Seht auf und erhebt eure Häupter…

Heute ist der 2. Advent und der Wochenspruch lautet: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28)

Zahlreiche modern sein wollende Auslegerinnen und Ausleger versuchen diesen schönen Vers mit einem launigen „Kopf hoch!“ in vermeintlich leichter zugängliche Sprache zu übersetzen. Kopf hoch ist eine Floskel, die aber einfach nicht wiedergibt, was gemeint ist. Kopf hoch sagen Menschen, die auf die Frage, wie es einem anderen denn geht, ausnahmsweise eine ehrliche Antwort bekommen haben („heute nicht so gut“), die sie sich eigentlich gar nicht anhören wollen. „Kopf hoch“ ist eine Floskel, die über das Leid eines anderen hinwegwischt und ihn in Verlegenheit bringt, sodass man eigentlich nur noch murmeln kann „hast ja recht“, obwohl einem gar nicht danach zumute ist. „Kopf hoch“ bewegt sich auf einer Ebene mit „wird schon wieder“ oder „alles halb so schlimm“.

Den Wochenspruch mit „Kopf hoch“ zu umschreiben, reißt ihn komplett aus seinem Zusammenhang. Denn im Kontext des Verses geht es darum, dass Jesus eines Tages wiederkommt (im wahrsten Sinne des Wortes ein 2. Advent = die 2. Ankunft) – deshalb dürfen/können/sollen wir den Blick erheben und uns nicht bange machen lassen von Kriegen, Auseinandersetzungen, Irrungen und Wirrungen, kleinen und großen Katastrophen. Diese sind zwar real und zum Teil auch wirklich schlimm, existenzbedrohend, lebensbedrohlich, werden aber nicht das letzte Wort haben. Nicht weil „es schon wieder wird“ oder weil es „halb so schlimm ist“. Sondern weil wir den erwarten, der bereits durch sie hindurch gegangen ist und sie überwunden hat.

In diesem Sinne einen gesegneten 2. Advent!

O König der Nationen – Antiphon zum 22. Dezember

O König der Nationen,
Sehnsucht der Völker,
Du Eckstein,
der aus beiden Eines macht;
komm, und erlöse den Menschen,
den Du aus Erde gebildet hast.

O Rex Gentium
et desideratus earum,
lapisque angularis,
qui facis utraque unum:
veni, et salva hominem,
quem de limo formasti.

Die O-Antiphon zum 22. Dezember nennt Jesus den „König der Nationen“/Völker. Israel erwartete einen Messias, eigentlich nur einen König für das Volk Israel. Christen proklamieren aber Jesus Christus nicht nur als „König“ des Volkes Israel, sondern als König aller Völker, als Friedefürst. Die O-Antiphon spricht von ihm als „Sehnsucht der Völker“.

Oft wird in schweren oder unübersichtlichen Zeiten wie den heutigen der Wunsch nach einem „starken Mann“ wach, der halt endlich mal wieder „durchgreift“oder „aufräumt“. Ist nicht auch die Sehnsucht nach einem „König der Völker“ so eine übersteigerte Erwartung an einen „starken Mann“, der es irgendwie richtet? Inwiefern kann man sagen, dass Jesus der „König der Völker“ ist? Er war ja noch nicht mal König über Israel, jedenfalls nicht im wörtlichen Sinne mit Krone, Land und Streitmacht. Im Verhör vor Pilatus wird Jesus gefragt: „Bist du ein König?“ Seine Antwort: „Du sagst es ich bin ein König, ich bin dazu gekommen, der Wahrheit eine Stimme zu geben, wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme!“ Und: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt, wäre mein Reich von dieser Welt, meine Leute würden dafür kämpfen…“

