Predigt Pfingsten 2021

Predigt zu 1. Mose 11,1-9


Damals sprachen die Menschen noch eine einzige Sprache, die allen gemeinsam war. Als sie von Osten weiterzogen, fanden sie eine Talebene im Land Schinar. Dort ließen sie sich nieder und fassten einen Entschluss. »Los, wir formen und brennen Ziegelsteine!«, riefen sie einander zu. Die Ziegel wollten sie als Bausteine benutzen und Teer als Mörtel. »Auf! Jetzt bauen wir uns eine Stadt mit einem Turm, dessen Spitze bis zum Himmel reicht!«, schrien sie. »Das macht uns berühmt. Wir werden nicht über die ganze Erde zerstreut, sondern der Turm hält uns zusammen!« Da kam der Herr vom Himmel herab, um sich die Stadt und das Bauwerk anzusehen, das sich die Menschen errichteten. Er sagte: »Seht nur! Sie sind ein einziges Volk mit einer gemeinsamen Sprache. Was sie gerade tun, ist erst der Anfang, denn durch ihren vereinten Willen wird ihnen von jetzt an jedes Vorhaben gelingen! So weit darf es nicht kommen! Wir werden hinuntersteigen und dafür sorgen, dass sie alle in verschiedenen Sprachen reden. Dann wird keiner mehr den anderen verstehen!« So zerstreute der Herr die Menschen von diesem Ort über die ganze Erde; den Bau der Stadt mussten sie abbrechen. Darum wird die Stadt Babylon (»Verwirrung«) genannt, weil der Herr dort die Sprache der Menschheit verwirrte und sie in alle Himmelsrichtungen zerstreute.


Vor etwa 10 Jahren war ich auf einer Studienfahrt in China und Tibet. Nach einem schier endlosen nächtlichen Flug landeten wir gegen 14 Uhr Ortszeit in Shanghai. 10 Stunden Zeitverschiebung. Schwüle Hitze. Um uns herum hektisches Gewusel einer 10 Millionen Stadt. Desorientiert taperten wir hinter unserem Reiseleiter her. Überwältigt von einer Metropole, die hunderttausende fleißige Hände in einem bis dahin nahezu unberührten Sumpfgebiet aus dem Boden gestampft hatten. Wir kamen aus dem Staunen nicht heraus. Um uns türmte sich Wolkenkratzer neben Wolkenkratzer, 500, 600 Meter hohe Bauwerke aus Glas und Stahl. Ein einziges Glitzern und Funkeln, ein Superlativ nach dem anderen. Nicht nur mir kam der Vergleich mit dem Turmbau zu Babel in den Sinn. Auf, wir bauen eine Stadt mit einem Turm, dessen Spitze bis zum Himmel reicht.
Angesichts dieser gigantomanischen Ausmaße der Bauwerke erfüllte mich eine Mischung aus Bewunderung und Unbehagen. Was geht in Menschen vor, die eine solche Stadt planen und bauen, und was macht es mit Menschen, in einer solchen Stadt zu leben? Und wo sind die Grenzen menschlicher Gigantomanie?


Die Geschichte vom Turmbau zu Babel nimmt uns mit auf eine Reise. Eine Reise in eine ferne Vergangenheit, in eine andere Kultur. Die Geschichte spielt zu einer Zeit, in der, heißt es, die Menschen noch eine einzige Sprache sprachen. Es handelt sich um eine so genannte Ätiologie. Eine Ätiologie ist eine Geschichte, die erklären will, warum etwas so ist, wie es ist.
Warum gibt es auf der Welt unterschiedliche Sprachen? Warum heißt die Stadt Babylon so wie sie heißt? Wo kommen die gigantischen Ruinen her, die die Israeliten um Babylon herum bestaunen konnten? Sollte die Stadt ursprünglich noch größer werden?


