Kirchenaustritte

Im Jahre 2019 sind 197.207 Menschen aus der evangelischen Kirche in Deutschland ausgetreten. Die Summe von Taufen, Konversionen zur evangelischen Kirche und Wiedereintritten betrug 202.450. Glückwunsch! Also doch nicht so schlimm? Nun, wir haben die Sterbefälle noch nicht bedacht. Registriert wurden 257.382 Sterbefälle bei evangelischen Kirchenmitgliedern.

Damit stehen 454.589 der Kirchen abhanden gekommene evangelische Christen 202.450 neu hinzugekommenen gegenüber. Es bleibt bei einem Minus von 252.139.

Diese Zahlen muss man sich nicht im Detail merken, um sie als evangelischer Kirchenmensch alarmierend zu finden. Natürlich leidet die Kirche wie alle anderen Institutionen und unser Land als Ganzes am demografischen Wandel. Auch wenn niemand mehr austreten würde, würden wir weniger werden.

Eigentlich alarmieren sollten aber die knapp 200000 Austritte. Wenn der Trend 2020 anhält, und alles spricht dafür, gehören im Jahr 2021 erstmals weniger als 50 Prozent der Menschen in Deutschland einer der beiden großen christlichen Kirche an. Tendenz fallend.

Es ist Zeit, den Fakten ins Auge zu sehen: Christen sind dabei, in Deutschland zu einer Minderheit zu werden.

Nun ist dieser Trend im Grunde schon lange bekannt. Vieles wurde unternommen, um ihm entgegen zu wirken.

Vollmundig erklärte die EKD in ihrer Denkschrift „Kirche der Freiheit“ (2006), man wolle nun „gegen den Trend wachsen“. Wir haben 2017 mit vielen netten Aktionen und Festgottesdiensten 500 Jahre Reformation gefeiert. Regelmäßig stellen sich Vertreter*innen der Kirchenleitung vor Kameras, strahlen dabei wie die Honigkuchenpferde und verströmen Optimismus – schließlich sei ja alles gar nicht so schlimm.

Man versucht, die Sache schönzureden. Die aus der Kirche ausgetretenen seien ja eigentlich nur wie pubertierende Kinder, sie einfach mal ihren eigenen Weg gehen wollen. Natürlich halten wir die Türen weit offen und wenn sie zurückkommen, dann nehmen wir sie ganz besonders herzlich wieder auf, so las ich neulich das Statement eines ehemaligen Kollegen.

Zum einen finde ich den Vergleich unverschämt. Wer aus der Kirche austritt, ist kein pubertierendes Kind, sonder ein erwachsener Mensch mit einer Biographie und mit Gründen. Wer meinen wir eigentlich, dass wir sind, wenn wir uns solchen Menschen gegenüber großzügig so verhalten wollen, mit Mama oder Papa eines 16jährigen auf Selbsterfahrungstrip?

Zum anderen können wir die Türen so weit offenhalten, wie wir wollen – die Zahlen sprechen einfach nicht dafür, dass die Mehrzahl derer, die geht, auch irgendwann wieder kommt.

Warum treten Menschen aus der Kirche aus? Viele Gründe werden genannt. Finanzielle Gründe, persönliche Enttäuschung, Unzufriedenheit mit diesem oder jenem Missstand.

Gründe, warum es sich lohnt in der Kirche zu bleiben, werden ins Feld geführt. Die diakonische Dimension von Kirche: Mit Ihren Kirchensteuern unterstützen Sie jede Menge soziale Projekte, Kindergärten, Altenheime, Krankenhäuser. Wir sind der Ansprechpartner für gelungene Lebensfeiern (Taufe, Trauung, Konfirmation, Bestattung). Wir bieten Gemeinschaft für Menschen aller Generationen. Und dergleichen mehr.

Das alles ist ja nicht schlecht. Was aber die Austrittsgründe betrifft, glaube ich kaum, dass solche gut gemeinten Argumente irgendwie verfangen. Ich muss nicht in der Kirche sein, um mich sozial zu engagieren – so lobenswert der Einsatz der Kirche hier auch sein mag. Gemeinschaft finde ich auch in der Familie, am Stammtisch, im Fußballverein oder sonstwo. Und die klassischen Lebensfeiern? Dafür kann ich mir auch eine freie Rednerin buchen, statt lebenslang Kirchensteuern für meine künftige Beerdigung zu zahlen.

Im Grunde gibt es nur einen einzigen wirklich triftigen Grund, Mitglied einer der beiden großen Kirchen zu bleiben: Ich kann mich inhaltlich mit dem Glauben identifizieren, der in der Kirche gelebt wird. Den Glauben an den dreieinigen Gott, aus dem heraus ich mit anderen mein Leben gestalten will.

Wenn Menschen aus der Kirche austreten, dann tun sie das, so meine Überzeugung, eben nicht in erster Linie deshalb, weil sie sich mal geärgert haben, weil sie Kirchensteuern zahlen müssen oder anderen Gründen. Diese sind lediglich der Auslöser.

Wir müssen der Tatsache ins Auge schauen, dass sehr viele, die noch Mitglieder der Kirche sind, sich schlicht und einfach nicht mehr mit dem Glauben identifizieren, für den wir stehen.

