Evangelisch in 40 Jahren

In 40 Jahren werde ich 87 sein, falls es mich dann in meiner irdischen Form noch gibt. Mein Sohn Korbinian ist dann 42 und mein Mann 94 – gehen wir einmal davon aus, wir erleben es noch. Wie wird die evangelische Kirche in unseren Breitengraden dann aussehen? Vieleicht so.

Kaum jemand erinnert sich noch an die lang zurückliegenden Zeiten, als in jedem Gotteshaus jeden Sonntag ein Gottesdienst stattfand. Überhaupt gibt es viele evangelische Kirchen gar nicht mehr. Sie sind abgerissen worden, um Wohnhäusern Platz zu machen. Oder sie wurden komplett umgestaltet zu Verkaufshallen, Bars, Museen, Diskotheken.

In größeren Städten gibt es weiterhin zwei bis drei evangelische Kirchen, in denen noch Gemeindeleben stattfindet. Die evangelischen Christen sind ein buntes Völkchen. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen „man“ seine Kinder zur Taufe anmeldete, weil es halt alle machen. Wenn wir heute Taufen feiern, dann ist das immer ein echtes Fest, an dem die ganze Gemeinde teilnimmt und die meisten Menschen, die wir taufen, sind auch keine Babys oder Kleinkinder, sondern junge Erwachsene.

Wir sind in der Minderheit und uns fehlen viele Mittel. Die Kirchensteuer gibt es nicht mehr, gäbe es sie noch, wären die Mittel aber auch nicht besonders üppig. Daher werden die evangelischen Gemeinden selbst kreativ.

Man braucht nicht viel Geld, um eine lebendige christliche Gemeinde zu sein. Herzstück des Gemeindelebens sind nun die Hausgottesdienste. Wir halten es nun wieder wie die Christen in Apostelgeschichte 3: Am Sonntagabend (viele müssen leider tagsüber arbeiten) treffen wir uns reihum bei Gemeindemitgliedern, die ihre Wohnungen öffnen. Wir lesen gemeinsam den Text des Tages. Es gibt keine Predigt. Ein oder zwei Leute haben sich vorab ein wenig in die Materie eingelesen. Ansonsten bitten wir um den Heiligen Geist und jeder und jede bringt ein, was ihn oder sie an dem Abschnitt besonders bewegt. Wir essen gemeinsam, brechen das Brot und teilen den Wein.

Und ja, manchmal gehen wir stattdessen auch in unsere Kirche. Die wenigen Kirchenräume und Gemeindezentren, die noch in der Hand der evangelischen Kirche sind dienen hauptsächlich dem regen Leben von Gruppen und Kreisen. Mancherorts hat auch ein Arzt oder ein Therapeut seine Praxis in kirchlichen Räumen – der Heilungsauftrag Jesu liegt uns am Herzen, und so werden hier nicht nur Patienten versorgt, die es sich leisten können, sondern auch Notleidende ohne Krankenversicherung.

Wer heute noch evangelischer Christ ist, ist es aus Überzeugung.

Christliche Kommunitäten und andere gemeinschaftliche Lebensformen erleben einen Aufschwung. Im Unterschied zu früheren Zeiten leben die meisten Menschen, die sich für ein Leben in einer solchen Kommunität entschieden haben, aber nicht mehr zölibatär. Klassische Familien, Singles, Alte, verwaiste Kinder und andere tun sich hier zusammen, um den Glauben verbindlich miteinander zu leben und zu gestalten.

Den Berufsstand des evangelischen PFarrers, der evangelischen Pfarrerin gibt es in der früher bekannten Form nicht mehr. Gleichwohl gibt es Theologinnen und Theologen, die ihren Sachverstand in den jetzt viel stärker „laikal“ orientierten Gemeinden einbringen. Wir sind immer noch evangelisch – das heißt, es muss auch heute noch Menschen geben, die gelernt haben, wie man die Bibel wissenschaftlich auslegt, die weltanschauliche Strömungen einordnen und ihr Wissen an andere Christen weitergeben können.

Obwohl wir in der Minderheit sind, meldet sich die evangelische Kirche weiterhin zum politischen und gesellschaftlichen Geschehen zu Wort. Wir glauben und vertrauen darauf, dass Gott seinen Weg mit uns geht und freuen uns über die blühenden Kirchen in anderen Teilen der Erde.

Und ab und zu sammeln Christen einer Megachurch in Seoul für ihre verarmten Glaubensgeschwister hier in Deutschland. Wir sind für diese kirchliche Entwicklungshilfe sehr dankbar.

2 Kommentare zu „Evangelisch in 40 Jahren

  1. Die ersten Absätze sind in Innerfrankreich bereits Realität. Auch die Wiederentdeckung der Hauskreise und -kirchen ist im Gange.
    Der Rest – nun, es kann auch sein, daß in den dann ehemaligen Landeskirchen alles einfach einschläft, und evangelisch findet bei den Freikirchen statt.

    Gefällt 1 Person

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