Trauern und trotzdem das Leben feiern – Musik bei Trauerfeiern

Wie beim letzten Eintrag angekündigt, möchte ich heute und in den nächsten Artikeln ein paar Anregungen schreiben, wie man Trauerfeiern so gestalten kann, dass das LEBEN und die LEBENDIGKEIT im Mittelpunkt stehen – trotz aller Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen.

Heute soll es um die Auswahl von Musik gehen.

Bei einer Trauerfeier gibt es in der Regel Musik, wobei die Angehörigen unterschiedliche Möglichkeiten haben: Live, vom Band, mit Orgel, mit oder ohne ein gemeinsames Lied der Trauergemeinde, mit einem Musiker, den man zu diesem Zweck engagiert oder eine Kombination aus mehreren Möglichkeiten. (Beispielsweise ein Stück von einer Lieblings-CD des Verstorbenen und ein Stück live gesungen oder gespielt.) Zwei Dinge sind mir hier wichtig geworden:

  1. die Musikauswahl sollte in irgend einer Weise zu dem Verstorbenen passen. Wenn jemand Zeit seines Lebens nie oder so gut wie nie einen Gottesdienst besucht hat, sind kirchliche Lieder einfach nicht stimmig. Vor allem dann, wenn auch die meisten der anwesenden Trauergäste damit nichts oder wenig anfangen können. Die Musik sollte im Stil dem entsprechen, was und wie jemand gelebt hat. Die Möglichkeiten hier sind sehr unterschiedlich. Mutter z.B. liebte Klassik. Bei der Trauerfeier hatten wir von einer CD zwei Stücke von Bach (unter anderem aus dem Actus Tragicus) und eine klassische Musikerin spielte ein Stück auf der Bratsche. Neulich hatte ich die Trauerfeier für einen Mann, der Rock liebte. Da spielten wir natürlich keine klassische Musik. Die Gestaltung einer Trauerfeier mit dem Musikrepertoire, das der Verstorbene liebte, kann ungemein helfen, seine Trauerfeier zu einer LEBENSfeier werden zu lassen.
  2. Das zweite scheint dem eben Geschriebenen zunächst zu widersprechen. Obwohl eine Musikauswahl wichtig ist, die zu dem Verstorbenen passt, sollten es, so erlebe ich es zumindest, keine Stücke sein, denen die Angehörigen jederzeit im Alltag wieder begegnen können. Natürlich lässt sich das nie völlig ausschließen. Ein Beispiel: Angehörige wünschen sich ein unglaublich populäres Lied, nehmen wir einfach mal „Atemlos durch die Nacht“. Dieses Lied ist aber im Radio und im Fernsehen derart präsent, dass man permanent damit konfrontiert wird. Für Angehörige würde das bedeuten, auf Schritt und Tritt an die Trauerfeier erinnert zu werden. Ebenso verhält es sich mit Lieblingsliedern, die im gemeinsamen Freundeskreis oder in einem Verein, dem der Verstorbene angehörte, präsent sind. Angenommen, er war ein Fußballfan und die Angehörigen wünschen sich „You´ll never walk alone“. Von Liedern wie diesem rate ich in der Regel ab, und zwar nicht, weil sie für eine Trauerfeier unpassend wären, sondern weil man sie in bestimmten Kreisen eben permanent hört und mit jedem Mal die Erinnerung an die Trauerfeier wieder präsent wäre.

Fazit: Musik bedeutet Leben, keine Feier ohne Musik – und auch bei der letzten LEBENSfeier eines Menschen kann Musik viel dazu beitragen, auf gute Weise Abschied zu nehmen und das LEBEN zu würdigen. Der Musikgeschmack eines Menschen sagt sehr viel über ihn aus – und sollte unbedingt berücksichtigt werden.

