Mut zur theologischen Ehrlichkeit

Schon vor längerem habe ich mir Gedanken über Kirchenaustritte gemacht und hier in meinem Blog folgende These aufgestellt: Die Mehrzahl der Menschen, die aus der Kirche austreten, tun dies nicht aus finanziellen Gründen oder aufgrund persönlicher Kränkungen. Beides sind allenfalls Auslöser.

Die Ursache liegt tiefer: Wer aus der Kirche austritt, dem sind die grundlegenden Vollzüge und Inhalte des christlichen Glaubens, jedenfalls so wie er sie erlebt hat, fremd geworden. Er kann nichts mehr anfangen mit traditionellen Formen und Inhalten.

Den meisten Menschen leuchten überkommene Dogmen nicht mehr ein. Sie beleidigen ihren Intellekt. Um inhaltlich relevant zu bleiben, wird es meiner Ansicht nach entscheidend darauf ankommen, die Kernstücke unseres Glaubens in eine Sprache zu übersetzen, die von Menschen verstanden wird, die Dogmen und Traditionen kritisch sehen, gewohnt sind, Dinge rational zu hinterfragen und die mit dem traditionellen kirchlichen Wording nichts mehr anfangen können.

Warum muss ich „erlöst“ werden? Wovon?

Wie kann Jesus Gottes Sohn sein?

Wie kann Gott einer und doch drei sein?

Was heißt eigentlich „Schöpfung“, wenn heute jedes Kind die Urknalltheorie und die Evolutionstheorie kennt?

Für uns Theolog*innen sind das alles längst keine brennenden Fragen mehr. Wir haben uns daran gewöhnt, die Bibel historisch kritisch zu lesen, sind es gewohnt, die Schöpfungsgeschichte theologisch und nicht als Tatsachenbericht zu lesen und kennen unterschiedlichste Ansätze der Trinitätslehre und der Christologie.

Wenn ich an der FAKS unterrichte, kommen von den jungen Leuten aber genau dieselben alten Fragen nach Schöpfung, Jungfrauengeburt, Evolution etc., die für mich und wohl jeden anderen Theologen längst kalter Kaffee sind.

Was ich daraus schließe: Dass die Grundzüge dessen, was wir PfarrerInnen im Theologiestudium gelernt haben immer noch nicht in den Gemeinden angekommen sind. Oder im Konfirmandenunterricht. Oder wo auch immer die jungen Leute, die in meinem Unterricht sitzen, religiös sozialisiert worden sind.

Wenn ein/e 20jährige/r, der etliche Jahre Reli in der Schule genossen hat, in dieser Zeit nicht lernen konnte, dass Schöpfungstheolgie und Naturwissenschaft zwei paar Stiefel sind und dass man auch dann ein Christ sein kann, wenn man die biblischen Berichte nicht wörtlich nimmt, dann frage ich mich, was da eigentlich falsch läuft.

Manchmal lasse ich in meine Predigten historisch-kritisches Wissen einfließen und versuche zu zeigen, wie ich mit und nicht trotz dieses Wissens meinen Glauben lebe. Dass das für mich eine Bereicherung und keine Verunsicherung ist.

Ich sehe es wirklich als eine ganz wichtige Aufgabe, in Bezug auf kritisches Hinterfragen sprachfähig zu werden und auch Gemeindeglieder sprachfähig zu machen. Wer im Jahr 2022 immer noch meint, mit theologischer Ehrlichkeit treue Gemeindeglieder zu verschrecken, der übersieht, wie viele andere bereits vom Status Quo verschreckt wurden.

Wir müssen den Menschen und dem Heiligen Geist mehr zutrauen.

11 Kommentare zu „Mut zur theologischen Ehrlichkeit

  1. Liebe Christiane, du hast ja so recht.

    Was den Reli-Unterricht angeht, glaube ich aber, das Problem liegt noch etwas tiefer. Ich glaube, die meisten Reli-Lehrer*innen unterrichten schon nach Lehrplan, und da ist die historisch-kritische Betrachtung z.B. der Schöpfungsgeschichte oder der Wundererzählungen im NT ja vorgesehen und wird wohl auch gemacht. Das Problem hat m.E. Frithjof Grässmann schon vor einem halben Jahrhundert in seiner Dissertation über den RU im Rahmen des säkularen Schulsystems beschrieben. Kurz gesagt: Religion, in kleinen Dosen verabreicht, immunisiert. Der RU ist eben keine missionarische Gelegenheit, vor allem deshalb, weil Reli eingequetscht zwischen Bio, Latein und Mathe eben ein Lernfach wie Geschichte oder Erdkunde ist. Bulimisches Lernen = reinstopfen und (beim Abfrageh oder in der Ex) unverdaut auskotzen – da ist nichts Nachhaltiges zu erwarten. Meine Rede seit langem: Den RU ab der Sek II (spätestens) abschaffen und durch eine vernünftige Jugendarbeit ersetzen. Aber es hilft ja nix – die Behauptung, der RU sei die Basis der Volkskirche und die missionarische Gelegenheit schlechthin, ist nicht auszurotten…

