Warum das #Kreuz kein Zeichen bayerischer Identität ist

Auf Twitter trendet zurzeit #Kreuz und #Kruzifix. Warum dies so ist? Wegen der jüngsten Tweets unseres neuen bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, seines Zeichens bekennender evangelischer Christ (jedenfalls gehe ich davon aus, dass man das ist, wenn man sich als Synodaler für die Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern betätigt hat).

Markus Söder fordert, bzw. das Kabinett hat beschlossen, dass in Ämtergebäuden und Behörden in Bayern künftig das Kruzifix, bzw. ein Kreuz zu hängen habe. (Anmerkung: Ein Kruzifix ist ein Kreuz mit Corpus, also die figürliche Darstellung des gekreuzigten Christus, ein Kreuz ohne Corpus, das sog. leere Kreuz hingegen ist ein Symbol der Auferstehung Christi).

Herr Seehofer pflichtet diesem Unterfangen mit einer höchst merkwürdigen Begründung bei:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bayern-in-jeder-behoerde-muss-kuenftig-ein-kreuz-haengen-a-1204523.html

Die Theologin in mir weiß nicht, ob sie jetzt lachen, weinen, schreien oder kotzen soll.

Und zwar, weil die Herren (und Damen) der CSU, die dies beschlossen haben, offenbar vom Wesen des christlichen Glaubens, den sie sich auf ihre Fahnen schreiben, herzlich wenig begriffen haben.

1. Das Kreuz/Kruzifix ist KEIN Zeichen bayerischer Identität

Zunächst einmal: Das Kreuz ist KEIN „Zeichen bayerischer Identität“. Das Kreuz ist das, bzw. ein zentrales Symbol des Christentums. Das Christentum ist eine weltumspannende Religion. Zu ihm gehören mehrere Milliarden Menschen unterschiedlichster Konfessionen und Traditionen, unterschiedlichster kultureller Herkunft, manche von ihnen suchen aus religiösen Gründen bei uns Asyl und müssen sich bei ihren Verfahrensprüfungen dafür rechtfertigen, dass ihnen die Rolle des Tischgebetes in der christlichen Frömmigkeit hierzulande fremd ist und werden wieder ausgewiesen, mit der Begründung, sie hätten sich nur aus Kalkül taufen lassen. Übrigens forciert durch Vorstöße eben dieser CSU, die sich den christlichen Glauben auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Das Kreuz ist kein Zeichen bayerischer Identität, sondern allenfalls ein Symbol internationaler und interkonfessioneller Solidarität der Christen und Christinnen in dieser weltumspannenden Gemeinschaft, die sich Kirche nennt. Das begreift nicht, wer Kirche hauptsächlich als heimattreuen Trachtenverein mit religiösem Anstrich versteht.

2. Es kann kein staatlich verordnetes Bekenntnis zum christlichen Glauben in staatlichen Ämtern und Behörden geben, weil Glaube eine höchst persönliche Angelegenheit ist.

Ich trage meistens ein Kreuz um den Hals. Es erinnert mich an Jesus Christus, ist eine Art persönliches Bekenntnis, manchmal muss ich mich auch selber daran erinnern lassen, was das bedeutet. Manchmal ist es ein Aufhänger für Gespräche, ein Erkennungszeichen für andere Christen, dass ich auch zu ihrem „Verein“ gehöre, und ich werde mein Recht ein Kreuz auch z.B. bei der Arbeit zu tragen auch verteidigen, bzw. nirgends arbeiten, wo man mir das Tragen eines schlichten Silberkettchens mit Kreuzanhänger verbietet.

Sich zum Glauben bekennen können aber nur Menschen, die diesen Glauben teilen, bzw. Glaubensgemeinschaften wie Kirchen, Freikirchen, etc.

Was ein Kreuz in staatlichen Behörden verloren hat, weiß ich nicht. Was soll es denn da? Ist es wie Horst Seehofer meint ein Symbol unserer gesellschaftlichen Werte, wie sie in Verfassung und Grundgesetz festgehalten sind?

