Wieder Pfarrerin

Das Warten hat ein Ende! Fünf Jahre nach meinem Ausscheiden aus dem Pfarrdienst und nach vielen schlaflosen Nächten, Hin und Her und langem Warten auf Entscheidungen an „höherer“ (wenn auch nicht höchster) Stelle bin ich wieder Pfarrerin der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern.

Ich bekomme jetzt erst einmal einen ehrenamtlichen Dienstauftrag im Dekanat Coburg. Dann mal sehen, wie es weitergeht.

Nach allem, was in diesen Jahren war, werde ich vermutlich anders Pfarrerin sein als vorher. Zugleich im Glauben überzeugter und in meinen Erwartungen an die Institution Kirche realistischer.

Ob es wohl irgendjemanden interessieren wird, welche Erfahrungen ich aus der Freiberuflichkeit mitbringe? Schön wäre es. Auch mein neues Familienleben hat mich stark verändert. Die Krankheit sowieso. Meine Prioritäten sind andere geworden.

Am 27. September ist mein Einführungsgottesdienst. Zum ersten Mal seit Weihnachten 2014 werde ich wieder im Talar auf einer Kanzel stehen. Darauf freue ich mich – und habe zugleich etwas Muffensausen. Ist ja irgendwie auch ein Start von Null auf Hundert. Wie wird es werden, mein neues Ich als Predigerin? Und wird Korbinian unter meinen Talar schlüpfen und „Höhle“ spielen wollen, so wie vor ein paar Tagen, als ich den Talar erstmals seit Weihnachten 2014 wieder angezogen habe?

Es ist ganz gut, dass ich mich jetzt erst mal ehrenamtlich neu finden kann in diesem Amt. Wenn alles gut geht, kann ich mich später immer noch auf eine Stelle bewerben.

Nun hoffe und bete ich, dass Covid uns nicht wieder die Lichter ausbläst und der Gottesdienst zu meiner Einführung überhaupt stattfinden kann.

Allen, die hier immer wieder mitlesen, mitfiebern und mitbeten danke ich sehr. Es wird gut werden.

Vorbehaltlos wieder Pfarrerin?

Wer meinen letzten Beitrag gelesen hat, der fragt vielleicht: Wie kann man denn Pfarrerin sein wollen, ohne von seiner eigenen Kirche restlos überzeug zu sein? Wie glaubwürdig ist eine Pfarrerin, die ihre eigene Kirche als etwas „Vorübergehendes“ ansieht, als eine mögliche Form unter vielen, und womöglich nicht einmal die beste? Wenn ich sehe, dass die evangelische Kirche in ihrer jetzigen Form nicht mehr lange Bestand haben wird, wenn nicht eine radikale Trendwende eintritt – dann kann es doch wohl nur ein legitimes Motiv geben, weiter Pfarrerin zu sein: Nämlich, dass man mithelfen will, sich gegen den stetigen Abstieg und Verfall zu wenden. Dass man sich beide Beine ausreißen will, um die Institution Kirche vor dem Untergang zu bewahren. Wenn man das nicht will, ist man doch als Amtsträgerin dieser Kirche nicht glaubhaft. Oder?

In der Tat sind das auch meine eigenen Überlegungen. Kann ich glaubwürdig wieder Pfarrerin sein, wo ich doch eigentlich weiß, dass ich eben nicht nahtlos in dieses System hineinpasse, und das auch gar nicht will? Wo ich doch selbst sage, dass ich nicht glaube, dass es Kirche so wie wir sie kennen in 50 Jahren noch geben wird? (Wobei die 50 Jahre schon eher optimistisch gedacht sind, bei den momentanen Austrittszahlen.)

Wie sehe ich denn die evangelische Kirche, für die ich die Wiederbeilegung meiner Ordinationsrechte beantragt habe?

Zunächst einmal glaube ich, dass es die evangelische Kirche, wie wir sie in Deutschland kennen, eine Art bürgerlicher Mainstream-Protestantismus mit dem Anspruch, Volkskirche zu sein, bald wirklich nicht mehr geben wird. Ich bin der Überzeugung, dass wir uns darauf einstellen sollten, in nicht ferner Zukunft (20 Jahre höchstens) eine Minderheitskirche zu sein. Ich glaube ferner, dass auch die institutionelle Gestalt unserer Kirchen mit ihrem verbeamteten Pfarrerinnen und Pfarrern, ihrem Verwaltungsapparat und ihrem Reichtum an Immobilien in Bälde nicht mehr so bestehen wird, wie es Generationen vor uns gewohnt waren.

