Biblische Theologie für Gemeindechristen

So wichtig es ist, dass Christ*innen im Umgang mit der Bibel mündig werden, so schwierig kann allerdings auch die Umsetzung dieses Anliegens werden. Ich habe die Menschen immer gern ermutigt, selber nachzulesen, was denn eigentlich in der Bibel steht. Die meisten evangelischen Christen hatten doch einen Konfirmandenunterricht, in dem auch der Umgang mit der Bibel Thema gewesen sein sollte. Einfach selber lesen, vorher beten, dass Gott einem das Wichtige an einem Abschnitt zeigt, und dann müsste es doch klappen, oder?

Um ehrlich zu sein, hatte ich in meiner Zeit wenig Erfolg darin, Menschen für das Lesen der Bibel wirklich zu begeistern – die Hürden scheinen einfach zu hoch zu sein.

Wenn ich mich an meine eigenen Anfänge als Christin erinnere, ging es mir ja sehr ähnlich. Ich war hoch motiviert, dieses Buch zu lesen – scheiterte aber schon beim ersten Aufschlagen des Neuen Testamentes. Ich landete ausgerechnet im Hebräerbrief und da stach mir folgender Vers ins Auge: „Ohne Glauben ist es nicht möglich, Gott zu gefallen. Denn wer zu Gott kommen will, der muss glauben, dass er ist und dass er denen die ihn suchen ihren Lohn gibt.“ (Hebräer 11,6)

Was für ein bescheuerter Satz, dachte ich. Erstens wusste ich da noch gar nicht, ob ich eigentlich „glaube“- und dachte, das Wort bedeute wohl, Dinge für wahr halten, die nicht erwiesen sind. Gefalle ich Gott nicht, nur weil ich nicht glauben kann, was in der Bibel so alles steht, die Erschaffung der Welt in sechs Tagen zum Beispiel? Was ist das für ein engstirniger Gott?

Ich hatte auf der einen Seite diese wunderbar tiefen mystischen Erfahrungen mit Gott. Und auch das Johannesevangelium hatte mir direkt in die Seele gesprochen. Aber der Rest der Bibel?

Dann begegneten mir Christ*innen, die die Bibel komplett wörtlich zu nehmen schienen. Da stand irgendwo im Alten Testament, dass Homosexualität Sünde sei und dass die Welt innerhalb einer Woche entstanden ist. Und so war es. Punkt.

Erst nach und nach habe ich, vor allem durch meine Begegnungen im Umkreis der Thomasmesse gemerkt, dass man wohl die Bibel lesen und trotzdem ein toleranter Mensch sein kann. Dass man durchaus kritisch mit Manchem umgehen kann, was in der Bibel steht, und trotzdem Jesus lieben. Da wurde mir klar, dass wohl jeder seinen eigenen Zugang zu diesem seltsamen Buch finden muss. Auch wenn ich meinen noch nicht gefunden hatte.

Leider hätte ich ihn ohne Theologiestudium auch nicht gefunden. Und genau das finde ich für eine evangelische, stark am Wort Gottes orientierte Kirche tragisch. Man kann nicht einfach voraussetzen, dass evangelische Christen mit der Konfirmation in Glaubensfragen „mündig“ geworden sind. Es braucht für die, die das wollen, ein fundiertes Angebot zum Erlernen eines mündigen Umgangs mit der Bibel. Ansonsten ist das Resultat der angeblichen Mündigkeit entweder Fundamentalismus oder Gleichgültigkeit.

Im Studium lernte ich, wie alle Theolog*innen, die historisch-kritische Methode kennen, eine wissenschaftliche Herangehensweise an biblische Texte, die versucht, das was da steht, erst einmal historisch einzuordnen und zu hinterfragen. Ich lernte das absolute Gegenteil dessen, die Bibel fromm und naiv wörtlich als Offenbarung Gottes nehmen zu wollen.

Obwohl ich in historisch-kritischer Exegese ziemlich gut war und mich diese Herangehensweise auch bis heute sehr interessiert, wurde mir klar, dass das ja wohl auch nicht alles sein kann. Ich persönlich fand das alles zwar sehr spannend, aber manch frommer Mitstudent geriet in arge Anfechtungen, als er im Studium erfahren musste, dass die Evangelien keinen Augenzeugenberichte und etliche Paulusbriefe nicht von Paulus sind. Oder dass es im 1. Buch Mose mindestens drei sich zum Teil widersprechende Berichte von der Erschaffung der Welt gibt, die ein oder mehrere Redaktoren mehr oder minder kunstfertig zu einem Gesamtopus verarbeitet haben. Dass Jericho zur Zeit der Landnahme schon zerstört war. Dass der Monotheismus Israels ein relativ spätes Konstrukt ist. Und vieles mehr.

Es ist doch eine Crux: Die Frommen lieben Jesus und halten die Bibel für das inspirierte Wort Gottes. Das macht sie zugleich wunderbar begeistert und inspiriert von der Sache Jesu – und intolerant gegenüber Andersgläubigen. In solchen Kreisen liegen Begeisterung und Gesetzlichkeit eng beieinander und über allem schwebt mehr oder weniger latent die Angst, es Gott vielleicht doch nicht rechtzumachen.