Mit einem ähnlichen Wort die dem fränkischen Wort „Gebabbel“ führen die Erzähler den Namen Babylons darauf zurück, dass Gott hier die Sprache der Menschen verwirrt habe. Vor dem Bauprojekt, heißt es, haben noch alle dieselbe Sprache gesprochen, sich verstanden, Hand in Hand gearbeitet. Dann aber wurden die Menschen überheblich und eitel, sie wollten sich einen Namen machen, indem sie eine riesige Stadt mit einem Turm bis zum Himmel bauen. Sie verloren Maß und Ziel. Daraufhin habe Gott ihre Sprache verwirrt und die Menschen in alle Winde verstreut und die Stadt konnte nicht fertig gebaut werden.
Beim Erzählen zeigen die biblischen Autoren auch Humor: „Auf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis zum Himmel reicht!“, sagen die Menschen. Da fuhr JHWH hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, den die Menschenkinder bauten. Bis zum Himmel soll er ragen! Gigantisch! Das macht uns berühmt!- Und Gott so: Nanu, was machen die denn da unten, da muss ich mal runter und mir das aus der Nähe anschauen. Das Größte, was Menschen bauen können, ist immer noch so winzig, dass Gott sich weit herabbeugen muss, um es überhaupt zu sehen.


Wie immer in der Bibel geht es hier nicht um eine historische Wahrheit. Ob es je einen Turm zu Babel gegeben hat, ist eigentlich unwichtig – wichtig ist die theologische Stoßrichtung der Geschichte. Und die Frage, was sie über Gott und die Menschen aussagt.
Es heißt, dass Gott nach dem Versuch, ihm mit einem gigantischen Bauwerk Konkurrenz zu machen, die Sprachen der Menschen verwirrt und sie über die ganze Welt verstreut hat. Es ist die Hybris, die Anmaßung mit Gott auf einer Stufe zu stehen, die diese Strafe nach sich zieht. Damals versuchte man es mit einem Turm. Heute haben wir andere Projekte, mit denen wir Gott spielen können.
Dank überragender Technologien und menschlichen Leistungen meinen manche, es bräuchte gar keinen Gott, gar keine Religionen mehr – wir machen alles selber, sind unsere eigenen Götter. Ich glaube, dass das genau die Haltung ist, um die es bei der Geschichte vom Turmbau zu Babel geht. Die Verwirrung der Sprachen, hier dargestellt als eine göttliche Strafe, ist letztlich die Konsequenz dieser Haltung. Wer sich selbst einen Namen machen will, der hört nicht mehr auf andere und das Miteinander wird auch ohne göttliches Eingreifen schnell zu einem Gegeneinander, das in allgemeiner Verwirrung endet.


Bei allem technischen Fortschritt und all den Möglichkeiten, uns wie kleine Götter zu fühlen, schaffen wir es bis heute nicht, dass die Menschheit eine Sprache spricht. Wir bauen gigantomanische Wolkenkratzer aus Glas und Stahl. Wir fliegen zum Mars. Wir erschaffen genmanipuliertes Leben. Dank modernster Medizin steigert sich die Lebenserwartung in nie dagewesener Weise. Manches davon ist sinnvoll, dient dem Leben. Aber vieles entspringt immer noch demselben Motiv wie der Turmbau zu Babel: Wir wollen uns einen Namen machen! Unsere Nation ganz nach vorne bringen! Ruhm und Macht erlangen! Wir wollen immer mehr! Mehr Geld, mehr Macht, mehr Komfort. Aber wir tun es ohne innere Einheit, ohne dabei das Wohl der gesamten Menschheit im Blick zu behalten.
Aber je länger je mehr merken wir: Wir stoßen an Grenzen. Wir können nicht endlos so weitermachen, ohne den ganzen Planeten an die Wand zu fahren. Die Ressourcen sind begrenzt. Der Reichtum der einen ist immer auch die Armut der anderen, mit den bekannten Folgen: Klimawandel, Flüchtlingsströme, Kriege um knapper werdende Ressourcen. Wie wollen wir da wieder raus kommen?


Als an Pfingsten der Heilige Geist kam, haben wir vorhin gehört, da hat Gott durch ein Wunder die Sprachverwirrung aufgehoben und alle haben wieder eine Sprache gesprochen, oder sich doch wenigstens verstanden. Was hatten die Apostel getan, damit Gott ihnen den Heiligen Geist sendet? Es heißt, sie waren alle zusammen und haben gebetet. Da geschah das Wunder: Der Geist Gottes bewirkt, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft einander wieder verstehen und dass das Evangelium von Jesus Christus sich über die Welt ausbreiten kann.
Dort, wo Menschen sich auf Gott ausrichten, da kann der Heilige Geist wirken. Wo Menschen beten, da erkennen sie an, dass sie nicht der Mittelpunkt des Universums sind. Wer betet, der erkennt an, was er ist: Nicht mehr und nicht weniger als ein Mensch. Gott reagiert. Er schenkt echte Einheit, schenkt eine gemeinsame Sprache, die Fähigkeit, sich zum Wohle aller gemeinsam für diese Welt einzusetzen. Leider bleibt diese Haltung meist auf kleinere Gruppen begrenzt.


