Wieder Pfarrerin

Das Warten hat ein Ende! Fünf Jahre nach meinem Ausscheiden aus dem Pfarrdienst und nach vielen schlaflosen Nächten, Hin und Her und langem Warten auf Entscheidungen an „höherer“ (wenn auch nicht höchster) Stelle bin ich wieder Pfarrerin der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern.

Ich bekomme jetzt erst einmal einen ehrenamtlichen Dienstauftrag im Dekanat Coburg. Dann mal sehen, wie es weitergeht.

Nach allem, was in diesen Jahren war, werde ich vermutlich anders Pfarrerin sein als vorher. Zugleich im Glauben überzeugter und in meinen Erwartungen an die Institution Kirche realistischer.

Ob es wohl irgendjemanden interessieren wird, welche Erfahrungen ich aus der Freiberuflichkeit mitbringe? Schön wäre es. Auch mein neues Familienleben hat mich stark verändert. Die Krankheit sowieso. Meine Prioritäten sind andere geworden.

Am 27. September ist mein Einführungsgottesdienst. Zum ersten Mal seit Weihnachten 2014 werde ich wieder im Talar auf einer Kanzel stehen. Darauf freue ich mich – und habe zugleich etwas Muffensausen. Ist ja irgendwie auch ein Start von Null auf Hundert. Wie wird es werden, mein neues Ich als Predigerin? Und wird Korbinian unter meinen Talar schlüpfen und „Höhle“ spielen wollen, so wie vor ein paar Tagen, als ich den Talar erstmals seit Weihnachten 2014 wieder angezogen habe?

Es ist ganz gut, dass ich mich jetzt erst mal ehrenamtlich neu finden kann in diesem Amt. Wenn alles gut geht, kann ich mich später immer noch auf eine Stelle bewerben.

Nun hoffe und bete ich, dass Covid uns nicht wieder die Lichter ausbläst und der Gottesdienst zu meiner Einführung überhaupt stattfinden kann.

Allen, die hier immer wieder mitlesen, mitfiebern und mitbeten danke ich sehr. Es wird gut werden.

Wie plötzlich nicht mehr alles doof war

Heute war so ein ausgemachter Dooftag. Obwohl Sonntag ist. Oder vielleicht auch gerade weil Sonntag ist, und ich heute irgendwie vieles nicht machen konnte, was ich sonntags gern tue. Zum Beispiel vormittags in den Gottesdienst gehen. Warum nicht? Weil ich nachts ungefähr vier mal mit Wadenkrämpfen from hell aus dem Schlaf geschreckt bin und zur Aufstehzeit dann entsprechend platt war, sodass Gottesdienst heute für mich leider ausfallen musste. Doof.

Dann wollte ich eigentlich etwas spazieren gehen. Aber das Schneegestöber draußen gepaart mit meiner Erkältung und der Tatsache, dass bei uns rutschige Straßen zu erwarten sind hielten mich ab. Zumal ich zurzeit eh infektanfällig bin und außerdem auf gar keinen Fall ausrutschen will – das kommt einfach im 9. Monat Schwangerschaft nicht wirklich gut. Aber die Frischluft wäre so schön gewesen.

Missmutig verzehrte ich ein Frühstück aus nicht mehr frischen Semmeln vom Vorvortag. Dabei ließ ich den Blick über das Chaos in Ess- und Wohnzimmer schweifen und ärgerte mich über das innere Energielevel, das diesen Zustand momentan verursacht. Zurzeit kann ich mich einfach zu nichts wirklich aufraffen, was ja irgendwie kein Wunder ist, mich aber trotzdem nervt.

Und so ging alles seinen Gang. Fernseher an (vormittags um 11 Uhr, das mache ich sonst nie) und lustlos herum zappen. Etwas Eintopf zum Mittag (der war allerdings wirklich gut), dann Facebook, Twitter….aber irgendwie alles doof.

Nachdem ich meinem Unmut über diesen Dooftag zumindest virtuell Luft gemacht hatte (danke, Twittergemeinde, für deine schier grenzenlose Geduld) auf einmal blitzartige Klarheit, als ob ich einen Schritt neben mich trete und mich von außen betrachte. Warum lasse ich mich eigentlich derart herunter ziehen? Nein, die Umstände sind nicht lustig und erbaulich. Aber für meine eigenen Gedanken bin ich verantwortlich. Es liegt an mir, wohin ich sie richte und worauf ich schauen will. Auf all das Doofe. Oder doch lieber auf Gott, von dem ich mich doch getragen weiß.

So, dachte ich, und nun setze ich mich mit Bibel und Rosenkranz und einer Tasse Tee aufs Sofa und jetzt wird gebetet. Was dann geschah, lässt sich schwer in Worte fassen und leuchtet vermutlich nur dem ein, der regelmäßig betet. Die Gedanken sortierten sich. Dankbarkeit stieg auf. Ich betete für die Menschen um mich herum, die Nachbarn über uns, andre Anliegen, die mir gerade einfielen, für meinen wunderbaren Mann und mein Kind, ich dankte ausgiebig für alles Gute (auch das Gute im Schlechten und in der Anfechtung), und als ich ganz leer gebetet war, griff ich zum Rosenkranz und betete und meditierte noch die kompletten „glorreichen Geheimnisse“ durch.

