Was machst du da eigentlich?

Am 14. März 2019 hielt ich, zum ersten Mal seit etwa anderthalb Jahren, eine „freie“ Beerdigung – für mich war das ein sehr wichtiger Termin. Ich hatte endlich wieder einen Auftrag annehmen können. Das war lange nicht möglich gewesen. Zu ungewiss meine gesundheitliche Situation, zu anstrengend die erste Zeit als Mutter eines doch eher Mama-fixierten Babys.

Es war, trotz des traurigen Anlasses, ein wunderbares Gefühl. Endlich wieder ein Trauergespräch führen, endlich wieder eine Ansprache schreiben können, mich endlich wieder vor Menschen stellen, und tun was ich kann, nämlich …. predigen.

Und genau da lag der Hase im Pfeffer. Der Verstorbene war nämlich evangelisch gewesen. Natürlich mit einem sehr distanzierten Verhältnis zur Kirche, sonst wären die Angehörigen sicher nicht zu mir gekommen. Aber es war eine der Beerdigungen, bei denen es auch den Angehörigen wichtig war, dass ein Vaterunser gebetet wird und niemand etwas dagegen hatte, Psalm 23 oder andere tröstliche Bibelworte zu hören.

Und wieder einmal merkte ich, dass ich einfach in meinem Element bin.

Und Traurigkeit und Wut kamen hoch bei mir. Warum musste es so laufen, wie es gelaufen war? Warum war mir nicht vergönnt, was viele andere Theologen und Theologinnen offenbar haben, nämlich ein halbwegs entspanntes Verhältnis zu ihren Gemeinden, ihrer Kirchenleitung, ihrem Beruf? Lag es an mir? Bin ich einfach nicht teamfähig, nicht sozial kompetent genug? Lag es an den Strukturen? Lag es daran, dass ich, teils unverschuldet, teils aus eigenem Antrieb immer die falsche Frau am falschen Ort zur falschen Zeit war?

Es war der 14. März – das Datum meiner Ordination. Seit dem Tag meines Ausscheidens aus dem Pfarrberuf fühlte sich dieses Datum für mich immer an, wie der Hochzeitstag einer geschiedenen Ehe. Am 14. März 2004 war ich ordiniert worden. Zur „Pfarrerin auf Lebenszeit“. Ich hatte etwas versprochen und ich hatte es ernst gemeint und ich hatte mich von meinem Versprechen abbringen lassen. Nun wurde mir klar: Ich kann nicht mit der Kirche leben, und ich kann nicht ohne sie leben.

Ich überlegte hin und her. Will ich denn zurück ins Pfarramt?

Klar war, ich will, eigentlich, wieder predigen, und zwar mit einem Auftrag. Ja, auch als freie Theologin kann ich segensreich wirken und bekam auch häufig die Rückmeldung, dass ich das tue. Aber es ist ein irgendwie einsames Gefühl. Ach im Pfarramt habe ich mich sehr häufig einsam gefühlt. Der Unterschied war, dass ich mich trotz allem immer einem breiten Strom der Tradition verbunden gefühlt habe. Wo ich stehe, standen vor mir andere und werden nach mir andere stehen. Es ist dieses Gefühl, Teil einer größeren Geschichte zu sein. Auch wenn ich sehr häufig meine Probleme mit Kirche als Institution hatte und habe.

Will ich es noch einmal probieren? Ich wusste es einfach nicht, aber etwas war in mir in Bewegung geraten.

Den Bären zähmen

Zum letzten Eintrag passt vielleicht eine Legende aus dem Leben des Heiligen Korbinian, Namenspatron meines Sohnes, Missionar der Bajuwaren und erster Bischof von München und Freising.

Es wird erzählt, der Heilige Korbinian überquerte auf dem Weg zum Papst nach Rom die Alpen. Da geschah es, dass im finsteren Wald ein wilder Bär über seinen Lastesel herfiel und ihn in Stücke riss.

Korbinian trat unerschrocken auf den Bären zu, schlug das Kreuzzeichen über ihm und dem Bär war das Maul gestopft. Dann legte er ihm die Last des Esels auf den Rücken, und fortan musste der Bär ihm zur Strafe sein Gepäck tragen.

Auch andere Heiligenlegenden berichten von der Begegnung eines Heiligen oder einer Heiligen mit einem wilden Tier: Franz von Assisi zähmt den Wolf von Gubbio, Hieronymus den Löwen, die Heilige Martha führt einen Drachen am Halsband mit sich, wie ein zahmes Hündchen.

Der Heilige Georg tötet den Drachen. Martha zähmt ihn. Und so ist es auch mit dem Wolf, dem Löwen oder dem Bären des Heiligen Korbinian.

Für mich ist die Legende eine Symbolgeschichte. Der Bär steht für das Wilde, das Ungezähmte, die Mächte des eigenen Unbewussten, die Leidenschaften, die Aggression, die Gier nach Leben. Kurz, für all die vitalen Kräfte in uns, die uns auch verschlingen können.

Man kann versuchen sie zu „töten“, aber damit „tötet“ man letztlich auch die eigene Vitalität. Oder man kann sie „zähmen“. Das Kreuzzeichen über ihnen schlagen und sie in den Dienst des Lebens stellen.

Das ist es, was ich mit meiner Wut versuche, damit sie sich nicht gegen mich selbst oder gegen andere wendet.

