Seht auf und erhebt eure Häupter…

Heute ist der 2. Advent und der Wochenspruch lautet: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28)

Zahlreiche modern sein wollende Auslegerinnen und Ausleger versuchen diesen schönen Vers mit einem launigen „Kopf hoch!“ in vermeintlich leichter zugängliche Sprache zu übersetzen. Kopf hoch ist eine Floskel, die aber einfach nicht wiedergibt, was gemeint ist. Kopf hoch sagen Menschen, die auf die Frage, wie es einem anderen denn geht, ausnahmsweise eine ehrliche Antwort bekommen haben („heute nicht so gut“), die sie sich eigentlich gar nicht anhören wollen. „Kopf hoch“ ist eine Floskel, die über das Leid eines anderen hinwegwischt und ihn in Verlegenheit bringt, sodass man eigentlich nur noch murmeln kann „hast ja recht“, obwohl einem gar nicht danach zumute ist. „Kopf hoch“ bewegt sich auf einer Ebene mit „wird schon wieder“ oder „alles halb so schlimm“.

Den Wochenspruch mit „Kopf hoch“ zu umschreiben, reißt ihn komplett aus seinem Zusammenhang. Denn im Kontext des Verses geht es darum, dass Jesus eines Tages wiederkommt (im wahrsten Sinne des Wortes ein 2. Advent = die 2. Ankunft) – deshalb dürfen/können/sollen wir den Blick erheben und uns nicht bange machen lassen von Kriegen, Auseinandersetzungen, Irrungen und Wirrungen, kleinen und großen Katastrophen. Diese sind zwar real und zum Teil auch wirklich schlimm, existenzbedrohend, lebensbedrohlich, werden aber nicht das letzte Wort haben. Nicht weil „es schon wieder wird“ oder weil es „halb so schlimm ist“. Sondern weil wir den erwarten, der bereits durch sie hindurch gegangen ist und sie überwunden hat.

In diesem Sinne einen gesegneten 2. Advent!

O Schlüssel Davids – Antiphon zum 20. Dezember

O Schlüssel Davids
und Zepter des Hauses Israel!
Was Du öffnest, kann niemand schließen;
was Du verschließest, kann niemand öffnen:
Komm, und führe den Gefesselten
aus dem Hause des Kerkers,
wo er sitzt in Finsternis
und Todesschatten.

O Clavis David,
et sceptrum domus Israël,
qui aperis, et nemo claudit,
claudis, et nemo aperuit:
veni, et educ vinctum
de domo carceris,
sedentem in tenebris,
et umbra mortis.

Die Antiphon zum 20. Dezember ist wohl erstmal rätselhaft. Jesus als der „Schlüssel Davids“.

Angespielt wird auf eine messianische Weissagung aus dem alttestamentlichen Buch Jesaja:

«Und ich werde den Schlüssel des Hauses David auf seine Schulter legen. Er wird öffnen, und niemand wird schliessen, er wird schliessen, und niemand wird öffnen. Und ich werde ihn als Pflock einschlagen an einen festen Ort; und er wird seinem Vaterhaus zum Thron der Würde sein.“ (Jes 22,22-24).

In der Offenbarung des Johannes werden diese Worte aufgegriffen:

«Dies sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids hat, der öffnet, und niemand wird schliessen, und schliesst, und niemand wird öffnen» (Offb 3,7).

Oder auch: „Siehe, ich habe vor dir eine Tür geöffnet und niemand wird sie schließen.“

Jesus ist der Schlüssel. Und er hat die Schlüssel: „Ich war tot, und siehe ich bin lebendig und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Und zu Petrus: „Dir will ich die Schlüssel zum Himmel geben.“

Was ist ein Schlüssel? Ein Schlüssel ist zunächst einmal ein kleines Stück Metall, das dazu dient, eine Tür zu öffnen. Schlüssel und Schloss müssen zusammenpassen. Wo der Schlüssel fehlt, da bleibt die Tür verschlossen (wie jeder schon einmal leidvoll erlebt hat, wenn er sich ausgesperrt hat).