Totensonntag/ Ewigkeitssonntag/ Christkönig

Drei Bezeichnungen für denselben Termin, nämlich den vor uns liegenden Sonntag. Den letzten Sonntag im Kirchenjahr. „Totensonntag“ ist als Wort zwar traditionell (evangelisch), aber nicht wirklich erhellend. „Ewigkeitssonntag“ ist die „korrekte“ evangelische Bezeichnung. Zwar wird auch der Verstorbenen gedacht („Totensonntag“), aber eben im Licht der Auferstehung und des ewigen Lebens („Ewigkeitssonntag“) und außerdem geht es natürlich um den etwas sperrigen Satz im Credo von der „Wiederkunft Christi“ und der Vollendung der Welt. Eben die ganz großen theologischen Schinken.

Katholisch heißt derselbe Sonntag „Christkönigssonntag“. Auch hier geht es um die Wiederkunft Jesu und um die Vollendung der Welt. Der mit Dornen gekrönte Gekreuzigte kommt wieder als König und gerechter Richter.

Sowohl evangelisch als auch katholisch sehr „alte“ Bilder, mit denen viele wohl nichts mehr anfangen können. Und als solche sollte man solche theologischen Aussagen auch begreifen, als Bilder. Bilder, die einem vielleicht erst mal fremd sind, die aber ihre Bedeutung durchaus entfalten können, wenn man sie länger betrachtet. Letztlich geht’s um unsere Sehnsucht nach Vollendung, nach einer Gerechtigkeit, die am Ende doch siegt, es geht um die Sehnsucht, dass mit diesem Leben nicht alles vorbei ist, Sargdeckel zu und das war´s. Es geht darum, dass da einer ist, der letztlich doch alles „richtet“. Ein Wort, mit dem der Süddeutsche sich wohl leichter tut als der Norddeutsche. Etwas richten heißt hier nämlich einfach: Wiederherstellen, reparieren, einen Schaden gut machen.

Für mich und meine Chorkollegen bedeutet Ewigkeitssonntag zudem schon seit Jahren: Konzertwochenende. Meistens singen wir etwas Ernsteres, das der Bedeutung des Tages gerecht wird. Diesmal das Deutsche Requiem von Johannes Brahms und ein kürzeres Stück von Reger, auch ein Requiem. Immer wieder eine würdige Art diesen Tag zu begehen und irgendwie auch gesungener Gottesdienst.

Michaelis

Heute feiert die Kirche (evangelisch wie katholisch) das „Fest des Erzengels Michael und aller Engel“. Für die Engel gilt wohl, was in einem anderen Zusammenhang auch für Gespenster gilt: Wenn die Vernunft sie vertreibt, steigen sie durch die Hintertür des Aberglaubens wieder ein.

Engel spielen, zumindest in der Theologie und im Alltag der kirchlichen Verkündigung, so gut wie gar keine Rolle. Das Michaelisfest fällt meist unter den Tisch, wenn der 29. September auf einen Wochentag fällt, sowieso.

Taufeltern wünschen sich ganz oft den Taufspruch: „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ (Aus Psalm 90).

Die meisten Pfarrer haben dabei eher Unbehagen. Die befürchten, dass Eltern die so einen Vers wählen, die christliche Taufe dann als Schutzritual missverstehen.

Doch während die Engel aus der kirchlichen Verkündigung so gut wie verschwunden sind, feiern sie in der Esoterik fröhliche Urstände. Ein ganzer Markt wirbt mit Engel-Figuren, Engeldüften, Büchern angeblich direkt von Engeln gechannelt und für teures Geld kann man sich seine persönliche Engelbotschaft vom Engelmedium seines Vertrauens Vertrauens direkt auf den heimischen PC schicken lassen.

