Ein paar kurze Worte zum „Tabu“

Über eine Krebserkrankung, und zwar die eigene, öffentlich zu reden oder zu schreiben, ist nach wie vor ein Tabu. Genauso wie die ehrliche Auseinandersetzung mit Themen wie Tod und Sterben, Sucht, psychischer Krankheit oder dem, was eine körperliche Krankheit mit der Psyche macht. Sehr viele Menschen wissen nicht, wie sie mit Betroffenen umgehen sollen, was sie sagen dürfen und was nicht. Man redet halt einfach nicht drüber und wenn dann ganz verschämt hinter vorgehaltener Hand oder im aller engsten Familienkreis (wobei es da wohl oft am schwierigsten ist).

Ich bin der Ansicht, dass „wir“ (der Einzelne Betroffene, aber auch die anderen und die ganze Gesellschaft) es uns damit nicht leichter machen. Gerade eine Krankheit wie Krebs, an der inzwischen so viele erkranken, sollte viel stärker ins Bewusstsein rücken und zwar nicht nur abstrakt in Form von irgendwelchen Artikeln („die Wissenschaft hat festgestellt…“) und auch nicht in Form von reißerischen Reportagen in Illustrierten („wie Monika M. aus W. den Brustkrebs überwand“ – Hochglanzfoto, Perückenreklame) sondern in Form von authentischen Berichten von Betroffenen. Und irgendjemand muss das Eis halt mal brechen.

Tabus sind in den meisten Fällen nicht gut, weil was man nicht kennt im Untergrund der Psyche unheilvoll wirken kann. Ein Tabu ist der Ausdruck latenter Ängste („hoffentlich trifft es nicht mich oder meine Angehörigen“), trägt aber nicht dazu bei, im Fall der Fälle (wenn das Befürchtete eintritt) irgendwie hilfreich zu agieren.

Insofern werde ich hier zwar keinen Seelenstriptease hinlegen. Ich werde aber authentisch über meine Krankheit und den Umgang damit schreiben, weil ich es als befreiend erlebe.

Wie mir Glaube und Theologie bei der Bewältigung meiner Krebsdiagnose helfen (und wie nicht)

Vor ungefähr drei Wochen erfuhr ich, dass der Tumor, den Ärzte aus meinem Unterleib entfernt haben (bei laufender Schwangerschaft auch noch) bösartig war und ich Eierstockkrebs habe. Obwohl der Tumor draußen ist, kann ich leider nicht schreiben „hatte“ – denn es besteht immer die Möglichkeit, dass so ein Tumor bereits gestreut hat und Tumorzellen irgendwo in meinem Körper unterwegs sind, die man jetzt noch nicht nachweisen kann. Daher nun Chemotherapie.

Die Reaktionen auf meine Diagnose waren zum aller größten Teil ermutigend und solidarisch und ich weiß, dass viele fromme Menschen für mich beten und weniger fromme die Daumen drücken. Das tut mir gut. Danke dafür.

Öfter habe ich nun auch gehört: „Dein Glaube wird dir sicher helfen, das alles zu bewältigen.“ Aber auch, scherzhaft: „Was haste denn gemacht? Haste was ausgefressen und bei Gott verschissen?“

Zurzeit bin ich sehr froh, dass ich einen Glauben habe, dass ich konkret gesagt Christin bin und dass ich Theologie studiert, in Bibelkunde aufgepasst und die wesentlichen Dinge so verinnerlicht habe, dass sie mir nun wirklich helfen – allerdings anders, als manche vielleicht meinen.

Der Krebs, ich und der „Tun-Ergehen-Zusammenhang“

Aus meinem Studium des Alten Testaments nehme ich für meine Situation vor allem folgendes mit: Der Zusammenhang von Tun und Ergehen ist schon seit dem Buch Hiob/Ijob/Job überholt.

Will sagen: Menschen denken gern in monokausalen Zusammenhängen. Wenn du x tust, passiert dir y. Oder theologisch: Wenn du sündigst, wirst du krank. Oder: Wenn du krank bist, musst du gesündigt haben. Oder, modern: Wenn du Krebs hast, musst du irgendwas getan, gedacht, gegessen, geraucht…. haben, was diese Krankheit in dir auslöst. Die Theologen nennen das den „Tun-Ergehen-Zusammenhang“.

Auch die Bibel kennt solche Überlieferungen. Menschen sündigen – Gott schickt eine Strafe.

