Berufen. Predigt zu 2.Timotheus 1,1-10

Predigt vom 27. September 2020

Liebe Gemeinde,
liebe Schwestern und Brüder!
Wir haben vorhin schon den Predigttext aus dem 2. Timotheusbrief gehört. Vielen war vielleicht der Vers vertraut: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Ein beliebter Vers, der auch gerne als Konfirmations- oder Taufspruch gewählt wird. Ich möchte den Abschnitt gern noch einmal lesen, und zwar in seinem Zusammenhang, also mit dem, was vor dem Text steht, den Beginn des 2. Timotheusbriefes:

Paulus, ein Apostel Jesu Christi…an meinen lieben Sohn Timotheus. Ich danke Gott….wenn ich ohne Unterlass deiner gedenke in meinen Gebeten Tag und Nacht. Und wenn ich an deine Tränen denke, verlangt mich, dich zu sehen, damit ich mit Freude erfüllt werde. Denn ich erinnere mich an den ungefärbten Glauben in dir, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike; ich bin aber gewiss, auch in dir.

Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, dass du erweckest die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände.

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe unb der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.

Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilandes Jesus Christus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

Vielleicht hat der eine oder die andere von Ihnen beim Lesen eben still genickt. Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Wir gehören seit unserer Taufe zu Jesus Christus. Sind beschenkt mit seinem heiligen Geist.
Der Geist Gottes schenkt Kraft, Liebe und Besonnenheit. Er ist das Gegenteil dessen, was Paulus den Geist der Furcht nennt. Kraft, Liebe und Besonnenheit sind geradezu Heilmittel gegen die Angst und die Panikmache, die so viele in unserer Gesellschaft zurzeit umtreibt und in den Irrsinn treibt.

Ein Zuspruch sind diese Worte vor allem deshalb, weil dort steht: Gott hat uns seinen Geist schon gegeben. Nicht etwa: Strengt euch mal an, glaubt richtig und betet viel – dann gibt euch Gott vielleicht den Geist. Nein, Gott HAT ihn euch schon gegeben! Er wurde euch zugesprochen bei eurer Taufe, bei eurer Konfirmation, bei der Firmung, jedes Mal, wenn wir uns im Gottesdienst unter den Segen Gottes stellen. Habt Mut, daran zu glauben und euren Glauben mit eurem Leben zu bezeugen.

Denn, Zitat: Wir sind berufen mit einem heiligen Ruf. Jeder und jede einzelne, wir als Gemeinde, wir als Kirche, wir als Christen in der weltweiten Gemeinschaft der Konfessionen.

Wir sind berufen, auf IHN hinzuweisen, der „dem Tode die Macht genommen und das Leben…ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“

Darum schämt euch nicht, sagt Paulus. Es gibt keinen Anlass dafür, auch wenn viele den Glauben an Gott lächerlich machen, auch wenn Kirchen als Institutionen an Einfluss verlieren, auch wenn so vieles im Wandel ist in Kirche und Gesellschaft.

Seid Zeuginnen und Zeugen des Evangeliums.

Wir sind Zeugen des Evangeliums, wenn wir unseren Kindern vermitteln, dass sie vor aller Leistung geliebt sind, so wie auch Gott uns liebt, ohne dass wir es uns verdienen müssen.

Wir sind Zeugen des Evangeliums, wenn wir in den Gesichtern jedes Geflüchteten das Antlitz Jesu erkennen, der anklopft und um Einlass bittet, verkleidet als einer seiner geringsten Schwestern und Brüder.

Wir sind Zeugen des Evangeliums, wenn wir es am Bett eines Kranken aushalten, auch wenn wir nicht wissen, was wir sagen sollen und uns hilflos fühlen. Denn der Geist Gottes ist in den Schwachen mächtig.

Wir sind Zeugen des Evangeliums, wenn wir uns, jeder mit seinen Mitteln, dafür einsetzen, dass dieser Planet ein bewohnbarer Ort für Mensch und Natur bleibt, auch über unseren Tod hinaus.

Und wir sind Zeugen des Evangeliums, wenn wir in aller Trauer die Hoffnung nicht aufgeben, dass da jemand ist, der uns über den Tod hinaus trägt und liebt. Jesus, der dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat.

Ein Zeuge, eine Zeugin des Evangeliums muss nicht immer unerschütterlich glauben, muss nicht immer der sprichwörtliche Fels in der Brandung sein. Die Briefe des Paulus an Timotheus zeigen auch die andere Seite. Es handelt sich nämlich an Ermutigungsschreiben an einen offenbar frustrierten jungen Gemeindeleiter.
Paulus schreibt von den „Tränen“ des Timotheus. Im weiteren Kontext lesen wir von Anfeindungen, die Timotheus zu schaffen machen. Dass er nicht ernst genommen wurde, weil er so jung war. Und überhaupt war Christsein ja damals keine ungefährliche Angelegenheit. Die christlichen Gemeinden erlebten ja immer wieder Verleumdungen und Verfolgung vonseiten ihrer Umwelt.

