Mein Credo

Ein Ort in der evangelischen Kirche, der meiner Ansicht nach wirklich richtungsweisend für die Kirche der Zukunft ist, ist das spirituelle Zentrum St. Martin in München.

Zum Reformationsjubiläum 2017 lief hier das „Credo-Projekt“. 500 Jahre nach Lutherd 95 Thesen war jeder, der wollte, eingeladen, ein eigenes Glaubensbekenntnis zu verfassen. Die Bekenntnisse, die so entstanden, wurden auf der Homepage von St. Martin eingestellt. Es entstand eine bunte Vielfalt von Texten. Auch ich habe damals ein Credo geschrieben. Dies ist es:

Ich glaube, dass mein Leben einen Wert hat. Dass ich nicht zufällig auf dieser Welt bin.

Ich glaube, dass ich ein Kind Gottes bin und dass ich darüber hinaus auch gar nichts sein muss.

Ich glaube, dass ich bedingungslos geliebt bin.

Ich glaube an Jesus, meinen Bruder, Freund, Herrn und Meister. Den einzigen, bei dem „Freund“ nicht im Widerspruch steht zu „Herr und Meister“. Er ist mein innerer Lehrer, der tiefste Grund meiner Seele.

Ganz tief drinnen sind wir EINS.

Er ist das Licht der Welt – ich bin das Licht der Welt. Aber nicht mein Ego. Sonder ER in mir. ER ist ICH und ICH bin ER. Wer es fassen kann…

Ich glaube, dass ich mit anderen unterwegs bin und dass wir uns erkennen werden, wenn wir uns begegnen. Die, die der Geist Gottes treibt. Die Kinder Gottes. Sie erkennen einander. Auch wenn sie Gott auf unterschiedliche Weise lieben und verehren.

Ich glaube, dass ER durch uns Wirklichkeit gestaltet.

Ich glaube, dass ein Gebet die Welt verändern kann, weil alles mit allem verbunden ist.

Ich glaube, dass der Tod eine Illusion ist. Dass wir erwachen werden in einem Licht, das wir hier höchstens ansatzweise erkennen können.

Ich glaube, dass am Ende alles gut sein wird, in jeder Hinsicht. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

Am Ende werden wir lachen. Und GOTT lacht in uns.

Heimliche Weisheit

Ich bin nun fast am Ende meines sehr persönlich gehaltenen Rückblicks auf meine Geschichte mit dem Glauben und in der evangelischen Kirche. Erst sehr spät habe ich gemerkt, dass es eigentlich immer derselbe Grundkonflikt war, der mich am System der verfassten Kirche zweifeln und auch leiden ließ. Nämlich der, dass ich als spät getaufte Quereinsteigerin und Mystikerin immer an Grenzen stoße, die einfach institutionell bedingt sind. Kirche, zumal die Evangelische, rechnet nicht ernsthaft mit Menschen wie mir. Schon gar nicht in den Reihen ihrer Pfarrerinnen und Pfarrer.

Ich glaube, dass ich mit Vielem auch einfach zu früh dran war. Dass Kirche, wenn sie lebendig bleiben will, in Zukunft viel mehr mit Menschen rechnen muss, deren Blick auf Glaube und Kirche eben nicht von einer kirchlichen Sozialisation durch die Familie vorgeprägt ist. Ich glaube zum Beispiel, dass die Erwachsenentaufe in 20 Jahren nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein wird. Einfach, weil aufgrund des Traditionsabbruchs viel weniger Eltern ihre Kinder taufen lassen werden. Zwar werden Kirchenmitgliedschaft und Taufe mit Sicherheit kein Mainstream-Trend werden. Aber wenn sich in 20 Jahren jemand entscheidet, als Christ leben zu wollen, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht bereits als Kleinkind getauft worden sein. Dann sind Biografien wie meine vermutlich eher normal und Menschen, die erst als Erwachsene zum Glauben gekommen sind, haben von Haus aus einen anderen Blick auf Kirche und Glaubensthemen, als Traditionschristen oder Menschen, die halt getauft sind, sich aber nie groß Gedanken gemacht haben. Überhaupt wird es letztere bald nicht mehr geben. Die als Kind Getauften ohne Bezug zur Kirche treten gerade in Scharen aus.

Ich persönlich glaube, evangelische Christen in 20 Jahren wieder sehr viel „frömmer“ sein werden. Die Herausforderung wird sein, das Feld der Spiritualität, der Frömmigkeit und des Gebetes wieder glaubwürdig zu beleben. Denn wenn Christen in 20 Jahren eine Minderheit sind, dann suchen die wenigen, die es in der Kirche hält oder die neu dazukommen vermutlich wirklich eine lebendige innere Beziehung zu Gott.

Kampf und Kontemplation. Aus einer wirklich persönlich erfahrbaren Gottesbeziehung das Leben und das Miteinander gestalten. Denn darum wird es im Kern gehen. Für anderes wird auch schlicht das Geld fehlen.

Ich persönlich glaube, dass für die evangelische Kirche der Zukunft eine gelebte Spiritualität sehr viel wichtiger sein muss, als heute. Wo Glaube wirklich lebt, da tut er es doch, weil Menschen hier und heute Jesus Christus als ihrem Freund, Bruder, Heiland und Herrn ihres Lebens begegnet sind. Alles andere ist gut gemeinter Aktionismus und wird versanden. Kirche blüht, auch global gesehen, dort, wo Menschen zu Jüngerinnen und Jüngern werden – weil der Herr ihnen begegnet ist.