Und, auch wenn es hart klingt: Ich glaube auch, dass sehr viele Kirchengemeinden sich daran gewöhnen werden müssen, lange Zeit, Jahre lang, mit einer vakanten Pfarrstelle zu leben. Die Zeit der pastoralen Rundumversorgung ist bald Geschichte. Dasselbe gilt für viele liebgewordene Traditionen.

Und trotzdem glaube ich nicht, dass „Kirche“ am Sterben ist. Global gesehen erleben wir, wie sich in Asien, Südamerika und Afrika Menschen in Massen zu Jesus Christus bekehren. Global gesehen stirbt Kirche nicht, sie erlebt vielmehr eine Blütezeit, auch wenn uns die Formen des Christentums und die Art, wie unsere Glaubensgeschwister vielerorts ihren Glauben leben, fremd sein mögen.

Aber auch im Blick auf unsere Breitengrade und speziell unsere evangelische Kirche glaube ich nicht, dass wir am Ende sind. Ich glaube vielmehr, dass etwas stirbt, damit daraus etwas Neues auferstehen kann. Nirgendwo im Neuen Testament steht geschrieben, dass eine bestimmte Art, „Kirche“ zu organisieren, die Verheißung hätte, ewig zu bestehen. Die einzige Kontinuität, die Kirche zu Kirche macht ist das Bekenntnis zu Jesus Christus, den Sohn des lebendigen Gottes. Daraus erwächst die Identität der christlichen Gemeinde, aus dem Geist Jesu heraus lebt und handelt Kirche, wo sie wirklich Kirche ist und in Jesus liegt ihre Hoffnung, durch die Turbulenzen aller Zeiten hindurch.

Ich kann und will (wieder) Pfarrerin in der evangelischen Kirche sein, nicht weil ich diese Institution für das A und O halte, oder weil ich unbedingt will, dass auch in 200 Jahren noch alles so ist, wie es heute ist. Sondern weil ich daran glaube, dass jetzt, hier und heute sich etwas von der ewigen, lebendigen Gemeinschaft mit Jesus Christus auch in dieser speziellen Art Kirche zu sein verwirklicht.

Auch wenn ich, um ehrlich zu sein, hoffe, dass die evangelische Kirche in 50 Jahren anders aussehen wird, als heute.

Fronleichnam 2017

Und wieder ist Fronleichnam. Warum „und wieder“? Weil dieser Tag für mich einen Einschnitt markiert. An Fronleichnam vor zwei Jahren habe ich den Menschen kennengelernt, mit dem ich heute mein Leben teile. Damals wusste ich das noch nicht.

Fronleichnam vor einem Jahr liefen wir in der Prozession schon nebeneinander und hielten uns an der Hand. Fronleichnam dieses Jahr wohnen wir zusammen.

Deshalb „und wieder ist Fronleichnam“. Natürlich sind wir auch dieses Jahr wieder mitgelaufen, wie auch im letzten Jahr bei strahlender Sonne, mit einem Großteil der Katholiken dieser Stadt, aber auch mit vielen ökumenischen Gästen, was diesmal einfach besonders und bewegend war. Christsein geht heute nicht mehr isoliert und sauber nach Konfessionen sortiert. Es sind verschiedene Traditionen, es sind verschiedene Lehrmeinungen, aber es ist die eine Kirche, die Christus durch die Zeit trägt, hin zu den Menschen, so, wie der Priester an Fronleichnam die Monstranz vor sich her trägt, und die von Christus durch die Zeit getragen wird.

Fronleichnam heißt „Leib des Herrn“. Der Leib des Herrn, der in seiner Kirche und im Brot des Abendmahls/der Eucharistie präsent ist. Man kann das eine nicht vom anderen trennen. Und ich bin wirklich froh und dankbar, dass im Jahr des Reformationsjubiläums 2017 nicht mehr das Trennende der Konfessionen im Mittelpunkt steht, sondern das Verbindende. Dass es heute ohne weiteres möglich ist, dass der evangelische Oberbürgermeister zu Fronleichnam ein Grußwort spricht und eine der Gottesdienststationen vor der evangelischen Hauptkirche platziert sein kann. Das alles war vor 100 oder sogar noch vor 50 Jahren undenkbar.

