Wunder und Vertrauen

Ich erlebte meine Schwangerschaft als eine Zeit voller Wunder. Obwohl sie, von außen betrachtet, wohl so ziemlich das Heftigste war, was ich je durchgemacht habe. Obwohl mich die meisten, die es erfuhren, entweder mit großen Augen total betreten angeschaut haben, es ihnen entweder die Sprache verschlug oder sie hilflose Floskeln von sich gaben.

Ich habe mich in dieser Zeit unglaublich getragen gefühlt von den Menschen, die für mich gebetet haben, auch wenn ich mit den meisten von ihnen relativ wenig persönlichen Kontakt hatte. Es beteten auch Leute, die ich gar nicht kenne, Bekannte meiner Tante Sigrid, Menschen in sozialen Medien, Freunde natürlich sowieso. Ich fühlte mich die ganze Zeit wie in weiche Watte gepackt. Natürlich gab es Aufs und Abs. Aber die allermeiste Zeit ging es mir seelisch gut.

Vor allem begann ich während meiner Schwangerschaft endlich wieder regelmäßig zu beten. Aber nicht aus Verzweiflung oder Verzagtheit, sondern in der wunderbaren Freiheit der Kinder Gottes. Nachdem ich so lange mit IHM gehadert hatte wegen der Dinge, die mir in SEINEM Dienst, in SEINER Kirche widerfahren sind, merkte ich, dass ich mit offenen Armen wieder aufgenommen werde und mich fallen lassen kann.

Eine Schwangerschaft, jede Schwangerschaft, ist ohnehin ein Wunder. Anders kann ich nicht in Worte fassen was da geschieht, und wer es nicht so genau weiß, der kann sich ja mal auf Youtube die Entwicklung eines Embryos hin zum „fertigen“ Baby im Zeitraffer anschauen.

Ist es nicht ein absolutes Wunder, wie aus zwei Zellen zweier Menschen zuerst eine Zelle und dann ein Zellhaufen wird, wobei sich das Erbgut säuberlich auftrennt und passgenau mit mit den entsprechenden Erbgut des Partners zusammenfügt? Wie aus einem reiskorngroßen Würmchen, dass noch gar keine Ähnlichkeit mit einem Menschen hat, nach und nach Kopf, Gliedmaßen, Augen, Ohren, Hände, Finger, Organe entstehen? Wie dann nach nur drei Monaten im Mutterleib eigentlich schon alles „da“ ist, es nur noch wachsen braucht? Und wie der werdende Mensch aussieht, seine Anlagen, sein Geschlecht, seine Augenfarbe, kurz einfach ALLES steckt schon in der Urzelle. Wer darin kein Wunder sieht, dem kann ich nicht helfen. Und wer meint, dass das vor dem dritten Monat nur ein Zellhaufen und kein werdender Mensch ist, dem auch nicht.

Wir haben noch mehr Wunder erlebt. Dass ich mit 44 Jahren und meiner körperlichen Verfassung überhaupt schwanger geworden bin. Dass mein Kind gesund ist. Dass es keine Frühgeburt oder gar Fehlgeburt geworden ist, trotz allem.

„Manche Kinder sind zäh, die klammern sich ans Leben“, hatte Dr. Zoche gesagt. Und mit Staunen, Freude und einem unglaublichen Gefühl von Hoffnung habe ich alle zwei Wochen im Ultraschall gesehen, wie mein Kind wuchs und gedieh, trotz des riesigen Tumors in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Die Myome blieben übrigens wie sie waren, sie nahmen meinem Kind keinen Platz weg. Das Ersttrimesterscreening, vor dem wir echten Bammel hatten, war unauffällig. Ich hätte zwar auch ein Kind mit Downsyndrom angenommen, aber ich war doch froh und erleichtert. Nicht weil solche Kinder weniger wert sind, aber weil ich einfach wusste, dass es in unserem Alter sowieso schwierig und anstrengend genug werden würde, ein Kind großzuziehen. Wegen meiner Grenzen. Nicht wegen Wert oder Unwert eines Lebens mit Downsyndrom.

In der 18. Schwangerschaftswoche wurde ich erstmals operiert und der Tumor samt dem befallenen Eierstock entfernt.

Ich erwachte nach einer mehrstündigen OP auf der Intensivstation und meine ersten Gedanken waren bei meinem Kind. Lebt es? Hat es die Narkose überstanden? Leider konnte kein Arzt, keine Gynäekologin auf die Schnelle mit dem mobilen Ultraschallgerät kommen und nachsehen.

Ich hatte Angst um mein Kind.

Ich betete und hörte IHN in meinem Herzen mit den Worten: „Fürchte dich nicht, dein SOHN lebt!“

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich, bis auf meine Intuition, noch gar nicht sicher, dass es wirklich ein Junge ist. Kurz darauf kam dann doch eine Gynäkologin und machte einen Ultraschall. Sie meinte, dem Kind geht es gut und mir fiel ein Stein vom Herzen.

Drei Tage später erfuhr ich, dass mein Kind tatsächlich ein Junge ist und die Ärztin meinte: „Dieses Kind ist ein Held!“

Der Tumor wurde währenddessen histologisch untersucht und erwies sich leider als bösartig. Eierstockkrebs. Da wurde mir klar, dass mir meine Schwangerschaft vermutlich das Leben gerettet hatte, denn ich war lange bei keiner Vorsorgeuntersuchung gewesen und ohne Schwangerschaft vermutlich auch noch lange nicht hingegangen. Ich hatte ja keinerlei Symptome.

Dr. Zoche fragte, ob angesichts dieses Ergebnis meine Entscheidung für mein Kind noch steht.

Was für eine Frage. Wir schaffen das gemeinsam. Oder gar nicht.

Dr. Zoche erklärte mir, dass wir trotz Schwangerschaft mit der Chemotherapie beginnen können, sobald ich mich von der OP erholt habe. Das Kind würde, entgegen allem was man über Chemotherapien zu wissen glaubt, dadurch keinen Schaden nehmen. Wir müssten nur drei Wochen vor dem Entbindungstermin unterbrechen. Die Entbindung würde nur per Kaiserschnitt möglich sein und im Zuge dieser Operation würde man gleich die „große OP“ anschließen, die bei Eierstockkrebs erforderlich ist: Entfernung des zweiten Eierstocks, der Gebärmutter, des großen Netzes, der Lymphknoten entlang der Bauchaorta und falls man bei der OP noch andere befallene Stellen findet, dann müssten auch diese entfernt werden.

Ich stimmte zu.

In dieser Nacht lag ich lange wach, aber nicht mit Ängsten oder Sorgen sondern innerlich total erfüllt und friedlich und in enger Verbindung mit Gott.

ER würde seine Geschichte mit mir schreiben. Es würde eine gute Geschichte werden. Ich konnte vertrauen und mich fallenlassen.

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