Der Verfasser des Briefes zeigt sich hier als guter Mentor und Seelsorger. Er schreibt, wie gern er Timotheus in seinen Tränen trösten würde und dass er Tag und Nacht für ihn betet. Und, Anmerkung, Gemeindeleiter, Pfarrer, Pfarrerinnen brauchen das Gebet anderer Christen. Auch heute noch.

Dann erinnert er Timotheus an seine Herkunft und Biografie: Von klein auf ist er in den Christusglauben hineingewachsen, der zuvor schon in seiner Mutter Eunike und seiner Großmutter Lois lebendig war. Dann wurde Timotheus als relativ junger Mann Leiter einer christlichen Gemeinde. Unter feierlichem Gebet und unter Handauflegung wurde er in sein Amt eingeführt. Daran erinnert Paulus ihn nun.

Die Segensgeste der Handauflegung ist so alt wie die Kirche selbst. Noch heute werden Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch Kirchenvorstände, Lektorinnen und Lektoren, Prädikantinnen und Prädikanten auf diese Weise für ihren Dienst gesegnet. Immer, wenn jemand in unserer Kirche ein Amt übernimmt, geschieht es unter Handauflegung und Gebet. Ähnlich ist es, wenn junge Christen bei der Konfirmation Ja zu ihrem Glauben sagen. Mit der Einführung in ein kirchliches Amt unter Handauflegung und Gebet stellen wir uns in den breiten Strom der kirchlichen Tradition. Darin liegt eine Kraft, die sich rein logisch nicht erklären lässt. Aber erinnern Sie sich mal an solche Momente. Nicht jeder hier ist ordinierter Pfarrer oder Pfarrerin, aber die meisten sind konfirmiert. Oder gefirmt. Unter Handauflegung gesegnet zu werden ist eine sehr eindrückliche Erfahrung. Da wird mir das Wort Gottes auf den Kopf zugesagt, ich weiß, dass ich gemeint bin und das ist eine tiefe Bestärkung für den eigenen inneren Weg. Durch diese Geste wirkt der Heilige Geist. Dessen bin ich mir sicher.

„Aus diesem Grund“, schreibt Paulus, „erinnere ich dich daran, dass du erweckest die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände. Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

Ich erinnere mich noch genau an meine eigene Ordination vor nun 16 Jahren. Auch ich wurde unter Handauflegung und Gebet der Gemeinde zum Dienst als Pfarrerin berufen.

Aber offenbar ging es mir ähnlich wie Timotheus. Die Gabe Gottes, die in Timotheus wohnt und die er einst wohl deutlich gespürt hat, ist in ihm „eingeschlafen“.

Ich glaube, dass das kein Einzelfall, dass einen manchmal die Begeisterung verlässt. Ich kenne viele Pfarrerinnen und Pfarrer, die ausbrannt sind. Ehrenamtliche, die sich fragen, warum es denn eigentlich immer dieselben sein müssen, die alles machen und die Gemeinde am Laufen halten. Frustration über Kirchenaustritte, Enttäuschung über Menschen oder Institutionen, die Frage, ob das denn eigentlich alles noch einen Sinn hat, was wir da machen in der Kirche.

Bei mir war es wie eine dunkle Wolke aus Trauer und Müdigkeit, die das Feuer der Begeisterung nach und nach erstickt hat. Ich habe keine Minute daran gezweifelt, dass es Gott gibt und dass er gut ist. Aber der Kontakt war wie unterbrochen, der Draht nach oben wie gekappt. Das war die Zeit, als ich meinen Dienst als Pfarrerin quittiert habe.

Trotz allem waren es wichtige fünf Jahre seit dem. Ich habe Gott neu kennengelernt. Als Gott des Lebens, der mich durch eine schwere Krankheit hindurchgetragen hat. Der mir in dieser Zeit, als ich nicht Pfarrerin war, meinen Mann und unseren Sohn geschenkt hat. Ich habe echte Wunder erlebt. Vor allem, dass ich am Leben bin und dass unser Sohn gesund ist, ist ein Wunder. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich habe Gott gefragt, was er jetzt eigentlich von mir will. Und irgendwann war die Antwort klar. Du weißt es selber. Tu das, wozu du berufen bist. Sei wieder Pfarrerin. Predige das Evangelium.

Und nun stehe ich heute hier und halte meine erste Predigt seit über fünf Jahren.

Ich bin dankbar, dass ich heute neu für meinen Dienst als Pfarrerin gesegnet wurde und dass auch wir als Familie uns bewusst unter den Segen Gottes stellen durften.