Es geht darum, welche Räume ich mir erschließen kann. Es gibt Türen im Leben, die öffnen sich nicht. Man kann sie gewaltsam aufbrechen, aber man wird nicht glücklich wenn man es tut. Zum Beispiel wenn man mit Biegen und Brechen etwas will, was ein anderer nicht will. Oder es zum falschen Zeitpunkt erzwingen will.

Und es gibt Situationen, aus denen kommt man aus eigener Kraft nicht heraus. Man rennt gegen verschlossene Türen.

Genauso gibt es auch die Erfahrung, dass Türen, von denen man meint sie seien verschlossen, sich plötzlich vor einem öffnen. Dass sich Wege erschließen, die man nicht ahnen konnte.

Aus den Versen der Antiphon und aus den entsprechenden biblischen Texten spricht das Vertrauen, dass sich immer die Türen öffnen werden, die sich öffnen sollen und dass Türen die im Leben dauerhaft verschlossen bleiben dies auch aus gutem Grund sind. Dass ich nichts übers Knie brechen oder meinem „Glück“ nachhelfen muss, weil ein anderer, Jesus, die Schlüssel zu meinem Leben hat und mir vorangeht, um Türen zu öffnen oder auch zu verschließen, z.B., um mich vor etwas zu schützen.

Er hält die Schlüssel und er ist der Schlüssel. Zu meinem Leben, zum Leben an sich und auch zu allem, was geschieht oder nicht geschieht.

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O Adonai – Antiphon zum 18. Dezember

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In der Antiphon (Leitvers) zum 18. Dezember, dem 2. Tag der Weihnachtsoktav, steht die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel im Mittelpunkt. Genauer gesagt das biblische Ereignis schlechthin, das dem Volk Israel seine Identität gab und es, glauben wir den Zeugnissen des Ersten Testaments, überhaupt erst zu einem Volk machte. Nämlich die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei.

Die Antiphon im Wortlaut:

O Adonai
O Herr und Führer des Hauses Israel, Du bist dem Moses in den Flammen des brennenden Dornbusches erschienen und hast ihm auf dem Sinai das Gesetz gegeben. Komm, strecke Deinen Arm aus, uns zu erlösen.

Eine poetischere Übertragung stammt von meinem Facebookfreund Reinmar Wipper:

O Herr in Vielfalt,
Als Herzog voran dem Volke Israel,
Dem Mose erschienen im Feuer des flammenden Brombeer,
Von dir das Gesetz auf dem Berg überantwortet: Komm!
Breit deinen Flügel, uns Heimstatt zu geben bei dir!

Lateinisch:

O Adonai
Et Dux domus Israel,
Qui Moysi in igne flammae rubi apparuisti,
Et ei in Sina legem dedisti:
Veni ad redimendum nos in bracchio extento.

Adonai ist das hebräische Wort für „Herr“. Wenn man die Bibel auf deutsch liest, etwa die Übersetzung von Martin Luther, dann stößt man oft auf das Wort HERR in Großbuchstaben. Es steht überall dort, wo im hebräischen Original das Wort Jahwe bzw. JHWH auftaucht. JHWH ist der hebräische Gottesname. Dieser galt als so heilig, dass man ihn beim Lesen nicht aussprach und stattdessen Adonai sagte, was soviel bedeutet wie „Herr“.

Gemeint ist mit Adonai der Gott, der dem Mose im brennenden Dornbusch erschien, ihm seinen Namen offenbarte und den Auftrag gab, das Volk aus der Sklaverei zu führen. Der Name Gottes, JHWH, ist rätselhaft, eigentlich ist es gar kein Name. Er ist abgeleitet aus dem hebräischen Wort für „sein“. Entsprechend vielfältig sind die Übertragungsversuche für den Gottesnamen:

„Ich bin der ich bin.“ – „Ich werde sein, der ich sein werde.“ – „Ich bin der Seiende.“ – „Ich bin der ich bin da.“ Letztlich stimmt es aber alles nicht ganz. Was bedeutet: Gott lässt sich nicht dingfest machen.