Vielleicht täte es den Kirchen gut, sich mal wieder darauf zu besinnen, wer oder was Engel denn nach biblischer Botschaft sind. Boten Gottes. Kämpfer für Gott (wie der Erzengel Michael), Begleiter (wie der Erzengel Raphael), Überbringer von Botschaften (wie der Erzengel Gabriel und die Engel der Weihnachtserzählung). Jesus sagte einmal, man solle sich hüten, einem Kind oder einem schwächeren Menschen zu schaden. „Denn ihre Engel stehen allezeit vor Gott“ und petzen, was andere ihren Schützlingen antun oder antun wollen. (Frei nach Jesus.)

Und vielleicht täte auch ein völlig unverkrampfter Umgang mit Engeln gut. So wie in diesem „Engelrap“ aus dem Evangelischen Kindergesangbuch. In diesem Sinne: Fröhliches Michaelisfest!

 

Spiel weiter!

Geigenunterricht. Ich zu Beginn der Stunde zu meinem Lehrer: „Momentan übe ich nur sehr wenig. Selbst wenn ich Zeit habe, ich habe den Kopf so voll mit anderen Sachen. Und das Orchesterzeug ist momentan so ätzend. Wenn ich schon übe, dann lieber was, was einigermaßen Spaß macht.“

„Was hast du denn geübt?“

„Corelli. Aber auch nicht so arg viel.“

„Dann fang mal an.“

Corelli Sonate Nr. 12 „La Follia“ traktiere ich nun seit etlichen Wochen und es ist eins der wenigen Stücke, die ich nicht nach einiger Zeit nicht mehr hören kann. Variationen über ein Thema. Viele nette, kurze und übersichtliche „Sätze“, die man auch mal einzeln spielen kann.

Ich fange also an. Spiele das Hauptthema. Werfe meinem Lehrer einen fragenden Blick zu. Normal unterbricht der mich immer, wenn was nicht so gut war. Und ich persönlich fand, dass das jetzt nicht so doll war…Er unterbricht nicht. Er sagt: „Spiel weiter!“

Nanu.

Also dann probieren wir mal Variation Nr. 1. Fragender Blick in Richtung Lehrer. Er unterbricht immer noch nicht, sondern nickt mir aufmunternd zu. Ich spiele weiter. Nach der 2. Variation gucke ich nicht mehr zu ihm. Ich spiele. Und spiele. Und spiele. Das ganze Stück, sechs Seiten, ohne Unterbrechung, außer dass ich zwei Variationen überspringe, die etwas eklige Doppelgriffe haben und die ich mir noch ein wenig aufhebe. Das erste mal, dass ich etwas das länger als eine oder zwei Seiten ist ohne Unterbrechung von vorn bis hinten durchspiele.

Und auf einmal so was wie Flow. Ich höre zwar, dass das nicht alles perfekt ist, aber seltsamerweise macht es mir heute zum ersten mal nichts aus. Vielleicht war das eine der wichtigsten Lektionen der letzten Wochen. Auch mal etwas zu Ende spielen können, ohne dass es perfekt ist. Obwohl jemand zuhört…

Doch ja, wir haben uns dann noch ein paar Stellen vorgenommen. An Übergängen gearbeitet. Und dann doch noch ein paar von den momentan ätzenden etwas anspruchsvollen Orchesterpassagen geübt.

Es war wenig spektakulär – und trotzdem heute so eine Art mentaler Durchbruch. Etwas zu Ende spielen, ohne dass es schon perfekt ist. Dran glauben, dass ich es spielen kann. Und dann einfach spielen.

Was das nun für andere Lebensbereiche bedeutet, muss ich noch durch buchstabieren. Ich bin jedenfalls sehr dankbar für diese Erfahrung heute.

Singen

Heute hatten wir – Coburger Bachchor – Konzert: Monteverdi, Marienvesper. Ich bin erschöpft und sehr zufrieden. Geprobt haben wir seit Mai. Nun der krönende Abschluss. Ein gelungenes Konzert, ein wunderbares Ensemble und anhaltender stehender Applaus.