Umgekehrt ist ein wirklich gläubiger Christ in der Regel ausgesprochen duldsam, was persönliche Kränkungen durch die Kirche, Kirchensteuern oder schlechte Predigten betrifft. Er oder sie bleibt dabei, nicht weil er alles, was die Kirche tut, toll findet. Sondern weil er sich mit dem Kernthema identifizieren kann. Dem Glauben an den dreieinigen Gott und die Relevanz dieses Glaubens für sein Leben.

Wenn wir dem Trend wirklich entgegen wirken wollen, dann muss wieder plausibel werden, woran wir eigentlich glauben und warum das Relevanz für das Leben unserer Mitglieder hat. Wir müssen sprachfähig werden in Glaubensfragen.

Und wir müssen uns beherzt daran machen, Kirche in Zeiten des Mitgliederschwundes wirklich neu zu denken, von der kleineren Zahl her, mit weniger zur Verfügung stehenden Ressourcen. Wir müssen Visionen entwickeln für eine Kirche, die wieder Salz der Erde oder Sauerteig in der Gesellschaft sein will. Salz und Sauerteig sind Vergleiche, die Jesus gebraucht, um zu beschreiben, was seine Jünger und was das Reich Gottes sind. Das ist etwas völlig anderes als unser Traum von einer „Volkskirche“, die irgendwie „alle“ erreichen will, und doch in Wirklichkeit keinen erreicht.

Um diese Themen soll es im weiteren Verlauf gehen. Woran glauben wir und wie werden wir sprachfähig in Bezug auf unseren Glauben, so dass es Menschen von heute wirklich erreicht? Und was könnten Visionen für eine Kirche sein, die mehr und mehr ohne die lange Jahre gewohnten personellen und finanziellen Ressourcen auskommen muss?

Martin Luther formulierte einst das Wort von der „ecclesia semper reformanda“. Kirche muss sich immer wieder erneuern, indem sie zu den Wurzeln zurückkehrt. Beherzigt wird das oft zu wenig. Erst nach und nach wird wohl klar, dass wir von vielem Abschied nehmen müssen, wenn wir weiter auf dem Weg bleiben wollen. Anders gesagt: Wer will, dass die Kirche bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.

Buchprojekt

Wer hier regelmäßig liest, hat gemerkt, dass ich seit Juni 2020 wieder viel mehr blogge. Es ist geplant, aus den Einträgen ab Juni 2020 ein Buch zu machen, das zwei Teile haben wird. Der erste Teil ist autobiographisch gehalten. Im zweiten Teil soll es darum gehen, wesentliche Kernthemen des christlichen (evangelischen) Glaubens auf ihre Zukunftsfähigkeit im Hinblick auf eine Kirche mit schrumpfenden Mitgliedszahlen und Ressourcen hin zu reflektieren. Das meiste, was ich schreiben werde, haben andere vermutlich irgendwann und irgendwo schon ähnlich gedacht und geschrieben. Aber vielleicht müssen manche Dinge einfach von vielen gesagt werden, damit sie Gehör finden.

Mein Credo

Ein Ort in der evangelischen Kirche, der meiner Ansicht nach wirklich richtungsweisend für die Kirche der Zukunft ist, ist das spirituelle Zentrum St. Martin in München.

Zum Reformationsjubiläum 2017 lief hier das „Credo-Projekt“. 500 Jahre nach Lutherd 95 Thesen war jeder, der wollte, eingeladen, ein eigenes Glaubensbekenntnis zu verfassen. Die Bekenntnisse, die so entstanden, wurden auf der Homepage von St. Martin eingestellt. Es entstand eine bunte Vielfalt von Texten. Auch ich habe damals ein Credo geschrieben. Dies ist es:

Ich glaube, dass mein Leben einen Wert hat. Dass ich nicht zufällig auf dieser Welt bin.

Ich glaube, dass ich ein Kind Gottes bin und dass ich darüber hinaus auch gar nichts sein muss.

Ich glaube, dass ich bedingungslos geliebt bin.

Ich glaube an Jesus, meinen Bruder, Freund, Herrn und Meister. Den einzigen, bei dem „Freund“ nicht im Widerspruch steht zu „Herr und Meister“. Er ist mein innerer Lehrer, der tiefste Grund meiner Seele.

Ganz tief drinnen sind wir EINS.

Er ist das Licht der Welt – ich bin das Licht der Welt. Aber nicht mein Ego. Sonder ER in mir. ER ist ICH und ICH bin ER. Wer es fassen kann…

Ich glaube, dass ich mit anderen unterwegs bin und dass wir uns erkennen werden, wenn wir uns begegnen. Die, die der Geist Gottes treibt. Die Kinder Gottes. Sie erkennen einander. Auch wenn sie Gott auf unterschiedliche Weise lieben und verehren.

Ich glaube, dass ER durch uns Wirklichkeit gestaltet.

Ich glaube, dass ein Gebet die Welt verändern kann, weil alles mit allem verbunden ist.

Ich glaube, dass der Tod eine Illusion ist. Dass wir erwachen werden in einem Licht, das wir hier höchstens ansatzweise erkennen können.

Ich glaube, dass am Ende alles gut sein wird, in jeder Hinsicht. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.

Am Ende werden wir lachen. Und GOTT lacht in uns.