Ich merke zunehmend, dass ich oft wütend bin. Manchmal ist Korbinian der Auslöser (aber NIE der Grund!). Und im Nachklang merke ich, dass ich auch auf meine Kirche oft wütend war, ohne es in diesem Moment zu spüren. Da ist vieles wirklich gar nicht gut gelaufen. Warum war vonseiten der Kirchenleitung niemand für mich da, als es mir schlecht ging? Warum hat nie jemand nach mir gefragt? Warum musste es soweit kommen, dass ich irgendwann so fertig war, dass ich nur noch Flucht aus dem Pfarrdienst als Möglichkeit sah? Ich habe sicher manches falsch gemacht, aber andere eben auch, und die saßen am längeren Hebel.

Ob diese verdrängte Wut, dieser Frust, vielleicht mit ein Auslöser für meinen Krebs war? Wissenschaftlich ist ein Zusammenhang zwischen Stress, Trauer, Aggression und Krebs nicht erwiesen – welche Sprache spricht mein Körper?

Die ersten anderthalb Jahre seines Lebens forderte mich Korbinian voll. Dann aber brachen Zeiten an, in denen er zum Glück begann, etwas besser zu schlafen und das gab mit die Möglichkeit, diesen Fragen nachzugehen. Und vor allem zu überlegen: Wie soll es denn weitergehen? Bin ich nicht weiterhin, auch wenn ich keine Pfarrerin mehr bin, berufen, das Wort Gottes zu verkündigen? Was ist mit alldem, was mir wichtig war, weshalb ich Pfarrerin geworden bin?

Dem allen begann ich nachzuspüren. Wie bringe ich meinen inneren Bären dazu, mir meine Last zu tragen? Wie verwandle ich Frust und Wut in das Zulassen von Trauer und die Kraft, noch einmal neu anzufangen?

Was dann geschehen ist, hatte viel mit Loslassen und Gnade zu tun.

Mama? Papa? Mama? Papa?

In der Taufagende unserer Kirche stehen unter anderem die Fragen an die Eltern des Täuflings, eingeleitet durch den Satz: „Liebe Eltern, durch eure Liebe gewinnt euer Kind ein erstes Zutrauen in die Liebe Gottes.“

Es spricht sehr viel dafür, dass das Bild, das jemand sich von Gott macht, tatsächlich zum Großteil davon geprägt ist, wie es die Zuwendung seiner Eltern erlebt hat, oder eben nicht.

Für Korbinian sind Christoph und ich Gott. Klingt seltsam, ist aber wirklich so. Und ganz deutlich merke ich das dann, wenn er zehn Minuten lang hingebungsvoll und zärtlich immer wieder nur sagt: „Mama? Mama? Mama?“, sich einfach am Klang dieses Wortes erfreuend, mit sich, der Welt und mir zufrieden. Übrigens macht er das auch bei Christoph: „Papa? Papa? Papa?“

Wir sind seine Welt.

Und wenn er daliegt und uns einfach nur liebevoll anspricht, zwanzig, dreißig oder hundertmal, dann erinnert mich das extrem stark an das Mantra des Jesusgebetes.

Elternschatten und Jesuskind

Noch eines wurde mir allerdings sehr klar in diesen letzten zwei Jahren: Den Schatten der eigenen Eltern wird man nicht los.

Meine Eltern waren Jahrgang 1922, bzw. 1933 – und wie damals Kinder erzogen wurden, nämlich häufig unerbittlich hart und mit wenig Empathie schlug sich auch darin nieder, wie ich selbst aufgewachsen bin. Ja, ich habe es in einer Therapie verarbeitet. Ja, ich konnte gut leben damit. Und kann es auch noch.

Es gibt aber Momente, in denen es voll wieder hochkommt. Ich merke es dann, wenn mein Kind mich zur Weißglut treibt. Obwohl es sich einfach nur so benimmt, wie ein Baby oder Kleinkind es eben tut. Ich frage mich dann: Woher kommt dieser lodernde Zorn in mir, der so völlig unverhältnismäßig ist zu dem, was Korbinian wirklich getan hat? Er ist ein Kleinkind. Er tut, was er tut, nicht um mich zu ärgern, sondern um die Welt zu erforschen und seine Fähigkeiten zu erproben. Und trotzdem bin ich regelmäßig kurz davor, total auszurasten, wenn er zum hundertsten Mal an diesem Tag die laufende Spülmaschine ausschaltet, auf den Küchentisch klettert oder den Napf mit Katzenfutter auf die Wohnzimmerteppich leert.

Meistens kocht die Wut in mir dann hoch, wenn ich selber körperlich oder seelisch an Grenzen bin. Mit jetzt 47 Jahren stecke ich nun mal schlaflose Nächte nicht so leicht weg, wie eine 25jährige Mama. Und dass ich nach meiner Krebserkrankung einen Schwerbehindertenausweis mit GdB 80 mein eigen nenne, ist auch nicht „einfach so“ passiert, es sagt etwas über meine Belastbarkeit aus.

Manchmal reichen dann Kleinigkeiten und ich werde, zumindest innerlich, und, öfter als mir lieb ist, auch äußerlich zur Furie.

Und wenn ich mir zuhöre, höre ich zu meinem Entsetzen aus meinem Mund genau die Sätze, mit denen ich selber aufgewachsen bin.