Und siehe da, es schneit immer noch. Äußerlich hat sich gar nichts geändert. Aber auf einmal ist die innere Wolkendecke aufgerissen und es ist nicht mehr alles doof und vielleicht habe ich jetzt sogar die Energie, das eine oder andere aufzuräumen.

Aber zuerst mache ich mir noch eine Tasse Tee und genieße den Frieden.

Mein Pfingsten

Sonntag: Beim Katholiken meines Vertrauens in der Messe. Sehr gute Predigt, aber am dichtesten waren wohl die Bitten um den Heiligen Geist. Mit einem gesungenen „Veni sancte Spiritus“ nach jeder einzelnen Fürbitte.
Wenn man die alten Gebete zu Pfingsten liest, die Litanei zum Heiligen Geist, fällt einem vor allem eines auf: Dass die ersten Christen den Heiligen Geist offenbar nicht als festen Besitz verstanden haben. Sondern als die Kraft Gottes, das Feuer Gottes, den Atem Gottes der wirkt und weht wann und wo er will. Und dass wir ihn brauchen, wirklich dringend brauchen und deshalb immer neu um ihn bitten müssen. Der Heilige Geist ist kein Gegenstand, den man in den Schrank stellt und bei Bedarf hervor holt. Er wirkt offenbar immer nur im Hier und Jetzt.
Ich glaube, ich habe lange nicht so intensiv um den Heiligen Geist gebetet wie in diesem Jahr. Für mich, weil ich ihn brauche. Unbedingt. Damit ich meinen Weg und meinen Ort in dieser Welt und in dieser Kirche finde. Aber auch für diese Welt und die Menschen in ihr, nicht nur die Christen sondern vor allem für all jene, die überhaupt nichts mit Gott zu tun haben wollen. Oder schlimmer noch, die meinen ihm damit zu dienen, dass sie andere im Namen ihres Glaubens abschlachten.
Vielleicht brauchen wir alle miteinander, aber besonders die christlichen Kirchen, gar nicht das hundertste schlaue Programm zur Rettung des Christentums oder der Menschheit. Sondern schlicht und ergreifend die Leitung des Heiligen Geistes? Um den man bitten kann? Interessant ist, dass der Ausspruch Jesu „bittet und es wird euch gegeben“ meistens irgendwie materiell gedeutet wird. Im Text des Evangeliums, zumindest nach Lukas, geht es aber um die Bitte um den Heiligen Geist. Und nicht um den Parkplatz in der Innenstadt. „…wie viel mehr wird eure Vater euch den Heiligen Geist geben, wenn ihr ihn darum bittet.“

Macht hoch die Tür…..

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, so schallt es diesen Sonntag wieder landauf landab durch unsere Gotteshäuser. Luis, 2. Klasse, hat Bedenken. „Das stimmt doch gar nicht. Es muss heißen das Tor!“ Und überhaupt, Türen hoch machen! Wie soll das denn gehen? Ich frage mich, wie viele Gottesdienstbesucher wohl ähnliche Bedenken hegen beim Absingen unseres kirchlichen Liedgutes. Gerade zur Weihnachtszeit. „Es ist ein Ros entsprungen“ – Ein Ross, das kann entspringen. Aber ein Ros? Also eine Rose? Wie und wohin springt die denn? Wer ist eigentlich diese „Tochter Zion“? Heißt die so? Das schöne Adventslied mit dem Titel „Dein König kommt in niedern Hüllen“ (EG 14)  – das traue ich mich schon lange nicht mehr mit Gemeinden zu singen, obwohl ich es sehr mag. O je. Was soll man nur tun? Die schönen alten Lieder umdichten?
Ich möchte an dieser Stelle eine Lanze für unsere alten Adventslieder brechen. Denn sie besitzen oft eine inhaltliche Tiefe, an die manche Predigt nicht heranreicht und manch modernes Kirchenlied erst recht nicht. Aber dazu muss man sich darauf einlassen. Mich macht es als Pfarrerin oft ratlos, wenn manche Gottesdienstbesucher bei den Liedern demonstrativ ins Leere starren. Vielleicht ist Singen nicht jedermanns Sache, aber man kann sich doch wenigstens mal auf den Text einlassen und mitlesen, wenn die anderen singen. Wenn es nach mir ginge, würde überhaupt im Gottesdienst viel mehr gesungen und weniger geredet. Vom Heiligen Augustinus ist der Satz überliefert: „Wer singt, der betet doppelt!“ Und ich erlebe das tatsächlich so. Wenn Menschen miteinander singen, vereinen sich auf geheimnisvolle Weise ihre Seelen und schwingen sich ein auf etwas Größeres, was der einzelne nicht erreichen könnte. Ich möchte Sie ermutigen, wenn Sie in den Gottesdienst gehen die Lieder nicht nur abzusitzen wie die Werbepause im Fernsehen. Sondern mitzusingen. Oder zumindest mitzulesen und sich auf die Inhalte der oft sehr alten Lieder einzulassen. Und ich bin sicher, Sie werden etwas mitnehmen.
Mein „Wort aus der Kirche“ für die Neue Presse (Coburg) für kommenden Sonntag. Das Wort aus der Kirche ist ein besinnlicher Text, den reihum verschiedene Pfarrerinnen und Pfarrer verfassen.