Eigentlich singe ich schon, so lange ich mich erinnern kann. Als Kind war ich in der „Sing – und Musikschule“, später Musisches Gymnasium, und dann Chor, eigentlich immer. Geige habe ich als Jugendliche eher widerwillig gelernt (auch wenn es mir inzwischen Spaß macht) – gesungen habe ich immer. Traditionell, klassisch. Anderes hat sich mir einfach nicht angeboten/erschlossen, aber ich fühle mich wohl mit dem, was ich singe.

Nach der Gymnasialzeit: Ein paar Jahre Münchner Bachchor, Hochschulchor, und dann, abgesehen von ein paar chorfreien Jahren, weiter: Kantorei, Coburger Bachchor…und vermutlich werde ich solange singen, wie es noch irgendwie geht.

Als Kind war Singen eine Art Therapie. Ich habe eigentlich immer vor mich hin gesungen, was mir gerade in den Sinn kam – irgendwie hat das wohl heilende Kräfte.

Manchmal wundere ich mich selber: Im Chor üben wir oft Monate lang für ein Konzert, das dann innerhalb von zwei Stunden vorbei ist. So viel Arbeit – für zwei Stunden! Eigentlich ist das irrational, es „lohnt“ sich ja gar nicht. Aber im Grunde ist ein Konzert nur so etwas wie der krönende Abschluss – der eigentlich Lohn der Chorarbeit besteht darin, Musik kennen zu lernen und so tief darin einzudringen, dass man das Stück danach in sich hat. Jedes Werk, das man über Monate erarbeitet hat, trägt man irgendwie in sich und kann es innerlich immer wieder abrufen (vielleicht nicht alle Details, aber doch Melodien, Klänge, Töne) – und das ist der eigentliche Schatz. Vorhin kam mir Frederick die Feldmaus in den Sinn, die den Sommer über Farben für den Winter sammelt. Ein bisschen ist Chorsänger sein wie Frederick sein, nur dass man keine Farben sammelt, sondern Klänge. Es kommt nicht so sehr auf das Konzert und den Applaus an, auch wenn das natürlich toll ist. Sondern auf den ganzen Prozess, sich etwas anzueignen. Und: An etwas beteiligt zu sein, das größer ist, als man selbst. Und auch: Das Gefühl mit Menschen verbunden zu sein, natürlich konkret mit denen, mit denen man singt. Aber auch mit vielen Generationen vor uns, die diese Werke schon gesungen haben und mit Menschen weltweit, die dieses Musik kennen und singen. Und das ist irgendwie ein tolles Gefühl.

Ein Geigertraum und seine Deutung

Heute Nacht träumte ich. Was eigentlich nichts Besonderes, denn ich träume viel, die Tür zu meinem Unterbewusstsein ist meist nur angelehnt und nicht verschlossen und ich finde das gut, denn meine Träume und auch inneren Bilder, die so kommen, sind für mich immer eine Quelle der Inspiration und Kreativität.

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Mal wieder ein musikalischer Werbeblock

Unser Orchester bereitet sich grade mit Eifer und Hochdruck auf das anspruchsvollste Konzert vor, das ich in meinen inzwischen drei Jahren dort mitgespielt habe. Zum 40jährigen Jubiläum der Deutschen Johann Strauß Gesellschaft. Eigentlich wollten die die Profis vom Landestheater. Da gab es aber Terminkollisionen, nachdem die Tagung schon geplant war, also haben wir nun die Ehre und das Vergnügen und die Herausforderung, in kürzester Zeit (Sommerferien) ein Programm mit 17 Stücken zu erarbeiten. Der Schweiß troff in der vergangenen Hitzeperiode nur so vom Griffbrett. Den Bläsern glitschten die Instrumente vom Mund. Es war bei dem Wetter kein Spaß. Jetzt wird es zum Glück kühler. Dafür haben wir jetzt etliche Zusatzproben, weil es anders nicht machbar ist.
Also: Kommt bitte zuhauf, es wäre schade, wenn wir vor leeren Reihen spielen.
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Der Astfehler