Es ist mir bewusst. Ich arbeite daran, dass mir das nicht ganz so oft passiert. Ich versuche, selber genügend Schlaf und Pausen zu bekommen, dass ich nicht so gereizt bin.

Aber es passiert mir.

Ich trug, ohne es zu bemerken, Jahrzehnte lang meine Mutter im Unterbewusstsein mit mir herum. Nun verlangt sie, mein Kind mit zu erziehen.

Vor einigen Nächten träumte ich sogar von ihr. Korbinian, meine Mutter und ich waren zuzsammen in einem Raum und meine Mutter sagte: „Außer uns kümmert sich ja niemand!“ – und mir kam das im Traum völlig normal vor. Christoph war überhaupt nicht auf dem Schirm.

Dann wachte ich auf und begriff: Meine internalisierte Mutter pfuscht mir in meine Beziehung zu Korbinian und auch zu Christoph hinein. Für mich zeigt sich darin, wie unglaublich hartnäckig sich unsere Eltern, in meinem Fall meine Mutter, in unsererm Unterbewusstsein festkrallen.

Was man dagegen machen kann ist, denke ich, in erster Linie, es wahrzunehmen und bewusst gegenzusteuern. Nein, ich werde NICHT die Sätze sagen, die mich als Kind kleingemacht haben. Nein, ich werde NICHT mein Kind beschimpfen, und wenn doch, werde ich mich entschuldigen bei ihm. DOCH, der Klaps HAT mir geschadet und auch meinem Kind wird es schaden, wenn ich ihn schlage. Ich tue es NICHT; und sollte mir doch mal die Hand ausrutschen, werde ich mich entschuldigen und wenn es öfter passiert, werde ich mir Hilfe suchen.

Diese Konfrontation mit dem „Mutter-Schatten“ ist manchmal harte Arbeit, aber ich glaube, ich bin auf einem ganz guten Weg.

Letzte Weihnachten waren wir im Gottesdienst in St. Augustin und vorne stand die Krippe mit dem lebensgroßen Jesuskind. Nach dem Gottesdienst ging ich nach vorne (Christoph und Korbi waren schon draußen). Das Jesuskind lächelte mich mit offenen Armen an. Und shcien zu sagen: „Ich lebe in jedem Kind, auch in Korbi. Würdest du mich anschreien, wenn ich etwas falsch mache?“

Ich versprach, fortan mein eigenes Kind so anzuschauen und zu behandeln, als wäre es das Jesuskind persönlich. Es gelingt mir nicht immer. Aber oft.

Wie ein kleines Kind bei seiner Mutter

Als ich mit fast 45 Jahren zum ersten und einzigen Mal Mutter wurde, war das glaube ich die radikalste Änderung in meinem Leben, die ich je erlebt habe und vermutlich je erleben werde.

Auf einmal war da dieses kleine, winzige, Wesen. Mein Kind, mein Sohn, mein Korbinian.

Nach zehn Tagen im Krankenhaus, die Fäden meiner 30 Zentimeter langen Bauchnarbe gerade eben erst gezogen, kamen wir, Christoph und ich, mit ihm nach Hause. Christoph hatte in der Wohnung einiges verändert, während ich mit Korbinian im Krankenhaus war. (Trotz Rooming in war er stundenweise nach Hause gefahren, um vieles vorzubereiten.)

Wir packten Korbi zum ersten Mal in seine eigene Babykleidung (war gar nicht so leicht am Anfang) und fuhren mit ihm nach Hause, begleitet von den guten Wünschen der Ärzte und Pflegekräfte.

Endlich zu dritt zuhause zu sein, war für mich ein wunderschönes Gefühl. Ich war zwar noch etwas schwach, aber es fiel auch vieles von mir ab. Trautes Heim, Glück allein!

Korbinian hatte und hat kein eigenes Zimmer. Sein Bett steht bei uns im Schlafzimmer – wenn er denn drin schlafen würde. Das war von Anfang an ein Ding der Unmöglichkeit! Er braucht zum Schlafen seine Mama. Und seinen Papa. In der Mitte zwischen uns fühlt er sich wohl! Das war von Anfang an so und wir lassen es so, bis er irgendwann von selber auszieht. Man nennt das wohl Familienbett. Wir fanden es einfach schön und praktisch. Und innig und vertraut.

Da Christoph oft abends Dienst hat, oblag das Schlafengehritual im ersten Jahr meist mir. Doch Korbi hatte sehr oft andere Pläne! Er wollte lieber wach bleiben. Und so lagen wir lange nebeneinander. Ich gab ihm seine Milch und sang ihm Lieder vor. („Schlaf, Kindlein schlaf!“, „Guten Abend, gute Nacht“, all die Klassiker). Er hingegen lag lange da und schaute mich groß an.

Und irgendwann schläft er, zufrieden an mich gekuschelt, ein. Das waren und sind die Momente, in denen die Zeit still steht. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich in diesen zwei Jahren neben ihm lag, singend, ihn in den Schlaf begleitend, ihn tröstend, wenn die Koliken ihm zu schaffen machten, ihn auf dem Arm tragend, wenn er gar nicht zur Ruhe kommen konnte.

Und je öfter und länger ich das tue, desto mehr sehe ich darin ein Gleichnis.

Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden, wie ein kleines Kind bei seiner Mutter; wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir. (Psalm 131,2)

Ist das nicht die Grundessenz von allem? Geborgenheit? Die Seele geborgen bei Gott, wie ein kleines Kind bei seiner Mutter…

„So ihr nicht werdet wie die Kinder“, meinte Jesus, und: „wer das Reich Gottes nicht empfängt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Markus 10,15)

Was tut ein Kind, um sich die Liebe seiner Eltern zu verdienen? Nichts, gar nichts. Es ist einfach nur da. Es kann auch gar nichts sonst tun. Es kann weder etwas richtig machen, noch etwas falsch machen. Es trinkt, es schläft, es scheidet aus. Und trotzdem lieben wir es, geben ihm Brust oder Fläschchen, wiegen es in den Schlaf, singen ihm vor, erzählen ihm, schenken uns ihm.

Wenn man von einem kleinen Kind eine Sache lernen kann, dann die: Sich lieben zu lassen.

Oft habe ich, vor allem in den ersten Monaten, einfach neben meinem schlafenden Kind gelegen oder gesessen und es angeschaut. Diese tiefe Entspannung meines schlafenden Babys auf mich wirken lassen.

Natürlich gab es auch Nächte, die sehr schwer waren: Dreimonatskoliken, viel Weinen, Schlaflosigkeit, Ermüdung, Erschöpfung bis kurz vorm Umfallen.

Aber auch das ist, so empfinde ich es, eine spirituelle Lehre: Das verfügbar Sein. Mit den eigenen Grenzen konfrontiert zu werden. Merken, wie es über die eigene Kraft geht. Manchmal auch verzweifelt sein, weil nichts, was ich tue, meinem Kind hilft, wenn es Bauchweh hat oder schlecht träumt. Das Aushalten und einfach dabei bleiben.

Von einem Baby kann man lernen, sich bedingungslos lieben zu lassen. Man kann aber, als Mutter, als Vater, auch viel über die Liebe Gottes lernen, die man da, wenn auch unvollkommen, für das Kind spiegelt.

Ich habe in diesen letzten zwei Jahren, in denen mir Korbinian oft vieles abverlangt, aber auch viel gegeben hat gelernt, noch tiefer in dieses Mysterium einzutauchen, was die Liebe Gottes ist. Die bedingungslose Liebe eines Vaters oder einer Mutter für ein Kind.

Korbinian kommt zur Welt

Am 1. März 2018 kam unser Sohn Korbinian Johannes zur Welt.

Drei Wochen vorher wurde die Chemotherapie ausgesetzt, damit das, was die Plazenta nicht zurückhalten konnte, aus seinem Körper heraus ist vor der Geburt. Es war die 37. Woche. Er war voll entwickelt, eher etwas größer als andere Kinder in dieser Woche, sozusagen seiner Zeit drei Wochen voraus. (Danke, Gott.)

Durch den Kaiserschnitt kam ich um die Wehen und die Geburtsschmerzen herum. Als kleinen Ausgleich gab es für mich ein endloses Gestochere zwischen zwei Rückenwirbeln beim Legen der Spinalanästhesie. (Zitat Anästhesist: „Nun halten Sie endlich still, verdammt! Sie dürfen nach vorne beißen, kratzen, spucken, schlagen und fluchen, aber halten Sie den Rücken still!“)

Die Spinalanästhesie war nötig nicht wegen des Kaiserschnitts an sich, sondern damit auch in den Tagen nach der OP ein Schmerzmittel direkt über das Rückenmark und die entsprechenden Nervenbahnen verabreicht werden konnte, denn ohne würde ich ziemliche Schmerzen haben. Die eigentliche OP, also Kaiserschnitt und anschließend die Entfernung von Gebärmutter, verbleibendem Eierstock, Bauchnetz, Lymphknoten „plus X“ erfolgte in Vollnarkose.

Ich gebe es zu, ungefähr eine Stunde bevor es losging verließ mich trotz allem der Mut. Ich hatte schlicht und einfach Angst. Um mein Leben und das meines Kindes. Das OP-Team hatte vorsorglich fünf Blutkonserven bereitgestellt, weil ich wahrscheinlich bluten würde „wie Sau“. Die Operation – Kaiserschnitt UND anschließend OP wegen Eierstockkrebs – ist auch alles andere als Routine.

Außerdem wusste noch niemand, ob und in welchem Maße eigentlich andere Organe schon mit Krebs befallen sind. Im schlimmsten Fall wäre ich ohne Milz und mit künstlichem Darmausgang aufgewacht. Als frischgebackene Mutter. Oder als Mutter eines leider verstorbenen Kindes. Kurz, ich hatte ANGST. Und ich bin dankbar, dass ich diese Angst wirklich nur etwa eine Stunde vor der OP hatte.

Christoph durfte mich nur begleiten, bis ich zur OP abgeholt wurde und er würde Korbinian in Empfang nehmen und das erste Mal sehen und füttern. Stillen würde überhaupt nicht möglich sein.

Ich war sehr dankbar, als die Narkose endlich anfing zu wirken und mich von meinen Ängsten befreite.

Wie schon nach der ersten OP erwachte ich auf der Intensivstation. Noch bevor ich ganz bei mir war, erschien Dr. Zoche um mir zu sagen, dass es meinem Kind gut geht, der Papa sich gerade kümmert und dass die OP reibungslos verlaufen ist und es keine sichtbaren Metastasen in anderen Organen gibt.