    Das soll dich aber nicht demotivieren. Was ich so in deinen Beiträgen mitbekomme, verabreichst du deinen Schüler*innen ja keine bulimisch zu fressenden/rauskotzenden Inhalte, sondern übst mit ihnen Vollzüge ein. Und det is ja wat janz anderet…

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    1. Hallo,

      Die historisch-kritische, speziell literarkritische Methode wurde uns schon vor 35 Jahren im RU vorgestellt. Aber wozu führt sie? Zu tieferem Verständnis der Texte jedenfalls nicht. Und ihr liegt die Prämisse zugrunde, der Text in seiner Endgestalt sei schlecht, weshalb man die Urgestalt des Textes rekonstruieren müsse. Nun haben wir aber nur die Endgestalt. Ja, stellen wir uns denn vor Michelangelos David, um nach der Ursprungsform des Marmorblocks zu fragen? Oder lassen wir uns beeindrucken von der Kunst des Bildhauers?
      Historisch-kritische Methodik ist weithin Thanatopraxie, ja, sogar forensisches Sezieren der Texte, wo wir sie lebendig machen sollten.
      Das kann ja nur immunisierend wirken – so wie das Sezieren toter Insekten immun macht für die Schönheit der Libelle, die über dem Wasser schwebt.
      Im Philosophie-Unterricht werden Texte schließlich auch nicht seziert, sondern auf ihre Aussagen befragt.

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  2. Hallo Thweologin,

    danke für diesen Beitrag.

    Hier etwas Feedback von mir: Ich sehe dich auf dem richtigen Weg und deine Diagnose trifft einen wichtigen Punkt. „Den meisten Menschen leuchten überkommene Dogmen nicht mehr ein. Sie beleidigen ihren Intellekt.“ Ein bekannter und vielgeehrter Theologe hat es mal noch schärfer als „intellektuelle Unredlichkeit“ bezeichnet, kirchenseitig, wohlgemerkt.

    Wenn du danach schreibst, es ginge darum, die Kernstücke des Glaubens in eine neue Sprache zu übersetzen, die von den Menschen verstanden wird, klingt das für mich nach alter Perpektive: Wir haben es verstanden und übersetzen es dem Volk. Vielleicht ist es ja auch so, dass ein paar der alten Dogmen nicht zutreffen und niemals zugetroffen haben, und ihr da einen blinden Fleck habt, weil ihr so sehr im System verhaftet und ihm verpflichtet seid. Andererseits kann und darf das Volk selber lesen, ist weltläufig geworden und vergleicht.

    Und wenn du schreibst, dass gerade naturwissenschaftliche Infragestellungen für ausgebildete Theologen längst „kalter Kaffee“ sind, entgegne ich: das mag sein, aber ihr hättet ihn trinken und nicht nur mit Sicherheitsabstand umlaufen müssen.

    Ich habe die Lösung für diese Themen auch nicht, allenfalls für mich selbst und auf keine Fall missionstauglich. Ich bin Dipl.-Ing., spiele also im Team Naturwissenschaft und bleibe trotzdem in der Kirche. Wenn ich im Internet an verschiedenen Stellen das Thema „biblische Wunder vs. Naturgesetze“ diskutiere, erlebe ich es regelmäßig, dass keiner der mitlesenden ausgebildeten Theologen mir beispringt.

    Ich schätze, der Mitgliederschwund der Kirchen muss erst noch sehr viel weiter gehen, bis Theologie die Kurve kriegt. Oder sie fliegt, ähnlich wie vor Zeiten die Astrologie, von der Uni und landet bei den Esoterikern.