Das ist meine Geige. Besser gesagt: Es ist meine gute Geige, ich habe für Anlässe wie Open Air Konzerte noch ein zweite, weniger gute (die aber auch gut ist). Mit diesem Instrument hat es eine Bewandtnis. Die meisten denken ja, je älter eine Violine ist, desto besser, aber das stimmt nicht immer. Es gibt auch vorzügliche moderne Geigenbauer und einer davon ist Martin Schleske.
Der hat vor ein paar Jahren ein Buch geschrieben. Titel: „Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens“. Das Buch ist eine Art Gleichnissammlung. Jeder Schritt in dem ein Geigenbauer sein Instrument gestaltet, vom Auffinden des richtigen Baumes bis zu den letzten Klangeinstellung, dient als eine Art Sinnbild für die Wechselfälle des Lebens und vor allem dafür, wie Gott, der große Meister, seine Menschen gestaltet und formt. Einer der Leitsätze von Schleske lautet dabei: „Das Holz hat Mitspracherecht!“ Ein guter Geigenbauer kann nicht gegen die gewachsene Faser des Holzes arbeiten. Er muss seine Besonderheiten berücksichtigen. Er muss darauf achten, nicht zu viel Spannung hinein zu legen. Er darf es formen und fordern, aber wenn er das Holz überstrapaziert, dann kann nichts aus diesem Instrument werden. Genauso macht Gott es mit den Menschen. Ich finde das ein wunderbares Bild.
In einem Kapitel geht Martin Schleske auf die ganz Großen seiner Zunft ein und beschreibt, wie der italienische Geigenbauer Amati Geigen aus so genanntem Reaktionsholz gebaut hat. Reaktionsholz ist das Holz, das ein Baum bildet, wenn er unter besonderen Stress gerät. Schwere Schneelast, ungünstige Hanglage, etc. – normalerweise lässt ein Geigenbauer von so etwas die Finger, denn normalerweise klingt das einfach nicht gut.
Ich las dieses Kapitel und es berührte mich sehr. Normalerweise lässt ein Geigenbauer die Finger davon – aber Gott lässt seine Finger eben nicht von unserem „Reaktionsholz“. Was ist das? Es sind unsere Fehler, Neurosen, Schwächen, all die Muster, die wir uns zulegen als Reaktion auf ungute „Wachstumsbedingungen“.
Amati jedenfalls hat es gewagt. Eins seiner Instrumente hat mittendrin geradezu trotzig einen Holzfehler – und es klingt trotzdem gut.
Ich fragte Martin Schleske dann mal: „Haben Sie jemals so etwas gebaut?“
„Nein, das würde mir von meiner normalen Klientel (das sind lauter hochkarätige Geiger) ja keiner abnehmen. Das ist reizvoll, aber nichts für den Konzertsaal.“
Ich sagte: „Also mich würde das sehr reizen, aber leisten könnte ich mir das vermutlich nicht.“
Ich merkte, dass es ihn auch total reizt, mal so etwas zu bauen – ganz bewusst. Nicht das beste Holz vom geradesten Baum. Sondern mal etwas andres.
Wir kamen überein: Er baut dieses Instrument. Dann überlege ich, ob ich es wirklich will. Und zahle gegebenenfalls in Raten.
Einige Wochen nach diesem „Deal“ wurde meine Mutter sehr schwer krank und es war absehbar, dass sie das nicht überlebt. Ich machte mich auf nach München zu meiner Mutter, die auf der Intensivstation lag. Und als ich im Zug sitze, bekomme ich eine Mail aufs Handy, von Martin Schleske. Inhalt: „Deine Geige ist fast fertig, ich muss nur noch die Klangeinstellungen machen! Sie ist sehr schön geworden. Mit einem quer liegenden Ast in der Decke….“
Meine Mutter starb am Tag darauf. Und ich bekam meine Geige. Mit Astfehler.
Bei Schleske hat jedes Instrument seinen biblischen Widmungsspruch. Meine: „Sieh nicht auf seinen Wuchs…Der Mensch sieht was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.“ Aus der David-Berufung.
Bezahlt habe ich sie von einem Teil meines Erbes. Ohne Raten. Sie erinnert mich jetzt jedes mal wenn ich sie in die Hand nehme daran, was wirklich wichtig ist.
Die Astfehler nicht zu verachten und trotzdem so gut zu spielen, wie irgend möglich.

