Spielplatzmystik

Früher….

Ich halte mich am Früher fest. Früher….da gab es für mich so viel. Chorproben, Musik, angeregte theologische Gespräche, Meditationsrunden.

Wie ich zog zum Hause des Herrn in fröhlicher Schar.

Jetzt: Mit Familie im Niemandsland. Gespräche sind stumm geworden. Kreisen um das Wetter, die Tagespolitik, den nächsten Einkauf.

Gott. Weit weg.

Spielplatz mit Korbi. Er tollt. Ich sitze auf einer Bank und atme.

Ein. Aus.

Jesus. Christus. Erbarme dich. Unser.

„Mamaaa!“

„Ja Schatz?“

Ein. Aus.

Jesus. Christus.

„Mamaaaaa!! Schau mal!!“ – „Ja, Korbi. Du rutscht. Die Rutsche ist ganz schön hoch.“

Ein. Aus. Jesus. Christus. Erbarme dich. Unser.

Korbi tobt. Ich atme. Ich bin da. Gott ist da. Jesus ist da. Der Spielplatz ist da. Korbi ist da.

Früher ist vorbei.

Was ich mir für mein „nächstes Leben“ vornehme

In gut drei Wochen ist es soweit: Eine OP wird „meinen“ Krebs hoffentlich auf Nimmerwiedersehen ins Nirvana schicken. Und ich werde mein Kind im Arm halten. Ich glaube, das wird (im wahrsten Sinne des Wortes) einer der krassesten Einschnitte in meinem ohnehin an Wechsel und Wandel reichen Leben. Ich werde Mutter. Unglaublich. Und zugleich werde ich hoffentlich sagen können: Einer fiesen Krankheit gerade noch rechtzeitig aus den Scheren gesprungen. Ich glaube das wird wirklich ein neues Leben. Und ich habe Vorsätze.

  1. Besser auf mich achten, in jeder Hinsicht.
  2. Nichts mehr aufschieben. Morgen kann es zu spät sein.
  3. Mein Mann und mein Kind bekommen den ersten Platz nach dem lieben Gott.
  4. Mich nicht mehr verbiegen.
  5. Dem nachgehen, was dem Leben für mich Sinn und Erfüllung gibt – getreu dem Jesuswort: „Was hilft es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber Schaden nimmt an seiner Seele?“
  6. Mehr Sport.
  7. Weniger Fleisch.
  8. LEBEN.
  9. LACHEN.
  10. Mehr Dankbarkeit und weniger Grübelei, das Wesentliche kann ich eh nicht beeinflussen.
  11. Und last not least: Mit Gott rechnen. Jeden Tag.

„….wie einen seine Mutter tröstet“?!

Gott spricht: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66,13)

Das ist die Jahreslosung für 2016.

Meine erste Reaktion darauf? „Bitte nicht.“

Heute jährt sich zum dritten  Mal der Todestag meiner Mutter. Am 2. Januar 2013 stand ich an ihrem Sterbebett bei den „Barmherzigen Brüdern“ in München. Sie war nicht mehr bei Bewusstsein. Ich sagte zu ihr: „Geh. Du hast es so gemacht, wie du es konntest.“

Mutterliebe…das einzig positive Gefühl, das ich für meine Mutter noch empfinden konnte, aber nur wenn ich selber extrem gut drauf war, war so eine Art Barmherzigkeit.

Meine Mutter litt, jedenfalls vermute ich das sehr stark, obwohl das natürlich nie diagnostiziert wurde, an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Wobei die Frage ist, wer eigentlich mehr darunter „litt“. Sie oder ich. Neulich entdeckte ich eine Seite, die von einer ebenfalls betroffenen Tochter verantwortet wird, eine Art Selbsthilfe-Plattform für Angehörige, besonders Kinder von narzisstischen Müttern. Ich las. Ich setzte in Gedanken hinter jeden Satz ein grünes Häkchen. Alles, was dort steht, hätte ich auch selber schreiben können. Mit dem Unterschied, dass ich, im Gegensatz zur Betreiberin der Seite, als Einzelkind aufgewachsen bin und so in den Genuss kam, die Rollen des „goldenen Kindes“ und des „Sündenbocks“ abwechselnd zugeschoben zu bekommen. Bei einer narzisstisch gestörten Mutter aufzuwachsen prägt für das ganze Leben. Ich habe halbwegs gelernt, damit umzugehen. Aber letztlich ist es genauso wie bei Überlebenden von sexuellem Missbrauch: Es bleibt etwas. Was bleibt? Es bleibt ein Sprung in der Seele, der je nach „Lichteinfall“ sichtbarer oder weniger sichtbar, aber immer vorhanden ist. Selber eine Therapie machen? Hat geholfen. Es hat geholfen, viele Mechanismen zu durchschauen und nicht mehr immer nur automatisch zu reagieren.

Es ändert allerdings nicht daran, dass ich mit innerer Alarmbereitschaft reagiere, sobald ich auch nur einen Hauch von Manipulation oder emotionaler Erpressung erahne. Es ändert auch nichts daran, dass ich mich permanent selber frage, ob ich nun in Verhaltensschemata verfalle, mit denen ich andere manipuliere.

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“- erzeugt in mir erst mal Abwehr. Meine Mutter hat mich nicht getröstet, wenn dann war es umgekehrt. Wohl ein Grund, weshalb ich im Gegensatz zu vielen nie Probleme mit dem Bild von Gott als Vater hatte.

Und da stand ich dann heute vor drei Jahren am Sterbebett meiner Mutter. Was ich empfunden habe? Einerseits trotz allem Trauer, vor allem um alles was nicht war. Aber, seien wir ehrlich: Auch unendliche Erleichterung darüber, dass ich diese meine Mutter eben nicht in ihrer (damals einsetzenden) Demenz pflegen muss, dass ich ihr nicht geben muss, was sie mir nie geben konnte, dass ich aus der Rolle der „aufopfernden Tochter“ heraus komme und den Rest meines Lebens Zeit habe, mich vollends von dem allen zu lösen.

Wie sie wohl so geworden ist? Geredet hat sie darüber nie. Ich vermute stark, dass die auch ziemlich gelitten hat und eben manches davon an mich weiter gegeben hat. Das macht es aber nicht besser.

Nun hat sie ihre Ruhe. Und ich habe, zumindest was sie als reale Person betrifft, meine Ruhe vor ihr. Ich glaube und hoffe, dass es „auf der anderen Seite“ so eine Art Waschanlage für Seele gibt und dass wenn wir uns wiedersehen, ich die Frau treffe, die Gott eigentlich gemeint hatte, als er sie ins Leben rief.