Gott als „Führer des Hauses Israel“ ging dann seinem Volk voran, sichtbar unsichtbar, bei Tag in einer Wolke, nachts in einer Feuersäule. Im neuen Testament wird beides allegorisch gedeutet: Jesus selbst war schon, gewissermaßen präexistent, gegenwärtig, als JHWH sein Volk aus der Sklaverei befreite.

„Du hast ihm (Mose) auf dem Sinai das Gesetz gegeben“: Befreiung oder Freiheit ohne Regeln, die z.B. die Schwachen schützen, endet in Anarchie und Chaos. Daher empfängt Mose auf dem Berg Sinai von Gott das „Gesetz“, gemeint sind vor allem die 10 Gebote.

„Komm, strecke deinen Arm aus, uns zu erlösen!“ spielt an auf die Formulierung: „Er führte sie mit starker Hand und ausgestrecktem Arm“, und zwar aus der Sklaverei in die Freiheit. Eine Formulierung, die sich vor allem im Buch Exodus häufig findet.

Wenn Christen mit diesen Worten beten, an denen sich sozusagen die Heilsgeschichte des Ersten Testaments kristallisiert, nämlich die Befreiung aus der Sklaverei, dann in dem Wissen, dass es eben auch heute noch die unterschiedlichsten Formen von Sklaverei und Abhängigkeit gibt. Ganz real, aber auch im übertragenen Sinne.

Was das mit Weihnachten zu tun hat: Derselbe Gott, der einen Haufen hebräischer Sklaven machtvoll aus der Knechtschaft befreite, ist in Jesus „einer von uns“ geworden. Das eine wie das andere stellt die herrschenden Verhältnisse auf den Kopf und ist eine Provokation an alles und alle, die meinen, man könnte Menschen kleinhalten und unterdrücken, ohne dass es Gott interessiert.

An die Antiphone schließt sich jeweils das Magnificat an, der Lobgesang der Maria, in dem es unter anderem heißt: „Er (Gott) stößt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“. Weihnachten hat einen umstürzlerischen Charakter, der vom kuscheligen Familienfest, als das es meistens gefeiert wird, absolut nichts hat.

O Sapientia – O Weisheit

Heute, am 17. Dezember beginnt der so genannte „Hohe Advent“, auch die Weihnachtsoktav genannt. Gemeint sind die sieben Tage vor Heilig Abend plus der Heilige Abend selbst als Auftakt zum Weihnachtsfest, das ja im Grunde erst am 25.12. beginnt (genau genommen ist der 24.12. nur der Vorabend).

In den evangelischen Kirchen wird der „Hohe Advent“ meist nicht eigens bedacht. In Klöstern und Kommunitäten ist es aber die Zeit, in der abends beim Gebet der Vesper vor dem Magnificat (= Lobgesang der Maria, wird jeden Abend gebetet) die so genannten „O-Antiphone“ erklingen. Eine Antiphon ist eine Art Leitvers, dieser wechselt je nach Anlass.

Die O-Antiphone, auch die „großen Antiphone“ genannt, heißen so, weil sie alle mit dem sehnsuchtsvollen Ausruf „Oh…komm!“ beginnen. Angesprochen ist Jesus. In jeder der Antiphone zum hohen Advent wird er daraufhin mit einem seiner Ehrennamen angerufen, die sich allesamt auf die Prophetien vom Messias und andere Texte im Ersten Testament beziehen und die poetisch auf Jesus hin gedeutet werden.