Damit sich dauerhaft etwas ändert ist ein Umdenken nötig. Die Menschheit muss wieder erkennen, was sie wirklich ist: Eine Spezies von vielen auf einem kleinen Planeten, der uns als Heimat zugewiesen wurde. Mit dem Auftrag, ihn zu „bebauen und bewahren“, zum Wohle aller, die auf ihm leben. So steht es in der Geschichte von der Erschaffung der Welt. Echte Einheit gibt es nur dort, wo wir über unseren Tellerrand blicken und das Gesamte in den Blick nehmen, die ganze Menschheit, nicht nur die eigene Gruppe oder Nation.


Als an Pfingsten der Heilige Geist die Jüngerinnen und Jünger erfüllte, war etwas von dieser Art von Einheit spürbar: Sie verstanden einander. Der Heilige Geist war es, der aus den unterschiedlichsten Menschen die ersten christlichen Gemeinden formte, von denen Paulus sagen konnte: Hier gilt es nicht mehr, ob jemand Jude, Grieche, Mann oder Frau ist – alle sind EINS in Christus. Die Kirche sollte und soll ein Zeichen der Einheit und Versöhnung für die ganze Welt sein. Dass man sich dabei verständigen kann, mit einer Sprache spricht, am selben Strang zieht ist keine eigene Leistung. Es ist ein Geschenk des heiligen Geistes, dort, wo wir ihn in unseren Gemeinden aufrichtig darum bitten.
Auch in der Kirchengeschichte gibt es genug Beispiele dafür, wie Christen sich selbst einen Namen machen wollten, meinten, sie könnten Gott vor ihren eigenen Karren spannen – und da war es auch innerhalb der Kirchen schnell wieder vorbei mit der Einigkeit und der gemeinsamen Sprache. Menschen können gemeinsam große Dinge schaffen – aber wenn die Einheit dabei nicht von Gott kommt, dann ist sie meist nicht von Dauer.


Ich persönlich finde es tröstlich, dass alles, was Menschen aus Egoismus oder zum eigenen Ruhme tun, irgendwann in sich zusammenfällt. Dass jeder technische oder sonstige Fortschritt auch irgendwann an seine Grenzen stößt und viele sich jetzt wieder darauf besinnen, wozu wir eigentlich hier sind: Menschlich miteinander leben, die Schöpfung bewahren, Leben schützen. Ich persönlich glaube, dass der Heilige Geist überall dort am Werk ist, wo Menschen sich ehrlich und nicht zum eigenen Ruhm für andere oder für diesen Planeten einsetzen. Der Heilige Geist ist nicht auf die Mauern der Kirche begrenzt. Sondern er weht wo er will, bei allen Menschen guten Willens.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Fürbitten

Gott, sende uns deinen Geist. Heile die Wunden, die wir einander schlagen. Heile die Verletzungen dieses Planeten. Erneuere uns und bewege uns, Gutes zu tun und dem Frieden zu dienen. Wir rufen zu dir: Komm heiliger Geist.
Wir bitten um den Frieden, den die Welt sich nicht selbst geben kann, und den Jesus uns verheißen hat. Wir rufen zu dir: Komm heiliger Geist.
Wir bitten für die Völker dieser einen Erde. Schenke deiner Menschheit Versöhnung und Frieden. Wir rufen zu dir: Komm heiliger Geist.
Wir bitten für deine eine Kirche. Überwinde ihre Zersplitterung, schenke uns, dass wir dich mit einer Stimme loben, damit die Welt dich erkennt. Wir rufen zu dir: Komm heiliger Geist.
Wir bitten für unsere Welt, den Planeten, der uns anvertraut ist und der leidet, weil es uns so schwer fällt, Maß zu halten. Hilf uns, Gier und Streben nach Macht und Profit zu überwinden. Stärke alle, die sich um die Zukunft unsrer Erde sorgen und schenke Kreativität und Mut, die globalen Krisen zu überwinden. Wir rufen zu dir: Komm, heiliger Geist.