Die Macht von Jesus ist nicht die Macht von Machthabern und Despoten. Es ist viel mehr die Macht der Liebe, eine Macht, die auf den ersten Blick schwach erscheint, eine Macht, die dazu führt, dass Jesus letztlich gekreuzigt wird und seine Anhänger sich in alle Winde zerstreuen. Aber es ist eine Macht, die die Herzen gewinnt und die alles ändern könnte, wenn wir ihr vertrauten. Ich sehe diese Macht in den Augen von Liebenden, von Kindern, von Menschen, die geduldig das ihre tun, um diese Welt ein wenig schöner, friedlicher und humaner zu machen. Es ist die Macht derer, die bei allem Krieg und Terror zu Besonnenheit aufrufen. Die Frieden stiften, wo es so viel leichter wäre zu hassen. Es ist eine Macht, die scheinbar immer wieder unterliegt, die sich aber geduldig wie ein Wasserstrom ihren Weg bahnt. Weihnachten ist die Hoffnung, dass diese friedvolle Macht letztlich alles überwindet und Jesus als König der Völker ein Bild für diesen „friedlichen Sieg“.

O aufgehende Sonne – Antiphon zum 21. Dezember

O Morgenstern,
Glanz des ewigen Lichtes
und Sonne der Gerechtigkeit!
Komm und erleuchte uns,
die wir sitzen in Finsternis
und Todesschatten.

O Oriens,
splendor lucis aeternae,
et sol justitiae,
veni, et illumina
sedentes in tenebris
et umbra mortis.

Die O-Antiphon zum 21. Dezember spricht nicht zufällig von Christus als dem „aufgehenden Licht“. O Oriens kann man unterschiedlich übersetzen, eigentlich ist wohl gemeint: „O aufgehende Sonne“. Auch die Übersetzung „O Morgenstern“ ist wohl möglich.

Vom 20. auf den 21. Dezember erleben wir die längste Nacht des Jahres. Auch in der Welt ist es „Nacht“. Die Nacht des Hasses, der Gewalt, der Vorurteile, der Lieblosigkeit – In Berlin und anderswo.

Viele Adventslieder sprechen von Jesus als dem Licht in der Dunkelheit. Am schönsten wohl das Lied von Jochen Klepper „Die Nacht ist vorgedrungen.“

O Schlüssel Davids – Antiphon zum 20. Dezember

O Schlüssel Davids
und Zepter des Hauses Israel!
Was Du öffnest, kann niemand schließen;
was Du verschließest, kann niemand öffnen:
Komm, und führe den Gefesselten
aus dem Hause des Kerkers,
wo er sitzt in Finsternis
und Todesschatten.

O Clavis David,
et sceptrum domus Israël,
qui aperis, et nemo claudit,
claudis, et nemo aperuit:
veni, et educ vinctum
de domo carceris,
sedentem in tenebris,
et umbra mortis.

Die Antiphon zum 20. Dezember ist wohl erstmal rätselhaft. Jesus als der „Schlüssel Davids“.

Angespielt wird auf eine messianische Weissagung aus dem alttestamentlichen Buch Jesaja:

«Und ich werde den Schlüssel des Hauses David auf seine Schulter legen. Er wird öffnen, und niemand wird schliessen, er wird schliessen, und niemand wird öffnen. Und ich werde ihn als Pflock einschlagen an einen festen Ort; und er wird seinem Vaterhaus zum Thron der Würde sein.“ (Jes 22,22-24).

In der Offenbarung des Johannes werden diese Worte aufgegriffen:

«Dies sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids hat, der öffnet, und niemand wird schliessen, und schliesst, und niemand wird öffnen» (Offb 3,7).

Oder auch: „Siehe, ich habe vor dir eine Tür geöffnet und niemand wird sie schließen.“

Jesus ist der Schlüssel. Und er hat die Schlüssel: „Ich war tot, und siehe ich bin lebendig und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Und zu Petrus: „Dir will ich die Schlüssel zum Himmel geben.“

Was ist ein Schlüssel? Ein Schlüssel ist zunächst einmal ein kleines Stück Metall, das dazu dient, eine Tür zu öffnen. Schlüssel und Schloss müssen zusammenpassen. Wo der Schlüssel fehlt, da bleibt die Tür verschlossen (wie jeder schon einmal leidvoll erlebt hat, wenn er sich ausgesperrt hat).

Es geht darum, welche Räume ich mir erschließen kann. Es gibt Türen im Leben, die öffnen sich nicht. Man kann sie gewaltsam aufbrechen, aber man wird nicht glücklich wenn man es tut. Zum Beispiel wenn man mit Biegen und Brechen etwas will, was ein anderer nicht will. Oder es zum falschen Zeitpunkt erzwingen will.