Heimliche Weisheit

Ich bin nun fast am Ende meines sehr persönlich gehaltenen Rückblicks auf meine Geschichte mit dem Glauben und in der evangelischen Kirche. Erst sehr spät habe ich gemerkt, dass es eigentlich immer derselbe Grundkonflikt war, der mich am System der verfassten Kirche zweifeln und auch leiden ließ. Nämlich der, dass ich als spät getaufte Quereinsteigerin und Mystikerin immer an Grenzen stoße, die einfach institutionell bedingt sind. Kirche, zumal die Evangelische, rechnet nicht ernsthaft mit Menschen wie mir. Schon gar nicht in den Reihen ihrer Pfarrerinnen und Pfarrer.

Ich glaube, dass ich mit Vielem auch einfach zu früh dran war. Dass Kirche, wenn sie lebendig bleiben will, in Zukunft viel mehr mit Menschen rechnen muss, deren Blick auf Glaube und Kirche eben nicht von einer kirchlichen Sozialisation durch die Familie vorgeprägt ist. Ich glaube zum Beispiel, dass die Erwachsenentaufe in 20 Jahren nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein wird. Einfach, weil aufgrund des Traditionsabbruchs viel weniger Eltern ihre Kinder taufen lassen werden. Zwar werden Kirchenmitgliedschaft und Taufe mit Sicherheit kein Mainstream-Trend werden. Aber wenn sich in 20 Jahren jemand entscheidet, als Christ leben zu wollen, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht bereits als Kleinkind getauft worden sein. Dann sind Biografien wie meine vermutlich eher normal und Menschen, die erst als Erwachsene zum Glauben gekommen sind, haben von Haus aus einen anderen Blick auf Kirche und Glaubensthemen, als Traditionschristen oder Menschen, die halt getauft sind, sich aber nie groß Gedanken gemacht haben. Überhaupt wird es letztere bald nicht mehr geben. Die als Kind Getauften ohne Bezug zur Kirche treten gerade in Scharen aus.

Ich persönlich glaube, evangelische Christen in 20 Jahren wieder sehr viel „frömmer“ sein werden. Die Herausforderung wird sein, das Feld der Spiritualität, der Frömmigkeit und des Gebetes wieder glaubwürdig zu beleben. Denn wenn Christen in 20 Jahren eine Minderheit sind, dann suchen die wenigen, die es in der Kirche hält oder die neu dazukommen vermutlich wirklich eine lebendige innere Beziehung zu Gott.

Kampf und Kontemplation. Aus einer wirklich persönlich erfahrbaren Gottesbeziehung das Leben und das Miteinander gestalten. Denn darum wird es im Kern gehen. Für anderes wird auch schlicht das Geld fehlen.

Ich persönlich glaube, dass für die evangelische Kirche der Zukunft eine gelebte Spiritualität sehr viel wichtiger sein muss, als heute. Wo Glaube wirklich lebt, da tut er es doch, weil Menschen hier und heute Jesus Christus als ihrem Freund, Bruder, Heiland und Herrn ihres Lebens begegnet sind. Alles andere ist gut gemeinter Aktionismus und wird versanden. Kirche blüht, auch global gesehen, dort, wo Menschen zu Jüngerinnen und Jüngern werden – weil der Herr ihnen begegnet ist.

Vor vielen Jahren schenkte mir ein guter Freund ein Buch mit dem Titel „Heimliche Weisheit“. Der Autor heißt Walter Nigg. In der Sprache ist es etwas altertümlich aber das Anliegen ist wunderbar. Eine Würdigung der protestantischen Mystiker von der Reformation bis ins 19. Jahrhundert. Wenn mir bei der Lektüre eines klar geworden ist dann dies: Ein großer Teil der Misere unserer Kirche kommt wirklich daher, dass eine persönlich erlebte Jesusbegegnung mit ihren konkreten Folgen für das Leben der Gläubigen über Jahrhunderte beargwöhnt wurde.

Der Mystiker, die Mystikerin ist in der evangelischen Kirche eine Randgestalt und das gilt auch schon für jeden und jede, der so von Jesus redet, wie von einem guten Freund, einem Herzensbruder oder persönlichen Heiler.

Christen, die evangelisch sind, und solche Erfahrungen gemacht haben, sind geradezu gezwungen, entweder in obskure Bewegungen abzuwandern, oder bei anderen Konfessionen fremdzugehen. Inzwischen gibt es zum Glück auch evangelische Orte der Frömmigkeit. Ich glaube, dass diese in Zukunft noch sehr viel wichtiger werden und dass es im Grunde mindestens in jedem Dekanat (falls es diese Struktur in 20 Jahren noch gibt) einen Seelsorger oder eine Seelsorgerin braucht, der dieses Anliegen liebt, pflegt und selbst ein „Jesuserfahrener“ ist. Der Christ der Zukunft wird Mystiker sein, oder er wird nicht sein – und wenn die evangelische Kirche nicht die verschütteten Quellen der Mystik und der persönlichen Glaubenserfahrung freigelegt und zu solchen Erfahrungen ermutigt, wird sie immer mehr versanden und irrelevant werden.

Vor etwa 10 Jahren sagte ein Kollege nach einem Einkehrwochenende für Pfarrerinnen und Pfarrer in Selbitz (es war ein Pfarrkonvent): „Na zum Glück geht’s morgen wieder heim. Endlich wieder was arbeiten und nicht nur rumsitzen!“

Ich hoffe sehr, dass das Bewusstsein wächst, dass die Pflege der Spiritualität kein Rumsitzen ist und das Gebet essentiell wichtig für eine Kirche, die nicht komplett den Kontakt zu ihren Wurzeln verlieren will.