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bayern-in-jeder-behoerde-muss-kuenftig-ein-kreuz-haengen-a-1204523.html

Dann sollte man lieber zentrale Sätze daraus an die Wände schreiben oder Exemplare derselben den Besuchern in die Hand drücken oder auslegen. Das Kreuz ist kein staatliches Hoheitszeichen. Wer als Christ in Ämtern oder Behörden arbeitet, der sollte versuchen, den Geist Christi in seine Arbeit einfließen zu lassen, z.B. seine Liebe zu Ausgegrenzten, Armen, Schutz Suchenden und sonst wie in unserer Gesellschaft benachteiligten Menschen.

3. Das Kreuz ist das Symbol des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus

Nun wird es theologisch etwas sperrig. Was nämlich theologisch gesehen das Kreuz bedeutet, wird längst nicht jeder teilen, der sich vollmundig zu Kreuzen in Ämtern, Behörden und öffentlichen Gebäuden „bekennt“.

Das Kreuz ist das Symbol des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus.

Für Christen war Jesus nicht irgendein besonders guter Mensch, sondern in ihm verkörpert sich die Liebe Gottes zu den Menschen. In ihm nimmt die Zuwendung Gottes zu den Menschen Fleisch und Blut an. In ihm zeigt sich, dass Gott die Menschen und die von ihm erschaffene Welt so bedingungslos liebt, dass er sich selbst in sie hinein gibt und als einfacher Mensch unter einfachen Menschen lebt, liebt und letztlich aus Treue zu seiner Berufung auch stirbt. Aber er bleibt nicht im Tod, sondern er wird von Gott auferweckt, womit letztlich gesagt sein soll: Der Tod ist nicht das Ende und am Ende triumphieren auch nicht die Henker, Schlächter und Folterer, sondern die Liebe.

Das Kreuz ist das Symbol des mit den leidenden und erniedrigten Menschen solidarischen Gottes. Damit kann es niemals das machtpolitische Symbols eines Staates, einer Partei oder der Dominanz einer Weltanschauung über andere sein. Schon gar nicht das Wahlkampfsymbol einer Partei, die sich das C auf die Fahnen schreibt, aber das zum Vorwand nimmt, andere Religionen (und ihre Anhänger) als „nicht zu Deutschland gehörig“ auszugrenzen.

Wirklich christlich sind die Initiativen zahlreicher Einzelner, die an der Basis das Gespräch mit Andersgläubigen suchen und versuchen, zu integrieren, wo immer das möglich ist. Denn so war es in den ersten christlichen Gemeinden. „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave, noch Freier, sondern sie alle sind EINS in Christus Jesus.“

Womit wir wieder beim ersten Punkt wären: Das Christentum war von Anfang an international und multikulturell. Die Klammer, die alles verband, war die Person Jesu Christi, der ganz bewusst gesellschaftliche Grenzen überschritten hat und dafür auch angefeindet wurde.

Liebe CSUler, lest bitte die Bibel, vor allem das Neue Testament. Und dann fragt Gott, was das für eure Politik bedeuten könnte.

 

 

 

Ein Versuch über „Heimat“ #nichtSeehofersHeimat #Heimatministerium

Seit Neuestem sollen wir nun also ein Heimatministerium bekommen – mit Heimatminister Seehofer. Das Netz feixt. Was tut ein Heimatminister? Lederhosn und Dirndl als neuen Dresscode im Bundestag einführen? Gesetze zum Schutz des Gartenzwerges erlassen? Heimattümelei in der Politik etablieren? Und was ist das überhaupt, „Heimat“?