Und es gibt Situationen, aus denen kommt man aus eigener Kraft nicht heraus. Man rennt gegen verschlossene Türen.

Genauso gibt es auch die Erfahrung, dass Türen, von denen man meint sie seien verschlossen, sich plötzlich vor einem öffnen. Dass sich Wege erschließen, die man nicht ahnen konnte.

Aus den Versen der Antiphon und aus den entsprechenden biblischen Texten spricht das Vertrauen, dass sich immer die Türen öffnen werden, die sich öffnen sollen und dass Türen die im Leben dauerhaft verschlossen bleiben dies auch aus gutem Grund sind. Dass ich nichts übers Knie brechen oder meinem „Glück“ nachhelfen muss, weil ein anderer, Jesus, die Schlüssel zu meinem Leben hat und mir vorangeht, um Türen zu öffnen oder auch zu verschließen, z.B., um mich vor etwas zu schützen.

Er hält die Schlüssel und er ist der Schlüssel. Zu meinem Leben, zum Leben an sich und auch zu allem, was geschieht oder nicht geschieht.

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O Adonai – Antiphon zum 18. Dezember

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In der Antiphon (Leitvers) zum 18. Dezember, dem 2. Tag der Weihnachtsoktav, steht die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel im Mittelpunkt. Genauer gesagt das biblische Ereignis schlechthin, das dem Volk Israel seine Identität gab und es, glauben wir den Zeugnissen des Ersten Testaments, überhaupt erst zu einem Volk machte. Nämlich die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei.

Die Antiphon im Wortlaut:

O Adonai
O Herr und Führer des Hauses Israel, Du bist dem Moses in den Flammen des brennenden Dornbusches erschienen und hast ihm auf dem Sinai das Gesetz gegeben. Komm, strecke Deinen Arm aus, uns zu erlösen.

Eine poetischere Übertragung stammt von meinem Facebookfreund Reinmar Wipper:

O Herr in Vielfalt,
Als Herzog voran dem Volke Israel,
Dem Mose erschienen im Feuer des flammenden Brombeer,
Von dir das Gesetz auf dem Berg überantwortet: Komm!
Breit deinen Flügel, uns Heimstatt zu geben bei dir!

Lateinisch:

O Adonai
Et Dux domus Israel,
Qui Moysi in igne flammae rubi apparuisti,
Et ei in Sina legem dedisti:
Veni ad redimendum nos in bracchio extento.

Adonai ist das hebräische Wort für „Herr“. Wenn man die Bibel auf deutsch liest, etwa die Übersetzung von Martin Luther, dann stößt man oft auf das Wort HERR in Großbuchstaben. Es steht überall dort, wo im hebräischen Original das Wort Jahwe bzw. JHWH auftaucht. JHWH ist der hebräische Gottesname. Dieser galt als so heilig, dass man ihn beim Lesen nicht aussprach und stattdessen Adonai sagte, was soviel bedeutet wie „Herr“.

Gemeint ist mit Adonai der Gott, der dem Mose im brennenden Dornbusch erschien, ihm seinen Namen offenbarte und den Auftrag gab, das Volk aus der Sklaverei zu führen. Der Name Gottes, JHWH, ist rätselhaft, eigentlich ist es gar kein Name. Er ist abgeleitet aus dem hebräischen Wort für „sein“. Entsprechend vielfältig sind die Übertragungsversuche für den Gottesnamen:

„Ich bin der ich bin.“ – „Ich werde sein, der ich sein werde.“ – „Ich bin der Seiende.“ – „Ich bin der ich bin da.“ Letztlich stimmt es aber alles nicht ganz. Was bedeutet: Gott lässt sich nicht dingfest machen.

Gott als „Führer des Hauses Israel“ ging dann seinem Volk voran, sichtbar unsichtbar, bei Tag in einer Wolke, nachts in einer Feuersäule. Im neuen Testament wird beides allegorisch gedeutet: Jesus selbst war schon, gewissermaßen präexistent, gegenwärtig, als JHWH sein Volk aus der Sklaverei befreite.

