Heimliche Weisheit

Ich bin nun fast am Ende meines sehr persönlich gehaltenen Rückblicks auf meine Geschichte mit dem Glauben und in der evangelischen Kirche. Erst sehr spät habe ich gemerkt, dass es eigentlich immer derselbe Grundkonflikt war, der mich am System der verfassten Kirche zweifeln und auch leiden ließ. Nämlich der, dass ich als spät getaufte Quereinsteigerin und Mystikerin immer an Grenzen stoße, die einfach institutionell bedingt sind. Kirche, zumal die Evangelische, rechnet nicht ernsthaft mit Menschen wie mir. Schon gar nicht in den Reihen ihrer Pfarrerinnen und Pfarrer.

Ich glaube, dass ich mit Vielem auch einfach zu früh dran war. Dass Kirche, wenn sie lebendig bleiben will, in Zukunft viel mehr mit Menschen rechnen muss, deren Blick auf Glaube und Kirche eben nicht von einer kirchlichen Sozialisation durch die Familie vorgeprägt ist. Ich glaube zum Beispiel, dass die Erwachsenentaufe in 20 Jahren nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein wird. Einfach, weil aufgrund des Traditionsabbruchs viel weniger Eltern ihre Kinder taufen lassen werden. Zwar werden Kirchenmitgliedschaft und Taufe mit Sicherheit kein Mainstream-Trend werden. Aber wenn sich in 20 Jahren jemand entscheidet, als Christ leben zu wollen, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht bereits als Kleinkind getauft worden sein. Dann sind Biografien wie meine vermutlich eher normal und Menschen, die erst als Erwachsene zum Glauben gekommen sind, haben von Haus aus einen anderen Blick auf Kirche und Glaubensthemen, als Traditionschristen oder Menschen, die halt getauft sind, sich aber nie groß Gedanken gemacht haben. Überhaupt wird es letztere bald nicht mehr geben. Die als Kind Getauften ohne Bezug zur Kirche treten gerade in Scharen aus.

Ich persönlich glaube, evangelische Christen in 20 Jahren wieder sehr viel „frömmer“ sein werden. Die Herausforderung wird sein, das Feld der Spiritualität, der Frömmigkeit und des Gebetes wieder glaubwürdig zu beleben. Denn wenn Christen in 20 Jahren eine Minderheit sind, dann suchen die wenigen, die es in der Kirche hält oder die neu dazukommen vermutlich wirklich eine lebendige innere Beziehung zu Gott.

Kampf und Kontemplation. Aus einer wirklich persönlich erfahrbaren Gottesbeziehung das Leben und das Miteinander gestalten. Denn darum wird es im Kern gehen. Für anderes wird auch schlicht das Geld fehlen.

Ich persönlich glaube, dass für die evangelische Kirche der Zukunft eine gelebte Spiritualität sehr viel wichtiger sein muss, als heute. Wo Glaube wirklich lebt, da tut er es doch, weil Menschen hier und heute Jesus Christus als ihrem Freund, Bruder, Heiland und Herrn ihres Lebens begegnet sind. Alles andere ist gut gemeinter Aktionismus und wird versanden. Kirche blüht, auch global gesehen, dort, wo Menschen zu Jüngerinnen und Jüngern werden – weil der Herr ihnen begegnet ist.

Vor vielen Jahren schenkte mir ein guter Freund ein Buch mit dem Titel „Heimliche Weisheit“. Der Autor heißt Walter Nigg. In der Sprache ist es etwas altertümlich aber das Anliegen ist wunderbar. Eine Würdigung der protestantischen Mystiker von der Reformation bis ins 19. Jahrhundert. Wenn mir bei der Lektüre eines klar geworden ist dann dies: Ein großer Teil der Misere unserer Kirche kommt wirklich daher, dass eine persönlich erlebte Jesusbegegnung mit ihren konkreten Folgen für das Leben der Gläubigen über Jahrhunderte beargwöhnt wurde.

Der Mystiker, die Mystikerin ist in der evangelischen Kirche eine Randgestalt und das gilt auch schon für jeden und jede, der so von Jesus redet, wie von einem guten Freund, einem Herzensbruder oder persönlichen Heiler.

Christen, die evangelisch sind, und solche Erfahrungen gemacht haben, sind geradezu gezwungen, entweder in obskure Bewegungen abzuwandern, oder bei anderen Konfessionen fremdzugehen. Inzwischen gibt es zum Glück auch evangelische Orte der Frömmigkeit. Ich glaube, dass diese in Zukunft noch sehr viel wichtiger werden und dass es im Grunde mindestens in jedem Dekanat (falls es diese Struktur in 20 Jahren noch gibt) einen Seelsorger oder eine Seelsorgerin braucht, der dieses Anliegen liebt, pflegt und selbst ein „Jesuserfahrener“ ist. Der Christ der Zukunft wird Mystiker sein, oder er wird nicht sein – und wenn die evangelische Kirche nicht die verschütteten Quellen der Mystik und der persönlichen Glaubenserfahrung freigelegt und zu solchen Erfahrungen ermutigt, wird sie immer mehr versanden und irrelevant werden.

Vor etwa 10 Jahren sagte ein Kollege nach einem Einkehrwochenende für Pfarrerinnen und Pfarrer in Selbitz (es war ein Pfarrkonvent): „Na zum Glück geht’s morgen wieder heim. Endlich wieder was arbeiten und nicht nur rumsitzen!“

Ich hoffe sehr, dass das Bewusstsein wächst, dass die Pflege der Spiritualität kein Rumsitzen ist und das Gebet essentiell wichtig für eine Kirche, die nicht komplett den Kontakt zu ihren Wurzeln verlieren will.

Und ich hoffe, dass das Charisma des Gebetes und die Gaben der Mystiker und Mystikerinnen neu entdeckt und gewürdigt werden, dass das Angebot der Geistlichen Begleitung in jeder Gemeinde oder zumindest jedem Dekanat einen festen Ort bekommt. Menschen haben spirituelle Fragen und Sehnsucht nach Gott. Wenn Kirche hier nicht begleitet und Angebote macht, dann verliert sie sehr viel an Relevanz.

Mystikerinnen und Mystiker, Menschen mit inniger Jesusbeziehung, gehören nicht an den Rand der Kirche (ach ja, die gibts auch noch), sondern ins Zentrum.

Die „Heimliche Weisheit“ muss ans Licht treten.

2 Kommentare zu „Heimliche Weisheit

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