Vor vielen Jahren schenkte mir ein guter Freund ein Buch mit dem Titel „Heimliche Weisheit“. Der Autor heißt Walter Nigg. In der Sprache ist es etwas altertümlich aber das Anliegen ist wunderbar. Eine Würdigung der protestantischen Mystiker von der Reformation bis ins 19. Jahrhundert. Wenn mir bei der Lektüre eines klar geworden ist dann dies: Ein großer Teil der Misere unserer Kirche kommt wirklich daher, dass eine persönlich erlebte Jesusbegegnung mit ihren konkreten Folgen für das Leben der Gläubigen über Jahrhunderte beargwöhnt wurde.

Der Mystiker, die Mystikerin ist in der evangelischen Kirche eine Randgestalt und das gilt auch schon für jeden und jede, der so von Jesus redet, wie von einem guten Freund, einem Herzensbruder oder persönlichen Heiler.

Christen, die evangelisch sind, und solche Erfahrungen gemacht haben, sind geradezu gezwungen, entweder in obskure Bewegungen abzuwandern, oder bei anderen Konfessionen fremdzugehen. Inzwischen gibt es zum Glück auch evangelische Orte der Frömmigkeit. Ich glaube, dass diese in Zukunft noch sehr viel wichtiger werden und dass es im Grunde mindestens in jedem Dekanat (falls es diese Struktur in 20 Jahren noch gibt) einen Seelsorger oder eine Seelsorgerin braucht, der dieses Anliegen liebt, pflegt und selbst ein „Jesuserfahrener“ ist. Der Christ der Zukunft wird Mystiker sein, oder er wird nicht sein – und wenn die evangelische Kirche nicht die verschütteten Quellen der Mystik und der persönlichen Glaubenserfahrung freigelegt und zu solchen Erfahrungen ermutigt, wird sie immer mehr versanden und irrelevant werden.

Vor etwa 10 Jahren sagte ein Kollege nach einem Einkehrwochenende für Pfarrerinnen und Pfarrer in Selbitz (es war ein Pfarrkonvent): „Na zum Glück geht’s morgen wieder heim. Endlich wieder was arbeiten und nicht nur rumsitzen!“

Ich hoffe sehr, dass das Bewusstsein wächst, dass die Pflege der Spiritualität kein Rumsitzen ist und das Gebet essentiell wichtig für eine Kirche, die nicht komplett den Kontakt zu ihren Wurzeln verlieren will.

Und ich hoffe, dass das Charisma des Gebetes und die Gaben der Mystiker und Mystikerinnen neu entdeckt und gewürdigt werden, dass das Angebot der Geistlichen Begleitung in jeder Gemeinde oder zumindest jedem Dekanat einen festen Ort bekommt. Menschen haben spirituelle Fragen und Sehnsucht nach Gott. Wenn Kirche hier nicht begleitet und Angebote macht, dann verliert sie sehr viel an Relevanz.

Mystikerinnen und Mystiker, Menschen mit inniger Jesusbeziehung, gehören nicht an den Rand der Kirche (ach ja, die gibts auch noch), sondern ins Zentrum.

Die „Heimliche Weisheit“ muss ans Licht treten.

Evangelisch in 40 Jahren

In 40 Jahren werde ich 87 sein, falls es mich dann in meiner irdischen Form noch gibt. Mein Sohn Korbinian ist dann 42 und mein Mann 94 – gehen wir einmal davon aus, wir erleben es noch. Wie wird die evangelische Kirche in unseren Breitengraden dann aussehen? Vieleicht so.

Kaum jemand erinnert sich noch an die lang zurückliegenden Zeiten, als in jedem Gotteshaus jeden Sonntag ein Gottesdienst stattfand. Überhaupt gibt es viele evangelische Kirchen gar nicht mehr. Sie sind abgerissen worden, um Wohnhäusern Platz zu machen. Oder sie wurden komplett umgestaltet zu Verkaufshallen, Bars, Museen, Diskotheken.

In größeren Städten gibt es weiterhin zwei bis drei evangelische Kirchen, in denen noch Gemeindeleben stattfindet. Die evangelischen Christen sind ein buntes Völkchen. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen „man“ seine Kinder zur Taufe anmeldete, weil es halt alle machen. Wenn wir heute Taufen feiern, dann ist das immer ein echtes Fest, an dem die ganze Gemeinde teilnimmt und die meisten Menschen, die wir taufen, sind auch keine Babys oder Kleinkinder, sondern junge Erwachsene.

Wir sind in der Minderheit und uns fehlen viele Mittel. Die Kirchensteuer gibt es nicht mehr, gäbe es sie noch, wären die Mittel aber auch nicht besonders üppig. Daher werden die evangelischen Gemeinden selbst kreativ.