Beim Forschen im Web gewinne ich den Eindruck, dass die O-Antiphone im englischen Sprachraum wesentlich populärer sind, als bei uns. Folgendes Merkbild habe ich z.B. gefunden:

o-antiphons

Die Antiphon zum 17. Dezember hat folgenden Wortlaut:

Antiphon zum 1. Tag der Weihnachtsoktav (17.12.)

O Weisheit,
die Du aus dem Munde des Allerhöchsten hervorgegangen bist,
die Du mit Macht wirkest von einem Ende bis zum andern,
und alles lieblich ordnest,
komm und lehre uns den Weg der Klugheit!

Original Latein:

O Sapientia,
quae ex ore Altissimi prodiisti,
attingens a fine usque ad finem,
fortiter suaviterque disponens omnia:
veni ad docendum nos viam prudentiae.

Jesus ist in diesem Vers die „Weisheit, die aus dem Vater hervorgeht“, die personifizierte Weisheit Gottes. In den weisheitlichen Büchern des Alten Testaments ist oft von der personifizierten Weisheit die Rede, die Gottes liebstes Geschöpf ist, durch die er die Welt erschaffen hat und die vor ihm „spielt“.

Im Neuen Testament werden diese Texte neu interpretiert und auf Jesus bezogen, der die personifizierte Weisheit Gottes ist. Die Antiphon zum 17. Dezember fleht geradezu darum: Lass uns Menschen an dieser Weisheit teilhaben, führe uns den Weg der Einsicht und der Klugheit. Und, da wird wohl jeder zustimmen: Wir hätten es bitter nötig.

Zum Nachhören…

Und einmal gregorianisch

 

Freut euch! Gedanken zum Sonntag Gaudete

In Nigeria ist eine Kirche eingestürzt. Über 100 Menschen, die doch nichts wollten, als Gott zu huldigen, sich an seinem Wort zu ERFREUEN, kamen ums Leben.

Anschlag auf eine Kirche in Ägypten. Mehr als zwei Dutzend feiernde Christen sind tot.

Anschläge in der Türkei. Viele Tote.

Und das an dem Sonntag, der dazu aufruft, sich zu FREUEN! Der Name des 3. Adventssonntags, Gaudete, bedeutet: Freut euch!

„Freut euch am Herrn alle Wege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe.“ (Philipper 4,4)

Die oben genannten Ereignisse aus den Nachrichten stehen stellvertretend für viele gegenteilige Erfahrungen: Guten Menschen widerfährt Schlechtes. Gewalt triumphiert über Gewaltlosigkeit. Das Recht des Stärkeren gilt immer noch ungebrochen. Schlag und Gegenschlag, menschliche Katastrophen und dazu noch: Krankheiten, Naturkatastrophen, gescheiterte Beziehungen überall…

„Freut euch im Herrn alle Wege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe.“

Wie kann man sich freuen in einer derart beschissenen Welt? Was hat da ein wie auch immer gearteter Glaube je „gebracht“?

Und hier glaube ich, scheiden sich die Geister. Die einen lachen und schwören jedem Glauben und jedem Gottvertrauen ab. Recht haben sie, rein objektiv gesehen.

Die anderen halten gerade jetzt am Glauben fest. Weil es der Glaube an Jesus ist, in dem Gott selbst sich dieser beschissenen Welt ausgesetzt hat.

„Freuet euch, der Herr ist nahe!“ heißt nicht (und hat auch nie geheißen): Er schnippst mit den Fingern und wir erwachen in einer betörend schönen und friedlichen Welt. Sondern heißt: Er hat sich auf diese Welt und auf ihre Menschen eingelassen. Der christliche Glaube ist kein Schönwetterglaube, sondern der Glaube daran, dass Gott in dieser Welt so wie sie ist wirkt und sie mit uns gestaltet. Dass er sich wirklich darauf einlässt sieht man an einem kleinen Kind in einer Krippe, das ganz normal bei seinen eher wenig privilegierten Eltern aufwächst und später als Erwachsener das gängige Bild von Gott auf den Kopf stellen wird.