    Viele Grüße

    Thomas Jakob

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    1. Hallo Thomas, danke für deinen ausführlichen und konstruktiven Kommentar.
      Was das mit dem „Übersetzen“ betrifft, hast du recht. Ich meinte allerdings nicht übersetzen im Sinne von „die immer selben Dinge in anderen Worten sagen“, sondern Übersetzen im Sinne einer völlig neuen Denkbewegung. Am Beispiel der Trinitätslehre möchte ich das demnächst noch mal etwas deutlicher machen. Was ich nach wie vor zur Lektüre total empfehle: Das Buch deines Vorkommentators Tilmann Haberer mit dem Titel „Von der Anmut der Welt“. Das folgt dem Ansatz der integralen Theologie und da kann ich bei vielem nur nicken, nicken, nicken.
      Naja, ob wir den Kaffee wirklich nicht getrunken haben, weiß ich nicht. Den Kaffee trinken heißt doch in dem Fall, ich erkenne die Erkenntnisse moderner Naturwissenschaften an, oder? Ich glaube schon, dass die meisten von „uns“ (wer ist wir?) das getan haben. Bloß mit der Integration in die eigene Theologie hapert es oft. Vielleicht meinst du das ja mit den Kaffee trinken.
      Was die Dogmen betrifft: Dogmen sind Glaubensaussagen. Schwierig wird es, wenn sie für die Ewigkeit zementiert werden und keinen Deutungsspielraum lassen. Aber, um nochmal die Anmut der Welt zu zitieren (bzw. ungefähr wiederzugeben): Dogmen drücken oft Paradoxien aus, z.B. dass Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Und vielleicht ist gerade das Paradox die einzig angemessene Art von Gott zu reden, alles andere engt ihn/sie/es ein. Schwierig wird es wenn der genaue Wortlaut eines Dogmas einfach zu glauben ist. Ich verstehe Dogmen eher als Anregung zum eigenen Denken und zur Diskussion. Soviel auf die Schnelle, viele Grüße, Christiane

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    2. Hallo,

      Ist denn „biblische Wunder vs Naturwissenschaft“ nicht auch kalter – nein, schlimmer: lauer Kaffee? Ich dachte, mittlerweile wäre auch bei den Naturwissenschaftlern angekommen, daß biblische Theologie längst, also seit Generationen, von dieser buchstäblichen Lesung der Texte weg ist? Der Kampf, wer nun Recht hat, Bibel oder Katheder, ist sowas von Vintage – und so dumm wie die Frage „Willst du angeln gehen oder heiraten?“
      Oder „Wer ist besser, ein Kamel oder ein Pinguin?“ (Kommt drauf an.)
      Manche Punkte, die da gern und mit viel Starrsinn und Herzblut angeführt und zerpflückt werden, wie die Jungfrauengeburt, sind überhaupt nicht zentral im christlichen Glauben. (Obwohl: gerade die ist biologisch interessant, denn Parthenogenese ist bei Menschen dokumentiert. Allerdings können dabei nur Mädchen geboren werden, außer wenn bei der Mutter eine – ebenfalls schon beschriebene – Trisomie 23 mit XXy vorliegt. Die Wahrscheinlichkeit, daß das zusammentrifft, ist extrem gering aber ungleich null.)
      Und für einige zentrale Elemente christlichen Glaubens, zumal DAS zentrale Element, müssen wir eben damit leben, daß man es glaubt oder nicht glaubt, aber nicht beweisen kann. Das aber war schon vor 2000 Jahren so, denn Paulus beschreibt es schon.
      Und was Christiane schreibt, ist im Kern schon vor rund 80 Jahren von Rudolf Bultmann formuliert worden, in seinem Aufsatz zur Entmythologisierung. Da stellt er nämlich die Frage, wie Glaubensinhalte, die in, wie er es ausdrückt, mythologischer Form überliefert sind, dem heutigen Menschen verständlich gemacht werden können, der sich nicht wundert, wenn er einen Knopf an der Wand dreht und das Licht geht an. Es geht ihm darum, den Kern der Botschaft herauszuholen und in einer zeitgemäßen Form zu vermitteln.
      Leider wurde das weithin mißverstanden, als wolle er auch die Inhalte auf das Verstandeszugängliche reduzieren. Dabei setzt genau da das Kerygma an, das Glaubenszeugnis, das uns auch das sagt, was das Verstehen und Wissen übersteigt.

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      1. Hallo Wolfram,

        deine Anmerkungen habe ich heute erst gelesen, da sie in meinem E-Mail-Postfach verschütt gegeangen waren.

        Bultmann ist schon ein bekannter Name in der Theologie, auch für Naturwissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen. Aber er scheint sich nicht wirklich durchgesetzt zu haben, anders als z. B. Karl Barth, der andere Positionen vertreten hat.