Man braucht nicht viel Geld, um eine lebendige christliche Gemeinde zu sein. Herzstück des Gemeindelebens sind nun die Hausgottesdienste. Wir halten es nun wieder wie die Christen in Apostelgeschichte 3: Am Sonntagabend (viele müssen leider tagsüber arbeiten) treffen wir uns reihum bei Gemeindemitgliedern, die ihre Wohnungen öffnen. Wir lesen gemeinsam den Text des Tages. Es gibt keine Predigt. Ein oder zwei Leute haben sich vorab ein wenig in die Materie eingelesen. Ansonsten bitten wir um den Heiligen Geist und jeder und jede bringt ein, was ihn oder sie an dem Abschnitt besonders bewegt. Wir essen gemeinsam, brechen das Brot und teilen den Wein.

Und ja, manchmal gehen wir stattdessen auch in unsere Kirche. Die wenigen Kirchenräume und Gemeindezentren, die noch in der Hand der evangelischen Kirche sind dienen hauptsächlich dem regen Leben von Gruppen und Kreisen. Mancherorts hat auch ein Arzt oder ein Therapeut seine Praxis in kirchlichen Räumen – der Heilungsauftrag Jesu liegt uns am Herzen, und so werden hier nicht nur Patienten versorgt, die es sich leisten können, sondern auch Notleidende ohne Krankenversicherung.

Wer heute noch evangelischer Christ ist, ist es aus Überzeugung.

Christliche Kommunitäten und andere gemeinschaftliche Lebensformen erleben einen Aufschwung. Im Unterschied zu früheren Zeiten leben die meisten Menschen, die sich für ein Leben in einer solchen Kommunität entschieden haben, aber nicht mehr zölibatär. Klassische Familien, Singles, Alte, verwaiste Kinder und andere tun sich hier zusammen, um den Glauben verbindlich miteinander zu leben und zu gestalten.

Den Berufsstand des evangelischen PFarrers, der evangelischen Pfarrerin gibt es in der früher bekannten Form nicht mehr. Gleichwohl gibt es Theologinnen und Theologen, die ihren Sachverstand in den jetzt viel stärker „laikal“ orientierten Gemeinden einbringen. Wir sind immer noch evangelisch – das heißt, es muss auch heute noch Menschen geben, die gelernt haben, wie man die Bibel wissenschaftlich auslegt, die weltanschauliche Strömungen einordnen und ihr Wissen an andere Christen weitergeben können.

Obwohl wir in der Minderheit sind, meldet sich die evangelische Kirche weiterhin zum politischen und gesellschaftlichen Geschehen zu Wort. Wir glauben und vertrauen darauf, dass Gott seinen Weg mit uns geht und freuen uns über die blühenden Kirchen in anderen Teilen der Erde.

Und ab und zu sammeln Christen einer Megachurch in Seoul für ihre verarmten Glaubensgeschwister hier in Deutschland. Wir sind für diese kirchliche Entwicklungshilfe sehr dankbar.

Wie ich in Zukunft Pfarrerin sein will

Zurzeit ist noch unklar, ob der Landeskirchenrat der Wiederbeilegung meiner Ordinationsrechte überhaupt zustimmt. Ich hoffe es. Wenn es so kommt – wie will ich dann überhaupt wieder Pfarrerin sein?

Ich habe gelernt. Das Lehrgeld war teuer. Aber ich bin mir jetzt darüber klar, was ich will und was ich auf gar keinen Fall noch einmal will.

Auf gar keinen Fall will ich wieder Solo-Pfarrerin in einer Gemeinde sein. Diese Rolle lag mir nicht, liegt mir nicht, und wird mir niemals liegen.

Um segensreich wirken zu können, brauche ich Freiräume. Das heißt: Entweder bleibe ich überhaupt „nur“ Pfarrerin im Ehrenamt. Oder mit maximal einer halben Pfarrstelle. Ich will mich, auch aus gesundheitlichen und familiären Gründen, nicht mehr aufreiben (lassen).

Positiv gesprochen will ich meine Gaben einbringen. Was ich kann ist, mit Menschen über die Relevanz von Glaubensfragen ins Gespräch zu kommen. Ihre Sehnsucht nach Gott zwischen den Zeilen heraushören. Ihnen helfen, ihren Kern zu finden.

Was ich kann, ist „Raum öffnend“ predigen, wie es mal in einer meiner Beurteilungen stand. So predigen, dass Menschen innere Weite spüren und Lust bekommen, sich mit Gott auf den Weg zu machen.

Was ich kann ist, Kasualien (Feiern an Wendepunkten des Lebens) so gestalten, dass die Menschen danach nicht nur gesegnet sind (jeder Segen wirkt, auch ein hingeschluderter), sondern sich auch so fühlen.

Was ich kann, sind Traueransprachen und Trauerfeiern, bei denen die Angehörigen sagen: „Als ob sie in gekannt hätte!“, auch wenn ich ihn oder sie nur aus einem Gespräch kannte. Das hat mit dem zwischen den Zeilen Hören zu tun. Und mit dem Heiligen Geist.

Was ich kann, ist Fragen aushalten.

Was ich kann, ist Beten. Als Priorität und nicht als Nebensache, gern, lang und mit Überzeugung, und nicht innerlich unruhig auf dem Stuhl hin und her wetzend, weil man ja noch so viele Termine hat.

Es gibt vieles, was ich kann. Das möchte ich gern einbringen. Als ordinierte Pfarrerin.

Und es gibt vieles, was ich nicht kann. Das will ich auch nicht tun.