Möge es so weitergehen.

Prägungen, die sich melden (Tagebuch)

Schon vor längerer Zeit hörte ich folgende kleine Anekdote: Ein bekennender Atheist im Gespräch mit einem katholischen Priester. Der Atheist im Brustton der Überzeugung: „Ich bin vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten, und das ist auch gut so!“ – Der Priester: „Das mag sein, aber die Kirche ist nicht aus Ihnen ausgetreten.“

Nun bin ich ja nicht ausgetreten, schon gar nicht aus der katholischen Kirche, in der ich nie drin war. Ich bin lediglich von der evangelischen in die alt-katholische Kirche konvertiert. Merke aber zunehmend: So butterweich und geschmeidig wie ich gehofft hatte, geht so ein Wechsel nicht. Seit meiner Taufe mit 20 Jahren war ich evangelisch, sogar Amtsträgerin, insgesamt über 20 Jahre lang. Und bei allem „neu anfangen wollen“ und „Kirche ganz anders leben wollen“ und aller Liebe zum „Katholischen“ bleiben 20 Jahre eben doch eine sehr prägende Zeit. Ich merke es an vielen kleineren und größeren Dingen. Mir gehen evangelische Kirchenlieder im Kopf und im Herzen herum, die halt einfach zu diesem oder jenem kirchlichen Feiertag gesungen werden, aber in einer anderen Konfession keine Rolle spielen. Ich beobachte mit einem halben oder mit anderthalb Augen im Netz, was bei der ELKB-Synode so läuft. Ich merke, dass ich eigentlich doch ganz gern wieder Teil einer „größeren“ kirchlichen Gemeinschaft wäre, als meiner momentanen. Die alt-katholische Kirche hat den Charme einer kleinen und progressiven Gemeinschaft. Mir gefällt daran sehr viel, nicht zuletzt die Liturgie. Merke aber auch, dass viele ihrer Fragestellungen einfach daraus resultieren, dass sehr viele ihrer Mitglieder frustrierte ehemalige Katholiken sind, die hier beinahe trotzig eine neue Heimat suchen….und dass deren Fragen nicht unbedingt meine Fragen sind.

Allerdings hatte es auch (für mich sehr gravierende) Gründe, dass ich vor zwei Jahren konvertiert bin und auch das kann und will ich nicht einfach vom Tisch wischen. Ich kann nicht einfach da wieder anknüpfen, wo ich vor zwei Jahren aufgehört habe. Die letzten zwei Jahre haben mich verändert. Fast alles in meinem Leben ist anders geworden.

Also bleibe ich jetzt erst mal wo ich bin. Ich habe momentan gravierende Fragen als die, ob ich wieder evangelisch werden will. Oder gar versuchen, in meiner ehemaligen Kirche wieder irgendein „Amt“ zu ergattern. Ich schließe es nicht kategorisch aus, aber so ein Schritt, sollte er irgendwann dran sein, braucht noch viel innere Klärung.

 

Jahresbilanz einer freien Theologin

In manchen Kirchengemeinden ist es üblich, beim Gottesdienst zu Jahresschluss (an Sylvester) noch einmal innezuhalten und Rückschau auf das Gemeindeleben in diesem Jahr zu halten. Auch wie viele Menschen jeweils getraut, getauft oder bestattet wurden.

Meine Jahresbilanz als freie Theologin im Jahr 2016:

22 Beerdigungen, 5 freie Trauungen, 1 Ehejubiläum, 4 freie Taufen/Kindersegnungen.

Das sind insgesamt 38 „direkt betroffene“ Personen. Und viele, viele die mitgefeiert oder mitgetrauert haben, je nachdem.

Mein „weitester“ Einsatz war die Fahrt zu einer Beerdigung in Ilmenau (ca. 85 km). Die „nächstgelegenen“ Dienste waren natürlich in Coburg. Und ansonsten bin ich viel im Coburger Land und in Südthüringen herumgekommen.

Interessant ist, dass die zahlenmäßige Staffelung (relativ viele Beerdigungen auf relativ wenige Trauungen und Taufen) so ziemlich dem entspricht, was auch in Kirchengemeinden anfällt.