Ich raunzte den armen Mann an, er solle mich jetzt gefälligst einfach in Ruhe lassen. Wie gesagt war ich noch nicht ganz da. Wenn man aus der Narkose erwacht, zeigen sich die wahren Seelenzustände recht unverblümt und ich wollte in dem Moment einfach nur meine Ruhe.

Als ich etwa eine halbe Stunde später richtig wach war, spürte ich vor allem eins: Erleichterung. Und Müdigkeit. Schmerzen hatte ich gar keine, dem Tropf in meinem Wirbelkanal sei Dank.

Nach etwa zwei Stunden kam Christoph mit Korbinian vorbei. Korbinian schlief tief und fest, eingepackt in eine weiße Decke. Nur das Gesichtchen schaute heraus. Ganz friedlich wirkte er. Als hätte ihm das alles nichts ausgemacht.

Leider durfte ich erst am zweiten Tag mit ihm auf die Wöchnerinnenstation. Aber zum Glück war es möglich, dass Christoph dort die ganze Zeit mit übernachten durfte. Rooming in. Eine Erleichterung für das Personal, weil ich die ersten fünf Tage das Bett gar nicht verlassen konnte und Christoph sich rührend um Korbi kümmerte. Und Glück für uns, so konnten wir in einem geschützten Raum als Familie zusammenfinden.

Korbinian hatte von Anfang an etwas, was viele berührt hat. Seine blassblauen, anfangs fast durchsichtigen Augen wirkten von Anfang an so, als ob er schon viel gesehen hat. Irgendwie ging, wenn er nicht gerade Hunger hatte, eine große Ruhe von ihm aus.

Ich musste mich natürlich, mit fast 45 Jahren, ans Muttersein erstmal gewöhnen. Aber Korbinian hat es mir sehr leicht gemacht, in dieser neuen Rolle anzukommen. Er war und ist zwar nicht „pflegeleicht“, aber irgendwie kam es mir vom ersten Tag an so vor, als ob man den Schutz und Segen Gottes spürt, der ihn umgibt.

„Manche Kinder sind zäh, die klammern sich ans Leben“, hatte Dr. Zoche gesagt. Eigentlich wirkt Korbinian gar nicht zäh, eher sensibel. Aber man spürt, wie gesegnet er ist, irgendwie intakt trotz allem, was in der Schwangerschaft war.

Ich bin extrem dankbar, dass er da ist und dass er keinen Schaden genommen hat.

Eins allerdings kann er bis heute überhaupt nicht: Alleine einschlafen. Als ob er Angst hätte, man könnte ihn alleine lassen. Vielleicht ist das die Spur der ersten Nacht seines Lebens, wo er leider wirklich alleine war auf der Säuglingsstation.

Maria. Und nochmal Gianna.

Während dieser ungemein gesegneten Adventszeit 2017 wurde mir auch Maria, die Mutter Jesu, sehr vertraut. Als „Kryptokatholikin“ hatte ich sowieso nie ein Problem damit, auch zu Maria zu beten. Wohlgemerkt: Nicht sie anzubeten, sondern einfach mit ihr zu sprechen, oder wie der Erzengel Gabriel es getan hat, sie zu „grüßen“.

Vor vielen Jahren, noch im Theologiestudium, hatte ich eines nachts einen Traum. Ich träumte, ich stehe auf der Kanzel und predige und halte dabei einen Rosenkranz in der Hand. In meiner Predigt brachte ich meinen evangelischen Mitchristen das Beten des Rosenkranzes nahe. Was ich gesagt habe, weiß ich nicht. Nur dass mich alle ziemlich entsetzt angeschaut haben.

Die Ehefrau meines ehemaligen Mentors in Selbitz, Renate Kießig, erzählte einmal, wie sie mit ihrem Mann auf einem ökumenischen Kongress war. Unter anderem waren auch Mitglieder der katholischen Schönstattbewegung dabei, die eine innige, herzliche und mir sehr sympathische Art der Marienfrömmigkeit pflegen. Sie als evangelische Pfarrfrau hatte, wie die meisten Protestanten, so ihre Bedenken.

Während eines Lobpreisgottesdienstes mit den katholischen Mitchristen hatte sie auf einmal einen starken inneren Eindruck. Jesus sagte zu ihr: „Ich habe mich dieser Frau (Maria) als meiner Mutter anvertraut. Warum fällt es dir so schwer, dasselbe zu tun?“

Und das ist es im Kern. Es geht nicht um eine Konkurrenz Gott/Jesus gegen Maria. Maria war schlicht und einfach während ihres irdischen Lebens die Mutter Jesu. Man muss sich das mal vorstellen. Sie hat ihn in ihrem Leib getragen, geboren, großgezogen, um ihn gebangt, ihn am Kreuz sterben sehen, sie war dabei bei der Ausschüttung des Heiligen Geistes an Pfingsten. Sie war ihm so nah, wie keiner seiner Jünger. Warum sollte ich sie also nicht ehren oder sogar „Mutter“ nennen?

Während meiner Schwangerschaft war Maria für mich eine enge Vertraute, die weiß, wie es ist, wenn man sich um ein Kind sorgt.