Und was ich auf GARKEINEN Fall mehr tun werde: Mich emotional abhängig machen von einer Institution, die eben ist, wie sie ist. Ich möchte im System wirken, wissend, dass ich vieles nicht ändern kann, aber so, dass ich anderen zum Segen und selber nicht krank werde. Glaubend und hoffend, dass Gott selbst seine Kirche baut und dass er der Herr dieser Kirche ist.

Vorbehaltlos wieder Pfarrerin?

Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, der fragt vielleicht: Wie kann man denn Pfarrerin sein wollen, ohne von seiner eigenen Kirche restlos überzeug zu sein? Wie glaubwürdig ist eine Pfarrerin, die ihre eigene Kirche als etwas „Vorübergehendes“ ansieht, als eine mögliche Form unter vielen, und womöglich nicht einmal die beste? Wenn ich sehe, dass die evangelische Kirche in ihrer jetzigen Form nicht mehr lange Bestand haben wird, wenn nicht eine radikale Trendwende eintritt – dann kann es doch wohl nur ein legitimes Motiv geben, weiter Pfarrerin zu sein: Nämlich, dass man mithelfen will, sich gegen den stetigen Abstieg und Verfall zu wenden. Dass man sich beide Beine ausreißen will, um die Institution Kirche vor dem Untergang zu bewahren. Wenn man das nicht will, ist man doch als Amtsträgerin dieser Kirche nicht glaubhaft. Oder?

In der Tat sind das auch meine eigenen Überlegungen. Kann ich glaubwürdig wieder Pfarrerin sein, wo ich doch eigentlich weiß, dass ich eben nicht nahtlos in dieses System hineinpasse, und das auch gar nicht will? Wo ich doch selbst sage, dass ich nicht glaube, dass es Kirche so wie wir sie kennen in 50 Jahren noch geben wird? (Wobei die 50 Jahre schon eher optimistisch gedacht sind, bei den momentanen Austrittszahlen.)

Wie sehe ich denn die evangelische Kirche, für die ich die Wiederbeilegung meiner Ordinationsrechte beantragt habe?

Zunächst einmal glaube ich, dass es die evangelische Kirche, wie wir sie in Deutschland kennen, eine Art bürgerlicher Mainstream-Protestantismus mit dem Anspruch, Volkskirche zu sein, bald wirklich nicht mehr geben wird. Ich bin der Überzeugung, dass wir uns darauf einstellen sollten, in nicht ferner Zukunft (20 Jahre höchstens) eine Minderheitskirche zu sein. Ich glaube ferner, dass auch die institutionelle Gestalt unserer Kirchen mit ihrem verbeamteten Pfarrerinnen und Pfarrern, ihrem Verwaltungsapparat und ihrem Reichtum an Immobilien in Bälde nicht mehr so bestehen wird, wie es Generationen vor uns gewohnt waren.

Und, auch wenn es hart klingt: Ich glaube auch, dass sehr viele Kirchengemeinden sich daran gewöhnen werden müssen, lange Zeit, Jahre lang, mit einer vakanten Pfarrstelle zu leben. Die Zeit der pastoralen Rundumversorgung ist bald Geschichte. Dasselbe gilt für viele liebgewordene Traditionen.

Und trotzdem glaube ich nicht, dass „Kirche“ am Sterben ist. Global gesehen erleben wir, wie sich in Asien, Südamerika und Afrika Menschen in Massen zu Jesus Christus bekehren. Global gesehen stirbt Kirche nicht, sie erlebt vielmehr eine Blütezeit, auch wenn uns die Formen des Christentums und die Art, wie unsere Glaubensgeschwister vielerorts ihren Glauben leben, fremd sein mögen.

Aber auch im Blick auf unsere Breitengrade und speziell unsere evangelische Kirche glaube ich nicht, dass wir am Ende sind. Ich glaube vielmehr, dass etwas stirbt, damit daraus etwas Neues auferstehen kann. Nirgendwo im Neuen Testament steht geschrieben, dass eine bestimmte Art, „Kirche“ zu organisieren, die Verheißung hätte, ewig zu bestehen. Die einzige Kontinuität, die Kirche zu Kirche macht ist das Bekenntnis zu Jesus Christus, den Sohn des lebendigen Gottes. Daraus erwächst die Identität der christlichen Gemeinde, aus dem Geist Jesu heraus lebt und handelt Kirche, wo sie wirklich Kirche ist und in Jesus liegt ihre Hoffnung, durch die Turbulenzen aller Zeiten hindurch.

Ich kann und will (wieder) Pfarrerin in der evangelischen Kirche sein, nicht weil ich diese Institution für das A und O halte, oder weil ich unbedingt will, dass auch in 200 Jahren noch alles so ist, wie es heute ist. Sondern weil ich daran glaube, dass jetzt, hier und heute sich etwas von der ewigen, lebendigen Gemeinschaft mit Jesus Christus auch in dieser speziellen Art Kirche zu sein verwirklicht.

Auch wenn ich, um ehrlich zu sein, hoffe, dass die evangelische Kirche in 50 Jahren anders aussehen wird, als heute.

Noch einmal Jeremia 45

Nach meiner Entscheidung wieder Pfarrerin sein zu wollen, habe ich alles mir Mögliche in die Wege geleitet – Gespräche mit dem Dekan und der Regionalbischöfin sind geführt, eine vorläufige Dienstordnung für einen zunächst ehrenamtlichen Dienst ist erstellt und liegt in München im Landeskirchenamt zur Genehmigung.

