Gottesgegenwart

Ich gehe spazieren, eine der seltenen „freien“ Stunden, ohne Mann und Kind. Ich brauche diese Stunden. Sie geben mir, der Introvertierten, Kraft, um den Alltag zu meistern. Stille. Ruhe. Zeit, den Gedanken nachzuhängen. Zu beten. Zu meditieren.

Ich gehe also spazieren. Im Hofgarten. In Coburg. Der Hofgarten mit seinen uralten Bäumen, durch deren Laub sich das Licht in allen Grüntönen bricht. Grünes Licht. Schatten. Hin und wieder blitzt der strahlend blaue Himmel durchs Blätterdach.

Ich bleibe stehen. Blicke um mich. Und da ist es wieder. Nur wenige Sekunden lang. Alles wird wie durchsichtig, durchscheinend. Die Bäume, das Licht, der Weg, der Himmel über mir, die fernen Rufe von Kindern auf dem Spielplatz.

Alles wird wie durchsichtig und darin und dahinter und alles durchdringend ist die Gegenwart Gottes da. Der Kosmische Christus. Die Ewigkeit.

Nicht irgendwann irgendwo in ferner Zukunft, sondern hier. Ich schaue mich um. Nichts ist ohne diese Gegenwart.

„Von der Tiefe bis hoch zu den Sternen durchflutet die Liebe das All“, so hat es Hildegard von Bingen einmal ausgedrückt.

Gott ist Alles in Allem und Alles und jeder und das All ist in IHM. Der kosmische Christus. Alles ist gegenwärtig. Gott ist gegenwärtig. Es gibt nichts Getrenntes, es gibt nur das EINE, den EINEN. Alles spiegelt ihn und alles ist durchdrungen von IHM und ich bin mir nicht sicher, ob ER nicht einfach ALLES ist. Die Schöpfung nur Materie gewordener Gott. Inkarnation Gottes in allem, was ist, und neben und in und hinter all dieser Materie doch immer nur ER.

Wozu dann noch eine Erlösung nötig ist? Weil „wir“ es vergessen, dass wir „seines Geschlechts sind“, obwohl wir „in IHM leben und weben und sind“ (Apostelgeschichte 17,27-28). Weil „wir“ leben, als existierten wir aus uns selbst heraus, weil wir meinen, wir müssten Götter sein – statt einfach in GOTT zu sein, uns dem Strom SEINES Lebens und SEINER Liebe zu überlassen. Dieses Getrenntsein von Gott ist es, wovon wir erlöst werden müssen. Der Dualismus, der meint, er könne die Welt in Schwarz und Weiß, in „wir“ und „die anderen“ aufteilen.

„Wir“ sind vom Weinstock abgefallene Reben. Christus verbindet uns wieder mit dem Weinstock.

„Wir“ schaffen uns unsere Dunkelheit selbst und begehen schreckliche Taten, weil wir uns vom Ursprung entfremdet haben. In der ganzen Schöpfung gibt es kein Lebewesen, dass sich derart von Gott entfremdet hat, wie der Mensch. Das ist wohl der Preis der Freiheit.

Christus ist das Licht. Er ruft uns zurück. Indem er sich in dieses Getrenntsein von Gott selbst hinein begibt und die Brücke schlägt, auf der wir heimkehren können. In allem ist er gegenwärtig. „Dreht einen Stein um, und ich bin da. Spaltet das Holz, und ihr werdet mich finden“, sagt der Christus des Thomasevangeliums. Der ganze Kosmos ist durchströmt von seiner Gegenwart und er zieht uns zurück zum Ursprung, jenseits und vor aller Spaltung.

Der Hofgarten ist Eden. Die nicht aufgeräumte Küche, in der ich das schreibe, ist Gottesgegenwart. Christus in mir, in allen, überall und in allem.

ER ist der Friede, und Friede auf Erden wäre es dann, wenn „wir“ uns nicht mehr als Getrennte, sondern als mit Gott Verbundene begreifen könnten. Alle.

Damit das geschehen kann, braucht es aber auch ganz konkret den Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden auf diesem Planeten. Wer befürchtet, heute oder morgen zu verhungern oder seine Kinder in sinnlosen Kämpfen zu verlieren, wird sich schwertun, sich als von Gott geliebten und mit ihm verbundenen Menschen zu verstehen. Wer ums Überleben kämpft, der kann sich innerlich nicht öffnen für eine Wahrheit hinter der Wahrheit oder eine Gottesgegenwart in seinem Elend.

Kontemplation und Kampf für eine bessere Welt. Gerade weil ich solche Momente erlebe, in denen Gott ALLES in Allem ist, will ich mich dafür einsetzen, dass kein Mensch mehr sich als ungewollt oder ungeliebt fühlen muss.

Solche Erfahrungen sind Ansporn, nicht Ruhekissen. Und ich glaube, jetzt räume ich die Küche auf.

Ein Kommentar zu „Gottesgegenwart

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