Und natürlich die Heilige Gianna. Sie bleibt für mich eine Art persönliche Patronin und ich bin sicher, dass sie, die vierfache Mutter und Ärztin, während meiner OP mit am Operationstisch stand. Ihr zu Ehren bekam unser Sohn als zweiten Vornamen Johannes.

Und wem das zu „katholisch“ ist, der hat den eigentlichen Sinn des Begriffes „Communio Sanctorum“ nicht verstanden. Die „Gemeinschaft der Heiligen“ umfasst eben auch die Christen und Christinnen, die uns vorausgegangen sind, und ich persönlich glaube, dass in der Wirklichkeit Gottes die Konfession nicht den Hauch einer Rolle spielt.

Chemotherapie und Advent

Wenn ich an meine Chemotherapie zurückdenke, kommt mir unwillkürlich der Schluss des Markusevangeliums in den Sinn, wo es heißt: „Die Zeichen aber, die denen folgen werden, die da glauben, sind diese: In meinem Namen werden sie böse Geister austreiben,…Schlangen mit ihren Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden…“ (Markus 16,17)

Die Medikamente, die während der Chemotherapie verabreicht werden, sind keine Himbeerbrause. Jede Woche floss Paclitaxel durch meine Adern. Das wird aus dem Gift der Eibe gewonnen. Alle drei Wochen gab es zusätzlich Carboplatin.

Sehr oft haben diese Medikamente sehr starke Nebenwirkungen. Haarausfall, Übelkeit und vor allem Schäden an den Nervenenden und infolge dessen oft Jahre anhaltende oder gar irreperabele Taubheitsgefühle in Händen und Füßen. Manche können ihren Beruf nicht mehr oder nur eingeschränkt ausüben.

Die Nebenwirkungen bei mir: Bis auf Müdigkeit garkeine, und bei der Müdigkeit bin ich mir nicht sicher, ob die nicht von der Schwangerschaft kam. Vor der Entbindung sind mir nicht mal Haare ausgefallen!

Die medizinische Erklärung für dieses Wunder könnte sein, dass aufgrund der Schwangerschaft mein Östrogenspiegel exorbitant hoch war. Östrogen ist ja das reinste körpereigene Schutz- und Dopingmittel.

Natürlich war ich auch nicht immer „gut drauf“. Aber ich konnte trotz der Umstände diese Monate genießen! Ich habe die Zeit genutzt, bin viel mit Christoph spazierengegangen, habe gelesen, geschrieben, viel gebetet, meine Seele gepflegt und die „bösen Geister“ (Angst, Hoffnungslosigkeit, etc.) blieben weit fern.

Meine Frauenärztin sagte sinngemäß: „Ich weiß nicht wie Sie das machen, aber Sie stecken die Chemotherapie weg wie nix!“

Ich zuckte mit den Schultern. Ich habe keine Ahnung, wie das ging. Ich fühlte mich einfach rundum geschützt.

Meine erste OP war im Oktober 2017 gewesen, und die Chemotherapie erstreckte sich über Advent und Weihnachten.

Ich glaube, ich habe diese Wochen noch nie so intensiv erlebt und werde sie vermutlich auch nie wieder so intensiv erleben. Heitere Gelassenheit, Gelöstheit.

All die Geschichten um schwangere Frauen in der Bibel kamen mir plötzlich nahe und bei den meisten Schwangerschaften, von denen wir da lesen, waren die Umstände auch nicht toll: Elisabeth war zu alt, Maria war zu unverheiratet, Sarah zu alt, Hannah unfruchtbar…

Wenn Gott das Wunder tun will, dass ein neuer Mensch das Licht der Welt erblickt, scheinen ihm die Umstände egal zu sein.

Siehe, eine Jungfrau wird schwanger werden.

Die Unfruchtbare wird frohlocken und eine fröhliche Mutter werden.

Gott ist ein Ermöglicher von Leben gegen die scheinbare Übermacht von Krankheit, Alter und Tod.

Das schreibe ich nicht nur jetzt im Rückblick, sondern davon war ich während dieser Adventszeit im Jahre 2017 wirklich total erfüllt. Machen kann man das nicht, das ist Gnade.

Wunder und Vertrauen

Ich erlebte meine Schwangerschaft als eine Zeit voller Wunder. Obwohl sie, von außen betrachtet, wohl so ziemlich das Heftigste war, was ich je durchgemacht habe. Obwohl mich die meisten, die es erfuhren, entweder mit großen Augen total betreten angeschaut haben, es ihnen entweder die Sprache verschlug oder sie hilflose Floskeln von sich gaben.

Ich habe mich in dieser Zeit unglaublich getragen gefühlt von den Menschen, die für mich gebetet haben, auch wenn ich mit den meisten von ihnen relativ wenig persönlichen Kontakt hatte. Es beteten auch Leute, die ich gar nicht kenne, Bekannte meiner Tante Sigrid, Menschen in sozialen Medien, Freunde natürlich sowieso. Ich fühlte mich die ganze Zeit wie in weiche Watte gepackt. Natürlich gab es Aufs und Abs. Aber die allermeiste Zeit ging es mir seelisch gut.

Vor allem begann ich während meiner Schwangerschaft endlich wieder regelmäßig zu beten. Aber nicht aus Verzweiflung oder Verzagtheit, sondern in der wunderbaren Freiheit der Kinder Gottes. Nachdem ich so lange mit IHM gehadert hatte wegen der Dinge, die mir in SEINEM Dienst, in SEINER Kirche widerfahren sind, merkte ich, dass ich mit offenen Armen wieder aufgenommen werde und mich fallen lassen kann.