Um ehrlich zu sein, zieht sich dieser Prozess der „Wiedereingliederung“ nun schon sehr lange hin. Seit meinem Antrag sind nun schon zehn Monate vergangen und davor weitere Wochen, bis es überhaupt zu den nötigen Gesprächen kam. Ich kann einfach nur abwarten, was geschieht. Aber ich bin ganz guter Dinge. Und sollte ich wirklich nicht mehr Pfarrerin sein können, werden sich andere Türen öffnen. Wichtig ist mir, dass ich mit mir selbst und mit Gott im Reinen bin.

Und immer wieder ist da in mir Jeremia 45, „mein“ Text, seit jener schicksalshaften Entscheidung am Ende meines Probedienstes. Ich entdecke immer neue Facetten. Anfangs las ich ihn nur als Warnung, eine bestimmte Pfarrstelle anzutreten.

Inzwischen spricht er anders zu mir. Zur Erinnerung zitiere ich die Verse noch einmal:

Dies ist das Wort, das der Prophet Jeremia zu Baruch…redete…: So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, über dich, Baruch: Du sprichst: Weh mir, wie hat mir der HERR Jammer zu meinem Schmerz hinzugefügt! Ich seufze mich müde und finde keine Ruhe. Sage ihm: So spricht der HERR: Siehe, was ich gebaut habe, das reiße ich ein, und was ich gepflanzt habe, das reiße ich aus, nämlich dies mein ganzes Land. Und du begehrst für dich große Dinge? Begehre es nicht! Denn siehe, ich will Unheil kommen lassen über alles Fleisch, spricht der HERR, aber dein Leben sollst du wie eine Beute davonbringen, an welchen Ort du auch ziehst.

Baruch ist der Schreiber des Propheten Jeremia. Sein Name bedeutet: Der Gesegnete. Wir wissen wenig über ihn. Aber offenbar hatte er große Pläne für sein Leben, „begehrte große Dinge“. Auch ich habe große Dinge begehrt. Pfarrstellen, die mir eine Nummer zu groß waren und an denen ich gescheitert bin. Ich habe mich tatsächlich müde geseufzt und immer kam noch eins obendrauf. Wie hat der HERR Jammer zu meinem Schmerz hinzugefügt. Ich finde keine Ruhe, ich bin eine innerlich Getriebene, ich komme einfach niemals irgendwo an. Finde meinen Ort nicht in dieser Institution der evangelisch-lutherischen Kirche.

Doch Gott sagt: Was ich gebaut habe, reiße ich ein und was ich gepflanzt habe, reiße ich aus, nämlich dies mein ganzes Land. Und ich lese es so: Du musst in der Kirche, zumindest in der Kirche als einer Institution öffentlichen Rechts, keine Heimat finden. Denn sie ist etwas Vorläufiges. Sie wird nicht ewig Bestand haben. Kette dein Herz nicht an eine Erscheinungsform von Kirche, denn sie ist eben nicht das Reich Gottes, sie ist nicht für die Ewigkeit bestimmt. Ich habe sie gebaut und ich breche sie wieder ab, wenn ihre Zeit gekommen ist. Ich habe sie gepflanzt, aber ich reiße sie auch wieder aus. Schau dich um. Eine halbe Million Kirchenaustritte in dem Jahr, in dem du wieder eingetreten bist. Halte nicht für ewig, was zeitlich ist. Halte nicht für den Himmel, was nur eine Tür ist.

Wirke in dieser Kirche, solange es sie in dieser Form noch gibt und sei dir bewusst, dass du in meinem Dienst steht und dass auch diese Institution, evangelisch-lutherische Kirche in Bayern, mir dient. Aber schau weiter. Sieh meine Kirche auf der ganzen Erde. Sieh, was ich anderswo baue und pflanze, während deine evangelisch-lutherische Kirche in Bayern bröckelt. Weite den Blick. Kette dein Herz nicht an eine sterbende Institution, sonder diene in dieser Institution mir.

Und mein Versprechen an dich ist: Wo auch immer dich das Leben hin treibt, wie auch immer es weitergeht, du wirst dein Leben als Beute davontragen. Auch wenn sich um dich herum Institutionen auflösen. Auch wenn vertraute Gestalten von Kirche allmählich verfallen. Als Gesunde, oder als Kranke. Du wirst dein Leben wie eine Beute davonbringen, an welchen (geistlichen) Ort du auch ziehst.

Wer bringt etwas als Beute davon? Jemand der gekämpft und gesiegt hat. Meine „Beute“ ist mein Leben. Nicht nur das nackte Überleben, sondern das Leben in Fülle bei und mit dem, der selbst Weg, Wahrheit und Leben ist.

Vor vielen Jahren sendete der BR (ich glaube zumindest es war der BR) eine Reportage über Spätaussiedler, also Russlanddeutsche, die sich oft nach einem ganzen langen Leben mit ihren Familien auf den Weg nach Deutschland gemacht haben, um hier ein neues Leben zu beginnen, damit ihre Kinder und Enkel es besser haben mögen, als sie selbst.