Er verspricht keine fertigen Antworten oder schnellen Lösungen. Aber er trägt hindurch.

 

 

Der unbequeme Advent

Advent heißt Glühwein, Plätzchen, Gemütlichkeit und etwas Besinnung auf „Werte“. Jedenfalls könnte man das meinen.

Advent bedeutet aber Ankunft. Ankunft Jesu in unserer Welt und in unserem Leben. Diese Ankunft hat zwei Seiten. Zum einen die Erinnerung an ein Geschehen vor über 2000 Jahren. Gott wird Mensch. Jesus kommt zu uns.

Zum anderen aber auch die Erwartung der „2. Ankunft“, der Wiederkunft. Wer im Advent den Gottesdienst besucht, wobei es egal ist, ob evangelisch oder katholisch, wird, zumindest, wenn der Pfarrer sich an die jeweiligen Leseordnungen der biblischen Texte seiner Konfession hält, mit Worten konfrontiert, die gar nicht so adventlich gemütlich sind. Zum Beispiel mit den so genannten Endzeitreden Jesu. Ihnen entstammt auch der Wochenspruch für den 2. Sonntag im Advent:

„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28)

So aus dem Zusammenhang gerissen ein schöner, geradezu erbaulicher Vers. Wenn der Vorlauf nicht wäre. Sinngemäß etwa: Ihr werdet von Kriegen hören, euch wird Angst und Bange sein, die Kräfte der Natur geraten aus dem Gleichgewicht, das Meer erbebt, selbst der Lauf der Gestirne gerät aus den Fugen, ihr werdet verfolgt und verleumdet werden, sie werden euch jagen und töten….

„Wenn ihr das alles geschehen seht, dann seht auf und erhebt eure Häupter…“

Wieder mal stellen sich die biblischen Texte so komplett quer zu dem, was wir gern hätten. Etwas Nostalgie, Weihnachtsmarkt, Beschaulichkeit.

Und zugleich meint man, dass Jesus bereits die Probleme unserer Zeit erahnt und unsere Weltlage gekannt hätte. Kriege, Naturkatastrophen, Christenverfolgungen, den Menschen wird Angst und Bange. Aber es ist nicht das Ende. Sondern wenn ihr das geschehen seht, dann: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Wiederkunft. Reich Gottes. Vollendung der Welt.

Die meisten Kollegen werden jetzt anführen, dass es schlechte Zeiten ja schon immer gab und dass Jesus, oder Lukas, der Evangelist, einfach das beschreiben, was sie selbst ja auch schon kannten. Auch zur Zeit Jesu gab es Kriege und Naturkatastrophen, bald darauf Christenverfolgungen, also viel Grund, auf Erlösung zu hoffen.

Mag sein. Mag sein dass das alles nicht neu ist. Und trotzdem. Es ist tröstlich zu glauben und zu hoffen entgegen allem Weltuntergangsdebakel, entgegen aller Furcht und Unsicherheit: Jesus kommt genau in diese Welt hinein!

Damals ein kleines Kind in einem Stall. Irgendwann hoffentlich als Christus der Wiederkunft. Und bis dahin als einer, der unerkannt bleibt, aber überall dort wirkt, wo sich das Reich Gottes schon im Kleinen verwirklicht.

Warten auf die Ankunft Jesu ist weder reine Erinnerung an etwas längst Vergangenes noch Vertröstung auf eine ferne Zukunft, sondern die Hoffnung, dass ER hier und jetzt bei uns ankommen kann und will. Ein altes Kirchenlied spricht von einem „ewigen Advent“. Die vier Wochen vor Weihnachten sind eine gute Gelegenheit der echten inneren Besinnung und der inneren Ausrichtung auf Gott. Aber eigentlich sollten Christen immer „adventliche“ Menschen sein, also Menschen, die damit rechnen, dass ER, Gott, Jesus, jederzeit und überall wirken kann und dass er auch uns dazu gebraucht.