Ich bin dankbar für viele gute Gespräche und Begegnungen bei der Vorbereitung der einzelnen Feiern. Und auch für die weltanschauliche Spannbreite meiner „Kunden“, von total atheistisch bis eigentlich ziemlich fromm, aber…

Insgesamt bin ich mit dem Jahr auch beruflich zufrieden. In dieser Richtung darf es jetzt gerne weitergehen.

Ein persönlicher Jahresrückblick

2016 wird bald Geschichte sein und es ist Zeit für den unvermeidbaren persönlichen Jahresrückblick.

2016 war politisch und weltpolitisch ein Jahr, das mir persönlich und vielen anderen großes Unbehagen bereitet, und ich fürchte, 2017 wird nicht anders sein. Es wird einem bewusst, dass wir hier in Deutschland, wo mit Sicherheit nicht alles perfekt ist und es mit Sicherheit auch große Ungerechtigkeiten gibt, dennoch auf einer Insel der Seligen leben. Ein europäisches Land nach dem anderen erlebt einen Rechtsruck und wir stehen, so mein Empfinden, ebenfalls kurz davor.

Brutale Kriege in Syrien und anderswo treiben hunderttausende Menschen aus ihrer Heimat. Das Elend brandet an unsere Landesgrenzen und Haustüren. Und manche haben nichts besseres zu tun, als Mauern und sichere Grenzen zu fordern.

Die US-Wahl gewinnt ein Mann, der offen Schwule, Andersgläubige und Behinderte beleidigt und der lügt, dass sich die Balken biegen. Was auch alle wissen, ihn aber trotzdem wählen.

Vom Terror rede ich erst gar nicht.

Kurz, die Welt dreht grade kollektiv durch. Ich bin nun nicht grade jemand, der leicht in Panik gerät. Aber die Großwetterlage ist verstörend und man fühlt sich in dem Ganzen irgendwie hilflos. Eine Sache die ich mir für 2017 vorgenommen habe: Ich will mich wieder mehr engagieren. Ehrenamtlich. In irgendeinem überschaubaren Bereich, in dem ich wirklich etwas tun kann. Und wenn es die Beteiligung bei der Rumänienhilfe der katholischen Kirchengemeinde ist. Das wird zwar nichts an der Großwetterlage ändern, aber wenigstens ein paar Menschen wenigstens etwas helfen.

Persönlich war es für mich ein sehr turbulentes Jahr. Seit nunmehr acht Monaten lebe ich einer Partnerschaft, was mich (und hoffentlich auch ihn) wirklich glücklich macht. Ein Highlight des Jahres war zweifellos unser gemeinsamer Tirol/Alpen-Urlaub im Juli. Erhabene Natur, einfache Unterkünfte, die körperlichen Grenzen spüren und merken, dass ich unbedingt etwas für meine Fitness tun muss…Berge haben halt keine Rolltreppe.

Beruflich hatte das Jahr sein Auf und Ab. Als freie Theologin gewinne ich langsam „Land“, hatte doch etliche schöne Trauungen, einige „freie Taufen“, diverse Beerdigungen und auch mal eine Paarsegnung zur Goldenen Hochzeit. Alles schön. Aber leider nicht ausreichend zur Bestreitung des Lebensunterhaltes, weshalb ich nach wie vor auf der Suche nach irgendeiner Teilzeitstelle bin, die sich mit meiner anderen Tätigkeit vereinbaren lässt. Ab Januar mache ich eine Weiterbildung zur Demenzbetreuerin (dafür gibt es staatliche Zuschüsse). Daneben bleibt mir halt nichts anderes übrig, als aufmerksam Stellenausschreibungen zu lesen und mich halt auf alles zu bewerben, was halbwegs passend aussieht.

Spirituell war es für mich ein Jahr, in dem ich oft mit Gott gehadert habe, aber Hadern bringt einen manchmal auch wieder näher zu Gott. Nach dem Motto: Besser streiten, als gar nicht miteinander reden. Immer wieder entdecke und praktiziere ich die mantrischen Gebetsformen, eben weil ich manchmal einfach nicht weiß, was ich beten soll und Gebet dann einfach heißt, sich der Gegenwart Gottes auszusetzen, auch wenn man grade etwas auszusetzen hat an allem, was einen ärgert oder traurig macht. Also: Jesusgebet. Rosenkranz. Messe.

