schon immer tun. Seelsorge dient in allererster Linie der Stabilisierung der Verhältnisse. Die Pfarrperson ist dabei so etwas wie der Garant des göttlichen Segens. So war es bei uns schon immer, und der Pfarrer ist auch dafür.

Sehr oft hörte ich im Probedienst den Satz, man müsse die Leute eben da abholen wo sie sind. Und dann?, dachte ich. Was heißt Abholen, wenn sie doch nirgendwohin weiter wollen, sondern genau da bleiben wollen, wo sie sind?

Für mich war es oft eine Zerreißprobe, dass ich ganz genau gespürt habe, dass vieles eben nicht in Ordnung ist, dass die Fassade anders ist, als das, was dahintersteckt. Ich habe die Sehnsucht vieler Menschen wahrgenommen, nach Liebe, nach echtem Verständnis, nach Offenheit, ja, auch nach Gott. Was steckt dahinter, wenn die Seniorin mich anmault, weil ich an meinem freien Tag nicht zum 75. Geburtstag gekommen bin, obwohl sie doch Kuchen gebacken hat? Im Kern geht es hier weder um den Geburtstag, noch um den Kuchen, sondern um das Gesehenwerden, das etwas gelten (die Pfarrerin kommt zu mir! Ich bin wichtig!) und vielleicht auch noch um ganz andere Dinge. Genau darüber wäre ich gern ins Gespräch gekommen, was die Frau wirklich bewegt. Doch der Ritus des pfarrerlichen Geburtstagsbesuchs verhindert genau das. In ein echtes Gespräch zu kommen. Und der Tag danach gilt nicht mehr, erstens sind da die Gäste nicht mehr da und nehmen nicht mehr wahr, dass die Pfarrerin mich besucht hat (Prestige, Ansehen!), zweitens will ich ja eigentlich gar nicht über die Dinge reden, die mich wirklich beschäftigen, denn was sollen da die Leute denken?

Das Dilemma war für mich:Wenn ich tue, was alle von mir erwarten, tue ich meistens genau das nicht, was ich eigentlich tun möchte und auch tun sollte. Aber mir fehlt die Kraft, mich gegen das was „man“ als Pfarrerin zu tun hat, was „gut ankommt“ und was „die Gemeinde erwartet“ durchzusetzen.

Es ist so mühselig, immer wieder die eigenen Werte gegen die Macht des Faktischen zu verteidigen. Mir ist wichtig, dass Menschen mit Gott, Jesus in Verbindung kommen. Weil ich selber erlebt habe, wie heilsam das ist.

Die Erwartungen sind aber ganz andere, und es ist ein gewaltiger Trugschluss, dass Menschen sich für den Glauben, für Gott oder auch ihre eigenen seelischen Tiefen öffnen, wenn sie nur oft genug zum Geburtstag oder im Vereinsheim besuche. Auf die Weise macht man sich zwar beliebt, aber sorgt dafür, dass alles beim Alten bleibt und Kirche allerhöchstens als als die den Status quo legitiemierende religiöse Vereinigung eine Rolle spielt.

Der Kollege auf der ersten Stelle rödelte eifrig herum und tat im Wesentlichen genau das, was von ihm erwartet wurde. Er war halt „volksnah“, er „kam gut an“. Wahrscheinlich tat er all das auch gern und mit Herzblut. Und ja, auch er hatte ein geistliches Anliegen und hoffte, mit dem was er tat, Menschen für den Glauben zu begeistern. Ob ihm das wohl gelungen ist? Ich weiß es nicht wirklich. Ich hoffe es für ihn und für die Gemeinde, in allererster Linie sah ich aber, dass er sich beide Beine ausriss und, zumindest geistlich gesehen, relativ wenig dabei „herum kam“.

Mir allerdings stellte sich wie schon im Vikariat die Frage: Was MACHE ich hier eigentlich? Und was hat das, was ich hier tun soll, mit dem zu tun, was ich doch als Herz des Pfarrberufes empfinde, nämlich Menschen auf ihrer Suche nach und ihrem Weg mit Gott zu begleiten, zu predigen, für die Seelen zu sorgen? Auch für meine eigene?

Sehr bezeichnend für die ganze Situation war folgende kleine Begebenheit. Es war vor meinem Einführungsgottesdienst. Alle Kolleginnen und Kollegen der Region hatten sich in einem Gemeinderaum versammelt, um mich willkommen zu heißen und zu Beginn des Gottesdienstes feierlich in die Kirche einzuziehen. Ein älterer Kollege überreichte mir als Willkommensgruß ein kleines Buch, Titel: „Ein paar Minuten täglich“. Es war ein Buch mit kurzen Andachten für jeden Tag im Jahr, eigentlich eine nette Geste. Und er meinte: „Für mehr als ein paar Minuten am Tag wird auch keine Zeit sein.“

Dieser Kommentar drückt sehr schön den Stellenwert aus, den das geistliche Leben von Pfarrerinnen und Pfarrern auch in den Augen vieler Kolleginnen und Kollegen hat. Ein paar Minütchen tägliche Erbauung für die Frommen unter uns dürfen es sein. Aber das Eigentliche ist doch die Arbeit!