„Du hast ihm (Mose) auf dem Sinai das Gesetz gegeben“: Befreiung oder Freiheit ohne Regeln, die z.B. die Schwachen schützen, endet in Anarchie und Chaos. Daher empfängt Mose auf dem Berg Sinai von Gott das „Gesetz“, gemeint sind vor allem die 10 Gebote.

„Komm, strecke deinen Arm aus, uns zu erlösen!“ spielt an auf die Formulierung: „Er führte sie mit starker Hand und ausgestrecktem Arm“, und zwar aus der Sklaverei in die Freiheit. Eine Formulierung, die sich vor allem im Buch Exodus häufig findet.

Wenn Christen mit diesen Worten beten, an denen sich sozusagen die Heilsgeschichte des Ersten Testaments kristallisiert, nämlich die Befreiung aus der Sklaverei, dann in dem Wissen, dass es eben auch heute noch die unterschiedlichsten Formen von Sklaverei und Abhängigkeit gibt. Ganz real, aber auch im übertragenen Sinne.

Was das mit Weihnachten zu tun hat: Derselbe Gott, der einen Haufen hebräischer Sklaven machtvoll aus der Knechtschaft befreite, ist in Jesus „einer von uns“ geworden. Das eine wie das andere stellt die herrschenden Verhältnisse auf den Kopf und ist eine Provokation an alles und alle, die meinen, man könnte Menschen kleinhalten und unterdrücken, ohne dass es Gott interessiert.

An die Antiphone schließt sich jeweils das Magnificat an, der Lobgesang der Maria, in dem es unter anderem heißt: „Er (Gott) stößt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“. Weihnachten hat einen umstürzlerischen Charakter, der vom kuscheligen Familienfest, als das es meistens gefeiert wird, absolut nichts hat.

Der Weisheit auf der Spur – Teil 2 [Bibelschätze] — racheles welt

Letzte Woche ging es bereits um meine Entdeckungen, die ich in den Sprüchen gemacht habe (Hier nachzulesen). Während es in der letzten Woche eher um die Herkunft und den Erwerb von Weisheit ging, wird es heute ein bisschen konkreter. In den Kapiteln 10-31 im Buch der Sprüche werden sehr, sehr viele einzelne Sprüche, also Ratschläge oder […]

über Der Weisheit auf der Spur – Teil 2 [Bibelschätze] — racheles welt

O Sapientia – O Weisheit

Heute, am 17. Dezember beginnt der so genannte „Hohe Advent“, auch die Weihnachtsoktav genannt. Gemeint sind die sieben Tage vor Heilig Abend plus der Heilige Abend selbst als Auftakt zum Weihnachtsfest, das ja im Grunde erst am 25.12. beginnt (genau genommen ist der 24.12. nur der Vorabend).

In den evangelischen Kirchen wird der „Hohe Advent“ meist nicht eigens bedacht. In Klöstern und Kommunitäten ist es aber die Zeit, in der abends beim Gebet der Vesper vor dem Magnificat (= Lobgesang der Maria, wird jeden Abend gebetet) die so genannten „O-Antiphone“ erklingen. Eine Antiphon ist eine Art Leitvers, dieser wechselt je nach Anlass.

Die O-Antiphone, auch die „großen Antiphone“ genannt, heißen so, weil sie alle mit dem sehnsuchtsvollen Ausruf „Oh…komm!“ beginnen. Angesprochen ist Jesus. In jeder der Antiphone zum hohen Advent wird er daraufhin mit einem seiner Ehrennamen angerufen, die sich allesamt auf die Prophetien vom Messias und andere Texte im Ersten Testament beziehen und die poetisch auf Jesus hin gedeutet werden.

Beim Forschen im Web gewinne ich den Eindruck, dass die O-Antiphone im englischen Sprachraum wesentlich populärer sind, als bei uns. Folgendes Merkbild habe ich z.B. gefunden:

o-antiphons

Die Antiphon zum 17. Dezember hat folgenden Wortlaut:

Antiphon zum 1. Tag der Weihnachtsoktav (17.12.)