In diesem Sinne allen einen gesegneten 2. Advent in freudiger Erwartung trotz banger Zeiten.

„Wie hältst Du´s mit der Naturwissenschaft?“

Nachdem ich neulich eine neue Kategorie eröffnet habe („Kleine theologische Fragestunde“) kam heute die erste echte Frage. Vielen Dank!

Jakob Thomas will wissen:

Ich mache mal den Anfang mit der umgekehrten Gretchenfrage:
Wie hältst Du es mit der Naturwissenschaft?
Kann Theologie gut gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren? Galten vor 2000 Jahren andere Naturgesetze als heute? Was ist von Wundern wie
Jungfrauengeburt, Verwandlung von Wasser in Wein, Heilung eines von Geburt an Blinden, Auferweckung des bereits in Verwesung befindlichen Lazarus zu halten?
Muss sich die Kirche hier nicht mal entscheiden, ob sie so etwas für möglich halten will oder nicht?

Wie schön, zufällig meine Lieblingsfrage. Zunächst einmal die Gegenfrage: Wer ist denn eigentlich die Kirche, die sich entscheiden muss? Die gibt es nämlich so gar nicht. Kirche besteht aus hunderttausenden Menschen, von denen jeder und jede im Grunde so seine oder ihre ganz eigenen Glaubensansichten hat. Die Kirche als eine Einheit, die mit einer Stimme den einen Glauben bekennt gibt es schon lange nicht mehr und gab es auch nie! Nicht einmal in den ersten Jahrhunderten. Sonst hätte man sich bei dem Versuch, sich auf gemeinsame Glaubensbekenntnisse zu einigen, damals nicht den Schädel eingeschlagen.

Selbiges gilt heute im Grunde für den Umgang mit Naturwissenschaften. Ja, es gibt Christen die die ganze Bibel wörtlich nehmen. Und es gibt andere. Ich weiß nicht von wem das Zitat stammt: „Wer die Bibel ernst nimmt, kann sie nicht wörtlich nehmen.“ Wer auch immer das gesagt hat, er hatte recht. (Könnte Martin Buber gewesen sein, bin aber nicht sicher.)

Nehmen wir mal das beliebteste aller Beispiele. Die Erschaffung der Welt an sechs Tagen versus das Modell vom Urknall mit einer Milliarden Jahre alten Erde und einer viele Millionen Jahre dauernden Evolution / natürlichen Auslese.

Auf den ersten Seiten der Bibel liest man, wie Gott zu Anfang an sechs Tagen Himmel, Erde, Kontinenten, Wasser, Tiere, Pflanzen und den Menschen erschuf. Dass es im Grunde zwei Schöpfungsgeschichten sind, die in den ersten Kapiteln der Bibel ineinander verwoben sind, lasse ich mal weg. Konzentrieren wir uns auf den Bericht von der Erschaffung der Welt in sechs Tagen.

Wahr oder falsch? Die Kreationisten meinen: Wörtlich zu nehmen und wahr! Genau so war es.

Die wissenschaftliche Theologie ist sich inzwischen einig, dass dieser Schöpfungsbericht in Wirklichkeit gar keine naturwissenschaftliche Beschreibung sein soll, wie die Welt entstanden ist. Sondern ein Stück Theologie, mit dem sich die nach Babylon verschleppten Israeliten vom Glauben ihrer Umwelt abgrenzten. Der erste Schöpfungsbericht ist eine Art theologische Streitschrift. Die Babylonier verehrten mehrere Götter – ganz wichtig die Astralgottheiten, also Sterne, die als Götter verehrt wurden. Der Schöpfungsbericht der Bibel sagt: „Gott machte Lampen und befestigte sie am Himmelszelt, je eine große Lampe für den Tag und die Nacht und viele kleine Lampen, die Sterne.“

Was ist damit gemeint? Dass Gott Sonne und Mond wie Glühbirnen an den Himmel schraubte? Nein. Gemeint ist: Ätsch, ihr Babylonier, eure Sternengötter gibt’s nicht, in Wirklichkeit sind das nur Lampen am Himmel, es gibt nur einen Gott, nämlich unsren.