Man sah einen alten, vom Leben gezeichneten Mann, der gerade aus dem Flugzeug gestiegen war. Ein junger Reporter fragte ihn: „Und? Was erwarten Sie nun von Ihrer neuen Heimat?“ Der alte Mann erwiderte zunächst nichts. Der Reporter hakte nach. Und dann kam die Antwort: „Unsere Heimat ist im Himmel.“

Ich glaube, ich verstehe ihn gut.

Wieder evangelisch

Um in die evangelische Kirche wieder eintreten zu können, musste ich zunächst ein Wiedereintrittsgespräch führen. Und zwar bei dem Pfarrer, in dessen Sprengel ich gerade wohne. Ironie des Schicksals: Das ist ausgerechnet der Dekan, der mir vier Jahre zuvor im Namen des Landeskirchenrates das Disziplinarverfahren angedroht hatte.

Na toll, dachte ich. Es war mir trotzdem wichtig, mich dem Gespräch zu stellen (und nicht irgendwohin auszuweichen). Zur Vorbereitung schickte ich ihm meinen Briefverkehr mit der Regionalbischöfin. Beim Gespräch merkte ich, dass er sich zum einen freute, dass ich auf ihn zukomme und zum anderen bemüht ist, mir alle Wege zurück in die Kirche zu ebnen. Einer seiner ersten Sätze nach der Begrüßung war:“Und? Wie sieht es denn dienstlich aus?“ Auf deutsch: Wollen Sie wieder an Bord? Arbeit gäbe es genug.

Ich erwiderte, ich will jetzt erst mal wieder eintreten und mir dann nach und nach klar werden, und das akzeptierte er. Am Karfreitag 2019 trat ich wieder in die volle Mitgliedschaft der evangelisch-lutherischen Kirche ein, im Rahmen eines Abendmahlsgottesdienstes. Mir standen die Tränen in den Augen und ich wusste: Egal, ob ich wieder Pfarrerin sein kann und will, es war die richtige Entscheidung.

Solange es keine vollkommene Kirche gibt, bin ich hier richtig und werde mit der real existierenden evangelisch-lutherischen Kirche leben. Und solange ich nicht selber vollkommen bin, wird sie mit mir leben müssen. Alles andere wäre der Himmel, und den gibt es auf Erden nicht.

Einige Tage später fuhren wir in einen Kurzurlaub nach Tirol, um den letzten Schnee mit Schifahren, Rodeln und Winterspaziergängen zu genießen. Während der ganzen Fahrt strahlte die Sonne vom Himmel. Christoph fuhr, ich saß mit Korbi neben mir auf der Rückbank. Irgendwann schlief Korbinian ein, mit Christoph hatte ich alles beredet, was auf dieser Fahrt zu bereden war und es war still bis auf das gleichmäßige Geräusch des Motors.

Ich spürte den Drang in mir zu beten. Ich dankte Gott, dass ich endlich meine Entscheidung getroffen hatte, die evangelische Kirche als „meine“ Kirche zu akzeptieren, trotz aller Schwächen. Und ich sagte sinngemäß: „Herr, wenn du willst, dass ich in dieser Kirche wieder Pfarrerin bin, dann bin ich bereit. Verzeih mir, dass ich damals weggelaufen bin. Du hast mich berufen, dein Wort zu verkündigen. Wenn ich das weiterhin im Dienst dieser Kirche tun soll, dann ebne mir den Weg und lenke die Entscheidungen dorthin, dass ich es kann. Und wenn nicht, dann werde ich trotzdem dein Wort verkündigen, ob als Prädikantin in der Evangelischen Kirche, als freie Theologin oder einfach indem ich schreibe. Dein Wille geschehe.“

Auf einmal wurde es in mir ganz frei und leicht. Die Landschaft um uns herum erstrahlte im hellen Sonnenschein eines Spätwinters und die letzten Reste meiner „dunklen Wolke“ lösten sich auf.

Zwei Türen – ein Himmel

Ich war wirklich hin und her gerissen. Etwa eine Woche lang, entschied ich mich fast stündlich neu. Katholisch werden! Natürlich! Folge deinem Herzen! – Evangelisch werden. Tun, was du kannst, als Pfarrerin, nicht als Laiin und Theologin zweiter Klasse! – Ja, aber die Spiritualität! Denk daran, dass du mit deiner mystischen Ader in der evangelischen Kirche nie wirklich Heimat gefunden hast. Die Mystik lebt in der katholischen Kirche! – Ja, aber…

Dann wurde mir klar: Egal, wie ich mich entscheide. Ich würde immer etwas, das mir existetiell wichtig ist, verlieren. Und dafür etwas anderes gewinnen.

Als Katholikin würde ich trauern um die verlorene Chance, je wieder Pfarrerin sein zu können und je wieder die Sakramente zu verwalten. Aber ich würde mich spirituell vermutlich heimischer fühlen und wir hätten in unserer Familie konfessionelle Einheit.

Als evangelische Christin ist es für mich umgekehrt. Mir fehlt der reiche Schatz an spiritueller Erfahrung, der mystische Zugang zu vielen Fragen des Glaubens und Lebens und dieses wirklich Weltumspannende, Zeit übergreifende Element, das im evangelischen Bewusstsein oft so wenig ausgeprägt ist.

Ich überlegte hin und her und wälzte mich nachts unruhig in meinem Bett.