Und ich hoffe, dass das Charisma des Gebetes und die Gaben der Mystiker und Mystikerinnen neu entdeckt und gewürdigt werden, dass das Angebot der Geistlichen Begleitung in jeder Gemeinde oder zumindest jedem Dekanat einen festen Ort bekommt. Menschen haben spirituelle Fragen und Sehnsucht nach Gott. Wenn Kirche hier nicht begleitet und Angebote macht, dann verliert sie sehr viel an Relevanz.

Mystikerinnen und Mystiker, Menschen mit inniger Jesusbeziehung, gehören nicht an den Rand der Kirche (ach ja, die gibts auch noch), sondern ins Zentrum.

Die „Heimliche Weisheit“ muss ans Licht treten.

Evangelisch in 40 Jahren

In 40 Jahren werde ich 87 sein, falls es mich dann in meiner irdischen Form noch gibt. Mein Sohn Korbinian ist dann 42 und mein Mann 94 – gehen wir einmal davon aus, wir erleben es noch. Wie wird die evangelische Kirche in unseren Breitengraden dann aussehen? Vieleicht so.

Kaum jemand erinnert sich noch an die lang zurückliegenden Zeiten, als in jedem Gotteshaus jeden Sonntag ein Gottesdienst stattfand. Überhaupt gibt es viele evangelische Kirchen gar nicht mehr. Sie sind abgerissen worden, um Wohnhäusern Platz zu machen. Oder sie wurden komplett umgestaltet zu Verkaufshallen, Bars, Museen, Diskotheken.

In größeren Städten gibt es weiterhin zwei bis drei evangelische Kirchen, in denen noch Gemeindeleben stattfindet. Die evangelischen Christen sind ein buntes Völkchen. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen „man“ seine Kinder zur Taufe anmeldete, weil es halt alle machen. Wenn wir heute Taufen feiern, dann ist das immer ein echtes Fest, an dem die ganze Gemeinde teilnimmt und die meisten Menschen, die wir taufen, sind auch keine Babys oder Kleinkinder, sondern junge Erwachsene.

Wir sind in der Minderheit und uns fehlen viele Mittel. Die Kirchensteuer gibt es nicht mehr, gäbe es sie noch, wären die Mittel aber auch nicht besonders üppig. Daher werden die evangelischen Gemeinden selbst kreativ.

Man braucht nicht viel Geld, um eine lebendige christliche Gemeinde zu sein. Herzstück des Gemeindelebens sind nun die Hausgottesdienste. Wir halten es nun wieder wie die Christen in Apostelgeschichte 3: Am Sonntagabend (viele müssen leider tagsüber arbeiten) treffen wir uns reihum bei Gemeindemitgliedern, die ihre Wohnungen öffnen. Wir lesen gemeinsam den Text des Tages. Es gibt keine Predigt. Ein oder zwei Leute haben sich vorab ein wenig in die Materie eingelesen. Ansonsten bitten wir um den Heiligen Geist und jeder und jede bringt ein, was ihn oder sie an dem Abschnitt besonders bewegt. Wir essen gemeinsam, brechen das Brot und teilen den Wein.

Und ja, manchmal gehen wir stattdessen auch in unsere Kirche. Die wenigen Kirchenräume und Gemeindezentren, die noch in der Hand der evangelischen Kirche sind dienen hauptsächlich dem regen Leben von Gruppen und Kreisen. Mancherorts hat auch ein Arzt oder ein Therapeut seine Praxis in kirchlichen Räumen – der Heilungsauftrag Jesu liegt uns am Herzen, und so werden hier nicht nur Patienten versorgt, die es sich leisten können, sondern auch Notleidende ohne Krankenversicherung.

Wer heute noch evangelischer Christ ist, ist es aus Überzeugung.

Christliche Kommunitäten und andere gemeinschaftliche Lebensformen erleben einen Aufschwung. Im Unterschied zu früheren Zeiten leben die meisten Menschen, die sich für ein Leben in einer solchen Kommunität entschieden haben, aber nicht mehr zölibatär. Klassische Familien, Singles, Alte, verwaiste Kinder und andere tun sich hier zusammen, um den Glauben verbindlich miteinander zu leben und zu gestalten.

Den Berufsstand des evangelischen PFarrers, der evangelischen Pfarrerin gibt es in der früher bekannten Form nicht mehr. Gleichwohl gibt es Theologinnen und Theologen, die ihren Sachverstand in den jetzt viel stärker „laikal“ orientierten Gemeinden einbringen. Wir sind immer noch evangelisch – das heißt, es muss auch heute noch Menschen geben, die gelernt haben, wie man die Bibel wissenschaftlich auslegt, die weltanschauliche Strömungen einordnen und ihr Wissen an andere Christen weitergeben können.

Obwohl wir in der Minderheit sind, meldet sich die evangelische Kirche weiterhin zum politischen und gesellschaftlichen Geschehen zu Wort. Wir glauben und vertrauen darauf, dass Gott seinen Weg mit uns geht und freuen uns über die blühenden Kirchen in anderen Teilen der Erde.

Und ab und zu sammeln Christen einer Megachurch in Seoul für ihre verarmten Glaubensgeschwister hier in Deutschland. Wir sind für diese kirchliche Entwicklungshilfe sehr dankbar.

Wie ich in Zukunft Pfarrerin sein will

Zurzeit ist noch unklar, ob der Landeskirchenrat der Wiederbeilegung meiner Ordinationsrechte überhaupt zustimmt. Ich hoffe es. Wenn es so kommt – wie will ich dann überhaupt wieder Pfarrerin sein?

