„Elternschule“ – sinnvolles Therapieangebot oder Anleitung zur Kindesmisshandlung?

Letzten Mittwoch lief im ARD der Dokumentarfilm „Elternschule“. Gezeigt wurde, ohne jegliche Kommentare, wie in einer Klinik in Gelsenkirchen Kinder und Kleinkinder, ja sogar Babys, deren Verhalten ihren Eltern Mühe macht, gegen alles mögliche therapiert werden. Im Vordergrund standen Schlafstörungen, so genannte Regulationsstörungen, chronischer Stress und Schwierigkeiten beim Essen.

Der Film wird im Netz sehr kontrovers diskutiert, hier mein bescheidener Beitrag.

Welche therapeutischen „Methoden“ werden gezeigt?

Die Behandlung umfasst, jedenfalls sieht man das in der Dokumentation, folgende Therapiebausteine: Schlaftraining, Essenstraining und das so genannte Trennungstraining.

Schon ganz kleine Kinder durchlaufen all diese „Module“. Zum „therapeutischen“ Programm gehören auch die körperlichen Untersuchungen, die jeden Tag stattfinden, und zwar, so wörtlich der behandelnde Arzt, bewusst in einem Setting, das bei den Kindern den Stress erhöht. Offenbar sollen sie damit sozusagen gegen Stress geimpft werden.

Ziel der Therapie scheint vor allem zu sein, die Hierarchie in der Familie wiederherzustellen. Die Eltern sind die Autoritätspersonen, das Kind hat sich, im eigenen Interesse zu fügen.

Meine Gedanken zu den gezeigten Sequenzen.

  1. Schlaftraining

Es gibt Kinder, die zeigen nicht das von ihren Eltern gewünschte Schlafverhalten: Sie haben Schwierigkeiten mit dem Ein- und Durchschlafen, wollen nur mit den Eltern im Bett schlafen, melden nachts mehrfach ihre Bedürfnisse durch Schreien an und zermürben so nach und nach die Nerven von Vater und Mutter. Was tun?

In „Elternschule“ wird folgende „Lösung“ gezeigt: Die Kinder sollen die Nacht allein in einem Gitterbett in einem dunklen Raum verbringen. Die Mutter verabschiedet sich kurz von ihrem Kind und betritt den Raum erst wieder am folgenden Morgen. Nachts kümmern sich lediglich die Nachtschwestern der Klinik um die Kinder. Und oh Wunder: Nach nur 14 Tagen schläft einer der kleinen Patienten dann durch (zuhause hat er jede Nacht geschrien).

Meine Ansicht dazu: Ja, es gibt Kinder, die die Nerven nachts auf eine harte Probe stellen, und um ehrlich zu sein: Auch ich habe so ein Exemplar. Unser Kind war, zumindest die ersten sechs Monate, wohl das, was man ein Schreikind nennt. Wir krochen auf dem Zahnfleisch. Ich verstehe vollkommen, dass man in so einer Situation eine Lösung sucht.

Was aber hier gezeigt wird ist nur vordergründig eine Lösung. Ein Kind, das nachts aus für ihn oder sie unerfindlichen Gründen von seiner Mutter/Eltern getrennt wird, vielleicht erstmals in seinem Leben, steht Todesängste aus. Die Eltern sind sein rettender Anker in einer chaotischen Welt. Das Argument, dass die Nachtschwestern ja da sind, ist absolut nicht einleuchtend. Babys und Kleinkinder lassen sich nämlich von Fremden nicht „trösten“ (was hier ja auch gar nicht intendiert ist). Fakt ist: Das Kind wird sich stundenlang die Seele aus dem Leib schreien vor Panik und irgendwann tun, was auch Tiere in Todesangst tun. Es verfällt in eine Schockstarre. Es schläft ein, aber die Angst bleibt. Ja, es mag nach einigen Tagen sogar „durchschlafen“, aber um den Preis, dass in ihm etwas zerbricht.