        Ich stelle dir mal ein paar Fragen, um deine Position besser kennenzulernen:

        a) Kannst du mit der Annahme mitgehen, dass die Welt nach ausnahmefreien Naturgesetzen funktioniert? Damit ist ausdrücklich nicht gemeint, dass diese auf dem heutigen Stand der Naturwissenschaft perfekt bekannt sind. Aber die menschlichen Formulierungen der Naturgesetze nähern sich den wirklichen Naturgesetzen nach und nach an und sind auf vielen Gebieten so gut, dass man sie über Erfahrungswissen hinaus technisch nutzen kann.
        b) Kannst du es akzeptieren, dass eine Umwandlung von Wasser in Wein unter Haushaltsbedingungen naturwissenschaftlich ausgeschlossen werden kann?
        c) Kannst du es akzeptieren, dass nach naturwissenschaftlicher Erkenntnislage direkt nach dem Tod eines Menschen irreversible (!) Zersetzungsprozesse einsetzen, eine körperliche Auferweckung eines wirklich Toten wie Lazarus real nicht stattgefunden haben kann (bzw. mit hinreichender Sicherheit nach naturwissenschaftlicher Erkenntnis ausgeschlossen werden kann)?

        Es gibt noch etliche weitere Beispiele dieser Art. Zur Zeit der biblischen Überlieferungen waren solche Darstellungen durchaus üblich und auch nicht verwerflich, die Erklärung biblischer Wunderberichte als zeittypische Darstellung ist auch bedeutend einfacher, plausibler und wahrscheinlicher als andere Erklärungen. Wenn es nur um das einfache Glauben geht, kann selbstverständlich jeder glauben, was er will, aber wenn man Wissenschaftlichkeit beanspruchen will wie die Theologie, auch in ihrem dogmatischen Teil, gelten meiner Meinung nach höhere Ansprüche.

        Viele Grüße

        Thomas

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      2. Hallo Thomas,

        Naturwissenschaft beruht auf dem Beleg durch Wiederholung. Nun gibt es aber Dinge, die sich dem entziehen. Und (wer hat das noch gesagt?) es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt.
        Innerhalb menschlicher Kompetenzen pflichte ich deinen drei Punkten bei. Aber…

        Ich habe eine Modelleisenbahn. Die funktioniert nach den Regeln, die die Technik vorgibt, und nach meinen Vorgaben. Aber wenn ich will, passieren da auch ganz andere Dinge. So wie im Miniatur-Wunderland, wenn Gerrit Braun seinen funkferngesteuerten Feuerwehrwagen gegen die Einbahnstraße fahren läßt und die automatisch (und regelkonform) gesteuerten Autos durcheinanderbringt. Aus Sicht eines Preiserleins sind solche Ereignisse göttliche Wunder.

        In der Lazarus-Erzählung wird Scheintod übrigens ausdrücklich ausgeschlossen: „Herr, er stinkt schon“ zeigt Verwesung. Und doch…

        Übrigens irrt Bultmann, wenn er meint, Menschen, die Licht am Schalter einschalten, könnte man nicht mit „Übernatürlichem“ kommen. Homöopathie verkauft sich schließlich auch wie geschnitten Brot. 😉

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      3. Hallo Wolfram,

        du schreibst: „Naturwissenschaft beruht auf dem Beleg durch Wiederholung“. Nein. Naturwissenschaft fragt, warum etwas so ist und bemüht sich, die Gesetzmäßigkeiten dahinter zu entdecken und zu beschreiben. Die Qualität ihrer Hypothesen wird umso höher eingeschätzt, je besser sie unabhängig zu überprüfen sind, und je mehr Überprüfungen, und eben nicht nur wiederholt die gleichen, sie erfolgreich überstanden haben. Mit den so beschriebenen Gesetzmäßigkeiten kann man dann in der praktischen Anwendung Dinge erreichen, die es vorher so noch nicht gegeben hat und die zum Teil sogar für unmöglich gehalten wurden.

        Beim Lazarus-Beispiel haben wir ein Ereignis, das nicht unabhängig überprüfbar ist. Die einfachste Erklärung ist, dass es sich um eine zeittypische Wundererzählung handelt. Wenn man sie als Eingreifen Gottes oder Jesu deuten will, setzten man entweder Gott voraus oder dass Jesus dieses Wunder bewirken konnte. Beides ist nicht unabhängig überprüfbar.

        Naturwissenschaftler wissen mittlerweile deutlich mehr als dass Tote irgendwann zu verwesen und dabei ein typischer Geruch entsteht, sie kennen viele der chemischen Prozesse, die dabei ablaufen, wissen, dass manche davon nicht reversibel sind. Das ist auch in vielen anderen Zusammenhängen überprüft worden. Deswegen setze ich hier auf die naturwissenschaftliche Position, und zwar mit größerem Vorsprung vor dem Erfahrungswissen, als es ihn damals gab.

        Dass sich Homöopathie gut verkauft, sagt nichts über ihre wissenschaftliche Qualität aus.

        Viele Grüße

        Thomas

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