Wer, andererseits, wissenschaftlich an die Bibel herangeht, der hat zwar gelernt, einen Bibeltext in seine redaktionellen Einzelteile zu zerpflücken – aber von der Bibel als Glaubensbuch bleibt wenig übrig und von einer echten Begeisterung für Gott oder Jesus auch nicht. Wie auch, wenn alles, was man über den historischen Jesus wirklich wissen kann auf eine Postkarte passt?

Also, als was lese ich die Bibel nun? Als literarisches Werk, das in sich nicht homogen und aus vielen unterschiedlichen Schichten zusammengesetzt ist? Als verbalinspiriertes Wort Gottes? Wie geht das dann wiederum damit zusammen, dass es die Bibel in ihrem heutigen Umfang sowieso erst seit etwa 400 n.Chr. gibt? Was in den Evangelien ist echt, also „echt Jesus“ – was ist späterer Zusatz? Was davon kann und will ich glauben? Und was nicht?

Als Christin kann und will ich die ganze Bibel nicht anders lesen, als von Jesus her. Dass er gelebt hat, ist historisch unbestritten. Dass er umherzog, um das Reich Gottes zu verkündigen, gehört ebenfalls unumstößlich zum Kern aller Evangelien und lässt sich auch nicht wegdeuten, auch wenn man über die Echtheit mancher „Logien“ (Jesusworte) streitet. Ebenso unbestritten ist, dass er nach menschlichen Kriterien mit seiner Botschaft gescheitert ist und unter Pontius gekreuzigt wurde. Was die Auferstehung betrifft: Auch diese belegen alle neutestamentlichen Schriften. Die Auferstehung Jesu gehört unumstritten zum absoluten inneren Kern des christlichen Glaubens – auch wenn die einzelnen Darstellungen dieses Ereignisses voneinander abweichen. Dazu muss man wissen, dass die Evangelien ja allesamt keine Augenzeugenberichte sind, allenfalls kannten die Evangelisten mündliche Überlieferungen, die auf solche zurückgingen. Bei der Auferstehung selbst war keiner dabei. Dennoch kann man das gesamte Neue Testament sinnvoll nur von hier aus deuten. Es ist überhaupt nur geschrieben worden im Rückblick, von der Auferstehung Jesu her. Weil er der auferstandene Herr ist, deshalb hielt man sein Leben und Wirken für so wichtig, dass man es aufgeschrieben hat.

Menschen haben erlebt, dass mit Jesus die Macht des Todes und die Angst vor dem Tod überwunden sind. Dass sie mutig und frei geworden sind, weil der Auferstandene ihnen begegnet ist.

Im Unterschied etwas zum Islam ist das Christentum eben keine Buchreligion. Es lebt vielmehr aus dem Glauben an den Auferstandenen, Jesus Christus. Von ihm geben die Schriften des Neuen Testamentes Zeugnis. Die Schriften des Alten Testaments sind Zeugisse der reichhaltigen Glaubenserfahrungen des Judentums, ohne die Jesus nicht zu verstehen wäre.

Christen glauben nicht an ein Buch, sondern an eine Person. Es geht um Beziehung zu dieser Person, nicht um die Richtigkeit einzelner Aussagen einer Heiligen Schrift. Von dieser Beziehung her sind die Schriften der Bibel in ihrem Gesamtkontext zu deuten. Deshalb kann die historisch-kritische Exegese dem Glauben im Grunde nichts anhaben. Es sei denn man nimmt die Bibel wörtlich oder als ein in jedem Detail göttlich inspiriertes Buch.

Wenn ich dafür plädiere, dass Christen mündig werden müssen, die Bibel selbst lesen und verstehen lernen sollen, dann ist es meiner Meinung nach unumgänglich, diese Themen – was ist die Bibel (Zeugnis des Glaubens) und was ist sie nicht (womöglich wörtlich inspiriertes Wort Gottes – auch in der Gemeinde zu behandeln.

Ich könnte mir vorstellen, es wäre hilfreich, in Kirchengemeinden (oder auch gemeindeübergreifend) in regelmäßigen Abständen so etwas wie ein kleines theologisches Seminar abzuhalten. Zu wichtigen Glaubensthemen, z.B. zur Bibel. Inhalte könnten sein:

Teil 1: Konfirmandenwissen reloaded – Aufbau der Bibel, praktischer Umgang damit, wo finde ich was, etc.

Teil 2: Ein ultrakurzer Abriss der historisch-kritischen Methode, z.B. anhand eines Jesus-Gleichnisses.

Teil 3: Der Kanon der Bibel. Wann wurden die einzelnen Schriften zum verbindlichen Glaubensbuch „Bibel“ zusammengefasst, und warum diese und keine anderen?

Teil 4: Wörtlicher Umgang mit der Bibel vs. Auslegung vom Christusgeschehen her.

So sehr mir an der Mündigkeit der Gemeinde liegt – ich glaube, anleiern müssen solche Prozesse dann doch die, die sich seit Jahren damit beschäftigen, also Theolog*innen und Pfarrer*innen.

In gewisser Weise ist biblische Theologie ja auch eine Art Herrschaftswissen – mündiges Christentum setzt voraus, dass alle Christen und Christinnen Zugang zu theologischem Wissen haben, und zwar dort wo sie ihren Glauben leben, nämlich niederschwellig innerhalb ihrer Kirchengemeinden.

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