Dann betete ich und fast sofort erschien in meinem Inneren ein Bild. Ich sah eine große, lange, breite Freitreppe vor mir, die nach oben führt. Ich schritt die Treppe hinauf. Oben angelangt sehe ich zwei weiße Türen. Die stehen da einfach so herum. Ohne eine Wand, ohne ein Haus. Da nichts zwischen oder neben den Türen ist, sehe ich auch, wo beide Türen hinführen. Ich sehe einen wunderbaren weiten Himmel, mit rotgolden angestrahlten Wolken, ein Inbegriff von Weite, Frieden, Freiheit. Ich weiß in diesem Moment: Egal, für welche Tür du dich entscheidest, du gelangst dort hin. Und auch dann, wenn du dich für gar keine der Türen entscheidest, sondern einfach daran vorbei gehst, wirst du nicht abgewiesen; du gelangst ebenfalls dort hin, wo Weite, Freiheit, Frieden sind.

Das Bild wechselte dann. Nun sah ich quasi von oben aus der Vogelperspektive einen Irrgarten aus dicken, stacheligen Hecken. Komplziert, verwirrend, undurchschaubar. Der Irrgarten stand mitten in einer weiten Ebene, weit und schier unendlich. Und ich sah, dass dieser Irrgarten zwei Ausgänge hat. Wenn man sich darin verirrt hat, kann man jeden dieser Ausgänge nehmen, es ist egal welchen. Beide führen hinaus ins Weite.

Kurze Zeit darauf chattete ich mit einem freikirchlichen Kollegen. Ich schrieb: Ich stehe vor einer für mich wichtigen Entscheidung, aber nicht, worum es geht. Ob er mal für mich beten kann, vielleicht sagt oder zeigt ihm Gott ja etwas. Das tat er und schrieb zurück: „Ich hatte ein inneres Bild von einem Kreisverkehr mit mehreren Ausfahrten und du bist da immer im Kreis gefahren. Und Gott sagt: Du bist frei, egal wo, fahr jetzt raus. Setze den Blinker. Triff eine Entscheidung.“

Das Bild von den Türen sagt mir: Es ist vom Blickpunkt des Zieles her völlig egal, welche Tür du wählst. Um zu Gott zu gelanden, ist keine der Türen wirklich notwendig. Die Türen stehen für die verfassten Kirchen. Sie geben dem Glauben einen Rahmen. Deshalb sind sie nicht sinnlos. Es ist gut, sie zu benutzen. Aber der Himmel dahinter gehört allen. Du kannst, in meinem Falle, die evangelische oder die katholische Tür nutzen, oder auch gar keine – Entscheide frei. Das Heil hängt nicht davon ab, in welchem kirchlichen System du dich heimisch fühlst.

Das Bild vom Irrgarten ist in der Aussage ähnlich. Egal welchen Ausgang du wählst, um aus deiner verworrenen, festgefahrenen Situation herauszukommen: Du wirst dich im „weiten Raum“ wiederfinden, wie der Beter des Psalmes es ausdrückt:“Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Und was der freikirchliche Kollege schrieb, traf es genau: Setz den Blinker und fahr raus. Egal, wie du dich entscheidest, Gott stellt deine Füße auf weiten Raum, du bist gesegnet. Geh deinen Weg. Gott mutet dir die Entscheidung zu. Du bist frei, zu entscheiden.

Am Karfreitag 2019 trat ich wieder in die evangelische Kirche ein.

Briefe

Und dann ging es plötzlich Schlag auf Schlag. Eines Tages spürte ich: Ich muss unserer Regionalbischöfin schreiben. Die, die über dem Dekan meine nächsthöhere Dienstvorgesetzte war. Und bei der ich all die Jahre lang das begründete oder unbegründete Gefühl hatte, dass sie mich zum einen ziemlich im Regen stehen lassen hat und zum anderen sowieso schon ihre festgefügte Meinung über mich hatte, vermittelt durch „Stimmen aus der Gemeinde“ der einen oder anderen Art.

Der Dekan, der eigentlich mit mir hätte reden sollen, das aber nicht konnte, weil er selber mit seinen dunklen Wolken zu tun hatte, war inzwischen im Ruhestand. Vermutlich wäre auch mit ihm ein klärendes Gespräch von Vorteil gewesen und ich würde es später noch führen.

Nun aber schrieb ich meiner Bischöfin. Schrieb, dass mich manches kirchenleitende Verhalten ziemlich verletzt hat. Dass mir durchaus bewusst ist, dass auch ich Fehler gemacht habe damals. Dass ich mir aber, im Nachhinein betrachtet, doch sehr gewünscht hätte, jemand wäre einmal mit wirklich seelsorgerlicher und geschwisterlicher Absicht auf mich zugekommen in diesen Jahren meiner Seelenfinsternis. Dass mir vieles klar geworden ist. Ich um Verzeihung bitte. Und was ich in den vergangenen Jahren erlebt und durchgemacht habe: Ich hatte Krebs, bin Mutter geworden und würde diesen Sommer noch heiraten. Als Pfarrerin in einem viel zu großen Pfarrhaus und eingebunden in ein Amt, das kaum Privatleben zulässt, hätte ich so spät wohl kaum noch jemanden kennengelernt, der bereit gewesen wäre, mein Leben zu teilen. Und dass ich es letztlich so erlebe: Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade. Das einzige, was mir wirklich fehlt, sei die Verkündigung des Wortes Gottes.