Zusammenfassung: Dass es grade leicht ist, kann ich nicht behaupten. Trotzdem würde ich um keinen Preis der Welt die Uhr zurückdrehen und meine Kündigung als Pfarrerin rückgängig machen wollen. Was ich allerdings weiterhin suche, ist der Ort, an dem ich nicht nur punktuell, sondern möglichst dauerhaft meine Gaben einbringen kann. Ob das nun eine ehrenamtliche oder eine bezahlte Tätigkeit ist.

Immer mehr bin ich der Ansicht, dass ein bedingungsloses Grundgehalt eine wunderbare Sache wäre. Nicht um faul sein zu können. Sondern um den Rücken frei zu haben, Dinge zu tun, die einem selbst und auch anderen etwas bringen, für die es aber normalerweise keinen materiellen Lohn gibt: Ehrenamt, Engagement für politische oder soziale Belange, etc.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Rest-Advent und frohe Weihnachten, falls wir uns nicht mehr lesen.

Eure Christiane Müller

Taufe, freie Taufe, Namensfeier

Unter dem Titel „Willkommen, kleiner Erdenbürger!“ habe ich jetzt auf Amazon Kindle ein kleines E-Book veröffentlicht. Es geht um verschiedene Möglichkeiten, die Ankunft eines Kindes zu feiern. Es ist eher als Anregung gedacht, nicht als Standardwerk.

https://www.amazon.de/dp/B01M2V1ZEV/ref=cm_sw_r_fa_dp_c_3Dl.xbQYTF102

Beerdigung „Gott-los“

Kommende Woche habe ich erstmals in meiner kompletten Laufbahn eine Beerdigung völlig ohne „Gottesbezug“. Ohne „Kirche“ hatte ich schon öfter. Das waren meistens Leute, die aus welchem Grund auch immer aus der Kirche ausgetreten waren „aber seinen Glauben hat er schon gehabt“. Dann mache ich das eben etwas weniger „liturgisch“, aber Vaterunser und Segen am Grab soll und darf schon sein.

Diesmal liegt die Sache anders. Der Verstorbene war nicht nur nicht in der Kirche, sondern hatte auch Probleme damit. Also wird es eine Beerdigung „oben ohne“.

Erstaunt stelle ich fest: Es geht. Man kann durchaus auch etwas Sinnvolles und sogar irgendwie Tröstliches sagen, ohne dass Gott „vorkommt“. Mir erschließen sich da grad völlig neue Wahrnehmungen.

Mein theologischer Background ist trotzdem sehr hilfreich. Im Grunde halte ich ohne den Vers zu erwähnen eine Ansprache über „Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Darum geht es doch letztlich. Wie können wir angesichts des Todes leben? Und auch die einschlägigen Texte aus der Agende wie z.B. die „Verabschiedung“ sind ausgesprochen hilfreich. Die lassen sich nämlich auch in nicht-kirchliche Sprache übersetzen. Am Grab werde ich einladen, dass jeder sich Zeit nimmt so Abschied zu nehmen, wie es für ihn gut und richtig ist. Dazu kann es natürlich gehören, still das Vaterunser zu beten.

 

Traut euch!

Dieser Tage bin ich viel in Sachen freie-Trauungen-vorbereiten und Neues anbahnen unterwegs. Kommenden Sonntag bin ich mit einem Stand auf der Hochzeitsmesse „Traut euch!“ in Coburg vertreten. So richtig professionell mit zwei RollUps von Pastor2Go, Flyern, Gutscheinen und Vertrags-Vordrucken.

Außerdem trudeln nach und nach doch einige Anfragen für freie Trauungen ein, sodass ich mir jetzt wirklich Gedanken machen muss, wie ich das gut kanalisiere und was ich annehmen kann und was nicht. Nicht nur wegen der Menge der Anfragen. Sondern vor allem, wie kürzlich geschrieben, wegen der teilweise doch sehr „interessanten“ Preisvorstellungen der Brautpaare. Ich weiß nicht, wie manche Menschen meinen, dass eine freie Rede zustande kommt. Aber das ist wohl allgemein eine Beobachtung, die man immer wieder machen kann: Geistige Arbeit erscheint vielen irgendwie wertloser, als Arbeit, bei der ein „Produkt“ oder ein sichtbares Ergebnis herauskommt.