Was sind die Alternativen zu so einer Tortur? Auch wenn es hart ist, Eltern müssen schlicht und einfach damit leben, wenn ein Kind nachts schreit. Sie können ihm eine liebevolle Einschlafbegleitung mit Ritualen bieten und ihm zeigen, dass sie da sind, wenn ihr Kind sie braucht. Ja, das ist anstrengend und zermürbend. Die Aufgabe ist dann eben, auf anderem Weg für Entlastung zu sorgen. Zum Beispiel, in dieser Phase den Haushalt Haushalt sein zu lassen und sich mittags, wenn das Kind schläft, auch hinzulegen. Zum Beispiel sich nachts abzuwechseln. Oder der Partner der nachts zuständig ist, wird tags entlastet.

Und das wissen: Diese Phase geht vorbei. Die „Lösung“, dass Kind alleinzulassen, ist keine. Denn die dadurch ausgelösten Ängste werden sich an anderer Stelle Bahn brechen.

2. Trennungstraining

Ohne weitere Begründung behauptet der behandelnde Arzt, dass Kinder durch Trennung von ihren Müttern eine „Entwicklung“ durchlaufen. Mehrmals am Tag sollen die Mütter ihre Kinder für mindestens 30 Minuten in der „Mäuseburg“, einer Art Kindergartenraum, abgeben und sich entfernen.

Was folgt, sind herzzerreißende Bilder von verzweifelt und panisch weinenden und schreienden Babys und Kleinkindern, einem wird sogar der Schnuller aus dem Mund genommen („den brauchen wir hier nicht“). Das Personal sitzt einfach herum. Die Kinder sind ihrer Panik und ihrem Trennungsschmerz ausgeliefert. Dass manche sich erstaunlicherweise dann doch beruhigen, liegt wohl einfach an dem oben bereits beschriebenen Mechanismus – sie verstummen, sie schalten auf Notprogramm, erstarren.

Die Eltern sollen sich durch ihr Geschrei nicht „manipulieren“ lassen.

Meine Gedanken dazu:

Erstens wird, wie gesagt, nicht deutlich, was das eigentlich soll, worin der therapeutische Nutzen dieser Maßnahme liegt. Zweitens wird unterstellt, das Verhalten der Kinder sie irgendwie unnormal oder krankhaft. Das ist es nicht. Wir sehen völlig normales Verhalten kleiner Kinder bei willkürlicher Trennung von ihren engsten Bezugspersonen in einer für sie chaotischen Situation. Drittens erfüllt ein solches Vorgehen für mich alle Kriterien einer emotionalen Misshandlung. Der therapeutische Nutzen ist Null. Die Kinder bekommen Angst und werden auf diese Weise gefügig gemacht, mehr sehe ich hier nicht.

3. Essenstraining

Hier ist zu sehen, wie eine Krankenschwester Kinder mit der Flasche oder mit dem Löffel füttert. Ein Kind verweigert die Nahrungsaufnahme. Die Schwester nimmt es in eine Art Schwitzekasten und zwingt es zum Essen. Hinterher kommentiert sie: „Er hat fünf Löffel gegessen, dann habe ich ihm im Kampf noch mal 5 Löffel gegeben, dann war aber Schluss, ich musste dann 45 Minuten mit ihm sitzen, bis er sich beruhigte“. Das Sitzen gestaltet sich folgendermaßen: Schwester sitzt mit Kind am Boden, fixiert seine Beine, indem sie sie zwischen ihre eigenen klemmt, drückt ihn an sich. Das Kind hat keine Wahl, kann dieser Umklammerung nicht entkommen und gibt irgendwann auf.

Meine Gedanken dazu: Das ist schlicht Gewalt. Sowohl das Füttern gegen den Willen, als auch die Fixierung durch Festhalten. Auch hier gilt: Die meisten Kinder werden sich dem notgedrungen fügen. Eine positive Verbindung zum Essen bekommen sie so ganz sicher nicht. Das Fixieren zur Festhalten erinnert an die so genannte Festhaltetherapie, ein dubioses Verfahren, bei dem Kinder auch gegen ihren Willen so lange körperlich festgehalten werden, bis wie ihren Widerstand gegen das Festhalten aufgeben und nicht mehr kämpfen. Soweit bekannt, kann dieses Verfahren eine Traumatisierung hervorbringen, die im weiteren Leben zu einer generellen Abneigung gegen engen Körperkontakt führt.