Eine Schwangerschaft, jede Schwangerschaft, ist ohnehin ein Wunder. Anders kann ich nicht in Worte fassen was da geschieht, und wer es nicht so genau weiß, der kann sich ja mal auf Youtube die Entwicklung eines Embryos hin zum „fertigen“ Baby im Zeitraffer anschauen.

Ist es nicht ein absolutes Wunder, wie aus zwei Zellen zweier Menschen zuerst eine Zelle und dann ein Zellhaufen wird, wobei sich das Erbgut säuberlich auftrennt und passgenau mit mit den entsprechenden Erbgut des Partners zusammenfügt? Wie aus einem reiskorngroßen Würmchen, dass noch gar keine Ähnlichkeit mit einem Menschen hat, nach und nach Kopf, Gliedmaßen, Augen, Ohren, Hände, Finger, Organe entstehen? Wie dann nach nur drei Monaten im Mutterleib eigentlich schon alles „da“ ist, es nur noch wachsen braucht? Und wie der werdende Mensch aussieht, seine Anlagen, sein Geschlecht, seine Augenfarbe, kurz einfach ALLES steckt schon in der Urzelle. Wer darin kein Wunder sieht, dem kann ich nicht helfen. Und wer meint, dass das vor dem dritten Monat nur ein Zellhaufen und kein werdender Mensch ist, dem auch nicht.

Wir haben noch mehr Wunder erlebt. Dass ich mit 44 Jahren und meiner körperlichen Verfassung überhaupt schwanger geworden bin. Dass mein Kind gesund ist. Dass es keine Frühgeburt oder gar Fehlgeburt geworden ist, trotz allem.

„Manche Kinder sind zäh, die klammern sich ans Leben“, hatte Dr. Zoche gesagt. Und mit Staunen, Freude und einem unglaublichen Gefühl von Hoffnung habe ich alle zwei Wochen im Ultraschall gesehen, wie mein Kind wuchs und gedieh, trotz des riesigen Tumors in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Die Myome blieben übrigens wie sie waren, sie nahmen meinem Kind keinen Platz weg. Das Ersttrimesterscreening, vor dem wir echten Bammel hatten, war unauffällig. Ich hätte zwar auch ein Kind mit Downsyndrom angenommen, aber ich war doch froh und erleichtert. Nicht weil solche Kinder weniger wert sind, aber weil ich einfach wusste, dass es in unserem Alter sowieso schwierig und anstrengend genug werden würde, ein Kind großzuziehen. Wegen meiner Grenzen. Nicht wegen Wert oder Unwert eines Lebens mit Downsyndrom.

In der 18. Schwangerschaftswoche wurde ich erstmals operiert und der Tumor samt dem befallenen Eierstock entfernt.

Ich erwachte nach einer mehrstündigen OP auf der Intensivstation und meine ersten Gedanken waren bei meinem Kind. Lebt es? Hat es die Narkose überstanden? Leider konnte kein Arzt, keine Gynäekologin auf die Schnelle mit dem mobilen Ultraschallgerät kommen und nachsehen.

Ich hatte Angst um mein Kind.

Ich betete und hörte IHN in meinem Herzen mit den Worten: „Fürchte dich nicht, dein SOHN lebt!“

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich, bis auf meine Intuition, noch gar nicht sicher, dass es wirklich ein Junge ist. Kurz darauf kam dann doch eine Gynäkologin und machte einen Ultraschall. Sie meinte, dem Kind geht es gut und mir fiel ein Stein vom Herzen.

Drei Tage später erfuhr ich, dass mein Kind tatsächlich ein Junge ist und die Ärztin meinte: „Dieses Kind ist ein Held!“

Der Tumor wurde währenddessen histologisch untersucht und erwies sich leider als bösartig. Eierstockkrebs. Da wurde mir klar, dass mir meine Schwangerschaft vermutlich das Leben gerettet hatte, denn ich war lange bei keiner Vorsorgeuntersuchung gewesen und ohne Schwangerschaft vermutlich auch noch lange nicht hingegangen. Ich hatte ja keinerlei Symptome.

Dr. Zoche fragte, ob angesichts dieses Ergebnis meine Entscheidung für mein Kind noch steht.

Was für eine Frage. Wir schaffen das gemeinsam. Oder gar nicht.

Dr. Zoche erklärte mir, dass wir trotz Schwangerschaft mit der Chemotherapie beginnen können, sobald ich mich von der OP erholt habe. Das Kind würde, entgegen allem was man über Chemotherapien zu wissen glaubt, dadurch keinen Schaden nehmen. Wir müssten nur drei Wochen vor dem Entbindungstermin unterbrechen. Die Entbindung würde nur per Kaiserschnitt möglich sein und im Zuge dieser Operation würde man gleich die „große OP“ anschließen, die bei Eierstockkrebs erforderlich ist: Entfernung des zweiten Eierstocks, der Gebärmutter, des großen Netzes, der Lymphknoten entlang der Bauchaorta und falls man bei der OP noch andere befallene Stellen findet, dann müssten auch diese entfernt werden.

Ich stimmte zu.