Im babylonischen Schöpfungsbericht erschafft der Obergott Marduk die Menschen als ein Heer von Arbeitssklaven. Der Schöpfungsbericht der Bibel kontert: „Nein! Wir haben von Gott eine Würde! Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn….“ Heißt das, dass Gott aussieht wie wir? Nein, sondern die Aussage ist: Der Mensch hat von Gott eine Würde mitbekommen. Er ist insofern Ebenbild Gottes, als dass auch er Dinge erschaffen und gestalten kann. Der Mensch ist nicht der Arbeitssklave Gottes, sondern ein Geschöpf, das von Gott eine Aufgabe hat, nämlich die Erde zu bebauen und zu bewahren.

Der „Gegner“ des biblischen Schöpfungberichtes ist weder der Urknall, noch Darwin. Das war damals noch gar nicht auf dem Schirm. Es war vielmehr die Auseinandersetzung mit der Religion der Babylonier, der gelehrte Priester des Volkes Israel veranlasste, ihre eigene Fassung des ganzen niederzuschreiben.

Die Bibel bildet keine historischen oder naturwissenschaftlichen Ereignisse ab. Sondern sie fasst die Glaubenserfahrungen der damaligen Menschen zusammen.

Beispiel aus dem Neuen Testament. Jesus wandelt auf dem See Genezareth. Wahr oder falsch? Nein, ich glaube nicht, dass Jesus mit 75 Kilogramm und Badesandalen über den See gelaufen ist. Das Wandeln auf Wasser war damals viel mehr ein gängiges Motiv, das die Besonderheit eines Menschen herausstreichen sollte und nicht nur Jesus wandelte angeblich auf dem Wasser sondern ein ganzes Heer von Heroen und Halbgöttern. Genauso ist es mit der Jungfrauengeburt. Der römische Kaiser Augustus wurde angeblich auch von einer Jungfrau geboren. Dass das da steht heißt nichts anderes, als dass die Gläubigen, die Evangelisten und die, die diese Geschichten überliefert haben, eben ganz deutlich machen wollen: Dieser Jesus, er ist etwas ganz besonderes.

Und das wiederum kann ich voll unterschreiben. Ja, das stimmt. Außerdem kann man diese Geschichten ja nicht nur wörtlich deuten. Zum Beispiel das Wandeln auf dem aufgewühlten Wasser. Für mich ist das in Bild dafür, dass Gott mich trägt, auch wenn unter mir der Boden schwankt. Dass ich nicht untergehe. Es sind Vertrauensgeschichten – und die entfalten eine wunderbare Kraft in ihren Bildern, egal ob ich nun daran als eine historische Tatsache glaube, oder nicht.

Auferweckung eines halb verwesten Leichnams? Das ist drastisch. Aber was für ein Bild! Heißt doch: Es gibt IMMER einen Grund zur Hoffnung. Das Leben ist stärker. Da wo alle Hoffnung verloren erscheint, kann sich immer noch ALLES wenden.

Das Dilemma der Kirche ist, dass die wenigsten Prediger ihren Schäfchen solche Deutungsmöglichkeiten anbieten. Die universitäre Theologie ist längst darüber hinaus, diese Geschichten wörtlich zu nehmen. Nur leider wird dabei oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Was historisch nicht wahr ist, ist irrelevant – nein EBEN NICHT. Es ist genauso wahr. Es ist nur anders wahr als wörtlich wahr.

Noch mal das Zitat von oben: „Wer die Bibel wörtlich nimmt, der nimmt sie nicht ernst.“