Andere Kinder (die schon selbst essen können) setzt man einfach für eine festgelegte Zeit vor einen Teller. Wer nicht isst, der bekommt bis zur nächsten Mahlzeit nichts. Wer dann wieder nicht isst…und so weiter.

Die Mütter sind bei beiden Formen nicht anwesend, sollen auch nicht nachfragen, wie es gelaufen ist, und dürfen mit ihren Kindern nicht übers essen reden oder ihnen zwischendurch etwas geben.

4. Körperliche Untersuchungen

Diese erfolgen entweder ohne Beisein der Mutter, oder wenn sie anwesend ist, ohne dass sie in irgendeiner Form ihr Kind beruhigen darf, im Gegenteil, wenn das Kind schreit, soll die Mutter auf einem Hocker ein Stück vom Kind weg rollen. Immer weiter, je mehr es schreit. Der Arzt untersucht ein Kind, es wehrt sich und schreit. Dabei wird es von einer zweiten Person auf der Liege festgehalten. Arzt: „Das Verhalten des Kindes ist ganz typisch für eine Regulationsstörung.“

Nein, ist es nicht. Das ist ganz typisches Verhalten eines Kleinkindes, das von einer fremden Person untersucht wird. Normales Verhalten wird hier pathologisiert.

Ein Kind mit Essstörung soll eine Sonde gelegt bekommen. Danach Bericht: „Wir mussten ihn zu zweit sondieren, allein war das nicht machbar.“

Eine Magensonde wird gelegt, indem man einen Schlauch durch die Nase bin in den Magen schiebt. Das ist auch für Erwachsene so unangenehm, dass man in der Regel sediert wird und die Prozedur nur am Rande mitbekommt. Dass hier zwei Personen nötig sind, um ein Kleinkind zu sondieren, legt nahe, dass das Kind hier nicht sediert wurde, sondern sich aus Leibeskräfte wehrte.


Zwischen diesen schwer verkraftbaren Szenen wird immer wieder gezeigt, wie der Arzt den Eltern in einem Seminarraum Unterricht zum Verhalten der Kinder gibt.

Hier wird es jetzt richtig abstrus.

„Das Kind ist auf der Welt der größte Egoist, es interessiert sich nicht, wie es den Eltern geht“.

Nein. Ein Egoist kann nur sein, wer auch die Option hätte, altruistisch zu handeln oder zumindest die Empathie aufbringen kann, sich in andere hinein zu versetzen und ihnen den Vorrang zu lassen. Ein Kleinkind ist kein Egoist, es will schlicht überleben und sorgt dafür, dass seine Eltern sich um es kümmern.

„Babys schreien strategisch.“

Diese Aussage erinnert frappierend an Äußerungen von Johanna Haarer in ihrem Buch „Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, schlichtweg der Erziehungsratgeber während der Nazizeit. Kinder sind darin Tyrannen, deren Willen es zu brechen gilt, wenn sie schreien, dann nur aus Berechnung. (Übrigens finden sich hier Parallelen auch beim Thema Essenstraining und Schlaftraining.) Und wieder: Nein, Baby schreien nicht strategisch, können es gar nicht, da sie sich frühestens ab dem 3. Lebensjahr in die Gefühlswelt ihrer Eltern versetzen und ermessen können, was ihr Schreien auslöst.

In diesem Stil geht es weiter.

Fazit:

Was ich in dieser Dokumentation sah, waren zutiefst verunsicherte Kleinkinder, deren Mütter und ihr Bemühen, alles richtig zu machen, Klinikpersonal, das auf Kinder und ihre Bedürfnisse herrisch und ohne Empathie reagiert und am Ende, wenn denn die Behandlung „Erfolg“ hatte, aus Angst folgsame Kinder.

NIEMALS würde ich bei Problemen mit meinem Sohn diese Klinik aufsuchen. Meiner Ansicht nach gehört diese Abteilung geschlossen und mit völlig neuem Personal und neuem Ansatz wieder eröffnet.

 

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