Heute habe ich eine interessante Grafik im Netz gefunden, die basierend auf einer Umfrage unter freien Theologen veranschaulicht, wie es mit der Preisstaffelung im Bereich der freien Trauungen aussieht. Dabei habe ich festgestellt, dass ich mit meinen bisherigen Preisvorstellungen mich noch eher im Niedriglohnbereich bewege.

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Gut wäre es, neben einer Agentur so etwas wie eine Ständevertretung unter freien Theologen zu haben, die auf gewisse Standards achtet – unter anderem eine gewisse Preisbindung.

Kommende Woche habe ich einen Termin mit einer Hochzeitsplanerin hier aus Coburg. Solche Kontakte sind wichtig. Und so füllt sich der Terminkalender langsam aber stetig. Was gut ist. Es braucht halt alles seine Zeit.

„Oh je, wir brauchen ja noch einen Pfarrer!“

Als Pfarrerin habe ich es oft erlebt. Das sehr sympathische junge Paar betritt schwungvoll das Pfarramt. „Wir heiraten am 3.5. und zwar in der xy Kirche in z. Das wollten wir mal vormerken lassen!“

„Wie vormerken?“

„Ja dass Sie das wissen und sich vorbereiten können.“

Terminkalender. Blätterblätter.

„Tut mir leid, das geht nicht. Am 3. 5. haben wir Gemeindeausflug. Da bin ich gar nicht da!“

„Wie, da sind Sie nicht da?!?“

 

Es ist ja wirklich traurig. Der schönste Tag im Leben. Alles ist schon geplant, vom Blumenschmuck der Hochzeitskapelle über die Saalreservierung im Gasthof zum Goldenen Kalb bis hin zur Versendung der 387 von der Braut in Schönschrift gestalteten Einladungskarten. Ja sogar die Sitzordnung steht schon. (Kalauer.)

Was dann folgt, stelle ich  mir ungefähr so vor.

Braut: „….und wenn der Pfarrer dann sagt, Sie dürfen die Braut jetzt küssen, dann lässt der Egon hinten hin der Kirche die Tauben frei und dann…“

Bräutigam: „Ups! Pfarrer! Dem müssen wir auch noch Bescheid sagen!“

Und dann ist der Pfarrer weiblich und hat da keine Zeit. Und es hebt an ein fröhliches Telefonieren und irgendjemand macht es dann halt. Wenn der Irgendjemand irgendein eigentlich nicht zuständiger Pfarrer ist, dann macht er das eher mit wenig Begeisterung. Pfarrer kriegen nämlich nichts für Überstunden. Und eigentlich hat er an dem Tag frei.

Ich dachte ja, diese Zeiten sind für mich vorbei. Doch ach, welch Elend! Egal ob kirchliche oder freie Trauung, irgendwie scheinen Brautpaare immer oder sehr oft zuletzt daran zu denken, dass sie ja, ob frei oder kirchlich, oder womöglich gar freikirchlich, jemanden brauchen, der die Zeremonie, wie immer sie aussehen mag, abhält. Möglichst jemanden der das schön und professionell macht, und irgendwie herzerwärmend und rührend. (Also jemanden wie mich.)

Und wenn man dann, egal ob als kirchlich bestallte Pfarrerin oder als freie Theologin, an dem Tag schon was hat, dann ist das irgendwie halt doof. Weil man kann sich ja nicht längs teilen und es ist immer sehr schade, wenn man einen Auftrag ablehnen muss. Denn erstens macht man das ja total gerne, mit Paaren ihre Trauung vorbereiten. Und zweitens muss man ja auch von irgendwas leben, und da sind zwei Trauungen, die terminlich klappen, immer besser als nur eine und eine abgelehnte.

Daher, Protipp für alle Brautpaare: Wenn ihr nicht wollt, dass Tante Frieda (die Tante eures Trauzeugen) auf eurer Hochzeit die Ansprache hält (nichts gegen Tante Frieda, das ist eine nette Frau), dann erwägt doch bitte ein kleines bisschen früher, wer das für euch tun soll. Am besten bevor ihr die Location bucht und die Musik engagiert. Weil dann klappt es auch sicher besser mit dem Termin. Und alle sind zufrieden und es muss kein Ersatz von irgendwo einfliegen, der womöglich noch horrende Fahrtkosten berechnet.

Es danken euch dafür alle, die beruflich mit eurer Trauung beschäftigt sind. Weil wir machen das ja wirklich gerne, sonst hätten wir diesen Beruf nicht ergriffen.