Probenstress und Sängerslust

Vor zwei Wochen erreichte mich eine relativ verzweifelt wirkende Rundmail. Zum 225. Geburtstag des völlig unbekannten aber aus dieser Region stammenden Komponisten Andreas Späth soll es am Samstag, dem 16.5. ein Jubiläumskonzert geben, und irgendwie hat wohl jemand es versiebt, rechtzeitig einen Chor und Musiker aufzutreiben. Nun sind Musiker und Sänger ganz praktisch, wenn man zwei Vokalwerke mit Orchesterbegleitung aufführen will. Und dann nahm das Verhängnis seinen Lauf. Ich sagte natürlich zu. Mit mir zwei Hände voll andere. Naja, drei Hände. Aber jedenfalls so wenige Hände voll, dass die Besetzung diesmal wirklich klein ist und jetzt wird geprobt bis zum Abwinken. Es ist etwas eine Zitterpartie. Wenn auch nur einer fehlt, wird es in der betreffenden Stimmgruppe echt eng. Innerhalb von acht Tagen hatten wir glaube ich sechs Proben.
Die Leitung hat ein ganz junger Musiker (Schüler unseres Chorleiters), der die Sache mit viel Engagement und dem Mut der Verzweiflung angeht. Und beides braucht er auch dringend.
Andreas Späth, der Komponist um den es geht, stammt aus dem Dörfchen Rossach bei Coburg. Über ihn ist relativ wenig bekannt. Er wirkte in Coburg als Hoforganist und Kapellmeister. Wanderte aber irgendwann in die französische Schweiz aus und brachte es dort wohl zu einigem Geld und Ansehen. Neben einigen geistlichen und weltlichen Kantaten hat er wohl auch fünf Opern geschrieben, die aber verschollen sind. Notenmaterial gibt es so gut wie gar keins. Bzw. nur Autographen und fast keine Drucke. Ich bin echt gespannt, sie die Andreas-Späth-Rezeption sich in den nächsten Jahren noch entwickelt.
Wir singen von ihm die Pfingstkantate und eine „Motette zur Eröffnung eines Gesangfestes“, letzteres eigentlich für vierstimmigen Männerchor mit Blasmusikbegleitung, von Arno Seifert, unserem jungen Leiter, umgearbeitet für gemischten Chor und Streicher.
Probenstress hin oder her, ich finde es aufregend, bei der Neuentdeckung eines (fast) unbekannten klassischen Komponisten dabei zu sein. Wer weiß, vielleicht sind wir seit 200 Jahren die ersten, die diese Musik aufführen. Im Netz findet man zumindest fast nichts.
Also alle mal Daumen drücken, dass übermorgen niemand heiser ist – Ausfälle wären da jetzt echt ganz schlecht.

Konzertvorbericht in der Neuen Presse Coburg

http://musikfreunde-neustadtbeicoburg.de/tl_files/musikfreunde/files/20150305_vorbericht_np.pdf

Was mir an diesem Artikel gefällt: Der Autor weiß, wovon er schreibt. Das ist in den Lokalblättern beim Thema Kultur leider nicht immer der Fall. Und: Ich bin echt froh, in diesem Orchester bei diesem Dirigenten zu spielen. Das ist zwar manchmal beinhart, aber ich lerne da so viel, wie in meiner gesamten Zeit auf dem musischen Gymnasium nicht.