Schon im CSU-Bayernplan ist mir dieses Wort aufgestoßen (ja, ich habe ihn auszugsweise gelesen und dann beruhigt beiseite gelegt – meine Einstellung zur CSU wurde dadurch in keinster Weise infrage gestellt, ich habe sie nie gewählt und werde sie nie wählen). Das Wort Heimat wird darin so selbstverständlich verwendet, als wäre es sonnenklar, dass alle darunter dasselbe verstehen, nämlich eine ganz bestimmte Art von regional definierter, lokal fixierter und volkstümlicher Vorstellung des Ortes oder der Region, aus der man kommt. Und ja, es gibt Menschen, die so einen Begriff von „Heimat“ haben und auch verteidigen. Häufig sind das Menschen, die ihr ganzes Leben lang nicht aus ihrem Ort oder ihrer Kleinstadt herausgekommen sind, gerne auch über mehrere Generationen dort ansässig waren und einander abends beim Stammtisch die Welt erklären. Schön für sie, wenn das Leben so unkompliziert ist. Für die meisten, die ich kenne, ist dieser Begriff von „Heimat“ aber irgendwie lächerlich. Man kann sich nicht damit identifizieren, wenn man im Leben 15 Mal umgezogen ist, wenn man in einer Großstadt mit liberaler Prägung aufgewachsen ist, wenn man von klein auf mit Menschen unterschiedlichster Herkunft zu tun hatte und wenn die eigenen Eltern eben von irgendwo zugewandert sind und die eigene Familie NICHT bereits seit fünf Generationen am selben Ort wohnt.

Mit anderen Worten, wenn man das Wort Heimat unbedingt verwenden will, dann ist Heimat ein höchst subjektiv gefüllter Begriff. Ich persönlich verwende ihn nie, weil er für mich einfach nicht gefüllt ist. Wollte ich ihn in meine eigene Sprache übersetzen, dann wäre „Heimat“ für mich kein Ort, sondern ein Oberbegriff für Orte, Menschen und soziale Milieus, in denen ich mich verstanden fühle und wo ich mich nicht rechtfertigen muss und im Einklang mit mir selbst und anderen bin. Heimat kann für mich sein:

  • Die Natur der Alpen – oder ein weiter Sandstrand an der Nordsee, aber auch eine sonnige Steilküste in Griechenland, weil wir dort als Familie sehr oft Urlaub gemacht haben.
  • Ein bestimmtes soziales Milieu, leicht intellektuell angehaucht, liberal, sozialdemokratisch, leicht grünlich getönt
  • Das Christentum in mystischer Prägung, ohne konfessionelle Verengung (mit katholischer Kirche im bayerisch-ländlichen Raum oder Kulturprotestantismus hat das relativ wenig zu tun)
  • Menschen, die mich nehmen wie ich bin – und die ich nehme, wie sie sind
  • Musik und gemeinsames Musizieren mit anderen
  • Allgemein fühle ich mich dort beheimatet, wo ich innere und äußere Weite erlebe.

So, und wie will man so etwas nun bitte in einem „Heimatministerium“ verwalten? Wie will man die unterschiedlichen Heimaten so vieler Menschen überhaupt irgendwie politisch „vertreten“? Worum soll es denn bei einem „Ministerium für Heimat“ gehen? Um Traditionsverwaltung, Förderung des Schuhplattlers an der Nordseeküste, Gründung von Seemannschören in der bayerischen Diaspora??? Identifikation des Ruhrpottlers mit der Geschichte des Kohleabbaus? Oder was??? Und wieso bitteschön soll ausgerechnet Herr Seehofer in diesen Dingen kompetent sein?

Aber vielleicht geht es ja auch um Heimatschutz. Dass keiner in meine kleine begrenzte Heimat ungestraft hinein kommen darf. Menschen, die andere Heimaten verloren haben, gleich an unseren Grenzen wieder „heim“ geschickt werden.

Oder geht’s um den Schutz heimischer Natur vor dem Raubbau durch Wirtschafts- und Energiekonzerne? Das wäre zumindest was, ist aber eigentlich schon durch das Ressort „Umwelt“ abgedeckt. Wenn denn da mal was passieren würde.

Eine der beliebtesten Fernsehserien im Bayerischen Fernsehen ist „Dahoam is dahoam“ – im Titelsong wird besungen, was „dahoam“ ist: „Da komm i her, da will i wieder hin“. „Da, wo i jeden auf der Straßn kenn….“

Und irgendwie habe ich den Verdacht, dass auch Herr Seehofer diese Serie gerne guckt…

Ich hingegen will nur sehr bedingt da wieder hin, wo ich herkommen, und da es eine Großstadt war, kenn ich da auch nicht jeden auf der Straße.

Meine Heimat ist nicht regional definiert. Und ich glaube, dass ich da in ziemlich guter Gesellschaft bin.