Hingabe und Manipulation

So sehr mein übereilter Aufbruch nach Schweinfurt einer Flucht gleichkam und trotz der dreimaligen deutlichen Warnung, hier bloß nichts „Großes“ zu begehren, habe ich mich anfangs in meiner charismatisch geprägten Gemeinde wirklich wohlgefühlt. Endlich Menschen, die ein geistliches Anliegen haben, dachte ich. Vor Sitzungen wurde gebetet, der Heilige Geist möge die Beratungen leiten – nicht nur ein kurzes Pflichtgebet, um möglichst schnell zur Tagesordnung übergehen zu können (Punkt Gebet: Abgehakt, wenden wir uns dem Eigentlichen zu!), sondern die Bereitschaft, wirklich aufeinander zu hören und den Heiligen Geist wirken zu lassen. Es war fast zu schön, um wahr zu sein.

Ich konnte mich in einem bunten und vielfältigen gottesdienstlichen Leben austoben. Es ging den Leuten wirklich um Jesus.

Sehr bald merkte ich zwei Dinge: Zum einen, dass die charismatisch geprägten Gemeindeglieder (und Gäste) aus einem sehr großen Umkreis kamen, viele hatten sich umgemeinden lassen, weil ihnen die Kirchengemeinde vor Ort aus irgendeinem Grund nicht gepasst hat.

Und zum anderen, dass „meine“ aktiven Ehrenamtlichen vom Kirchenvorstand bis zum Kindergottesdienstteam fast alle wenig bis gar keine Kontakte zu den Gemeindegliedern hatten, die vor Ort wohnen und den Alltag, die Sorgen und Nöte im Stadtviertel mitbekommen.

Im Grunde hatte ich zwei Gemeinden, die sowohl sozial, als auch geistlich auseinanderklafften. Ich fand das erst mal gar nicht so schlimm, ich versuchte eben, so gut es ging zu vermitteln und für beide da zu sein.

Nach und nach merkte ich, dass die Gemeinde vor Ort, bzw. viele ihrer Glieder, über Jahre und Jahrzehnte sehr wenig an Aufmerksamkeit vonseiten der „frommen“ Aktiven genossen hatten.

Eine dritte Gruppe waren viele Russlanddeutsche, die im Gemeindeleben auch recht wenig vorkamen. Ich erlebte Licht und Schatten eines charismatischen Gemeindeaufbaus (Personalgemeinde, Richtungsgemeinde) unter den Gegebenheiten landeskirchlicher Strukturen (Ortsgemeinde). Es gab wenig Verbindung, wenig Kontakt zueinander und wenig Verständnis.

Obwohl ich angetreten war, weil ich endlich Pfarrerin in einer geistliche engagierten Gemeinde sein wollte, merkte ich bald, dass meine Sympathien sich eher zugunsten der „stinknormalen“ Ortsgemeindechristen neigten. Dazu trug auch bei, dass die „Frommen“ sich irgendwie gar nicht von meinem Vorgänger lösen wollten oder konnten. Der war 33 Jahre ihr Pfarrer gewesen. Er wohnte zwar nicht mehr im Sprengel der Gemeinde, aber immerhin noch in derselben Stadt und der innigste Wunsch vieler war, ich möge ihn doch integrieren, er habe doch so viel aufgebaut hier.

Vielleicht hätte irgendein anderer Kollege oder eine andere Kollegin in dieser Konstellation segensreicher wirken können. Mir jedenfalls lief das Ganze innerhalb von vier Jahren aus dem Ruder, die Konflikte eskalierten, als alles schon fast nicht mehr schlimmer kommen konnte, hatten wir auch noch einen richtig üblen Konflikt im Kindergarten der Gemeinde und als der endlich halbwegs im Griff war, legte mir mein Kirchenvorstand nahe, ich möge mich doch bitte auf eine andere Stelle bewerben.

Ich habe sehr gehadert. Schweinfurt als Stadt hat mir nämlich ausgesprochen gut gefallen. Ich mochte sowohl die Mentalität der Einheimischen, als auch die der vielen zugezogenen Russlanddeutschen (für die habe ich in diesen vier Jahren wirklich eine tiefe Liebe entwickelt, es sind zum Großteil wunderbare Menschen). Das Kollegium in Schweinfurt war auch toll, weder davor noch danach habe ich wieder ein derart wohlwollendes, kollegiales und von Konkurrenzdenken freies Pfarrkapitel erlebt.

Charismatische (bzw. pfingstlerische) Frömmigkeit habe ich von zwei Seiten kennengelernt. Die gute starke Seite ist die, dass Menschen wirklich mit Gott leben wollen, im Glauben reifen und wachsen und in einem annehmenden Umfeld viele Verletzungen heilen können. Die Schattenseite: Leider scheint diese Art der Frömmigkeit auch sehr anfällig zu sein für Manipulation. Offenbar liegen Hingabe an Gott und Anfälligkeit für Manipulation manchmal eng beieinander.