Ich habe ja auch einige Jahre freiberuflich als freie Theologin gearbeiten. Ich habe Trauerfeiern gehalten für Menschen, die aus der Kirche ausgetreten waren und Trauungen für Paare, die aus irgendeinem Grund nicht kirchlich heiraten wollten, sie aber irgendeine Art von Zeremonie gewünscht haben. Ich glaube, ich habe das auch ganz gut gemacht. Ich habe aber gemerkt, dass ich mich dabei wie innerlich abgetrennt fühle von dem Strom der kirchlichen Tradition. Es ist ein Unterschied, ob man aus sich heraus eine gute Trauerrede hält. Oder ob man dazu beauftragt, berufen, gesegnet und gesendet ist. Heute stelle ich mich sozusagen wieder hinein in den Strom der kirchlichen Tradition und in die Gemeinschaft der Ordinierten.

Ich bin meiner Landeskirche sehr dankbar für diese zweite Chance und danke Gott, dass er mich zurückgeholt hat in seinen Dienst.

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Es gibt Worte, die kann man sich nicht selber sagen. Man muss sie sich immer wieder sagen lassen und in sie hineinwachsen.

Amen.

Bible Journaling

Seit kurzem habe ich Bible Journaling für mich entdeckt: Die Bibel auf kreative Art lesen. Den Bibeltext gestalten. Wer sich im Netz umsieht, findet inzwischen etliche Seiten, die sich mit Bible Journaling beschäftigen. Zum Beispiel http://www.bibelkreativ.de.

Witzig finde ich auch die Videos von Cat Woods auf Youtube. Die Amerikanerin tobt sich in ihren Bibeln (auch keine Journaling-Bibeln, sondern ganz normale) dermaßen aus, dass ich nur mit offenem Mund davorsitze und denke: „DAS alles kann man mit einer Bibel machen?!?“ Und, Bemerkung am Rande, wenn ich gefühlt 38 Bibeln besitze – diese Frau toppt mich vermutlich um ein paar hundert Exemplare.

Im Grunde geht es darum, die Bibel zu einer Art geistlichem Tagebuch zu machen. Randbemerkungen schreiben. Einzelne Worte oder Verse kreativ im Buch selbst umsetzen. Es gibt spezielle Bibeln, die einen breiten Rand haben und die extra dafür gedruckt wurden. Ich nehme einfach eine meiner ohnehin vorhandenen gefühlt 38 Bibeln – und irgendwie finde ich, dass es auch einen ganz eigenen Charme hat, für das Journaling eine gewöhnliche Bibel zu nutzen.

Das sieht dann z.B. so aus:

Bible Journaling zu 2. Timotheus 1,7-10
Bible Journaling zu Sprüche 8

Ich lese die Texte, die mein momentanes „Andachtsbuch“ – das Heft von „Our daily Bread“ – für den Tag vorschlägt. Ich werde still und bete. Wenn mich ein Wort oder Vers so richtig packt, dann werde ich kreativ: Ich hebe ihn farblich hervor. Ich schreibe eigene Gedanken oder kurze Gebete an den Seitenrand. Manchmal zeichne ich etwas dazu. Oder klebe etwas in die Bibel, etwa kurze Texte, Fotos, Ausrisse aus Zeitschriften etc. Man kann dazu im Netz inzwischen tolle und ausgeklügelte Anleitungen finden und jede Menge Material bestellen. Ich benutze einfach, was ich sowieso habe und halte die Augen offen, wo mir etwas Interessantes begegnet, was ich dann integrieren kann. Zuletzt schreibe ich das Datum an den Seitenrand.

Halleluja….

Für mich ist das eine tolle Art, gleichzeitig die Bibel zu lesen, zu beten und ein geistliches Tagebuch zu führen. Ich glaube, ich werde dabei bleiben – und vielleicht dazu übergehen, jedes Jahr eine neue Bibel dafür zu verwenden.

Das, was ich da mache, ist meine persönliche Andacht und mein subjektiver kreativer Zugang zu Heiligen Schrift.

Wichtig ist mir dabei, dass meine Journaling-Bibel nur eine von mehreren ist. Deshalb kann es auch mal vorkommen, dass ein Teil der Seite unleserlich wird, wenn ich z.B. etwas hineinklebe, was sich auf einen anderen Teil der Seite bezieht. Ich finde das deshalb legitim, weil ich ja jederzeit in einer anderen Bibel nachlesen kann, was da steht. Wenn ich z.B. Bibelauslegungen fürs Wochenblatt oder bald wieder Predigten vorbereite, verwende ich dafür sowieso eine andere Bibel.

Hinweisen möchte ich noch auf http://www.unsertaeglichbrot.org. Ich verwende das dreimonatlich erscheinende Andachtsheft seit kurzem anstelle der „Losungen“. Für jeden Tag werden zwei Bibeltexte zur Lektüre vorgeschlagen, zu einem der beiden ist jeweils noch eine ganz kurze Andacht mit abgedruckt, die ich meistens wirklich inspirierend finde.

Man kann das Heft gratis gegen Spende abonnieren oder sich die Texte täglich per Mail zusenden lassen. In der Mail-Version bekommt man sogar noch jeden Tag eine Audio-Datei mit dem Text der Andacht.

Im Vordergrund: Das aufgeschlagene Heft von Unser täglich Brot.