Die Rechtfertigungslehre, die wir Lutheraner ja wie eine Monstranz vor uns hertragen, besagt im Kern, dass jeder Mensch vor aller Leistung von Gott angenommen und geliebt ist. Ich frage mich: Wie viel davon können Pfarrerinnen und Pfarrer eigentlich ausstrahlen, wenn die allerwenigsten es schaffen, auch nur eine halbe Stunde oder Stunde am Tag selbst einfach nur vor Gott dazusein? Vielleicht ist es das (oder ein wichtiges) Problem der Kirche, dass Pfarrerinnen und Pfarrer zwar bis zum Anschlag arbeiten, sich aber unglaublich wenig Zeit nehmen, um die Liebe Gottes, die sie ja verkünden, bei sich selbst ankommen zu lassen? Mir kam es jedenfalls oft so vor.

Ich fühlte mich in den beiden Jahren, die ich es im Coburger Land ausgehalten habe, als eine Getriebene. Der ach so „volksnahe, gut ankommende“ Kollege, der auf meinen Einwurf, man könne doch selber die Prioritäten setzen, erwiderte: „So einfach ist es nicht.“ Und vor dessen leuchtendem Vorbild ich immer blass wirken musste.

Das Gerede. Warum müssen Menschen immer über andere reden?

Das Arbeitspensum (auch wenn das nicht das Hauptproblem war).

Das Bild, das viele Kolleginnen und Kollegen wohl von mir hatten (betet nur und tut nichts, wohl einfach sozial inkompetent).

Manches lief auch gut. Meine Gottesdienste waren auch hier gut besucht. Konfirmandenunterricht machte Spaß. Und Taufen, Trauungen und Bestattungen gelangen mir gut. Die Gespräche mit jungen Menschen an Wendepunkten des Lebens und Trauernden kommen halt an das, was mir liegt, noch am nächsten dran.

Kurz, es ging schon einigermaßen. Die Einsamkeit blieb brutal.

Wieder haderte ich mit Gott, was das alles soll. Bin ich im falschen Beruf?

2 Kommentare zu „„Ein paar Minuten täglich…“

  1. Hallo Christiane, vor 2 Tagen habe ich dir eine kurze Twitter-Meldung geschickt…, jetzt folgt, was ich
    nicht mehr unterbringen konnte ( aber erst heute schicken) kann.
    Ich denke, die Voraussetzungen für einen eventuellen Wiedereinstieg in den Pfarrdienst sind jetzt anders als damals… Du hast jetzt eine Familie, die dir Rückhalt geben kann…, du bist gestärkter in der Mystiik in der du
    dich weiter unserem Gott nahe ( oder noch näher ) fühlst….
    Jetzt hast du die Chance (ungebunden von einem aktuellen pastoralen Dienst )dir mit mehr Ruhe bei einer
    möglichen Pfarrstellenausschreibung ein Bild über die werbende Gemeinde zu machen – nicht nur das Profil,
    mit dem geworben wird -, indem du vorab recherchierst, um Antworten auf deine Fragen zu finden…
    In diesem Zusammenhang zu mir: Mir wurde – wie dir – eine Stelle für die erste Phase meines Pfarrdienstes zur Probe zugewiesen…, ich kam/ musste in ein Dorf mit mehreren Außenstellen ( bei drei
    Gottesdienststellen)….. , bis dahin lebte ich als Stadtmensch….., und ich bin nie wieder Stadtmensch
    geworden…..
    Die Dörfler sagten mir sofort, was zu tun war…, und ich…, ich antwortete mit einem Nein und sicherte ihnen
    zu, sie bei den gewünschten Veränderungen in der Gemeinde zu unterstützen…. Ich wusste: Wenn es zu
    einem Miteinander kommen sollte, dann bewerbe ich mich!
    Vielleicht hatte ich in der Situation einfach Glück. Mein Superintendent sagte mir: Sie bleiben da auch nicht…,
    Ihre Vorgänger sind alle schnell wieder gegangen… Mein Glück war wohl der sogenannte >Volksbankeffektfrüher < war letztlich der Dienst meiner Vorgänger, den ich weiter führen konnte! Mein sogenanntes Zurückrudern waren
    die 5 oder10% auf den Gebieten, die mir einfach nicht liegen – weil ich es da nicht kann und will….

    Bleib Gott befohlen und eine Gesegnete unseres Gottes, Johann

    Mir ist wichtig, dass meine schriftlichen Gedanken nur in diesem Kommentarfach bleiben! Danke! Johann

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    1. Hallo Johann. Danke für den ausführlichen Kommentar. Für mich ist allerdings klar, dass ich nie mehr als Gemeindepfarrerin zumindest mit ganzer Stelle arbeiten will. Ob es irgendwann eine halbe wird, mal sehen. Eigentlich möchte ich nur noch ehrenamtlich oder Teildienst als Vertretungspfarrerin arbeiten. Wenn das denn geht. Das LKA hat sich noch nicht geäußert. Gruß, Christiane

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