Den Bären zähmen

Zum letzten Eintrag passt vielleicht eine Legende aus dem Leben des Heiligen Korbinian, Namenspatron meines Sohnes, Missionar der Bajuwaren und erster Bischof von München und Freising.

Es wird erzählt, der Heilige Korbinian überquerte auf dem Weg zum Papst nach Rom die Alpen. Da geschah es, dass im finsteren Wald ein wilder Bär über seinen Lastesel herfiel und ihn in Stücke riss.

Korbinian trat unerschrocken auf den Bären zu, schlug das Kreuzzeichen über ihm und dem Bär war das Maul gestopft. Dann legte er ihm die Last des Esels auf den Rücken, und fortan musste der Bär ihm zur Strafe sein Gepäck tragen.

Auch andere Heiligenlegenden berichten von der Begegnung eines Heiligen oder einer Heiligen mit einem wilden Tier: Franz von Assisi zähmt den Wolf von Gubbio, Hieronymus den Löwen, die Heilige Martha führt einen Drachen am Halsband mit sich, wie ein zahmes Hündchen.

Der Heilige Georg tötet den Drachen. Martha zähmt ihn. Und so ist es auch mit dem Wolf, dem Löwen oder dem Bären des Heiligen Korbinian.

Für mich ist die Legende eine Symbolgeschichte. Der Bär steht für das Wilde, das Ungezähmte, die Mächte des eigenen Unbewussten, die Leidenschaften, die Aggression, die Gier nach Leben. Kurz, für all die vitalen Kräfte in uns, die uns auch verschlingen können.

Man kann versuchen sie zu „töten“, aber damit „tötet“ man letztlich auch die eigene Vitalität. Oder man kann sie „zähmen“. Das Kreuzzeichen über ihnen schlagen und sie in den Dienst des Lebens stellen.

Das ist es, was ich mit meiner Wut versuche, damit sie sich nicht gegen mich selbst oder gegen andere wendet.

Ich merke zunehmend, dass ich oft wütend bin. Manchmal ist Korbinian der Auslöser (aber NIE der Grund!). Und im Nachklang merke ich, dass ich auch auf meine Kirche oft wütend war, ohne es in diesem Moment zu spüren. Da ist vieles wirklich gar nicht gut gelaufen. Warum war vonseiten der Kirchenleitung niemand für mich da, als es mir schlecht ging? Warum hat nie jemand nach mir gefragt? Warum musste es soweit kommen, dass ich irgendwann so fertig war, dass ich nur noch Flucht aus dem Pfarrdienst als Möglichkeit sah? Ich habe sicher manches falsch gemacht, aber andere eben auch, und die saßen am längeren Hebel.

Ob diese verdrängte Wut, dieser Frust, vielleicht mit ein Auslöser für meinen Krebs war? Wissenschaftlich ist ein Zusammenhang zwischen Stress, Trauer, Aggression und Krebs nicht erwiesen – welche Sprache spricht mein Körper?

Die ersten anderthalb Jahre seines Lebens forderte mich Korbinian voll. Dann aber brachen Zeiten an, in denen er zum Glück begann, etwas besser zu schlafen und das gab mit die Möglichkeit, diesen Fragen nachzugehen. Und vor allem zu überlegen: Wie soll es denn weitergehen? Bin ich nicht weiterhin, auch wenn ich keine Pfarrerin mehr bin, berufen, das Wort Gottes zu verkündigen? Was ist mit alldem, was mir wichtig war, weshalb ich Pfarrerin geworden bin?

Dem allen begann ich nachzuspüren. Wie bringe ich meinen inneren Bären dazu, mir meine Last zu tragen? Wie verwandle ich Frust und Wut in das Zulassen von Trauer und die Kraft, noch einmal neu anzufangen?

Was dann geschehen ist, hatte viel mit Loslassen und Gnade zu tun.

2 Kommentare zu „Den Bären zähmen

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