Ich habe gelernt. Das Lehrgeld war teuer. Aber ich bin mir jetzt darüber klar, was ich will und was ich auf gar keinen Fall noch einmal will.

Auf gar keinen Fall will ich wieder Solo-Pfarrerin in einer Gemeinde sein. Diese Rolle lag mir nicht, liegt mir nicht, und wird mir niemals liegen.

Um segensreich wirken zu können, brauche ich Freiräume. Das heißt: Entweder bleibe ich überhaupt „nur“ Pfarrerin im Ehrenamt. Oder mit maximal einer halben Pfarrstelle. Ich will mich, auch aus gesundheitlichen und familiären Gründen, nicht mehr aufreiben (lassen).

Positiv gesprochen will ich meine Gaben einbringen. Was ich kann ist, mit Menschen über die Relevanz von Glaubensfragen ins Gespräch zu kommen. Ihre Sehnsucht nach Gott zwischen den Zeilen heraushören. Ihnen helfen, ihren Kern zu finden.

Was ich kann, ist „Raum öffnend“ predigen, wie es mal in einer meiner Beurteilungen stand. So predigen, dass Menschen innere Weite spüren und Lust bekommen, sich mit Gott auf den Weg zu machen.

Was ich kann ist, Kasualien (Feiern an Wendepunkten des Lebens) so gestalten, dass die Menschen danach nicht nur gesegnet sind (jeder Segen wirkt, auch ein hingeschluderter), sondern sich auch so fühlen.

Was ich kann, sind Traueransprachen und Trauerfeiern, bei denen die Angehörigen sagen: „Als ob sie in gekannt hätte!“, auch wenn ich ihn oder sie nur aus einem Gespräch kannte. Das hat mit dem zwischen den Zeilen Hören zu tun. Und mit dem Heiligen Geist.

Was ich kann, ist Fragen aushalten.

Was ich kann, ist Beten. Als Priorität und nicht als Nebensache, gern, lang und mit Überzeugung, und nicht innerlich unruhig auf dem Stuhl hin und her wetzend, weil man ja noch so viele Termine hat.

Es gibt vieles, was ich kann. Das möchte ich gern einbringen. Als ordinierte Pfarrerin.

Und es gibt vieles, was ich nicht kann. Das will ich auch nicht tun.

Und was ich auf GARKEINEN Fall mehr tun werde: Mich emotional abhängig machen von einer Institution, die eben ist, wie sie ist. Ich möchte im System wirken, wissend, dass ich vieles nicht ändern kann, aber so, dass ich anderen zum Segen und selber nicht krank werde. Glaubend und hoffend, dass Gott selbst seine Kirche baut und dass er der Herr dieser Kirche ist.

Vorbehaltlos wieder Pfarrerin?

Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, der fragt vielleicht: Wie kann man denn Pfarrerin sein wollen, ohne von seiner eigenen Kirche restlos überzeug zu sein? Wie glaubwürdig ist eine Pfarrerin, die ihre eigene Kirche als etwas „Vorübergehendes“ ansieht, als eine mögliche Form unter vielen, und womöglich nicht einmal die beste? Wenn ich sehe, dass die evangelische Kirche in ihrer jetzigen Form nicht mehr lange Bestand haben wird, wenn nicht eine radikale Trendwende eintritt – dann kann es doch wohl nur ein legitimes Motiv geben, weiter Pfarrerin zu sein: Nämlich, dass man mithelfen will, sich gegen den stetigen Abstieg und Verfall zu wenden. Dass man sich beide Beine ausreißen will, um die Institution Kirche vor dem Untergang zu bewahren. Wenn man das nicht will, ist man doch als Amtsträgerin dieser Kirche nicht glaubhaft. Oder?

In der Tat sind das auch meine eigenen Überlegungen. Kann ich glaubwürdig wieder Pfarrerin sein, wo ich doch eigentlich weiß, dass ich eben nicht nahtlos in dieses System hineinpasse, und das auch gar nicht will? Wo ich doch selbst sage, dass ich nicht glaube, dass es Kirche so wie wir sie kennen in 50 Jahren noch geben wird? (Wobei die 50 Jahre schon eher optimistisch gedacht sind, bei den momentanen Austrittszahlen.)

Wie sehe ich denn die evangelische Kirche, für die ich die Wiederbeilegung meiner Ordinationsrechte beantragt habe?

Zunächst einmal glaube ich, dass es die evangelische Kirche, wie wir sie in Deutschland kennen, eine Art bürgerlicher Mainstream-Protestantismus mit dem Anspruch, Volkskirche zu sein, bald wirklich nicht mehr geben wird. Ich bin der Überzeugung, dass wir uns darauf einstellen sollten, in nicht ferner Zukunft (20 Jahre höchstens) eine Minderheitskirche zu sein. Ich glaube ferner, dass auch die institutionelle Gestalt unserer Kirchen mit ihrem verbeamteten Pfarrerinnen und Pfarrern, ihrem Verwaltungsapparat und ihrem Reichtum an Immobilien in Bälde nicht mehr so bestehen wird, wie es Generationen vor uns gewohnt waren.

Und, auch wenn es hart klingt: Ich glaube auch, dass sehr viele Kirchengemeinden sich daran gewöhnen werden müssen, lange Zeit, Jahre lang, mit einer vakanten Pfarrstelle zu leben. Die Zeit der pastoralen Rundumversorgung ist bald Geschichte. Dasselbe gilt für viele liebgewordene Traditionen.