In dieser Nacht lag ich lange wach, aber nicht mit Ängsten oder Sorgen sondern innerlich total erfüllt und friedlich und in enger Verbindung mit Gott.

ER würde seine Geschichte mit mir schreiben. Es würde eine gute Geschichte werden. Ich konnte vertrauen und mich fallenlassen.

Korbinian

Wenige Tage später hatten wir einen Termin bei Dr. Zoche im Klinikum Coburg. Diesen Mann als behandelnder Arzt für die nächsten zwei Jahre zu haben war ein Glücksfall oder göttliche Fügung.

Er untersuchte mich und zeigte mir währenddessen schon die Ultraschallbilder.

„Sehen Sie das da? Ich kriege es gar nicht ganz drauf, dieses riesige grauschwarze Objekt ist der Tumor. Der ist mindestens 10 cm lang und 7 cm breit. Und hier….(er rutscht mit dem Schallkopf weiter nach links)….ist die Gebärmutter. Die ist wegen des Tumors schon seitlich verschoben. Wollen Sie Ihr Kind sehen?“

Ich nickte.

„Hier ist Ihr Kind, der Embryo ist ungefähr 5 Wochen alt und was da so zuckt, ist der Herzschlag.“

Mir kamen die Tränen.

„Frau Müller, ich bin jetzt mal ganz gemein und brutal. Ich mache diesen Job jetzt 30 Jahre und dass eine Schwangerschaft das übersteht, habe ich nur ganz selten erlebt. Da sprechen wir jetzt gar nicht von dem Tumor, der ist für Ihr Kind erstmal egal. Aber haben Sie die Myome gesehen? Die wachsen in der Schwangerschaft oft mit. Die Chancen, dass Ihr Kind bis zum neunten Monat in Ihrem Bauch bleibt, sind schlecht. Aber man weiß ja nie. Manche Kinder sind zäh, die klammern sich ans Leben. Und irgendwie wäre es ja schon schön, oder?“

Ich nickte.

„Also, ich rate Ihnen: Wenn Sie Ihr Kind wollen, probieren wir es, und wenn es nicht klappt, dann müssen Sie eben Trauerarbeit leisten. Aber der Tumor kann nicht drin bleiben, der muss raus, das ist zu gefährlich. Wenn wir das sofort machen, wäre das das Ende der Schwangerschaft. Aber wenn wir bis zur 16. Woche warten, haben wir gute Chancen, das Leben Ihres Kindes zu erhalten. Sollte er gutartig sein, dann haben Sie beide gute Karten, falls das Kind solange durchhält. Wenn nicht, müssen wir neu überlegen. Sind Sie einverstanden?“

Ich war einverstanden und in mir war trotz allem plötzlich Friede. Wir konnten jetzt ja sowieso nur abwarten und alles in Gottes Hand legen.

Gleich nach dem Termin fuhren wir in Urlaub ins Lechtal. Mit Zwischenstopp in München, wo Andreas Ebert seine Verabschiedung in den Ruhestand feierte. Ich freute mich, Christoph mein altes Umfeld zeigen zu können und genoss die Feier sehr, wenn auch alkoholfrei.

In der herrlichen Natur des Lechtals kam ich dann innerlich völlig zur Ruhe. Vor allem konnten wir als Paar uns in die Situation einfinden.

Ich beschloss, dass mein Kind es in meinem Bauch gut haben sollte, gerade wenn es früh sterben sollte. Ich redete mit ihm. Ich erzählte ihm, was ich gerade sehe. Es fühlte sich an, als ob die wunderschönen Natureindrücke direkt durch meine Augen und mein Herz zu meinem winzigen Würmchen von Kind einfließen, direkt in sein kleines pochendes Herzchen. Und ich bat ihn: Bleib bei uns! Halte durch! Schau, da ist der schöne blaue Himmel. Da ist ein Berg, da oben liegt noch Schnee. Schau, Bäume! Und so eine schöne Blume!

Ich zeigte ihm Die Welt durch meine Augen.

Auf der Heimfahrt sagte ich: „Wie wollen wir ihn denn nennen. Oder sie. Obwohl ich irgendwie glaube, es wird ein Junge.“

Christoph überlegte.

„Irgendwas Bodenständiges. Konrad vielleicht. Oder …. Korbinian.“

„Korbinian….“

Ich lauschte innerlich dem Klang dieses Namens. Es fühlte sich gut an.

„Und wenn es ein Mädchen ist?“

Wir überlegten diverse Mädchennamen. Elisabeth oder Katharina oder Klara hätte mir gefallen, aber irgendwie musste ich immer denken: Korbinian.

Ich war erst in der 6. Schwangerschaftswoche. Viel zu früh für einen Namen.

Aber irgendwie wusste ich, noch vor Christoph: Es wird ein Korbinian.

Später googelte ich die Namensbedeutungen und die Heiligenlegende.

Korbinian von Corvus, Rabe. Der Rabenähnliche, der kleine Rabe. Aber auch eine Ableitung aus dem Keltischen wäre möglich. Dann hieße es der Sorgenfreie oder der Befreier von Sorgen. Oder von Hebräisch Korben Jah, der Jahwe Geweihte.

Ich hoffte und betete, dass mein Kind wirklich das Licht der Welt erblicken würde.

Und eines Abends wieder ER: „Die Macht des Höchsten wird dich überschatten.“