Allerdings gibt es auch schon innerhalb der Bibel genau an diesem Erklärungsmodell Kritik: Auch guten Menschen widerfährt Böses. Auch Menschen, die ihr Bestes geben, werden krank. Hiob klagt zu Recht, dass er doch nichts Falsches getan hat, trotzdem treffen ihn Krankheit und Unglück. Wir wissen nicht, warum die Dinge so geschehen wie sie geschehen. Vieles können wir eben nicht beeinflussen und wir durchschauen auch nicht, warum Gott etwas tut oder lässt. Krebs bekommt man nicht zur Strafe, weil man etwas Böses getan hat und auch der Zusammenhang mit Psyche, Ernährung… ist zumindest sehr umstritten. Krebs bekommt man nicht aus diesem oder jenem Grund (zumindest nicht ausschließlich). Sondern schlicht und einfach, weil die Zellen unseres Körpers sich ständig und permanent teilen – und manchmal geht bei diesem milliardenfachen Reproduktionsprozess etwas schief und Zellen entarten. Um ehrlich zu sein, wundert es mich mehr, dass das nicht viel öfter passiert, als es mich wundert, warum es „ausgerechnet mich“ getroffen hat.

 

Krebs und Rechtfertigungslehre – bedingungslos geliebt trotz Narben und Haarausfall

Vor wenigen Tagen begingen wir mit viel Brimborium den 500. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag und der Reformation. Die reformatorische Erkenntnis schlechthin war, dass ein Mensch „ohne Werke allein aus dem Glauben“ vor Gott gerechtfertigt sei. Auf deutsch: Um von Gott geliebt zu sein, muss man weder etwas leisten, noch etwas können, schön und gesund sein oder sonst wie perfekt. Gott hat Ja zu mir gesagt, sonst wäre ich nicht hier. Das gilt in guten und bösen Zeiten, in Gesundheit und Krankheit, mit vollem Kopfhaar und mit Haarausfall durch Chemotherapie, es gilt mit unversehrter Haut und mit 30 cm Narbe am Bauch, es gilt sogar unabhängig davon, ob ich gerade glauben kann oder nicht. Alles ist Geschenk und ich kann darauf vertrauen, dass ich getragen bin.

Nicht warum, sondern wozu

Warum ich krank geworden bin, interessiert mich ehrlich gesagt nicht. Okay, ich versuche nun, mich gesünder zu ernähren und ein paar Stellschrauben meiner Lebensführung anders zu justieren. Schaden kann es nicht. Aber die Frage nach dem „Warum“ steht dabei nicht im Vordergrund, denn es gibt hunderttausende Menschen, die genauso gesund oder ungesund gelebt haben und trotzdem nicht Krebs bekommen.

Von Jesus wird überliefert, wie er und seine Jünger einem blind geborenen Menschen begegnen. Die Jünger fragen sinngemäß: „Meister, wer hat gesündigt, dass dieser blind geboren ist? er selber oder seine Eltern? Ist er aufgrund eigener Schuld so gestraft? Oder ist er eine Strafe für andere?“ Jesus antwortet darauf: „Weder hat er selbst gesündigt, noch seine Eltern, sondern an ihm sollen die Werke Gottes offenbar werden.“

Mit anderen Worten: Die Frage nach dem Warum, den Ursachen, der Schuld,… bringt nicht weiter. Sondern die Frage: Wie kann diese Blindheit, Krankheit… verwandelt werden in etwas, das letztlich dem Leben dient? Beim Blindgeborenen folgt auf diesen Dialog dessen Heilung, die zugleich eine Lebenswende bei dem ehemals Blinden einleitet. Nicht immer werden Krankheiten geheilt. Aber dem Leben dienen können sie trotzdem. Zu bewussterem Leben führen. Bewusst machen, wie geliebt man in dem allen trotzdem ist. Eine Krankheit kann das Beste in einem Menschen, aber auch in den Menschen seines Umfeldes wecken. Auf einmal wachsen Solidarität, Mitgefühl, Nachdenken über das Leben. Die Frage, was einem wirklich wichtig ist, wenn die Gesundheit nicht mehr selbstverständlich verfügbar ist. Auch ein Hinterfragen, ob Gesundheit eigentlich wirklich „das Wichtigste im Leben ist“. Vielleicht statt „Hauptsache gesund“ lieber „Hauptsache geliebt“?

Ich sehe meine Krankheit, im Moment zumindest, jedenfalls nicht als Katastrophe und auch nicht als Anfechtung des Glaubens. Natürlich wäre es ohne schöner. Aber im Moment zumindest kann ich auch mit ihr leben. Ich hoffe, dass das so bleibt.

…und wie mir mein Glaube NICHT hilft

Er gibt mir keine Antwort auf die Warum-Frage (aber die brauche ich auch nicht). Und es tut trotzdem weh, wenn Ärzte mir in Arterien herumbohren, im Bauch herumschnippeln oder ich Thrombose in den Beinen kriege. Ich fluche viel (aber das machen die Beter der Psalmen in der Bibel auch). Und „Scheiße!“ ist momentan eins meiner häufigsten Wörter. Ich finde aber, dass ich das auch darf.