Und trotzdem glaube ich nicht, dass „Kirche“ am Sterben ist. Global gesehen erleben wir, wie sich in Asien, Südamerika und Afrika Menschen in Massen zu Jesus Christus bekehren. Global gesehen stirbt Kirche nicht, sie erlebt vielmehr eine Blütezeit, auch wenn uns die Formen des Christentums und die Art, wie unsere Glaubensgeschwister vielerorts ihren Glauben leben, fremd sein mögen.

Aber auch im Blick auf unsere Breitengrade und speziell unsere evangelische Kirche glaube ich nicht, dass wir am Ende sind. Ich glaube vielmehr, dass etwas stirbt, damit daraus etwas Neues auferstehen kann. Nirgendwo im Neuen Testament steht geschrieben, dass eine bestimmte Art, „Kirche“ zu organisieren, die Verheißung hätte, ewig zu bestehen. Die einzige Kontinuität, die Kirche zu Kirche macht ist das Bekenntnis zu Jesus Christus, den Sohn des lebendigen Gottes. Daraus erwächst die Identität der christlichen Gemeinde, aus dem Geist Jesu heraus lebt und handelt Kirche, wo sie wirklich Kirche ist und in Jesus liegt ihre Hoffnung, durch die Turbulenzen aller Zeiten hindurch.

Ich kann und will (wieder) Pfarrerin in der evangelischen Kirche sein, nicht weil ich diese Institution für das A und O halte, oder weil ich unbedingt will, dass auch in 200 Jahren noch alles so ist, wie es heute ist. Sondern weil ich daran glaube, dass jetzt, hier und heute sich etwas von der ewigen, lebendigen Gemeinschaft mit Jesus Christus auch in dieser speziellen Art Kirche zu sein verwirklicht.

Auch wenn ich, um ehrlich zu sein, hoffe, dass die evangelische Kirche in 50 Jahren anders aussehen wird, als heute.

Noch einmal Jeremia 45

Nach meiner Entscheidung wieder Pfarrerin sein zu wollen, habe ich alles mir Mögliche in die Wege geleitet – Gespräche mit dem Dekan und der Regionalbischöfin sind geführt, eine vorläufige Dienstordnung für einen zunächst ehrenamtlichen Dienst ist erstellt und liegt in München im Landeskirchenamt zur Genehmigung.

Um ehrlich zu sein, zieht sich dieser Prozess der „Wiedereingliederung“ nun schon sehr lange hin. Seit meinem Antrag sind nun schon zehn Monate vergangen und davor weitere Wochen, bis es überhaupt zu den nötigen Gesprächen kam. Ich kann einfach nur abwarten, was geschieht. Aber ich bin ganz guter Dinge. Und sollte ich wirklich nicht mehr Pfarrerin sein können, werden sich andere Türen öffnen. Wichtig ist mir, dass ich mit mir selbst und mit Gott im Reinen bin.

Und immer wieder ist da in mir Jeremia 45, „mein“ Text, seit jener schicksalshaften Entscheidung am Ende meines Probedienstes. Ich entdecke immer neue Facetten. Anfangs las ich ihn nur als Warnung, eine bestimmte Pfarrstelle anzutreten.

Inzwischen spricht er anders zu mir. Zur Erinnerung zitiere ich die Verse noch einmal:

Dies ist das Wort, das der Prophet Jeremia zu Baruch…redete…: So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, über dich, Baruch: Du sprichst: Weh mir, wie hat mir der HERR Jammer zu meinem Schmerz hinzugefügt! Ich seufze mich müde und finde keine Ruhe. Sage ihm: So spricht der HERR: Siehe, was ich gebaut habe, das reiße ich ein, und was ich gepflanzt habe, das reiße ich aus, nämlich dies mein ganzes Land. Und du begehrst für dich große Dinge? Begehre es nicht! Denn siehe, ich will Unheil kommen lassen über alles Fleisch, spricht der HERR, aber dein Leben sollst du wie eine Beute davonbringen, an welchen Ort du auch ziehst.

Baruch ist der Schreiber des Propheten Jeremia. Sein Name bedeutet: Der Gesegnete. Wir wissen wenig über ihn. Aber offenbar hatte er große Pläne für sein Leben, „begehrte große Dinge“. Auch ich habe große Dinge begehrt. Pfarrstellen, die mir eine Nummer zu groß waren und an denen ich gescheitert bin. Ich habe mich tatsächlich müde geseufzt und immer kam noch eins obendrauf. Wie hat der HERR Jammer zu meinem Schmerz hinzugefügt. Ich finde keine Ruhe, ich bin eine innerlich Getriebene, ich komme einfach niemals irgendwo an. Finde meinen Ort nicht in dieser Institution der evangelisch-lutherischen Kirche.

Doch Gott sagt: Was ich gebaut habe, reiße ich ein und was ich gepflanzt habe, reiße ich aus, nämlich dies mein ganzes Land. Und ich lese es so: Du musst in der Kirche, zumindest in der Kirche als einer Institution öffentlichen Rechts, keine Heimat finden. Denn sie ist etwas Vorläufiges. Sie wird nicht ewig Bestand haben. Kette dein Herz nicht an eine Erscheinungsform von Kirche, denn sie ist eben nicht das Reich Gottes, sie ist nicht für die Ewigkeit bestimmt. Ich habe sie gebaut und ich breche sie wieder ab, wenn ihre Zeit gekommen ist. Ich habe sie gepflanzt, aber ich reiße sie auch wieder aus. Schau dich um. Eine halbe Million Kirchenaustritte in dem Jahr, in dem du wieder eingetreten bist. Halte nicht für ewig, was zeitlich ist. Halte nicht für den Himmel, was nur eine Tür ist.