O Weisheit,
die Du aus dem Munde des Allerhöchsten hervorgegangen bist,
die Du mit Macht wirkest von einem Ende bis zum andern,
und alles lieblich ordnest,
komm und lehre uns den Weg der Klugheit!

Original Latein:

O Sapientia,
quae ex ore Altissimi prodiisti,
attingens a fine usque ad finem,
fortiter suaviterque disponens omnia:
veni ad docendum nos viam prudentiae.

Jesus ist in diesem Vers die „Weisheit, die aus dem Vater hervorgeht“, die personifizierte Weisheit Gottes. In den weisheitlichen Büchern des Alten Testaments ist oft von der personifizierten Weisheit die Rede, die Gottes liebstes Geschöpf ist, durch die er die Welt erschaffen hat und die vor ihm „spielt“.

Im Neuen Testament werden diese Texte neu interpretiert und auf Jesus bezogen, der die personifizierte Weisheit Gottes ist. Die Antiphon zum 17. Dezember fleht geradezu darum: Lass uns Menschen an dieser Weisheit teilhaben, führe uns den Weg der Einsicht und der Klugheit. Und, da wird wohl jeder zustimmen: Wir hätten es bitter nötig.

Zum Nachhören…

Und einmal gregorianisch

 

Freut euch! Gedanken zum Sonntag Gaudete

In Nigeria ist eine Kirche eingestürzt. Über 100 Menschen, die doch nichts wollten, als Gott zu huldigen, sich an seinem Wort zu ERFREUEN, kamen ums Leben.

Anschlag auf eine Kirche in Ägypten. Mehr als zwei Dutzend feiernde Christen sind tot.

Anschläge in der Türkei. Viele Tote.

Und das an dem Sonntag, der dazu aufruft, sich zu FREUEN! Der Name des 3. Adventssonntags, Gaudete, bedeutet: Freut euch!

„Freut euch am Herrn alle Wege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe.“ (Philipper 4,4)

Die oben genannten Ereignisse aus den Nachrichten stehen stellvertretend für viele gegenteilige Erfahrungen: Guten Menschen widerfährt Schlechtes. Gewalt triumphiert über Gewaltlosigkeit. Das Recht des Stärkeren gilt immer noch ungebrochen. Schlag und Gegenschlag, menschliche Katastrophen und dazu noch: Krankheiten, Naturkatastrophen, gescheiterte Beziehungen überall…

„Freut euch im Herrn alle Wege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe.“

Wie kann man sich freuen in einer derart beschissenen Welt? Was hat da ein wie auch immer gearteter Glaube je „gebracht“?

Und hier glaube ich, scheiden sich die Geister. Die einen lachen und schwören jedem Glauben und jedem Gottvertrauen ab. Recht haben sie, rein objektiv gesehen.

Die anderen halten gerade jetzt am Glauben fest. Weil es der Glaube an Jesus ist, in dem Gott selbst sich dieser beschissenen Welt ausgesetzt hat.

„Freuet euch, der Herr ist nahe!“ heißt nicht (und hat auch nie geheißen): Er schnippst mit den Fingern und wir erwachen in einer betörend schönen und friedlichen Welt. Sondern heißt: Er hat sich auf diese Welt und auf ihre Menschen eingelassen. Der christliche Glaube ist kein Schönwetterglaube, sondern der Glaube daran, dass Gott in dieser Welt so wie sie ist wirkt und sie mit uns gestaltet. Dass er sich wirklich darauf einlässt sieht man an einem kleinen Kind in einer Krippe, das ganz normal bei seinen eher wenig privilegierten Eltern aufwächst und später als Erwachsener das gängige Bild von Gott auf den Kopf stellen wird.

Er verspricht keine fertigen Antworten oder schnellen Lösungen. Aber er trägt hindurch.

 

 

Ein zu früher Weihnachtsbaum

weihnachtsbaum2016

Seit heute ziert ein Weihnachtsbaum mein Wohnzimmer, an dem es zwei Dinge auszusetzen gäbe:

  1. Es ist ein künstlicher und leider keiner von der wirklich hübschen Sorte.
  2. „Gerade Sie als Theologin müssten doch wissen, dass Weihnachten erst am 24.12 ist!!“

Ich bekenne mich vollumfänglich schuldig im Sinne der Anklage. Aber dieses Jahr ist es halt bei mir so.