Das Heftigste, was ich in dieser Zeit erlebte, war dies: Eine jüngere Frau, die auch sehr aktiv in der Gemeinde war, erkrankten an Krebs. Es stand nicht gut. So beschlossen wir, dass wir einen Gebetsabend für sie halten. Irgendjemand kam (ohne Rücksprache mit mir) auf die Idee, einen szenebekannten freikirchlichen Menschen einzuladen, der angeblich irgendwelche besonderen Gaben im Heilungsgebet oder im Bannen böser Geister (oder was weiß ich) hatte. Dass das ohne Rücksprache mit mir erfolgte, war der erste Hammer. Ich machte gute Miene zum seltsamen Spiel und hieß ihn willkommen. Wir begannen zu beten. Und sofort haben sehr viele Teilnehmer sehr klare geistliche Bilder. Eine sah die kranke junge Frau fröhlich und lachend auf einer Schaukel sitzen. Im Brautkleid. Sie schaukelte bis hinauf in den Himmel. Und mir persönlich war sofort klar, was das nur bedeuten kann. Brautkleid. In den Himmel schaukeln. Die Bilder sprechen doch für sich.

Ich hätte nichts dazu gesagt, ich hätte das Bild einfach wirken lassen, in der Stille. Doch da erhob sich der Typ aus der freien Gemeinde und hielt eine flammende Rede. Es sei aufgrund des Bildes klar, dass die Frau geheilt würde, ihr Ehemann solle jetzt dem Satan gebieten, von seiner Frau zu weichen, und wenn noch unerkannte Sünden die Heilung verhindern, dann solle er sie jetzt (auch stellvertretend für seine Frau bekennen). Ich war völlig überrumpelt und fassungslos. Es war ein geistlich und menschlich derart unmögliches Benehmen, dass ich ihn eigentlich sofort des Raumes hätte verweisen sollen. Das Blöde war nur, dass gut die Hälfte oder mehr das Anwesenden sofort auf den Zug aufsprang und mit viel Halleluja und Preist den Herrn beipflichtete, die Frau werde sicher wieder geheilt, man solle das im Glauben annehmen, man dürfe nicht daran zweifeln, weil man so die Größe Gottes nicht anerkennt, und vieles Hanebüchenes mehr.

Ich kochte innerlich vor Wut. Sobald ich zuhause war, schrieb ich diesem Menschen eine zornige E-Mail. Die war leider nicht diplomatisch, ich schrieb sinngemäß, ob er eigentlich noch alle Latten am Zaun hat, und ob er nicht sieht was völlig offensichtlich ist? Diese Frau wird sterben, wie wird sanft wie eine Braut zu Jesus hinüber gehen und das einzige, was wir noch tun können, ist diesen Übergang möglichst liebevoll mitzugestalten.

Diese Mail machte dann leider die Runde. Und ich war verschrien als diejenige, die das Wirken des Geistes eindämmen will und zu ungläubig ist, um an Wunder zu glauben. Die Frau starb kurze Zeit später. Und ich hatte ab diesem Moment die Nase einfach nur noch voll.

Vermutlich war dieser Abend der Punkt, ab dem ich mich so positioniert hatte, dass die „Charismatiker“ mich loswerden wollten, auch wenn es dann noch etwa ein Jahr dauerte, bis es soweit war. Vermutlich hätte ich spätestens nach diesem Abend von mir aus den Schlussstrich ziehen sollen.

Zu meiner Verabschiedung kamen Massen von Kolleginnen und Kollegen, die mir ihre Solidarität aussprachen und mir alles Gute wünschten. Jahre später schrieb mir einer meiner damaligen Kollegen, er habe kürzlich mit einem meiner ehemaligen Gemeindeglieder zu tun gehabt. Der hat gesagt: „Wissen Sie noch, die Pfarrerin Müller? Die fand ich richtig gut. Schade, dass sie die raus gemobbt haben.“ Er selbst kommentierte:“Also, ich glaube ja schon, dass du eigentlich die Richtige auf dieser Stelle und für diese Gemeinde warst. Aber nach 33 Jahren Pfarrer K. hätte es denen keiner recht machen können.“

Ein kleiner Exkurs zur charismatischen Frömmigkeit: Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die charismatische Frömmigkeit eigentlich eine Bereicherung für die Kirche ist. Ja, es gibt z.B. das Sprachengebet (Glossolallie) noch, und ja, Menschen machen innige und intensive Erfahrungen mit Gott, z.B. durch Heilungsgebet, die Anbetung Gottes durch Lobpreisgottesdienste und vieles mehr. Aber es braucht eine fundierte theologische und seelsorgerliche Begleitung dieser Phänomene. Was Menschen da erleben, müsste eigentlich in eine große innere Weite führen. Oft erlebt man aber gerade in der charismatischen Bewegung auch eine große fundamentalistische Enge. Wie geht das zusammen? Ich meine, dass gerade die charismatischen Frömmigkeitsformen etwas Entgrenzendes, auf Gott hin Öffnendes haben und dass manche von der schieren Präsenz Gottes derart überwältigt sind (ein Gefühl, dass ich gut kenne), dass sie Angst bekommen. Sie ertragen die Größe Gottes nicht, kommen mit der geistlichen Erfahrung nicht klar und flüchten sich deshalb in eine umso engere Theologie.

Viele Charismatiker sind im Grunde Mystiker, die Angst vor der eigenen Courage haben und Gott zwar groß fühlen, aber nicht groß denken können.

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