Fast postwendend kam ihre Antwort. Auch sie bäte um Verzeihung, im Namen der Kirchenleitung, sie dankte mir für meinen Brief und soweit es an ihr läge, könne sie sich gut vorstellen, dass mir die Rechte aus der Ordination wieder beigelegt werden. Wenn ich das möchte, würde sie mich zu einem Gespräch einladen.

Und so taten sich auf einmal zwei Türen für mich auf: Katholisch werden und als Laientheologin in der römisch-katholischen Kirche wirken. Oder wieder zurück in den Schoß der evangelischen Kirche und hoffen, wieder Pfarrerin sein zu können.

Oder doch katholisch werden?

Noch eine Frage bohrte in mir und ließ mich nicht los. Etwa drei Jahre vor jenem denkwürdigen 14. März 2019 war ich ja im Frust aus der evangelischen Kirche ausgetreten und kurze Zeit später in die alt-katholische Kirche eingetreten.

Eigentlich hatte ich schon immer eine zutiefst „katholische“ Seele gehabt. Dass ich mich mit zwanzig Jahren bei meiner Taufe für „evangelisch“ entschieden habe, hatte hauptsächlich einen Grund: Ich wollte Theologie studieren, und zwar so, dass ich nach meinem Studium nicht schon allein aufgrund meines Geschlechtes von den wichtigsten Ämtern ausgeschlossen bin. Also wurde ich evangelisch, obwohl mein Herz in sehr Vielem eher katholisch schlug.

Vielleicht wäre es ja folgerichtig, jetzt den Schritt zu vollziehen und römisch-katholisch zu werden? Zumal mein Mann ja ein überzeugter Katholik ist und wir unseren Sohn auch katholisch hatten taufen lassen. Zumindest offiziell. Der katholische Stadtpfarrer Roland Huth stand der Taufe vor, sie fand in einer katholischen Kirche statt, fast aller liturgischen Texte waren von mir (zu diesem Zeitpunkt alt-katholisch), die Predigt hielt mein Freund Andreas Ebert (evangelisch). Und beim Taufakt selbst winkte Roland völlig spontan Andreas zu, er soll mit nach vorne zum Taufstein kommen und „mit anpacken“. So hatten beide die Hand an der Taufkanne, als das Wasser über Korbininians Stirn floss.

Trotzdem, auf dem Papier und auch rechtlich ist Korbinian genau wie sein Vater katholisch und das werden sie auch bleiben. Also, was hindert mich, nun auch diesen Schritt zu tun? Dass man mich als evangelische Pfarrerin wieder annehmen würde, konnte ich mir nicht vorstellen.

Ich vereinbarte also ein Gespräch mit Roland Huth und wir redeten lange. Ich schilderte ihm ausführlich, was ich an der katholischen Kirche liebe: Die Katholizität, also der Blick über den Tellerrand hinaus. Das Internationale einer echten Weltkirche. Die Spiritualität der Ordensleute. Das echte Bewusstsein für die „Gemeinschaft der Heiligen“, das verbindende Band aller Christen aller Generationen und aller Zeitalter. Manches davon gibt es auch in der evangelischen Kirche, aber nicht in dieser Fülle.

Was mir allerdings beim Gedanken katholisch zu sein sehr große Probleme bereitet hätte, wäre die strukturelle Diskriminierung der Frauen, der Machtapparat sowie die Fixierung auf „geweihte Männer“ als Dreh- und Angelpunkt des kompletten kirchlichen Selbstverständnisses.

Ich schloss: „Mein Eindruck ist, dass das, was in der katholischen Kirche toll ist, wirklich richtig gut ist. Und das was schlecht ist, ist wirklich fürchterlich, grauenhaft und grottenschlecht. Die laue Mitte gibt es bei euch nicht. Die haben die Evangelen belegt.“

Roland lachte und meinte:“Ich sag es ja, evangelisch ist halt einfach langweilig.“

Ich fragte ihn, ob er sich denn für mich einsetzen würde, wenn ich beantrage, ehrenamtlich als Laiin Wortgottesdienste zu halten (auch wenn mir die Sakramentsverwaltung mit Sicherheit sehr fehlen würde). Er meinte, das sei kein Problem. „Sobald du dein Kreuzchen bei rk machst, bin ich da voll bei dir.“

Ein paar Tage später war ich wieder in der Messe. Ich hatte eine Jutetasche dabei und darin zwei recht wertvolle liturgische Stolen, eine davon hatte ich zur Ordination geschenkt bekommen, die andere zu meinem Abschied aus Ebersdorf, und nun lagen sie meinem Keller und ich würde sie vermutlich nie mehr tragen.

Ich drückte die Tasche nach der Messe Roland in die Hand und sagte:“Falls ihr die für Gastpfarrer mal brauchen könnt. Ich habe keine Verwendung dafür und würde sie euch als Dauerleihgabe vermachen.“

Roland bedankte sich, schaute mich dann sehr ernst an und sagte: „Ich werde deinen Namen auf den Bügel schreiben, und ich hoffe sehr, dass du sie irgendwann doch wieder tragen wirst.“

Kurz darauf trat ich aus der alt-katholischen Kirche aus. Es ist eine wundervolle Konfession mir sehr großen theologischen und geistlichen Stärken. Aber es ist nicht meine Konfession.