Wie ein kleines Kind bei seiner Mutter

Als ich mit fast 45 Jahren zum ersten und einzigen Mal Mutter wurde, war das glaube ich die radikalste Änderung in meinem Leben, die ich je erlebt habe und vermutlich je erleben werde.

Auf einmal war da dieses kleine, winzige, Wesen. Mein Kind, mein Sohn, mein Korbinian.

Nach zehn Tagen im Krankenhaus, die Fäden meiner 30 Zentimeter langen Bauchnarbe gerade eben erst gezogen, kamen wir, Christoph und ich, mit ihm nach Hause. Christoph hatte in der Wohnung einiges verändert, während ich mit Korbinian im Krankenhaus war. (Trotz Rooming in war er stundenweise nach Hause gefahren, um vieles vorzubereiten.)

Wir packten Korbi zum ersten Mal in seine eigene Babykleidung (war gar nicht so leicht am Anfang) und fuhren mit ihm nach Hause, begleitet von den guten Wünschen der Ärzte und Pflegekräfte.

Endlich zu dritt zuhause zu sein, war für mich ein wunderschönes Gefühl. Ich war zwar noch etwas schwach, aber es fiel auch vieles von mir ab. Trautes Heim, Glück allein!

Korbinian hatte und hat kein eigenes Zimmer. Sein Bett steht bei uns im Schlafzimmer – wenn er denn drin schlafen würde. Das war von Anfang an ein Ding der Unmöglichkeit! Er braucht zum Schlafen seine Mama. Und seinen Papa. In der Mitte zwischen uns fühlt er sich wohl! Das war von Anfang an so und wir lassen es so, bis er irgendwann von selber auszieht. Man nennt das wohl Familienbett. Wir fanden es einfach schön und praktisch. Und innig und vertraut.

Da Christoph oft abends Dienst hat, oblag das Schlafengehritual im ersten Jahr meist mir. Doch Korbi hatte sehr oft andere Pläne! Er wollte lieber wach bleiben. Und so lagen wir lange nebeneinander. Ich gab ihm seine Milch und sang ihm Lieder vor. („Schlaf, Kindlein schlaf!“, „Guten Abend, gute Nacht“, all die Klassiker). Er hingegen lag lange da und schaute mich groß an.

Und irgendwann schläft er, zufrieden an mich gekuschelt, ein. Das waren und sind die Momente, in denen die Zeit still steht. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich in diesen zwei Jahren neben ihm lag, singend, ihn in den Schlaf begleitend, ihn tröstend, wenn die Koliken ihm zu schaffen machten, ihn auf dem Arm tragend, wenn er gar nicht zur Ruhe kommen konnte.

Und je öfter und länger ich das tue, desto mehr sehe ich darin ein Gleichnis.

Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden, wie ein kleines Kind bei seiner Mutter; wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir. (Psalm 131,2)

Ist das nicht die Grundessenz von allem? Geborgenheit? Die Seele geborgen bei Gott, wie ein kleines Kind bei seiner Mutter…

„So ihr nicht werdet wie die Kinder“, meinte Jesus, und: „wer das Reich Gottes nicht empfängt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Markus 10,15)

Was tut ein Kind, um sich die Liebe seiner Eltern zu verdienen? Nichts, gar nichts. Es ist einfach nur da. Es kann auch gar nichts sonst tun. Es kann weder etwas richtig machen, noch etwas falsch machen. Es trinkt, es schläft, es scheidet aus. Und trotzdem lieben wir es, geben ihm Brust oder Fläschchen, wiegen es in den Schlaf, singen ihm vor, erzählen ihm, schenken uns ihm.

Wenn man von einem kleinen Kind eine Sache lernen kann, dann die: Sich lieben zu lassen.

Oft habe ich, vor allem in den ersten Monaten, einfach neben meinem schlafenden Kind gelegen oder gesessen und es angeschaut. Diese tiefe Entspannung meines schlafenden Babys auf mich wirken lassen.

Natürlich gab es auch Nächte, die sehr schwer waren: Dreimonatskoliken, viel Weinen, Schlaflosigkeit, Ermüdung, Erschöpfung bis kurz vorm Umfallen.

Aber auch das ist, so empfinde ich es, eine spirituelle Lehre: Das verfügbar Sein. Mit den eigenen Grenzen konfrontiert zu werden. Merken, wie es über die eigene Kraft geht. Manchmal auch verzweifelt sein, weil nichts, was ich tue, meinem Kind hilft, wenn es Bauchweh hat oder schlecht träumt. Das Aushalten und einfach dabei bleiben.

Von einem Baby kann man lernen, sich bedingungslos lieben zu lassen. Man kann aber, als Mutter, als Vater, auch viel über die Liebe Gottes lernen, die man da, wenn auch unvollkommen, für das Kind spiegelt.

Ich habe in diesen letzten zwei Jahren, in denen mir Korbinian oft vieles abverlangt, aber auch viel gegeben hat gelernt, noch tiefer in dieses Mysterium einzutauchen, was die Liebe Gottes ist. Die bedingungslose Liebe eines Vaters oder einer Mutter für ein Kind.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s