Spielplatzmystik

Früher….

Ich halte mich am Früher fest. Früher….da gab es für mich so viel. Chorproben, Musik, angeregte theologische Gespräche, Meditationsrunden.

Wie ich zog zum Hause des Herrn in fröhlicher Schar.

Jetzt: Mit Familie im Niemandsland. Gespräche sind stumm geworden. Kreisen um das Wetter, die Tagespolitik, den nächsten Einkauf.

Gott. Weit weg.

Spielplatz mit Korbi. Er tollt. Ich sitze auf einer Bank und atme.

Ein. Aus.

Jesus. Christus. Erbarme dich. Unser.

„Mamaaa!“

„Ja Schatz?“

Ein. Aus.

Jesus. Christus.

„Mamaaaaa!! Schau mal!!“ – „Ja, Korbi. Du rutscht. Die Rutsche ist ganz schön hoch.“

Ein. Aus. Jesus. Christus. Erbarme dich. Unser.

Korbi tobt. Ich atme. Ich bin da. Gott ist da. Jesus ist da. Der Spielplatz ist da. Korbi ist da.

Früher ist vorbei.

Wieder Pfarrerin

Das Warten hat ein Ende! Fünf Jahre nach meinem Ausscheiden aus dem Pfarrdienst und nach vielen schlaflosen Nächten, Hin und Her und langem Warten auf Entscheidungen an „höherer“ (wenn auch nicht höchster) Stelle bin ich wieder Pfarrerin der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern.

Ich bekomme jetzt erst einmal einen ehrenamtlichen Dienstauftrag im Dekanat Coburg. Dann mal sehen, wie es weitergeht.

Nach allem, was in diesen Jahren war, werde ich vermutlich anders Pfarrerin sein als vorher. Zugleich im Glauben überzeugter und in meinen Erwartungen an die Institution Kirche realistischer.

Ob es wohl irgendjemanden interessieren wird, welche Erfahrungen ich aus der Freiberuflichkeit mitbringe? Schön wäre es. Auch mein neues Familienleben hat mich stark verändert. Die Krankheit sowieso. Meine Prioritäten sind andere geworden.

Am 27. September ist mein Einführungsgottesdienst. Zum ersten Mal seit Weihnachten 2014 werde ich wieder im Talar auf einer Kanzel stehen. Darauf freue ich mich – und habe zugleich etwas Muffensausen. Ist ja irgendwie auch ein Start von Null auf Hundert. Wie wird es werden, mein neues Ich als Predigerin? Und wird Korbinian unter meinen Talar schlüpfen und „Höhle“ spielen wollen, so wie vor ein paar Tagen, als ich den Talar erstmals seit Weihnachten 2014 wieder angezogen habe?

Es ist ganz gut, dass ich mich jetzt erst mal ehrenamtlich neu finden kann in diesem Amt. Wenn alles gut geht, kann ich mich später immer noch auf eine Stelle bewerben.

Nun hoffe und bete ich, dass Covid uns nicht wieder die Lichter ausbläst und der Gottesdienst zu meiner Einführung überhaupt stattfinden kann.

Allen, die hier immer wieder mitlesen, mitfiebern und mitbeten danke ich sehr. Es wird gut werden.

Wie plötzlich nicht mehr alles doof war

Heute war so ein ausgemachter Dooftag. Obwohl Sonntag ist. Oder vielleicht auch gerade weil Sonntag ist, und ich heute irgendwie vieles nicht machen konnte, was ich sonntags gern tue. Zum Beispiel vormittags in den Gottesdienst gehen. Warum nicht? Weil ich nachts ungefähr vier mal mit Wadenkrämpfen from hell aus dem Schlaf geschreckt bin und zur Aufstehzeit dann entsprechend platt war, sodass Gottesdienst heute für mich leider ausfallen musste. Doof.

Dann wollte ich eigentlich etwas spazieren gehen. Aber das Schneegestöber draußen gepaart mit meiner Erkältung und der Tatsache, dass bei uns rutschige Straßen zu erwarten sind hielten mich ab. Zumal ich zurzeit eh infektanfällig bin und außerdem auf gar keinen Fall ausrutschen will – das kommt einfach im 9. Monat Schwangerschaft nicht wirklich gut. Aber die Frischluft wäre so schön gewesen.

Missmutig verzehrte ich ein Frühstück aus nicht mehr frischen Semmeln vom Vorvortag. Dabei ließ ich den Blick über das Chaos in Ess- und Wohnzimmer schweifen und ärgerte mich über das innere Energielevel, das diesen Zustand momentan verursacht. Zurzeit kann ich mich einfach zu nichts wirklich aufraffen, was ja irgendwie kein Wunder ist, mich aber trotzdem nervt.