Wirke in dieser Kirche, solange es sie in dieser Form noch gibt und sei dir bewusst, dass du in meinem Dienst steht und dass auch diese Institution, evangelisch-lutherische Kirche in Bayern, mir dient. Aber schau weiter. Sieh meine Kirche auf der ganzen Erde. Sieh, was ich anderswo baue und pflanze, während deine evangelisch-lutherische Kirche in Bayern bröckelt. Weite den Blick. Kette dein Herz nicht an eine sterbende Institution, sonder diene in dieser Institution mir.

Und mein Versprechen an dich ist: Wo auch immer dich das Leben hin treibt, wie auch immer es weitergeht, du wirst dein Leben als Beute davontragen. Auch wenn sich um dich herum Institutionen auflösen. Auch wenn vertraute Gestalten von Kirche allmählich verfallen. Als Gesunde, oder als Kranke. Du wirst dein Leben wie eine Beute davonbringen, an welchen (geistlichen) Ort du auch ziehst.

Wer bringt etwas als Beute davon? Jemand der gekämpft und gesiegt hat. Meine „Beute“ ist mein Leben. Nicht nur das nackte Überleben, sondern das Leben in Fülle bei und mit dem, der selbst Weg, Wahrheit und Leben ist.

Vor vielen Jahren sendete der BR (ich glaube zumindest es war der BR) eine Reportage über Spätaussiedler, also Russlanddeutsche, die sich oft nach einem ganzen langen Leben mit ihren Familien auf den Weg nach Deutschland gemacht haben, um hier ein neues Leben zu beginnen, damit ihre Kinder und Enkel es besser haben mögen, als sie selbst.

Man sah einen alten, vom Leben gezeichneten Mann, der gerade aus dem Flugzeug gestiegen war. Ein junger Reporter fragte ihn: „Und? Was erwarten Sie nun von Ihrer neuen Heimat?“ Der alte Mann erwiderte zunächst nichts. Der Reporter hakte nach. Und dann kam die Antwort: „Unsere Heimat ist im Himmel.“

Ich glaube, ich verstehe ihn gut.

Wieder evangelisch

Um in die evangelische Kirche wieder eintreten zu können, musste ich zunächst ein Wiedereintrittsgespräch führen. Und zwar bei dem Pfarrer, in dessen Sprengel ich gerade wohne. Ironie des Schicksals: Das ist ausgerechnet der Dekan, der mir vier Jahre zuvor im Namen des Landeskirchenrates das Disziplinarverfahren angedroht hatte.

Na toll, dachte ich. Es war mir trotzdem wichtig, mich dem Gespräch zu stellen (und nicht irgendwohin auszuweichen). Zur Vorbereitung schickte ich ihm meinen Briefverkehr mit der Regionalbischöfin. Beim Gespräch merkte ich, dass er sich zum einen freute, dass ich auf ihn zukomme und zum anderen bemüht ist, mir alle Wege zurück in die Kirche zu ebnen. Einer seiner ersten Sätze nach der Begrüßung war:“Und? Wie sieht es denn dienstlich aus?“ Auf deutsch: Wollen Sie wieder an Bord? Arbeit gäbe es genug.

Ich erwiderte, ich will jetzt erst mal wieder eintreten und mir dann nach und nach klar werden, und das akzeptierte er. Am Karfreitag 2019 trat ich wieder in die volle Mitgliedschaft der evangelisch-lutherischen Kirche ein, im Rahmen eines Abendmahlsgottesdienstes. Mir standen die Tränen in den Augen und ich wusste: Egal, ob ich wieder Pfarrerin sein kann und will, es war die richtige Entscheidung.

Solange es keine vollkommene Kirche gibt, bin ich hier richtig und werde mit der real existierenden evangelisch-lutherischen Kirche leben. Und solange ich nicht selber vollkommen bin, wird sie mit mir leben müssen. Alles andere wäre der Himmel, und den gibt es auf Erden nicht.

Einige Tage später fuhren wir in einen Kurzurlaub nach Tirol, um den letzten Schnee mit Schifahren, Rodeln und Winterspaziergängen zu genießen. Während der ganzen Fahrt strahlte die Sonne vom Himmel. Christoph fuhr, ich saß mit Korbi neben mir auf der Rückbank. Irgendwann schlief Korbinian ein, mit Christoph hatte ich alles beredet, was auf dieser Fahrt zu bereden war und es war still bis auf das gleichmäßige Geräusch des Motors.

Ich spürte den Drang in mir zu beten. Ich dankte Gott, dass ich endlich meine Entscheidung getroffen hatte, die evangelische Kirche als „meine“ Kirche zu akzeptieren, trotz aller Schwächen. Und ich sagte sinngemäß: „Herr, wenn du willst, dass ich in dieser Kirche wieder Pfarrerin bin, dann bin ich bereit. Verzeih mir, dass ich damals weggelaufen bin. Du hast mich berufen, dein Wort zu verkündigen. Wenn ich das weiterhin im Dienst dieser Kirche tun soll, dann ebne mir den Weg und lenke die Entscheidungen dorthin, dass ich es kann. Und wenn nicht, dann werde ich trotzdem dein Wort verkündigen, ob als Prädikantin in der Evangelischen Kirche, als freie Theologin oder einfach indem ich schreibe. Dein Wille geschehe.“

Auf einmal wurde es in mir ganz frei und leicht. Die Landschaft um uns herum erstrahlte im hellen Sonnenschein eines Spätwinters und die letzten Reste meiner „dunklen Wolke“ lösten sich auf.