Wünsche allen noch einen gesegneten Advent.

Der unbequeme Advent

Advent heißt Glühwein, Plätzchen, Gemütlichkeit und etwas Besinnung auf „Werte“. Jedenfalls könnte man das meinen.

Advent bedeutet aber Ankunft. Ankunft Jesu in unserer Welt und in unserem Leben. Diese Ankunft hat zwei Seiten. Zum einen die Erinnerung an ein Geschehen vor über 2000 Jahren. Gott wird Mensch. Jesus kommt zu uns.

Zum anderen aber auch die Erwartung der „2. Ankunft“, der Wiederkunft. Wer im Advent den Gottesdienst besucht, wobei es egal ist, ob evangelisch oder katholisch, wird, zumindest, wenn der Pfarrer sich an die jeweiligen Leseordnungen der biblischen Texte seiner Konfession hält, mit Worten konfrontiert, die gar nicht so adventlich gemütlich sind. Zum Beispiel mit den so genannten Endzeitreden Jesu. Ihnen entstammt auch der Wochenspruch für den 2. Sonntag im Advent:

„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28)

So aus dem Zusammenhang gerissen ein schöner, geradezu erbaulicher Vers. Wenn der Vorlauf nicht wäre. Sinngemäß etwa: Ihr werdet von Kriegen hören, euch wird Angst und Bange sein, die Kräfte der Natur geraten aus dem Gleichgewicht, das Meer erbebt, selbst der Lauf der Gestirne gerät aus den Fugen, ihr werdet verfolgt und verleumdet werden, sie werden euch jagen und töten….

„Wenn ihr das alles geschehen seht, dann seht auf und erhebt eure Häupter…“

Wieder mal stellen sich die biblischen Texte so komplett quer zu dem, was wir gern hätten. Etwas Nostalgie, Weihnachtsmarkt, Beschaulichkeit.

Und zugleich meint man, dass Jesus bereits die Probleme unserer Zeit erahnt und unsere Weltlage gekannt hätte. Kriege, Naturkatastrophen, Christenverfolgungen, den Menschen wird Angst und Bange. Aber es ist nicht das Ende. Sondern wenn ihr das geschehen seht, dann: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Wiederkunft. Reich Gottes. Vollendung der Welt.

Die meisten Kollegen werden jetzt anführen, dass es schlechte Zeiten ja schon immer gab und dass Jesus, oder Lukas, der Evangelist, einfach das beschreiben, was sie selbst ja auch schon kannten. Auch zur Zeit Jesu gab es Kriege und Naturkatastrophen, bald darauf Christenverfolgungen, also viel Grund, auf Erlösung zu hoffen.

Mag sein. Mag sein dass das alles nicht neu ist. Und trotzdem. Es ist tröstlich zu glauben und zu hoffen entgegen allem Weltuntergangsdebakel, entgegen aller Furcht und Unsicherheit: Jesus kommt genau in diese Welt hinein!

Damals ein kleines Kind in einem Stall. Irgendwann hoffentlich als Christus der Wiederkunft. Und bis dahin als einer, der unerkannt bleibt, aber überall dort wirkt, wo sich das Reich Gottes schon im Kleinen verwirklicht.

Warten auf die Ankunft Jesu ist weder reine Erinnerung an etwas längst Vergangenes noch Vertröstung auf eine ferne Zukunft, sondern die Hoffnung, dass ER hier und jetzt bei uns ankommen kann und will. Ein altes Kirchenlied spricht von einem „ewigen Advent“. Die vier Wochen vor Weihnachten sind eine gute Gelegenheit der echten inneren Besinnung und der inneren Ausrichtung auf Gott. Aber eigentlich sollten Christen immer „adventliche“ Menschen sein, also Menschen, die damit rechnen, dass ER, Gott, Jesus, jederzeit und überall wirken kann und dass er auch uns dazu gebraucht.

In diesem Sinne allen einen gesegneten 2. Advent in freudiger Erwartung trotz banger Zeiten.