Und so ging alles seinen Gang. Fernseher an (vormittags um 11 Uhr, das mache ich sonst nie) und lustlos herum zappen. Etwas Eintopf zum Mittag (der war allerdings wirklich gut), dann Facebook, Twitter….aber irgendwie alles doof.

Nachdem ich meinem Unmut über diesen Dooftag zumindest virtuell Luft gemacht hatte (danke, Twittergemeinde, für deine schier grenzenlose Geduld) auf einmal blitzartige Klarheit, als ob ich einen Schritt neben mich trete und mich von außen betrachte. Warum lasse ich mich eigentlich derart herunter ziehen? Nein, die Umstände sind nicht lustig und erbaulich. Aber für meine eigenen Gedanken bin ich verantwortlich. Es liegt an mir, wohin ich sie richte und worauf ich schauen will. Auf all das Doofe. Oder doch lieber auf Gott, von dem ich mich doch getragen weiß.

So, dachte ich, und nun setze ich mich mit Bibel und Rosenkranz und einer Tasse Tee aufs Sofa und jetzt wird gebetet. Was dann geschah, lässt sich schwer in Worte fassen und leuchtet vermutlich nur dem ein, der regelmäßig betet. Die Gedanken sortierten sich. Dankbarkeit stieg auf. Ich betete für die Menschen um mich herum, die Nachbarn über uns, andre Anliegen, die mir gerade einfielen, für meinen wunderbaren Mann und mein Kind, ich dankte ausgiebig für alles Gute (auch das Gute im Schlechten und in der Anfechtung), und als ich ganz leer gebetet war, griff ich zum Rosenkranz und betete und meditierte noch die kompletten „glorreichen Geheimnisse“ durch.

Und siehe da, es schneit immer noch. Äußerlich hat sich gar nichts geändert. Aber auf einmal ist die innere Wolkendecke aufgerissen und es ist nicht mehr alles doof und vielleicht habe ich jetzt sogar die Energie, das eine oder andere aufzuräumen.

Aber zuerst mache ich mir noch eine Tasse Tee und genieße den Frieden.

#twomplet – Beten in 140 Zeichen

Heute habe ich zum ersten mal seit langem mal wieder die Ehre, die #Twomplet vorzubeten. Über die Twomplet wurde schon viel geschrieben, aber noch nicht von allen. Was ist die Twomplet? Das Wort setzt sich zusammen aus Twitter und Komplet. Was Twitter ist, dürfte inzwischen bekannt sein. Was die Komplet ist, eher weniger. Mit dem Begriff Komplet bezeichnet man das Nachtgebet der Kirche. Die Komplet ist eine der drei wichtigen klösterlichen Gebetszeiten. Die Laudes (Lobgebet) ist das Morgengebet, meist um 6 oder 7 Uhr morgens gebetet. Die Vesper ist das Abendgebet (meist um 17 Uhr gebetet markiert sie das Ende des aktiven Teils des Tages). Die Komplet schließt den Tag ab. Man legt den Tag zurück in Gottes Hand, bittet um Vergebung für alles, was an diesem Tag nicht rund lief, um eine gesegnete Nachtruhe und Schutz leiblichen und geistigen Gefahren in dieser Nacht.

Soweit zur Bedeutung der Komplet im Allgemeinen. Die #Twomplet gibt es seit 2014 und seit dem findet sie jeden Abend um 21 Uhr im Netz statt, und zwar natürlich auf Twitter. Christen unterschiedlichster Prägung beteiligen sich daran. Jeden Abend gibt es einen Vorbeter. Damit es kein Durcheinander gibt, gibt es einen Doodle, in den man sich vorab einträgt.

Der Vorbeter gibt in kurzen prägnanten Sätzen (Tweets) die Grundlinie vor und verlinkt z.B. auf Videos bei YouTube (Glockenläuten, Lieder, etc.) – die Gemeinde beteiligt sich, indem sie unter dem Hashtag #Twomplet Fürbitten twittert oder einfach still mitliest.

Das mag für die nicht-twitternde Welt erstmal seltsam klingen. Aber der „Erfolg“ des Projektes und die ernste Anteilnahme vieler Menschen, die seit Jahren die Twomplet verfolgen oder sich aktiv einbringen zeigt, dass hier längst eine neue Form der geistlichen Gemeinschaft entstanden ist. Unkompliziert, ökumenisch, niederschwellig und doch tiefgründig.

Dass die #Twomplet Menschen „trägt“, merkt man zum Beispiel dann, wenn es wieder einmal irgendwo auf der Welt einen schlimmen Anschlag gab. In der Twomplet wird darauf immer eingegangen und gerade an solchen Abenden merkt man, dass sie länger dauert als sonst, dass sich mehr Menschen einbringen oder mitlesen.

Wer es einmal ausprobieren möchte, ob aktiv oder als stiller Mitleser: Jeden Abend um 21 Uhr. Ort: Weltweit. Auf Twitter und @twomplet bzw. #twomplet.

Man liest sich…