Zwei Türen – ein Himmel

Ich war wirklich hin und her gerissen. Etwa eine Woche lang, entschied ich mich fast stündlich neu. Katholisch werden! Natürlich! Folge deinem Herzen! – Evangelisch werden. Tun, was du kannst, als Pfarrerin, nicht als Laiin und Theologin zweiter Klasse! – Ja, aber die Spiritualität! Denk daran, dass du mit deiner mystischen Ader in der evangelischen Kirche nie wirklich Heimat gefunden hast. Die Mystik lebt in der katholischen Kirche! – Ja, aber…

Dann wurde mir klar: Egal, wie ich mich entscheide. Ich würde immer etwas, das mir existetiell wichtig ist, verlieren. Und dafür etwas anderes gewinnen.

Als Katholikin würde ich trauern um die verlorene Chance, je wieder Pfarrerin sein zu können und je wieder die Sakramente zu verwalten. Aber ich würde mich spirituell vermutlich heimischer fühlen und wir hätten in unserer Familie konfessionelle Einheit.

Als evangelische Christin ist es für mich umgekehrt. Mir fehlt der reiche Schatz an spiritueller Erfahrung, der mystische Zugang zu vielen Fragen des Glaubens und Lebens und dieses wirklich Weltumspannende, Zeit übergreifende Element, das im evangelischen Bewusstsein oft so wenig ausgeprägt ist.

Ich überlegte hin und her und wälzte mich nachts unruhig in meinem Bett.

Dann betete ich und fast sofort erschien in meinem Inneren ein Bild. Ich sah eine große, lange, breite Freitreppe vor mir, die nach oben führt. Ich schritt die Treppe hinauf. Oben angelangt sehe ich zwei weiße Türen. Die stehen da einfach so herum. Ohne eine Wand, ohne ein Haus. Da nichts zwischen oder neben den Türen ist, sehe ich auch, wo beide Türen hinführen. Ich sehe einen wunderbaren weiten Himmel, mit rotgolden angestrahlten Wolken, ein Inbegriff von Weite, Frieden, Freiheit. Ich weiß in diesem Moment: Egal, für welche Tür du dich entscheidest, du gelangst dort hin. Und auch dann, wenn du dich für gar keine der Türen entscheidest, sondern einfach daran vorbei gehst, wirst du nicht abgewiesen; du gelangst ebenfalls dort hin, wo Weite, Freiheit, Frieden sind.

Das Bild wechselte dann. Nun sah ich quasi von oben aus der Vogelperspektive einen Irrgarten aus dicken, stacheligen Hecken. Komplziert, verwirrend, undurchschaubar. Der Irrgarten stand mitten in einer weiten Ebene, weit und schier unendlich. Und ich sah, dass dieser Irrgarten zwei Ausgänge hat. Wenn man sich darin verirrt hat, kann man jeden dieser Ausgänge nehmen, es ist egal welchen. Beide führen hinaus ins Weite.

Kurze Zeit darauf chattete ich mit einem freikirchlichen Kollegen. Ich schrieb: Ich stehe vor einer für mich wichtigen Entscheidung, aber nicht, worum es geht. Ob er mal für mich beten kann, vielleicht sagt oder zeigt ihm Gott ja etwas. Das tat er und schrieb zurück: „Ich hatte ein inneres Bild von einem Kreisverkehr mit mehreren Ausfahrten und du bist da immer im Kreis gefahren. Und Gott sagt: Du bist frei, egal wo, fahr jetzt raus. Setze den Blinker. Triff eine Entscheidung.“

Das Bild von den Türen sagt mir: Es ist vom Blickpunkt des Zieles her völlig egal, welche Tür du wählst. Um zu Gott zu gelanden, ist keine der Türen wirklich notwendig. Die Türen stehen für die verfassten Kirchen. Sie geben dem Glauben einen Rahmen. Deshalb sind sie nicht sinnlos. Es ist gut, sie zu benutzen. Aber der Himmel dahinter gehört allen. Du kannst, in meinem Falle, die evangelische oder die katholische Tür nutzen, oder auch gar keine – Entscheide frei. Das Heil hängt nicht davon ab, in welchem kirchlichen System du dich heimisch fühlst.

Das Bild vom Irrgarten ist in der Aussage ähnlich. Egal welchen Ausgang du wählst, um aus deiner verworrenen, festgefahrenen Situation herauszukommen: Du wirst dich im „weiten Raum“ wiederfinden, wie der Beter des Psalmes es ausdrückt:“Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Und was der freikirchliche Kollege schrieb, traf es genau: Setz den Blinker und fahr raus. Egal, wie du dich entscheidest, Gott stellt deine Füße auf weiten Raum, du bist gesegnet. Geh deinen Weg. Gott mutet dir die Entscheidung zu. Du bist frei, zu entscheiden.

Am Karfreitag 2019 trat ich wieder in die evangelische Kirche ein.